Jenseits von Hunger Inc.: Wie wir eine solidarische Gesellschaft auf Basis des Rechts auf Nahrung aufbauen

Artwork: Colnate Group, 2026 (cc by nc)
Artwork: Colnate Group, 2026 (cc by nc)

Nahrungsmittelhilfeprogramme, die durch Unternehmen unterstützt werden, sind zur Standardlösung im Kampf gegen den Hunger geworden. Kayleigh Garthwaite argumentiert, dass wir diese Programme als Symptom der systemischen Versäumnisse anerkennen müssen, die den Hunger verursachen. Gleichzeitig müssen wir daran arbeiten, eine Gesellschaft aufzubauen, die auf präfigurativen Praktiken basiert, die in kollektiver Fürsorge, geteilter Verantwortung sowie lokaler Selbstbestimmung verwurzelt sind.

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Seit 2020 ist die Nachfrage nach karitativer Nahrungsmittelhilfe in Nordamerika und Europa stark gestiegen. Zwar gab es Lebensmittelbanken schon lange vor der Pandemie, doch die sich überschneidenden Krisen durch die COVID-19-Pandemie, Inflation und zunehmende globale Ungleichheit haben ihre Inanspruchnahme dramatisch beschleunigt und ihre Rolle sowie Sichtbarkeit in der Gesellschaft verstärkt. Unternehmen unterstützen in großem Umfang karitative Nahrungsmittelhilfe, die sich oft auf Spenden von Lebensmittelüberschüssen stützt, die unter Umständen nicht mehr für den Verzehr geeignet sind. Infolgedessen haben Regierungen die Verantwortung für den Hunger zunehmend auf ein karitatives System verlagert, das durch Unternehmensspenden gestützt wird.

Hunger wird zunehmend als Koordinationsproblem dargestellt und nicht als Folge politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen. In der öffentlichen Diskussion wird er meist als Problem von Überschuss und Mangel dargestellt. Aus dieser Perspektive erscheint die Aufgabe als überwiegend logistisch: die Verteilung verbessern, Partnerschaften stärken, Systeme verfeinern und die Überschüsse besser mit dem Bedarf verbinden. Dabei geht es bei Hunger weniger um Ungleichheit als vielmehr um Verteilungssysteme.

In meinem Buch „Hunger Inc.: Building Solidarity Beyond the Food Bank“ untersuche ich, was dieser Wandel für Menschen, Gemeinschaften und die Zukunft der Ernährungsgerechtigkeit bedeutet. Es stellt die einfache, aber drängende Frage: Was passiert, wenn Wohltätigkeit zur Standardantwort auf Hunger in reichen, aber ungleichen Ländern wird?

Um dies zu untersuchen, reiste ich durch die Vereinigten Staaten, Kanada und Europa. Ich verbrachte Zeit in Lebensmittelbanken, Gemeinschaftsküchen, Lebensmittelgenossenschaften, städtischen Bauernhöfen und Organisationen für Ernährungsgerechtigkeit. Ich engagierte mich ehrenamtlich, beobachtete, führte Interviews und hörte zu. In allen sechs Ländern und Gebieten, die ich besuchte, wurde deutlich: Zwar kann karitative Nahrungsmittelhilfe vorübergehend unmittelbare Not lindern, sie ist jedoch nicht in der Lage, die strukturellen Probleme anzugehen, die Ernährungsunsicherheit überhaupt erst verursachen.

Politik der karitativen Nahrungsmittelhilfe

Von den über 90 Organisationen, die ich besuchte, sprachen fast alle von Würde, Wahlfreiheit und Gemeinschaft. Viele sprachen auch vom Recht auf Nahrung. Doch die Realität war oft durch Knappheit, Stigmatisierung und die der Wohltätigkeit innewohnenden Machtverhältnisse eingeschränkt. Untersuchungen – darunter auch meine eigenen – zeigen, dass karitative Nahrungsmittelhilfe bei den Menschen das Gefühl hervorrufen kann, beurteilt oder unwürdig zu sein. Diese Erfahrungen sind von Klasse, Geschlecht, Behinderung, ethnischer Zugehörigkeit und Einwanderungsstatus geprägt.

Gleichzeitig können breitere Narrative Hunger als individuelles Problem darstellen, beispielsweise als Frage der Haushaltsplanung, der Kochkünste oder der persönlichen Verantwortung. Diese Mythen halten sich hartnäckig, weil sie politisch opportun sind. Sie verschleiern die Tatsache, dass Ernährungsunsicherheit durch Einkommen, Wohnsituation, soziale Sicherheit und strukturelle Ungleichheiten verursacht wird und nicht durch persönliches Versagen.

Kampagnen, die Freiwillige als ‚Held*innen‘ feiern, verstärken die Vorstellung, dass Wohltätigkeit eine akzeptierte Antwort auf Armut ist. Doch dieses Narrativ hält uns fest. Es normalisiert ein paralleles Ernährungssystem für Menschen in Armut und ermöglicht es Regierungen, sich aus ihren Verpflichtungen zurückzuziehen.

Diese Darstellung wirkt beruhigend, da sie Konflikte vermeidet. Sie bietet die Möglichkeit, auf Hunger zu reagieren, ohne sich direkt mit besseren Löhnen, angemessener sozialer Sicherheit, Wohnraum oder Macht auseinandersetzen zu müssen. Dadurch können sich Regierungen, Unternehmen und Wohltätigkeitsorganisationen auf Lösungen einigen, die Effizienz und Innovation versprechen, anstatt sich mit Umverteilung auseinanderzusetzen. So wird Hunger zunehmend als etwas dargestellt, das bewältigt werden kann, ohne dass seine Ursachen benannt werden.

Wenn der Notfall zur Infrastruktur wird

Die Tafeln wurden einst als eine vorübergehende Reaktion auf Krisen dargestellt. Sie waren als kurzfristige Maßnahmen gedacht, um Phasen akuter Not zu überbrücken, bis die Menschen wieder zu Stabilität zurückkehren konnten. Stattdessen ist diese Notfallarchitektur dauerhaft geworden. Tafeln haben sich auf Schulen, Krankenhäuser, Universitäten und Arbeitsplätze ausgeweitet. Sie sind fest verankert und im Alltag sichtbar.

Trotz dieser Institutionalisierung hat sich die Sprache rund um die karitative Nahrungsmittelhilfe nicht gewandelt, um der Realität Rechnung zu tragen. Hunger wird weiterhin als episodisch und außergewöhnlich dargestellt – selbst dann, wenn er zur Routine wird. Ich verstehe dies als die Dauerhaftigkeit des Notstands, bei der eine Krisenreaktion so weit normalisiert wird, dass ihre Existenz nicht mehr hinterfragt wird. Die Bezeichnung ‚Hunger als Notstand‘ verschleiert dessen strukturellen Charakter und ermöglicht es, chronische Entbehrung durch kurzfristige Lösungen anzugehen, während ihre Ursachen unberührt bleiben.

Der Rückzug des Staates aus der sozialen Absicherung ging mit einer verstärkten Präsenz von Unternehmen im karitativen Nahrungsmittelsystem einher. Supermärkte spenden überschüssige Lebensmittel, während sie Löhne zahlen, die viele ihrer Beschäftigten in Ernährungsunsicherheit stürzen. Andy Fisher beschreibt diese Dynamik als „Hunger-Industriekomplex“, in dem große Unternehmen in der Lage sind, Lebensmittelbanken zu sponsern, Steuererleichterungen zu erhalten und ihr öffentliches Image zu verbessern. Der Erfolg des Systems wird dabei anhand von Output-Kennzahlen wie Volumen und Reichweite gemessen und nicht anhand von Ergebnissen wie einer verringerten Ernährungsunsicherheit.

Das Recht auf Nahrung

Eine meiner zentralen Forderungen ist der Übergang von einem Wohltätigkeitsmodell zu einem rechtsbasierten Modell. Das Recht auf Nahrung ist ein gesetzlich anerkanntes Menschenrecht, das erstmals in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 festgeschrieben und später im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte von 1966 verankert wurde. Im einfachsten Sinne bedeutet dies, dass jeder Mensch einen verlässlichen, würdigen Zugang zu ausreichender, nahrhafter und kulturell angemessener Nahrung haben sollte – nicht als Almosen, sondern als gesetzlicher Anspruch.

Genau das ist die Arbeit, die ich als Mitbegründerin der Global Solidarity Alliance for Food, Health and Social Justice (GSA) leiste: ein Netzwerk, das sich dafür einsetzt, die Dominanz der karitativen Nahrungsmittelhilfe infrage zu stellen und rechtsbasierte, auf Gerechtigkeit ausgerichtete Alternativen voranzutreiben. Die GSA bringt Mitarbeitende von Tafeln, Forschende, Aktivist*innen und Menschen mit eigener Erfahrung zusammen, um das Narrativ rund um den Hunger neu zu gestalten und auf einen systemischen Wandel hinzuarbeiten.

In den USA und Europa gewinnen rechtsbasierte Bewegungen an Dynamik. In der EU spiegelt die Europäische Bürger*inneninitiative Good Food For All die wachsenden Bemühungen wider, den Zugang zu Nahrungsmitteln als Recht für alle neu zu überdenken – unabhängig von Notfallmaßnahmen. Der Fokus liegt dabei auf der Frage, wie gute und erschwingliche Lebensmittel als Teil der alltäglichen sozialen Infrastruktur organisiert werden könnten, statt sie durch Wohltätigkeit zu verteilen.

Im Vereinigten Königreich sammelt die Right to Food Commission unter der Leitung des Abgeordneten Ian Byrne Beweismaterial und baut öffentlichen Druck auf, um das Recht auf Nahrung gesetzlich zu verankern. Dies stärkt die Argumente für einen systemischen Wandel. In West Virginia organisiert die Organisation Voices of Hunger Menschen mit eigener Erfahrung, um sich für kommunale Resolutionen zum Recht auf Nahrung einzusetzen. Die Arbeit von Nourish Scotland im Bereich der öffentlichen Kantinen entwirft eine Zukunft, in der gemeinschaftliche Mahlzeiten Teil der nationalen Infrastruktur sind. All diese Initiativen veranschaulichen, wie Gemeinschaften beginnen, über kurzfristige Krisenreaktionen hinauszugehen und eine tiefgreifendere, langfristige Transformation anzustreben.

Solidarität in der Praxis

Daher müssen wir der Diagnose der strukturellen Probleme, die die karitative Nahrungsmittelhilfe aufrechterhalten, sowie den bereits entstehenden Alternativen gleichermaßen Aufmerksamkeit widmen. Wir sollten genauso viel Zeit darauf verwenden, uns vorzustellen, wie solidarische Alternativen aussehen könnten, wie darauf, zu analysieren, warum das aktuelle Modell versagt.

Selbsthilfegruppen, Solidaritätsküchen und Bewegungen für Ernährungssouveränität schaffen Systeme, die auf kollektiver Fürsorge, geteilter Verantwortung und lokaler Kontrolle beruhen. Diese Räume sind nicht perfekt. Die Mitarbeitenden an vorderster Front und die Freiwilligen sehen sich mit Burnout, prekären Finanzierungslagen und politischem Widerstand konfrontiert. Doch sie zeigen, wie ein gerechteres Ernährungssystem in der Praxis aussehen kann: ein System, das auf Solidarität und Rechten basiert, nicht auf Wohltätigkeit.

Gemeinschaftliche Initiativen sind zwar wichtig, können die staatliche Verantwortung aber nicht ersetzen. Um den Hunger zu beseitigen, sind politischer Wille und strukturelle Veränderungen erforderlich. Das bedeutet:

1. Angemessene Einkommensgarantien, einschließlich der Prüfung von Cash-First– und universellen Grundeinkommensmodellen. 2. Robuste Sozialversicherungssysteme. 3. Universelle kostenlose Schulmahlzeiten. 4. Gesetzliche Anerkennung des Rechts auf Nahrung. 5. Ein Umdenken, das Stigmatisierung und Almosen in Frage stellt.

Dies sind keine radikalen Ideen. Es ist das Minimum, das erforderlich ist, um sicherzustellen, dass Menschen nicht auf Almosen angewiesen sind, um ihre Grundbedürfnisse zu decken.

Auf dem Weg zu einer Zukunft ohne Tafeln

Forderungen nach der Abschaffung der Tafeln stoßen oft auf Unbehagen. Was würde mit den Menschen geschehen, die jetzt Nahrung benötigen? Dieser Einwand verkennt jedoch das Argument. Die Abschaffung der Tafeln bedeutet nicht, die Unterstützung von heute auf morgen einzustellen. Es bedeutet vielmehr, Almosen nicht als dauerhaften Mechanismus zur Deckung der Grundbedürfnisse zu akzeptieren.

Tafeln sollten verschwinden, weil die Menschen sie nicht mehr benötigen – nicht, weil der Hunger von selbst verschwindet, sondern weil die Bedingungen, die Tafeln erforderlich machen, beseitigt wurden. Dazu wären angemessene Einkommen, sichere Wohnverhältnisse, starke öffentliche Dienstleistungen und ein einklagbares Recht auf Nahrung erforderlich. Nichts davon lässt sich durch Wohltätigkeit erreichen, so gut konzipiert sie auch sein mag.

Hunger ist nicht unvermeidlich. Er ist das Ergebnis von Entscheidungen, die ohne Solidarität getroffen wurden. Der Weg nach vorn erfordert Ehrlichkeit hinsichtlich der Grenzen karitativer Ansätze sowie die Bereitschaft, sich Alternativen vorzustellen. Diese finden sich nicht in größeren und effizienteren Modellen der Lebensmittelhilfe, sondern darin, unsere Beziehung zu Nahrung, Gemeinschaft und Fürsorge neu zu denken.

Anstatt karitative Nahrungsmittelhilfe als Standardlösung zu betrachten, müssen wir sie als Symptom zugrunde liegender systemischer Versäumnisse anerkennen. Stattdessen müssen wir eine Gesellschaft aufbauen, in der Menschen nur in echten Notfällen auf Wohltätigkeit angewiesen sind. Dies erfordert das Engagement politischer Entscheidungsträger, die Energie von Fürsprechern und Solidarität über alle Gemeinschaften hinweg. Es bedeutet, langjährige Praktiken und Narrative zu überdenken, festgefahrene Interessen infrage zu stellen und eine Gesellschaft zu entwerfen, in der die Menschenrechte über Unternehmensgewinne gestellt werden.

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