Werkzeuge für die Transformation: Zwischen Beteiligungsversprechen und kommunaler Realität

Amsterdam City Portrait, 2020.
Amsterdam City Portrait, 2020.

Kommunen, die das Privileg haben, von Krieg und Klimakatastrophen verschont zu bleiben, sind Orte, an denen Menschen lernen müssen, Nachhaltigkeit zu leben. Verwaltungen müssen daher den Rahmen bieten, um ein sozial gerechtes und ökologisch nachhaltiges Morgen zu schaffen. All das gelingt nur mit echter Beteiligung von Einwohnenden, wie Hannah Strobel, Lucy Hofmann und Jennifer Wagner zeigen.

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Die aktuelle Polykrise macht deutlich: Umweltkrisen und soziale Ungleichheiten verschärfen sich parallel und sie verstärken einander. Während die Erderwärmung Extremwetterereignisse wahrscheinlicher macht, Ökosysteme zusammenbrechen und Ressourcen knapper werden, geraten zugleich immer mehr Menschen in prekäre Lebenslagen. Die Folgen dieser ökologischen Krisen treffen die finanziell Schwächsten am härtesten: steigende Lebensmittelpreise, Hitzewellen ohne Schutzmöglichkeiten, Überschwemmungen in schlecht gesicherten Wohnlagen.

Teufelskreis der Polykrise

Gleichzeitig erschwert soziale Ungleichheit den ökologischen Wandel. Wer wenig Einkommen hat, kann sich weder energiesparende Geräte noch nachhaltige Alternativen leisten. Währenddessen setzen Wohlhabende ihre Interessen politisch leichter durch. So entsteht ein Teufelskreis: Die Umweltkrisen verschärfen Ungleichheit und Ungleichheit blockiert dringend notwendige Umweltmaßnahmen.

Kommunen stehen in diesem Spannungsfeld besonders im Mittelpunkt. Hier zeigen sich die Krisen konkret in überhitzten Stadtteilen, überforderten Sozialsystemen wie der Kinder- und Jugendhilfe oder der Sozialhilfe oder bei Konflikten um knapper werdende Flächen. Doch gerade auf dieser Ebene gibt es Chancen: Durch neue Formen der Beteiligung können Einwohner*innen, Initiativen und Verwaltungen gemeinsam nach Lösungen suchen. Beteiligung schafft nicht nur Akzeptanz, sondern eröffnet Räume für Solidarität und Hoffnung. Dafür braucht es eine Beteiligung, die wirksam ist. Doch wie sieht diese Form der Beteiligung aus?

Einfluss auf Entscheidungen

Beteiligung muss organisiert werden, und zwar so, dass sie für alle zugänglich ist und echte Mitbestimmung ermöglicht. Der erste Schritt ist, die Problemlage zu erkennen. Schon Sherry Arnstein (1969) machte in ihrer berühmten Partizipationsleiter deutlich: Nur wer wirklich Einfluss auf Entscheidungen hat, erlebt echte Beteiligung. Doch viele Kommunen verharren auf den unteren Stufen. Sie informieren und konsultieren mit wenig Wirkung. Formate, Veranstaltungen und Möglichkeiten, die Meinung der Bevölkerung einzuholen, kommen oft zu spät, beziehen nicht alle Menschen mit ein oder sind zu unverbindlich. Viele Kommunen sind ebenso mit strukturellen Hürden konfrontiert. So fehlt es an personellen und finanziellen Ressourcen, um Beteiligung zielführend umzusetzen (UBA).

Zudem sind häufig benutzte Beteiligungsformate oft schwer zugänglich: Bevölkerungsgruppen bleiben ausgeschlossen, sei es durch sprachliche, soziale oder digitale Barrieren (Schnurr 2018). Und selbst wenn Menschen die eigene Betroffenheit klar erkennen, führt das nicht automatisch zu Engagement. Viele fühlen sich überfordert. Anderen fehlt es an Zeit oder Vertrauen in den Prozess. Hinzu kommt das Gefühl, ohnehin nichts bewirken zu können. Die Folge: Viele bleiben inaktiv (UBA). Internationale Leitlinien von der OECD oder der IAP2 zeigen deutlich auf, wie Beteiligung gelingen kann: durch frühzeitiges Einbinden, transparente Prozesse und Ko-Kreation auf Augenhöhe. Wirksame Teilhabe braucht mehr als Symbolpolitik. Sie muss fair und strukturell verankert sein.

Wie gelingt Beteiligung? Mit Donut-Werkzeugen!

Kommunen können nur gewinnen, wenn sie Einwohner*innen frühzeigt und inklusiv beteiligen. Das Deutsche Institut für Urbanistik hat 2024 nachgewiesen, dass ersthafte Beteiligung zu höherer Zufriedenheit in der Bevölkerung und effizienteren Planungsverfahren führt. Das Donut-Modell nach Kate Raworth ermöglicht, Beteiligung und Nachhaltigkeit ganzheitlich zu betrachten: innerhalb planetarer Grenzen die sozialen Bedürfnisse der Menschen wahren. Damit adressiert es die Themen unserer Zeit, die zusammenlaufen müssen: Klimakrise bekämpfen und soziale Ungleichheit minimieren. Wir reduzieren keine ökologischen Belastungsgrenzen ohne soziale Teilhabe. Beteiligungsprozesse, die sich am Donut-Modell orientieren, zwingen uns, beide Perspektiven gleichzeitig zu denken: Maßnahmen zum Klimaschutz müssen soziale Gerechtigkeit fördern, und soziale Politik muss innerhalb ökologischer Grenzen bleiben.

Konkret kann das heißen, dass beim Ausbau erneuerbarer Energien nicht nur die ökologische Wirkung zählt, sondern auch Fragen nach Bezahlbarkeit, Zugänglichkeit und lokaler Wertschöpfung einbezogen werden. Oder dass bei Stadtentwicklung nicht nur CO₂-Reduktion, sondern auch bezahlbarer Wohnraum und öffentliche Räume für alle gesichert werden. So entstehen Lösungen, die weder Umwelt noch soziale Bedürfnisse gegeneinander ausspielen, sondern einander ergänzen.

Von Amsterdam lernen

Die Stadtverwaltung in Amsterdam hat gezeigt, dass es mithilfe dieses Modells nicht bei der Theorie bleibt, sondern es konkrete Prozesse auf den Weg bringt. Dafür haben sich die Beteiligten die grundsätzliche Frage gestellt: „Wie kann Amsterdam ein Zuhause für florierende Menschen an einem florierenden Ort sein und gleichzeitig das Wohlergehen aller Menschen und die Gesundheit des gesamten Planeten respektieren?“ In einem breit angelegten Beteiligungsprozess arbeiteten Stadtverwaltung, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam an einem Stadtporträt, das die Grundlage für die Kreislaufstrategie der Stadt bildete. In Workshops wurden Ziele geschärft, Zielkonflikte aufgedeckt und konkrete Umsetzungsmaßnahmen entwickelt. Gleichzeitig wurde ein dauerhaftes Netzwerk aufgebaut, das Beteiligung auf Quartiersebene organisiert und strukturell institutionalisiert.

Amsterdam hat gezeigt, wie Beteiligung strukturiert, transparent ko-kreativ und wirksam gelingen kann. Vor diesem Vorbild hat das Team von NELA. Next Economy Lab Werkzeuge entwickelt, die sich ebenfalls an der Donut-Ökonomie orientieren und gleichzeitig sozialen Inklusion adressieren – als Möglichkeit für alle Kommunen. Alle sollten die Möglichkeit bekommen an der Transformation teilzuhaben. Wie das funktioniert?

Einladungen zur Beteiligung

Die Kommunalverwaltung muss zu den Menschen gehen – sie darf nicht erwarten, dass die Menschen zu ihr kommen. Gleichzeitig braucht es Wertschätzung für die Einwohner*innen, die sich Zeit für die Beteiligung nehmen. Oft wird Beteiligung als Privileg beschrieben: Menschen sollten dankbar dafür sein. Das funktioniert für eine sozial inklusive Beteiligung nicht. Verschiedene Formate bedenken die Bedürfnisse nach Wertschätzung und Erreichbarkeit mit: ein Brief des/der Oberbürgermeisters*in, Plakate an Infokästen des Gemeinde- oder Jugendzentrums oder der Aufbau einer Informationshaltestelle. Die Verwaltung kann sie dort aufstellen, wo die Menschen sind, zum Beispiel vor Supermärkten oder auf Marktplätzen. Sie sorgt mit aufblasbaren Sitzen oder Schildern für eine entspannte Atmosphäre. Die Informationen sind barrierearm und mehrsprachig. So wird Beteiligung niedrigschwellig erfahrbar und die Einladung richtet sich wirklich an alle.

Vertrauen

Vertrauen entsteht durch Prozesstransparenz, Zuhören und Anerkennung. Der Beteiligungsprozess sollte von A bis Z transparent auf Flyern und Website zu sehen sein und im Gespräch erläutert werden. Das Ziel muss sein, dass die Einwohner*innen verstehen, was mit ihrer Beteiligung passiert. So können keine Erwartungen entstehen, die nicht erfüllt werden können. Die Beteiligung sollte außerdem mit und nicht für die Menschen passieren. Das heißt, die Beteiligung geht auf die Bedürfnisse der Einwohner*innen ein und entwickelt sich anhand dieser Bedürfnisse. Das funktioniert etwa durch einen Stadtteilrundgang mit dem Donut-Check: Hier gehen Einwohner*innen und Verwaltung gemeinsam durch die Nachbarschaft und bewerten mit Blick auf soziale Grundlagen und ökologische Grenzen, wie gut der Stadtteil aufgestellt ist. Die Verwaltung zeigt damit, dass sie die Lebensrealitäten der Menschen anerkennt.

Umsetzung

Die Transformation braucht uns alle. Deshalb muss die Gestaltungsmacht bei denjenigen liegen, die sie haben sollten. Das minimiert Konflikte. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Einwohner*innen Dinge selbst umsetzen können, wie etwa ein eigenes Balkonkraftwerk zu installieren oder eine Blühwiese anzulegen. Das schafft positive Erfahrungen in der Transformation und Selbstwirksamkeit, die wiederum die Offenheit für tiefgreifendere Veränderungen ermöglicht. Gleichzeitig kommen Menschen in den Austausch. Mit unterschiedlichen Perspektiven entsteht kollektives Wissen, das die Transformation sozial gerechter und ökologisch tragfähiger macht.

Verstetigung

Nachhaltigkeit in der Beteiligung bedeutet institutionelle Verstetigung. Nur wenn Räume dauerhaft geöffnet bleiben, können neue Ideen entstehen, kann Vertrauen wachsen und Entscheidungen auf eine breite Basis gestellt werden. Das muss nicht immer ein ganzer Bürgerrat sein. Es reichen Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen, ein Aufruf zum gemeinsamen Bauen von Schattenbänken oder ein Gemeindefest. Es geht darum, dauerhaft im Austausch zu bleiben und gemeinsam positive Erfahrungen zu machen. Regelmäßige Treffen stärken den Zusammenhalt. Transformation geht so leichter. (Alle Werkzeuge finden sich online.)

Die Punkte zeigen: Beteiligung ist nicht ‚nice to have‘. Sie ist Voraussetzung für eine sozial gerechte und nachhaltige Transformation, in der alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen berücksichtigt werden. Die oben vorgestellten Werkzeuge setzen bei der tatsächlichen Lebensrealität der Menschen an, schaffen Orientierung, ermöglichen echte Beteiligung und wirken nachhaltig.

Beteiligung im Sinne des Donut-Modells eröffnet daher die Möglichkeit, aus dem Teufelskreis der Polykrise auszubrechen: Sie verknüpft ökologische Verantwortung mit sozialer Gerechtigkeit und schafft damit einen neuen, kollektiven Handlungsspielraum, der die Kommunen vom Ort der Ratlosigkeit zum Ort der Transformation machen kann.

Anmerkung der Redaktion: Alle Autorinnen dieses Artikels sind beim Next Economy Lab tätig.

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