Demokratie zu vertiefen bedeutet, eine grundlegende Frage zu beantworten: Wer entscheidet über die Bedingungen unseres gemeinsamen Lebens? Der Begriff der Selbstverwaltung besagt, dass diejenigen, die die Gesellschaft gestalten und erhalten, gemeinsam über ihre Ausrichtung bestimmen sollten. In ihrem Beitrag zur „Deep Democracy“-Serie untersuchen Jörg Nowak und Gabriel Teles die Selbstverwaltung als Kern einer radikalen gesellschaftlichen Transformation.
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Die gegenwärtige Krise der Demokratien ist nicht nur institutioneller Natur. Sie ist strukturell. Die Verschärfung der Ungleichheiten, die ökologische Zerstörung und die Konzentration der ökonomischen Macht offenbaren eine historische Grenze: die Koexistenz von politischer Repräsentation und wirtschaftlicher Heteronomie. Selbst dort, wo Wahlen und formale Garantien existieren, bleiben die Entscheidungen, die das kollektive Leben prägen, der Logik der Akkumulation untergeordnet.
Wenn Demokratie tiefgreifend sein will, kann sie sich nicht auf Wahlverfahren oder verfassungsrechtliche Garantien beschränken. Sie muss den Bereich erfassen, in dem das gesellschatfliche Leben materiell organisiert ist: Produktion, Zirkulation und soziale Reproduktion. Innerhalb dieses Horizonts erscheint Selbstverwaltung nicht als Verwaltungstechnik, sondern als radikale Neugestaltung der sozialen Beziehungen.
Über Partizipation und Mitbestimmung hinaus
Viele Vorschläge zur demokratischen Erneuerung stützen sich auf Begriffe wie Partizipation, erweiterte Deliberation oder Mitbestimmung. Diese Initiativen können die Konsultation erweitern und Prozesse transparenter machen. Allerdings verändern sie selten die strukturelle Trennung zwischen denen, die entscheiden, und denen, die ausführen.
Partizipation bedeutet, sich in eine Struktur zu integrieren, deren Ziele bereits definiert sind. Mitbestimmung ermöglicht einen teilweisen Einfluss auf die Mittel, während Eigentumsverhältnisse und strategische Ausrichtung erhalten bleiben.
Selbst die sogenannte Arbeiter*innenkontrolle, wenn sie als Überwachung externer Entscheidungen verstanden wird, beseitigt weder die Lohnarbeit noch die Logik des Werts.
Selbstverwaltung führt zu einem qualitativen Bruch. Sie beginnt, wenn die Produzent*innen gemeinsam sowohl die Mittel als auch die Ziele der Produktion bestimmen. Sie ist kein interner Mechanismus des Kapitalismus, sondern das Prinzip einer anderen historischen Form.
Demokratie und ihre historischen Grenzen
Die repräsentative Demokratie ist eine spezifische Form der kapitalistischen Moderne. Sie setzt die Trennung zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Staat und Zivilgesellschaft, zwischen Herrschenden und Beherrschten voraus.
Diese Trennung ist nicht neutral. Sie entspricht einer Gesellschaft, die durch Klassen strukturiert und durch den Markt vermittelt ist. Die Ausweitung repräsentativer Instrumente löst diese Grundlage nicht auf. Eine nur auf institutioneller Ebene vertiefte Demokratie kann mit wirtschaftlicher Dominanz vereinbar bleiben.
Wenn Demokratie wirklich tiefgreifend sein will, muss sie sich der externen Bestimmung des kollektiven Lebens durch Marktkräfte und bürokratische Apparate stellen. In diesem Sinne ist Selbstverwaltung keine Ergänzung zur repräsentativen Demokratie. Sie weist auf deren historische Überwindung hin.
Selbstverwaltung als grundlegende soziales Verhältnis
In Anlehnung an die mit Yvon Bourdet verbundene Tradition der Selbstverwaltung lässt sich Selbstverwaltung als ein allgemeines soziales Verhältnis definieren, in der assoziierte Produzent*innen bewusst die Produktion und die soziale Koordination steuern.
Im Kapitalismus dominiert die tote Arbeit die lebendige Arbeit durch die Vermittlung von Wert. Die Selbstverwaltung kehrt dieses Verhältnis um. Die lebendige Arbeit entscheidet über ihre eigenen Bedingungen und den Verbleib ihrer Produkte. Infolgedessen löst sich die Trennung zwischen Wirtschaft und Politik tendenziell auf.
Selbstverwaltung ist nicht auf den Arbeitsplatz beschränkt. Sie umfasst territoriale Versammlungen, föderale Räte und Planungsmechanismen, die durch Räte organisiert werden. Die Verwaltung von Dingen ersetzt die Herrschaft von Menschen, die von der Gemeinschaft getrennt sind.
Die Gesellschaft durch die Selbstverwaltung von Kämpfen vorbereiten
Eine entscheidende strategische Dimension liegt in der Form der gegenwärtigen Kämpfe. Eine selbstverwaltete Gesellschaft entsteht nicht aus hierarchischen Strukturen. Bewegungen, die Entscheidungen in permanenten Führungsgremien konzentrieren, neigen dazu, die Trennung zu reproduzieren, die sie überwinden wollen.
Die Selbstverwaltung der Gesellschaft wird in der Selbstverwaltung von Kämpfen vorbereitet. Souveräne Versammlungen, abberufbare Delegierte, Funktionsrotation und horizontale Koordination sind keine organisatorischen Details. Es handelt sich um Praktiken, die kollektive Entscheidungs- und Verantwortungsfähigkeiten fördern.
Tiefe Demokratie erfordert soziales Lernen. Sie setzt Subjekte voraus, die in der Lage sind, über Energieinfrastruktur, Logistik, Wohnen und die Reproduktion des Lebens zu beraten, ohne sich der privaten Profitabilität unterzuordnen.
Selbstverwaltung und Zivilisationskrise
Das Zusammentreffen von ökologischer Krise und wirtschaftlicher Instabilität verdeutlicht die Irrationalität einer auf Profit ausgerichteten Produktion. Die derzeitigen technischen Möglichkeiten erlauben eine bewusste Koordination in größerem Maßstab. Das Hindernis ist gesellschaftlicher, nicht technologischer Natur.
Selbstverwaltung bietet kein geschlossenes Modell. Sie weist eine historische Richtung auf. Als vorwegnehmendes Konzept drückt sie eine Möglichkeit aus, die sich aus den Widersprüchen des Kapitals selbst ergibt.
Demokratie zu vertiefen bedeutet, eine elementare Frage zu beantworten: Wer entscheidet über die Bedingungen des gemeinsamen Lebens? Selbstverwaltung antwortet darauf, dass diejenigen, die die Gesellschaft produzieren und reproduzieren, gemeinsam über ihren Kurs entscheiden müssen.
Diese Transformation würde nicht das Bestehende reformieren. Sie würde eine andere Form der sozialen Organisation einleiten.
Herausforderungen und Dilemmata
Dieser Vorschlag birgt Herausforderungen, die sich in der Geschichte der Selbstverwaltung als schwer lösbar erwiesen haben:
1. Wie kann ein solches Projekt die Reproduktion horizontaler Beziehungen gewährleisten, oder mit anderen Worten, die Rückkehr vertikaler Organisationsformen verhindern, ohne eine dem Staat ähnliche Institution zu schaffen? Die Beispiele der Überwachung innerhalb des sowjetischen Modells erinnern daran, wie diese Herausforderung in der Vergangenheit angegangen wurde.
2. Wie können die Interessen und Bedürfnisse verschiedener Regionen und Städte sowie verschiedener Wirtschaftseinheiten koordiniert werden, ohne die Wirtschaftsmacht in einer zentralen Planungsinstitution zu konzentrieren oder, im anderen Extremfall, in Sektierertum und lokale Egoismen unter den weiter entwickelten Regionen oder produktiveren Einheiten, die Ressourcen anhäufen, zu verfallen? Die ungelösten regionalen Ungleichheiten im ehemaligen Jugoslawien gehörten zu den Faktoren, die zum Ausbruch des Krieges zwischen diesen Regionen und den Anfang der 1990er Jahre gegründeten neuen Staaten führten.
3. Wie kann ein Zusammenschluss verschiedener Produktionseinheiten groß angelegte Prozesse wie den ökologischen Wandel und die Verlagerung von der Überproduktion von Gütern hin zu einer stärker dienstleistungsorientierten Wirtschaft mit größerem Schwerpunkt auf Bildung, Pflege und Gesundheitsdienstleistungen gewährleisten?
Zusammenfassend befassen sich diese drei Fragen mit der Konzentration politischer Macht, der Konzentration wirtschaftlicher Macht und der Koordinierung der Ressourcenverteilung. Wie kann politische Stabilität in einer horizontalen Gesellschaftsform aufrechterhalten werden, zusammen mit einer wirtschaftlichen Koordinierung hinsichtlich dessen, was produziert und wie es verteilt wird, ohne Macht, Ressourcen und Autorität in Institutionen zu konzentrieren, die wahrscheinlich nicht gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung rechenschaftspflichtig bleiben?
Lehren, Warnungen und Chancen
Die Dilemmata, die sich aus Selbstverwaltung und tiefer Demokratie ergeben, begleiten jeden historischen Versuch, die Trennung zwischen politischer Entscheidung und der materiellen Organisation des sozialen Lebens zu überwinden. Sie entstehen niemals als theoretische Abstraktionen. Sie entstanden in konkreten Kontexten, die von Klassenkonflikten, materieller Dringlichkeit und spezifischen Kräfteverhältnissen geprägt waren. Die Pariser Kommune, die Oktober Revolution, die Revolution in Deutschland (1918/1919) und andere Erfahrungen des 20. Jahrhunderts konfrontierten sich jeweils auf ihre eigene Weise mit den Problemen der großräumigen Koordination, der Verteidigung horizontaler Beziehungen und der Eindämmung der Konzentration politischer und wirtschaftlicher Macht.
Diese Erfahrungen zeigen, dass Selbstverwaltung nie ein abstraktes Ideal war. Sie manifestierte sich als lebendige Praxis in Arbeiter*innenräten, territorialen Versammlungen, Fabrikkomitees und embryonalen föderativen Formen. Gleichzeitig offenbarten sie jedoch auch tiefgreifende Grenzen. Der Druck des Bürgerkriegs, die Bürokratisierung der Arbeiter*innenorganisationen, die internationale Isolation, überlieferte regionale Ungleichheiten und die Notwendigkeit, die unmittelbare materielle Reproduktion zu sichern, belasteten die aufgebauten horizontalen Formen kontinuierlich. In vielen Fällen wurden Koordinierungsstrukturen zu permanenten Instanzen, was den Weg für neue Hierarchien und die Autonomisierung der politischen Macht gegenüber der Gesellschaft ebnete.
Diese Prozesse machen den Horizont der Selbstverwaltung nicht ungültig. Sie zeigen, dass der Übergang zu einer auf kollektiver Selbstbestimmung gegründeten Gesellschaft von realen Widersprüchen durchzogen ist, die je nach historischem Kontext variieren. Einige Antworten wurden auf partielle, provisorische und situative Weise gefunden. Andere bleiben offen. Die Geschichte bietet Lehren, Warnungen und Möglichkeiten. Sie liefert keine übertragbaren Modelle.
Eine historische Richtung
Die Frage der wirtschaftlichen Koordinierung ohne autoritäre Zentralisierung, die Überwindung territorialer Ungleichheiten ohne politische Fragmentierung und die Durchführung struktureller Transformationen wie der ökologischen Wende stellen weiterhin eine Herausforderung für jedes Projekt radikaler Demokratie dar. Diese Herausforderungen gewinnen in der Gegenwart, die durch beispiellose technische Möglichkeiten und eine Zivilisationskrise gekennzeichnet ist, die die Reproduktion des Lebens in den Mittelpunkt der politischen Debatte rückt, erneut an Bedeutung.
In diesem Sinne ist Selbstverwaltung weniger eine vorgefertigte Antwort als vielmehr eine historische Richtung. Sie drückt die Ablehnung von Heteronomie aus, von der Unterordnung des sozialen Lebens unter Logiken, die außerhalb der Produzent*innen und Gemeinschaften selbst liegen. Ihr konkreter Inhalt kann nur aus realen Kämpfen hervorgehen, aus Organisationsformen, die in der täglichen Auseinandersetzung mit Herrschaftsverhältnissen entstehen.
Tiefe Demokratie lässt sich weder per Dekret einführen noch allein durch institutionelle Gestaltung stabilisieren. Sie entsteht im Laufe eines Prozesses, durch soziale Experimente, kollektives Lernen und die Fähigkeit, ihre eigenen Strukturen kontinuierlich zu überarbeiten. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen sowohl die Stärke als auch die Fragilität dieses Weges. Die Zukunft bleibt offen. Nur die konkrete historische Praxis, eingebettet in die Kämpfe der Gegenwart, wird zeigen, wie weit die Gesellschaft in ihrer kollektiven Selbstbestimmung über ihre eigenen Lebensbedingungen voranschreiten kann.