VW = Verkehrswende! Konversion und Vergesellschaftung in der Autoindustrie

Artwork by Colnate Group basierend auf Fotos von verkehrswendestadt.de (cc by nc)
Artwork by Colnate Group basierend auf Fotos von verkehrswendestadt.de (cc by nc)

Radikale Bewegungen fordern autozentrierte Gesellschaften dazu auf, das derzeitige Mobilitätsverhalten, die Autoproduktion und -nutzung angesichts der strukturellen Bedingungen des industriell-fossilen Kapitalismus zu überdenken. Dazu gehört, Mobilitätsbedürfnisse, Infrastrukturdesign, Produktion und Mobilitätsdienstleistungen zum Gegenstand demokratischer Verhandlungen zu machen. Im Zentrum dieser Forderungen steht die Demokratisierung der Automobilproduktion, auch Vergesellschaftung genannt. In ihrem Beitrag zur „Deep Democracy“-Textserie konzentriert sich Lotte Herzberg auf die Bemühungen zur Vergesellschaftung und Konversion des größten Automobilherstellers in der Bundesrepublik Deutschland: VW.

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Im August 2022 zieht eine Handvoll junger Leute nach Wolfsburg, mit dem Stammsitz von Volkswagen eines der Machtzentren der Automobilindustrie in Deutschland. Sie wollen mit einer Kampagne ‚in der Höhle des Löwen‘ den Diskurs über die Zukunft von Werk und Konzern prägen und ausloten, wie sich Verkehrswende von der Produktion her denken lässt. Denn die Automobilindustrie in Deutschland steckt seit Jahren in der Krise, und gleichzeitig geht es nicht voran bei der Umsetzung einer sozial und ökologisch nachhaltigen Mobilität. Warum also nicht den zweitgrößten Autokonzern der Welt umbauen, und für die Produktion genau der Verkehrsmittel nutzen, die wir zukünftig brauchen: Busse, Züge, Straßenbahnen?

In zwei Jahren mischen die Aktivist*innen den teils kleinstädtisch anmutenden Kosmos Wolfsburgs mit kreativen Aktionen auf: Da werden im Namen VWs Stellenangebote für den Schienenfahrzeugbau verteilt, Straßen umbenannt, eine eigene Zeitung gedruckt und ein Klimacamp organisiert. Im März 2023 stoppen Aktivist*innen mitten über dem Mittellandkanal einen Autozug des Konzerns. Sie verhüllen die Neuwägen mit einem Transparent, das eine originalgroße Straßenbahn zeigt, und titeln „Die erste Straßenbahn verlässt das Werk!“. Mit Aktionen wie dieser erlangt die Kampagne bundesweite Aufmerksamkeit.

Soziales und Ökologisches zusammendenken

Zum damaligen Zeitpunkt, wenige Jahre nach den zumindest diskursiven Erfolgen der Klimagerechtigkeitsbewegung rund um Fridays for Future, arbeitet ein breites Feld politischer Akteur*innen an der Rückeroberung seiner Deutungshoheit, indem es den Erhalt von Arbeitsplätzen gegen jegliche ökologische Transformation ausspielt: Eine nachhaltigere Gesellschaft mit weniger Autos auf den Straßen hieße auch weniger ‚deutsche Autos‘ aus ‚deutschen Fabriken‘ und damit der Ruin von Tausenden Arbeitsplätzen in einer der ideologisch wichtigsten Schlüsselindustrien Deutschlands.

Im Kontrast dazu argumentiert die Kampagne von Beginn an: Bei der Aushandlung über die Zukunft der Automobilindustrie sollten wir die soziale und die ökologische Frage endlich zusammendenken, statt sie gegeneinander auszuspielen. Denn gute, langfristig sichere Arbeitsplätze und die Umstellung auf zukunftsweisende Produkte bedingen einander. Dabei stellen die Aktivist*innen mit den Forderungen ‚VW für Alle‘ und ‚VW = Vergesellschaftung wagen!‘ auch von Beginn an die Eigentumsfrage.

Geschichte Volkswagens

Die Vergesellschaftung der Produktionsstätten ist bei Volkswagen zumindest auf dem Papier ideeller Kern der Konzern-Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg. Die britische Militärregierung übergibt die Anlagen 1949 in Treuhänderschaft zurück unter der Bedingung, dass diese eine demokratische Kontrolle für das Werk etablieren.

Denn die Ursprünge der Firma Volkswagen liegen – wie bei den allermeisten ‚deutschen Erfolgs-Unternehmen‘ – im Faschismus. Adolf Hitler persönlich lässt ab 1938 zusammen mit dem Ingenieur und glühenden Anhänger Ferdinand Porsche von über 20.000 Zwangsarbeiter*innen eine Fabrik gigantomanischen Ausmaßes errichten – bis heute einer der größten Fabrikkomplexe Europas. Die Produktion wird auf den Bau von Rüstungsgütern für den Zweiten Weltkrieg ausgerichtet – Militärfahrzeuge, Flugzeugteile und die sogenannte Vergeltungswaffe 1, ein Marschflugkörper.

Die Finanzierung für den Bau des Werks stammt von den zuvor zerschlagenen Gewerkschaften, die dafür nach dem Krieg entschädigt werden sollen. 1960 verabschiedet die Bundesregierung das VW-Gesetz, in dem sie einzigartige Mitspracherechte für Politik und Betriebsrat bei wichtigen Konzernentscheidungen festschreibt. Bei der gleichzeitigen Umwandlung des Konzerns in eine Aktiengesellschaft erhalten Bund und Land jeweils 20% der Anteile, der Rest wird als ‚Volksaktien‘ an Kleinanleger*innen verkauft.

Bis heute gehören ein Fünftel der Stammaktien dem Land Niedersachsen, die Landesregierung hält zudem zwei Plätze im Aufsichtsrat und eine Sperrminorität für wichtige Standortentscheidungen. Davon abgesehen sind große Teile des Gesetzes außer Kraft gesetzt worden. Ihre ursprüngliche Idee, über eine parlamentarische Kontrolle und die Sozialisierung der Eigentumsverhältnisse eine erneute totalitäre Aneignung zu verhindern, stand dem höheren Ziel der Kapitalverkehrsfreiheit entgegen. Treibende Kraft dahinter waren und sind die Nachfahren des NS-Werkleiters und Kriegsverbrechers Ferdinand Porsche.

VW – ein Familienunternehmen

Der globale Auto-Konzern ist heute wieder ein wahres ‚Familien-Unternehmen‘, Eigentumsverhältnisse und Entscheidungsposten liegen mehrheitlich bei der Familie Porsche-Piech. Sie hält inzwischen 53,3% der Stammaktien, die direkten Nachfahr*innen der überzeugten Nationalsozialisten besetzen heute Sitze in Vorständen und Aufsichtsräten der diversen eingegliederten Automarken. Zentrales Familienoberhaupt ist Wolfgang Porsche, der Enkel von Ferdinand Porsche. Als Aufsichtsratsvorsitzender von Porsche AG (Sportwagenhersteller) und Porsche Holding SE (Verwaltung des Familienvermögens), sowie Aufsichtsratsmitglied bei VW und Audi ist er heute einer der reichsten Staatsbürger Österreichs und rühmt sich öffentlich seines ‚Porsche-Gens‘.

VW für Alle

„Wir können uns Porsche nicht mehr leisten“, schreiben die Aktivist*innen auf ihrer Webseite unter einem Portrait des Patriarchen. Denn nicht nur eine Enteignung der Nazi-Erben macht bei VW eine Vergesellschaftung naheliegend. Angesichts der anhaltenden Krise in der Branche gilt das auch aus Sicht der Beschäftigten für deren Chancen auf Arbeitsplatzsicherheit: Porsche streicht weiterhin Jahr für Jahr Milliardengewinne auf sein privates Konto, während gleichzeitig im Konzern zehntausende Stellen abgebaut werden.

Sollen die vorhandenen Produktionskapazitäten des Konzerns auch in Zukunft Verwendung finden, dann braucht es für die Entwicklung und Umstellung der Produktion finanzielle Mittel, die konkret bei den Anteilseignern zu holen wären. Gleichzeitig ist anzunehmen, dass sich eine konsequente Umstellung auf zukunftsweisende Produkte zusammen mit einer dezentralen Entscheidungsfindungsstruktur (wie bei der ehemaligen GKN Fabrik) nicht vereinen lässt mit dem primären Interesse eines börsennotierten Unternehmens, nämlich der Gewinnausschüttung an die Aktionär*innen. Hier wird auch das Aufbrechen eines globalen Konzerns und die Umwandlung in genossenschaftliche oder neu zu entwickelnde demokratisch-kollektive Eigentumsformen notwendig.

Rolle der Gewerkschaft

Auch die Gewerkschaft der IG Metall steht laut Satzung hinter der Forderung nach einer Vergesellschaftung des Konzerns. In Paragraph 2 ihrer aktuellen Satzung schreibt sie: „Aufgaben und Ziele der IG Metall sind […] [die] Überführung von Schlüsselindustrien und anderen markt- und wirtschaftsbeherrschenden Unternehmungen in Gemeineigentum.“

In der Praxis ist davon an den Volkswagen-Standorten leider nichts zu merken. Stattdessen hat sich in den letzten Jahrzehnten im Betriebsrat ein vom sogenannten Co-Management geprägtes Selbstverständnis etabliert. Hauptamtliche Funktionsträger*innen der Gewerkschaft geben bei öffentlichen Veranstaltungen Lippenbekenntnisse zum Kampfgeist der Arbeiter*innenschaft ab, stehen in ihren tatsächlichen Entscheidungen aber dem Vorstand näher als den Beschäftigten. So postet die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo auf dem VW-Familienfest 2023 zahlreiche Fotos von sich mit Vorstandsvertreter*innen. Ihr Vorgänger, Bernd Osterloh, machte 2021 Negativ-Schlagzeilen, als er von seiner Position als Betriebsratschef in den Vorstand der VW-Tochtergesellschaft Traton SE wechselte.

Als die Aktivist*innen im Sommer 2023 die IG Metall mit der Einladung zu einem öffentlichen Austauschformat und einem Bannerdrop am Gewerkschaftsgebäude zu einer klareren Positionierung herausfordern, verteilt die Gewerkschaft im ganzen Werk ‚Argumentationshilfen‘ gegen die Forderungen der Kampagne, in denen sie sich von ihrer eigenen Satzung distanziert, stellt mehrfach Strafantrag und lässt den Gehweg vor ihrem Gebäude von der Polizei räumen.

Auch abseits der Spitze beschäftigt sich die Gewerkschaft in großen Teilen lieber mit Folklore als mit einer kämpferischen Debattenentwicklung. Dass es bisher nicht gelungen ist, die IG Metall für die Forderungen der Kampagne zu gewinnen, ist eine bedauerliche Fehlstelle in der Bilanz der Aktivist*innen.

Bilanz der Kampagne

Die sonstige Resümee nach zwei Jahren Wolfsburg: Mit über hundert Aktionen in der Stadt ist es gelungen, den öffentlichen Diskurs zur Zukunft von VW lokal und überregional zu prägen. So schreibt die Braunschweiger Zeitung bereits im Januar 2023 „Baut mehr Straßenbahnen! – Ohne Protest, eine Prise Radikalität und zivilen Ungehorsam, wo kämen wir da hin?“, Washington Post und Guardian berichten über Störaktionen bei der Aktionärsversammlung von VW. Einzelne Betriebsratsmitglieder solidarisieren sich mit der Kampagne. Die Räder des Konzern selbst drehen dafür unbeirrt weiter.

Neue Kampagne bei VW Osnabrück

Seit dem Frühjahr 2025 haben die Aktivist*innen nun ein wesentlich kleineres Werk von Volkswagen in den Blick genommen. In Osnabrück werden bisher Cabrios für VW und Porsche produziert, statt über 60.000 im Wolfsburger Stammwerk arbeiten hier gut zweitausend Beschäftigte. Das Werk, 2010 vom insolventen Sportwagenhersteller Karmann übernommen, verfügt unter anderem über eine große Abteilung für technische Entwicklung. Doch spätestens Mitte 2027 läuft die bisherige Produktion aus, schon Ende 2025 reihen sich die Schließwochen aneinander. Zu Beginn 2026 fehlt es trotz zeitlicher Dringlichkeit an jeglicher öffentlicher Zukunftsperspektive für den Fortbestand des Werkes – weder Konzernspitze, noch Betriebsrat oder Gewerkschaft können Ideen für eine zukünftige Produktion nennen.

Allein der Rüstungsriese Rheinmetall hatte im März 2025 nach einem Besuch des Werksgeländes öffentlich verlautbart, eine Übernahme zur Produktion von Rüstungsgütern wäre grundsätzlich möglich. Eine ideelle Katastrophe für die ‚Friedensstadt‘ Osnabrück und den Konzern Volkswagen angesichts seiner Geschichte. Darüber hinaus blieb vollkommen unklar, ob damit ein langfristiger Erhalt der Arbeitsplätze gegeben werde. Inzwischen hat Rheinmetall sein Interesse bereits wieder zurückgezogen – wahrscheinlich auch, weil ihnen im November 2025 ein Großauftrag für über 300 Panzer entgangen ist.

Zukunftswerk Osnabrück

An diese allgemeine Einfallslosigkeit setzt die Kampagne ‚Zukunftswerk Osnabrück‘ an, ein aktionsorientiertes Netzwerk zwischen lokalen und überregionalen Akteur*innen aus der Zivilgesellschaft und Beschäftigten bei VW. ‚Rüstungsumwandlung verhindern‘, ‚alle Arbeitsplätze erhalten‘ und ‚Perspektiven für Konversion und Vergesellschaftung entwickeln‘ lauten die drei gemeinsamen Forderungen. Alle, die sich für zumindest eine davon einsetzen wollen, können mitmachen.

Mit einem Mix aus Info-Veranstaltungen, Ansprache vor den Toren und der ein oder anderen provokanten Kunst-Aktion versucht die offene Gruppe Bewegung ins Thema zu bringen. Ende Januar 2026 organisierte das Netzwerk die erste Demo zum Werk, sowie ein kleines Winterfest vor Ort. Auch wenn es sich bisher als schwierig erweist, Beschäftigte aus dem Werk zu einer öffentlichen Unterstützung zu bewegen, stößt die Kampagne in der allgemeinen Stadtbevölkerung auf Resonanz.

Idealerweise kann sie als konkretes Gegenmodell zu den zahlreichen gesellschaftlichen Veränderungen fungieren, die die aktuelle nationale wie internationale Politik prägen: Militarisierung der Gesellschaft, Abbau des Sozialstaats, wachsender Nationalismus, zunehmender Autoritarismus. Die Dringlichkeit solcher konkreter demokratischer Gegenentwürfe wird in den kommenden Monaten angesichts der politischen Verschiebungen nur wichtiger werden.

Anm.d.Red.: Nora Räthzel schrieb in der BG über Arbeiter*innen als Akteur*innen einer ökologischen und sozialen Transformation jenseits von Wachst. In ihrem Artikel diskutiert sie nicht zuletzt die Arbeiter*innenmobilisierung bei Lucas Aerospace in den 1970er Jahren. Dabei wurde versucht auszuloten, wie sich Rüstungsproduktion in nachhaltige und gemeinwohlorientierte Produktion umwandeln lässt.

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