
Der Jahnsportpark und der benachbarte Mauerpark in Berlin sind zu einem Schauplatz geworden, an dem darüber gestritten wird, was ein gutes Leben ausmacht. Auf der einen Seite steht das Bilderbuch des Kapitalismus, das mit Inklusionspropaganda neue Anreize für Investor*innen und Parkplätze verspricht. Auf der anderen Seite steht die Möglichkeit der Klimaanpassung, einer artenübergreifenden Demokratie und einer realistischen sozialen Utopie im Hier und Jetzt. Manuel Bonik, ein engagierter Anwohner, nimmt die Situation unter die Lupe.
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„ich bin schöpferisch. ich schöpfe verdacht.“ Oswald Wiener
Als Immobilienentwickler*in hat man einen speziellen Blick auf die Immobilienentwicklung in Berlin, hier auf die Objekte Jahnstadion und Jahnsportpark, mit allen Implikationen für angrenzende Bereiche wie die Nachbarschaft und den Mauerpark. Als wiederum Steuerzahler frage ich mich, was der aktuelle, schwarz-rote Senat mit meinem Geld macht und ob es zum aktuellen Klima passt.
Transparenzhinweis: Maria Räihälä und ich betreiben seit rund 20 Jahren das Kunstprojekt Morgenvogel Real Estate und den für Naturschutz, Kultur und Landschaftspflege gemeinnützigen Verein Aamulintu. Heutzutage beschäftigen wir uns, mit unserem Projekt Majava (finnisch für Biber), vor allem mit der Renaturierung von Wäldern und Sumpfgebieten der Seenplatte in Mittelfinnlan, aber unsere Anfänge liegen im Bau von Vogelhäusern, von denen wir immerhin rund 1000 handproduzieren und vor allem in Berlin vertreiben konnten, auch dank Geldern der Stiftung Naturschutz Berlin und der Stiftung Berliner Sparkasse.
Einige Dutzend unserer Morgenvogel-Häuser hängen im Mauerpark, im Birkenwald, am Falkplatz und eben am Jahnstadion und im Jahnsportpark. Wir waren keinesfalls amused, als es hieß, dass letztere beide umfänglich modernisiert werden sollen. So sollen etwa 200 Bäume gefällt werden, wo an vielen unsere Assets hängen, eigentlich als immobil gedacht. Wie man die hängt, sieht man etwa auf einem Foto auf der Startseite der Bürger*inneninitiative Jahnsportpark. Dort finden sich auch ausführliche Infos zur Perfidie dieser Modernisierung.
Kognitive Dissonanz
Aus meiner Euphemismensammlung: Inklusions-Sport-Park. Keines der drei Wörter könnte schöner sein. Im Vordergrund des Bildes geben freundliche Bodybuilder gleichfalls freundlichen Inkludierten Hilfestellung beim Handstand, drollige Grundschülergruppen stimmen fröhliche Gesänge an beim Erreichen neuer körperlicher Kompetenzen, im Hintergrund hoppeln Hasen, und der Morgenvogel singt.
Wenn da nicht das F-Wort wäre: Fußballstadion. Das ist das zentrale Projekt, und alles andere Deko! Konservative Schätzungen – ‚konservativ‘ hier auch politisch gemeint – gehen von 300 Millionen Euro Kosten aus, realistische von mindestens einer halben Milliarde, und typischerweise geht da in BERlin immer noch ein wenig mehr. Man vergleiche das, schnöde zahlenhaft, mit den Kürzungen im Kulturbereich (rund 130 Millionen Euro im laufenden Haushalt, weitere Kürzungen stehen an) und bei Wissenschaft und Forschung, wo die diversen Hochschulen je zweistellige Millionenbeträge einsparen sollen. Zusammengespart in Worten: Kürzungen in Berlins Gegenwarts- und Zukunftsbranchen, Großzügigkeit beim Ballermannen.
Unterm Strich: mehr Parkplätze
Nachdem ich ja schon wieder nicht für WM- und EM-Kader aufgestellt wurde und es doch eher mit Kultur und Natur habe, irritiert mich dieses sportliche Gewese denn doch. Werbegeschrien wurde mit Inklusionssport und Breitensport, faktisch gehen die Mittel in einen Bau für Großevents von König Fußball. Tiefgaragenparkplätze mit Aufzug mögen inklusiv sein, aber zuallererst sind es eben Parkplätze. Abgesehen davon, dass der Neubau nur geringe Verbesserungen für die Inklusion bringt (und zu welchem Gesamtpreis für das Stadion!), wurde, als es um Kürzungen der galoppierenden Baukosten ging, wo? – richtig!, beim Inklusionssport gekürzt. Der kriegt jetzt ein Holzhaus für ca. 1,5 Millionen Euro, und der Breitensport ein Häuschen in ähnlicher Größenordnung. Wäre ich behindert oder breit: Ich käme mir von diesem Senat verarscht vor, oder zweifelhaft freundlicher gesagt: ins Gesicht gefurzt!
Simulation der ‚Bürger*innenbeteiligung‘
Was formal nicht bestritten werden kann: Es gab eine Bürger*innenbeteiligung zum Jahnstadion (zum Annex Jahnsportpark erstmal nur ein bisschen). Da ich ‚Bürger‘ nicht als Schimpfwort empfinde, habe ich mich da beteiligt. Während der COVID-19 Pandemie lief das verständlicherweise alles online. Wie eigentlich? Da hat man rund 35 Jahre Computer- und Interneterfahrung und muss dann doch noch Freunde bitten, einem zu erklären, wie man sich da fucking einloggt. Es kam mir nicht allzu inklusiv vor.
Wann eigentlich? Ach ja, in einem butzenscheibenhaften Zeitfenster weniger Stunden, wo man sich rasant durch x Entwürfe durchklicken und jahnhaft flott äußern sollte (als hätten die Äußerungen im geringsten interessiert); downloaden durfte man nicht. Mir kamen die Entwürfe alle mehr oder weniger gleich vor, zu mehr reichte die Zeit nicht.
‚Biologisch wertlos‘
So habe ich vor allem darauf geschaut, wie viele Bäume gefällt werden sollen (mal viele, mal noch mehr) und wie es mit dem bislang umzäunten, geschützten Grünkorridor zwischen Stadion und Max-Schmeling-Halle aussah: Dieses Biotop fiel in allen Entwürfen weg, hatte ihm ein zweifelhaftes Gutachten doch biologische Wertlosigkeit attestiert. Während ein Mitglied des Vereins Freunde des Mauerparks (in dem ich auch Mitglied bin) dort fotografisch etliche seltene und bedrohte Vögel, z.B. Sumpfrohrsänger, dokumentiert hatte (siehe Bilder zu diesem Text).

Aber die Vögel haben bei Bauprojekten selten eine Lobby; Fledermäuse, die es – für abendliche Besucher*innen der Hundewiese unübersehbar – zahlreich im Jahnstadion gab, übrigens auch nicht; interessieren doch eh nur grüne Spinner*innen. Mir blieb in Sachen Bürger*innenbeteiligung ein mieser Geschmack im Mund. Musste der Senat formal machen, wollte es aber offensichtlich nicht. Womit wir im Politischen gelandet sind, genauer gesagt: beim Kulturkampf. Zwei Punkte seien genannt, die ich nicht beweisen kann, aber für naheliegend halte.
Kulturkampf
Erstens: Ich finde, dass DDR-Architektur in der Regel trostlos und hässlich war/ist. Gleichwohl gibt/gab es auch Gelungenes, und dazu gehörte das Jahnstadion mit seiner roten Tribüne, den Flutlichttürmen und mit den bunten
Schalensitzen. Man hätte es behutsam renovieren können, und es wäre finanziell deutlich günstiger gekommen, auch im Hinblick auf Inklusion, für die der Neubau nur wenige nennenswerte Vorteile bringt, und zu welchen Kosten! Ach, wie sehr musste der neue Senat sparen!
Aber das Geld war da, um das Stadion auf jeden Fall schon mal abzureißen, vor der Abwahl verbrannte Erde zu hinterlassen, wie ja aktuell auch bei etlichen Verkehrsprojekten, etwa der autofreundlichen und baumfeindlichen Umgestaltung der Torstraße. Warum macht man sowas, wenn die Finanzierung des Neubaus schon jetzt absehbar nicht zu halten ist? Recht plausible Antwort: geschichtlicher Revisionismus, Auslöschung jeglichen baulichen Zeugnisses davon, dass die DDR vielleicht auch (kleine) gute Seiten hatte. Eine Variante davon, dass der Palast der Republik zugunsten der Wiedererrichtung des kaiserlichen Hohenzollernschlosses abgerissen wurde. Nehmt (auch) das, Ossis! Irgendwann ist auch der Fernsehturm am Alex fällig.
Zuviel Freiheit und Anarchie?
Zweitens: Das neue Jahnstadion mag in ein, zwei, drei Jahrzehnten mal gebaut sein, aber schon lange davor können konservative Kontrollfreaks zunehmend Kontrolle über den anarchischen Mauerpark übernehmen. Diese touristische Top-Sehenswürdigkeit hat ja was sehr Berlinerisches: Es gibt dort, ähnlich wie beim Tempelhofer Feld oder dem Mauerstreifen überhaupt, für Tourist*innen schlankweg nichts zu sehen außer Tourist*innen. Allenfalls noch fröhliche Berliner*innen, die dort immer wieder gerne (in meinem Fall seit rund 30 Jahren), mit Hund oder sonstiger Begleitung, herumtraben und sich z.B. an bemerkenswerten Bands erfreuen (ich lasse mal eine lange Liste von sportlichen, kulinarischen, kulturellen etc. Dingen weg, die man sonst noch an so einem Nichtort treiben kann).
Da herrschen im besten Sinne und cum grano salis Freiheit und Anarchie und entziehen sich kapitalistischer Verwertungslogik (wie das die Älteren mal nannten). Das ist das Gegenteil der Lebensentwürfe vom schwarz-blaunen Ring, wo man entweder in der Platte gegen die Wand tritt oder, als ‚Leistungsträger‘, im Einfamilienhaus dem Mähroboter bei der Arbeit zuschaut und ansonsten damit beschäftigt ist, sich Gedanken über den Nachbarn zu machen.
Orte wie den Mauerpark plattzumachen – dafür wurde Kai Wegner gewählt! Auch hier sollen Zucht, Ordnung und kleinbürgerliche Todesruhe herrschen! Schon, indem man die sogenannte Hinterlandsicherungsmauer (Wall of Fame) plattmacht, kriegt man die Dealer und ihre Kunden an einen anderen Ort verschoben, und muss erstmal dringend – Inklusion! Inklusion! – ein Stadionzugang von der Mauerpark-Seite geschaffen werden, schafft das zahlreiche Gründe, die Kontrolle über den Mauerpark auszuweiten.
Die Sache mit dem Klima
Und dann war da noch was mit Klima, und sei es nur Stadtklima oder noch nur lokales Klima. Der ich meine Sommer in Finnland verbringe, darf ich ja spötteln, wenn man in dieser, von hier aus gesehen, südlichen ‚Metropole‘ Berlin über Hitze jammert. Nicht lustig finden das aber Anwohner des Jahnparks oder das nähere Umfeld (zu dem wiederum dann auch ich gehöre). In der schwarz-roten Kontrollfreak-Logik muss aus einem hot spot im besten Sinne einer im bösesten werden. Muss man dem Klimawandel unterstützend zur Seite stehen, indem man Bäume fällt und Kunstrasen statt des vorhandenen wasseraufnehmenden Naturrasens verlegt. Grün ist ja ohnehin nur unsportliche Wahlwerbung für die Versifften.
Die Sportwiese beispielsweise soll in ein Kunstrasenspielfeld umgewandelt werden, eine Maßnahme für den nicht nachvollziehbar hohen Betrag von 3 Millionen Euro. Aber man kriegt da auch was für sein Geld: den grundsätzlich unzulässigen Eingriff in eine relevante Habitatstruktur (laut dem bei der Planung außen vor gelassenem Umwelt- und Naturschutzamt Pankow) nebst allen negativen Folgen der Versiegelung auf Boden, Wasserhaushalt, Versickerung, Mikroklima und die menschliche Gesundheit. Fun fact: Von den 3 Millionen allein für diese Maßnahme kommen 45% aus dem Sondervermögen ‚Infrastruktur und Klimaneutralität‘.
Propaganda für die Versifften
Mehr Parkplätze! Tor! Verwaltungsgebäude! Tor!! Versiegelung, die den Namen verdient! Tor!!! Warum ist das ganze Gelände nicht längst ein flächendeckend betonierter Parkplatz?! Ist doch egal, ob es mit der Olympiabewerbung klappt! Hauptsache: ein monströses Fußballstadion und ein Jahnsportparkplatz!
Ach, ich lasse mich gehen. Man hat es halt nicht einfach als Immobilienentwickler*in.