Die Erfahrungen mit der Friedenskonsolidierung in Mostar, Bosnien und Herzegowina, zeigen, dass wirtschaftliche Ungleichheiten zwischen ehemals verfeindeten Gruppen zu sozialen Spaltungen führen können. Solche Ungleichheiten können ethnische, religiöse und kulturelle Spannungen schüren, die das Potenzial haben, bewaffnete Konflikte erneut ausbrechen zu lassen. Vesna Bojičić-Dželilović untersucht die materiellen Voraussetzungen für ein würdiges Leben in Frieden.
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Die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung des Friedens nach einem Krieg ist für die moderne Weltordnung von großer Bedeutung und stellt eine enorme Herausforderung dar. Kriege dauern heute länger, ziehen eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure mit hinein und haben verheerende Auswirkungen auf die menschliche Entwicklung und die Umwelt. Wie erholen sich Gesellschaften von bewaffneten Konflikten und warum stoßen einige auf ihrem Weg zum Frieden auf größere Hindernisse als andere? Dies führt zu lokal spezifischen Realitäten, die einen nachhaltigen und dauerhaften Frieden behindern.
Voraussetzungen für Frieden
Es wurde bereits viel über die Vorzüge der beiden wichtigsten Konzeptualisierungen von Frieden – ‚Sicherheitsfrieden‘ und ‚sozialer Frieden‘ – im Hinblick auf aktuelle Friedensbildungspraktiken gesagt. Ersteres beinhaltet die Herstellung von Stabilität durch die Beseitigung physischer Gewalt gegen die lokale Bevölkerung. Er bildet die Grundlage für international unterstützte friedensbildende Maßnahmen, die sich auf die Schaffung formeller Institutionen konzentrieren. Beispiele hierfür sind professionelle und rechenschaftspflichtige Sicherheitskräfte, die weltweit in Konfliktgebieten eingesetzt wurden, darunter auch in Bosnien und Herzegowina nach dem Krieg von 1992 bis 1995. Letzteres beinhaltet die Beseitigung ungerechter Strukturen, die gesellschaftliche Fragmentierung vorantreiben und aufrechterhalten. Dies wird weithin als eine der Hauptursachen für viele zeitgenössische innerstaatliche Kriege angesehen. Die Erfahrungen aus Ländern, die sich von bewaffneter Gewalt erholen, zeigen, dass die Nichtgewährleistung der Komplementarität zwischen Sicherheit und sozialen Dimensionen den Übergang zum Frieden behindert.
Frieden lässt sich nicht einfach definieren. Im Kontext der Nachkriegszeit kann er jedoch mit einer sozialen Situation in Verbindung gebracht werden, die durch eine geringe Wahrscheinlichkeit eines erneuten bewaffneten Konflikts über einen längeren Zeitraum gekennzeichnet ist und ein würdiges Leben sowie die dafür notwendigen materiellen Voraussetzungen ermöglicht. Diese ungenaue Charakterisierung, die die Achtung der Gleichberechtigung des ehemaligen Gegners als Kernstück eines würdigen Lebens hervorhebt, hilft uns, die Qualität des Friedens zu verstehen, der sich im Laufe der Zeit durch verschiedene Phasen der Friedenskonsolidierung entwickelt.
Das relativ neue Konzept des ‚qualitativ hochwertigen Friedens‘ („quality peace“) lenkt die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass die Bedeutung von Frieden zwar zwischen und innerhalb von Gesellschaften und Kulturen variiert, es jedoch grundlegende Eigenschaften gibt, die es Gesellschaften ermöglichen, interne Konflikte friedlich zu lösen. Diese betreffen den gegenseitigen Respekt vor der Menschenwürde und dem moralischen Wert anderer. Sie sind der Grundstein für lebensbejahende Beziehungen. Im Wesentlichen bezieht sich ‚qualitativ hochwertiger Frieden‘ also auf Beziehungen, die auf Würde, Sicherheit und Vorhersehbarkeit beruhen. Auf Bosnien und Herzegowina angewendet, kann man mit Fug und Recht sagen, dass dreißig Jahre nach Kriegsende und umfangreichen, international unterstützten Friedensbemühungen die Qualität des Friedens nach wie vor schwer fassbar ist. Dies zeigt sich in anhaltender latenter Gewalt (z. B. im Zusammenhang mit Umweltkonflikten) und der Fortdauer von Konfliktverhalten, welches die Gleichberechtigung ethnischer und religiöser Gruppen leugnet.
Widersprüchliche Vorstellungen von Frieden durch Friedensförderung
Wie lassen sich solche Auswirkungen erklären? Die Perspektiven zu diesem Thema sind zahlreich und vielfältig. Ich gehe davon aus, dass politische Vereinbarungen, die darauf abzielen, bewaffnete Gewalt in aktuellen innerstaatlichen Kriegen zu beenden, oft wichtige Konfliktfragen ungelöst lassen. Die Folge des in der Ära Trump deutlicher gewordenen Realpolitik-Pragmatismus ist, dass Friedensförderung zu einem Kampf – oder, genauer gesagt, zu einem Krieg mit anderen Mitteln – um umstrittene Friedensvisionen zwischen ehemaligen Gegner*innen wird.
In Bosnien und Herzegowina handelt es sich dabei um ‚ethnische Friedensvisionen‘, die von politischen Eliten verfolgt werden, welche behaupten, die drei wichtigsten ethnischen Gruppen des Landes zu vertreten. Das bedeutet, dass die ethnisch bedingte soziale Fragmentierung zwar keine Ursache für den bewaffneten Konflikt von 1992 bis 1995 war (und daher auch nicht auf der Agenda der Friedensförderung stehen sollte), aber dennoch zu einem zentralen Thema der Friedensvereinbarung gemacht wurde. Der Punkt ist, dass die Friedensvereinbarung darauf ausgelegt war, die Interessen ethnischer Gruppen zu schützen, um Konflikte zu lösen, die in ethnischer Fragmentierung begründet waren – ganz im Sinne der Sicherheitslogik des Friedens.
Angesichts dieser fehlerhaften Prämisse wurde die Friedensförderung nicht nur grundlegend missverstanden, sondern es entstand in der Nachkriegszeit auch eine neue Form der sozialen Ungerechtigkeit, die Fred W. Powell (unter Berufung auf Nancy Fraser) als ‚kulturelle Nichtanerkennung anderer‘ beschreibt. Die kulturelle Nichtanerkennung anderer spiegelt einen Mangel an gegenseitigem Respekt für Vielfalt wider. Das politische Abkommen, das den Bosnienkrieg (1992–1995) beendete, legte den Grundstein für dieses Phänomen.
Forcierung sozialer Fragmentierung
Für viele Leser*innen, die mit Bosnien und Herzegowina oder vergleichbaren Kontexten vertraut sind, ist all dies wahrscheinlich kaum der Erwähnung wert. Schließlich stehen kulturelle und symbolische Ungerechtigkeit (kulturelle Dominanz, Nichtanerkennung und Respektlosigkeit) im Zentrum des ethnischen Nationalismus, einer Kraft, die seit Anfang der 1990er Jahre die politische Landschaft Bosnien und Herzegowinas sowie das Alltagsleben seiner Bürger*innen prägt.
Ich betone dies jedoch, da meiner Meinung nach bisher zu wenig Beachtung geschenkt wurde, welche Auswirkungen die Kombination aus kultureller Nichtanerkennung und materieller Ungleichheit auf Auseinandersetzungen über unterschiedliche Friedensvisionen in Nachkriegskontexten hat. Auf individueller Ebene hat materielle Ungleichheit einen erheblichen Einfluss darauf, wie Menschen Frieden wahrnehmen, insbesondere in Bezug auf Verbesserungen ihrer Lebensqualität sowie ihre Erwartungen und Einstellungen. Auf politischer Ebene hängen das Ausmaß und die Art der kulturellen und symbolischen Praktiken, die die Spaltung zwischen Gruppen fördern, weitgehend von den materiellen Grundlagen der Regierungsstrukturen ab. Letztendlich können diese miteinander verbundenen Dynamiken zu einer Form der hegemonialen Befriedung führen, bei der Frieden als die Dominanz einer Gruppe über eine andere definiert wird. Dies untergräbt die soziale Harmonie und erhält gleichzeitig den mit Sicherheitsfrieden verbundenen Status quo auf. Dies wiederum führt zu einer Vertiefung der sozialen Fragmentierung.
Ich werde näher auf diese Punkte eingehen und mich dabei auf meine Erfahrungen mit der Friedensförderung auf städtischer Ebene stützen. Der Grund dafür ist, dass die Sicherung der territorialen Kontrolle der zentrale Pfeiler ethnisch-nationaler politischer Machtkämpfe ist und die Städte in Bosnien und Herzegowina die wichtigsten Schauplätze dieser Kämpfe sind. Wie Francesco Strazzari hervorhebt, ist der Zusammenhang zwischen urbaner Basis, Nationalismus und Konflikt entscheidend für die Erklärung der Transformation von Konfliktdynamiken. Dabei zeigen zahlreiche Belege, wie die Transformation urbaner Landschaften diesem Zweck durch kulturelle und symbolische Mittel dienen kann.
Realitäten der hegemonialen Befriedung in der Stadt
Mostar, die zweitgrößte Stadt Bosnien und Herzegowinas, ist einer der am besten untersuchten Fälle in der Friedensforschung. Die Stadt bietet wertvolle Einblicke in ihre komplexe Nachkriegsentwicklung als ‚geteilte Stadt in einem geteilten Nationalstaat‘ und stellt vereinfachende Narrative überzeugend in Frage. Obwohl die Stadt einen ähnlichen Anteil an bosnischen Kroat*innen und bosnischen Muslim*innen sowie eine kleine bosnisch-serbische Minderheit hat, etablierte sie sich während des Krieges als Hochburg der bosnischen Kroat*innen und als deren politisches und wirtschaftliches Zentrum. Die Mehrheit der bosnisch-kroatischen Bevölkerung lebt im westlichen Teil der Stadt, der weniger vom Krieg betroffen war. Bessere wirtschaftliche Ausgangsbedingungen in Verbindung mit anhaltender finanzieller und anderer Unterstützung durch Kroatien führten zu einer deutlich stärkeren wirtschaftlichen Erholung in diesem Gebiet nach dem Krieg als im östlichen Teil, wo der Großteil der bosnisch-muslimischen Bevölkerung lebt.
Die materielle Ungleichheit manifestiert sich auf verschiedene Weise, insbesondere in den unterschiedlichen Lebensstandards der ethnischen Gruppen, die auf den ungleichen Zugang zu wirtschaftlichen Möglichkeiten in einer Gesellschaft zurückzuführen sind, die stark von Klientelismus und informellen Praktiken geprägt ist, um sich in der neoliberalen Realität zurechtzufinden. Bosnische Kroat*innen, die in dem wohlhabenderen Gebiet nahe der kroatischen Grenze leben und die kroatische Doppelstaatsbürger*innenschaft besitzen, genießen darüber hinaus mehr und bessere wirtschaftliche Möglichkeiten.
Die materielle Ungleichheit zeigt sich auch in der bebauten Umgebung der Stadt. So bildet der Wiederaufbau der ‚Westseite‘ nach dem Krieg einen starken Kontrast zum langsameren und begrenzteren Wiederaufbau im östlichen Teil. Moderne Gebäude, verbesserte Straßen, Straßenbeleuchtung und gepflegte Grünflächen sind sichtbare Symbole für modernes städtisches Leben und wirtschaftliche Vitalität.
Diese städtische Transformation spiegelt die kulturelle Nichtanerkennung anderer als Form sozialer Ungerechtigkeit wider und verstärkt diese. Über den westlichen Teil der Stadt sind religiöse Gebäude und Denkmäler zu Ehren prominenter Kroat*innen verstreut. In der Nähe der ehemaligen Frontlinie (und einer unsichtbaren innerstädtischen Teilung aus der Nachkriegszeit) befinden sich zudem wichtige Kultur- und Sporteinrichtungen, wie ein Theater und eine Sporthalle mit kroatischen Namen, die derzeit im Bau sind. Sie sind Teil einer sich wandelnden Stadtlandschaft, die vom Einfluss der bosnischen Kroat*innen geprägt ist.
‚Instabile Stabilität‘ überwinden
Die wirtschaftliche Stärke, die eine rasche städtische Transformation ermöglicht, treibt auch den Bau eines wachsenden Netzes moderner Straßen voran. Diese verbinden den westlichen Teil der Stadt mit Kroatien und vertiefen die Kluft zwischen den beiden Gemeinschaften. Städten wird oft zugeschrieben, dass sie Gegenseitigkeit fördern – eine gemeinsame Identität, die aus gemeinsamen Interessen in städtischen Räumen entsteht und gemeinsames Handeln erfordert. In Mostar jedoch, wo weiterhin starke politische Hindernisse bestehen, sind solche Fähigkeiten begrenzt. Gegenseitige Abhängigkeiten sind schwer zu schaffen, da die bosnischen Kroat*innen aufgrund ihrer materiellen Vorteile viele Probleme unabhängig lösen können.
Ein würdiges Leben und die materiellen Voraussetzungen dafür sind die Hauptvoraussetzungen für einen ‚qualitativ hochwertigen Frieden‘. Die Erfahrung der Friedensstiftung in einer Nachkriegsstadt in Bosnien und Herzegowina gibt Anlass zu ernsthaften Überlegungen darüber, wie wirtschaftliche Ungleichheiten zwischen ehemals verfeindeten Gruppen zu gesellschaftlichen Spaltungen – räumlichen, symbolischen und kulturellen – führen können. Diese schüren ethnische, religiöse, kulturelle und rassische Spannungen und haben das Potenzial, bewaffnete Konflikte wieder zu entfachen. Um einen sinnvollen gesellschaftlichen Wandel zu ermöglichen und die derzeitige ‚instabile Stabilität‘ zu überwinden, die aus den konkurrierenden Friedensvisionen verschiedener Gruppen resultiert, müssen materielle Ungleichheiten beseitigt und allen Gemeinschaften gleicher Zugang zu wirtschaftlichen Möglichkeiten verschafft werden.