Wenn kulturelle Selbstbestimmung in Russland zum Sicherheitsproblem wird

Dorf im Altai. Bild: Tatters (CC BY-SA 2.0)
Dorf im Altai. Bild: Tatters (CC BY-SA 2.0)

Eine Verhaftungswelle hat in Russland Fragen der kulturellen Identität, der Rechte indigener Völker und des wirtschaftlichen Verhältnisses zwischen Zentrum und Peripherie in den Mittelpunkt gerückt. Doch warum widmet der Kreml diesen Themen überhaupt so viel Aufmerksamkeit? Regzena Erdyneeva kommentiert.

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Im Dezember 2025 wurden die Menschenrecht-Aktivistinnen Daria Jegerewa und Natalia Leonhardt festgenommen. Derzeit warten beide auf die Entscheidung des Gerichts: Ihnen drohen Freiheitsstrafen von bis zu 20 Jahren. Knapp ein halbes Jahr später sorgten im Mai 2026 zwei weitere Festnahmen für Aufmerksamkeit. Betroffen sind diesmal die Umweltaktivistin Aruna Arna aus der Republik Altai in Sibirien sowie Rafael Mamedow aus Murmansk im hohen Norden des Landes. Trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe haben diese Fälle eines gemeinsam: Sie stehen im Zusammenhang mit Initiativen indigener Bevölkerungsgruppen und dekolonialen Ideen.

Für die breite Öffentlichkeit, sowohl in Russland als auch im deutschsprachigen Raum, mögen diese Vorgänge wie Randnotizen erscheinen. Wenn in Europa über politische Repressionen in Russland berichtet wird, stehen meist prominente Namen im Mittelpunkt: Alexej Nawalny, Wladimir Kara-Mursa, Ilja Jaschin oder andere bekannte Oppositionspolitiker*innen. Tatsächlicht reicht das Spektrum politisch motivierter Verfolgung heute weit über die klassische Opposition hinaus.

Inhaftiert werden Menschen, die den Krieg gegen die Ukraine in Social-Media-Beiträgen kritisiert haben, Umwelt- und Menschenrechtsaktivist*innen, Journalist*innen, Künstler*innen oder sogar Jugendliche, die einmal regimekritische Graffiti gesprüht haben. Die Grenzen dessen, wofür man heutzutage politisch verfolgt werden kann, weiten sich zunehmend aus. Über das ganze Land breitet sich ein Gefühl der Willkür aus: Repressionen treffen längst nicht mehr nur bekannte Gegner*innen des Systems, sondern potenziell jede Person, die das Pech hat, in den Fokus der Behörden zu geraten. Diese Unberechenbarkeit macht sie zu einem wirksamen Instrument der Einschüchterung.

Eine Botschaft an andere?

Die Fälle von Daria Jegerewa und Natalia Leonhardt ebenso wie jene von Aruna Arna und Rafael Mamedow offenbaren jedoch eine andere Dimension der Repressionen: In diesen Verfahren geht es nicht in erster Linie um Parteipolitik, die Forderung nach einem Regierungswechsel oder gar offene Kritik an Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Im Mittelpunkt stehen Fragen kultureller Identität, indigener Rechte und des wirtschaftlichen Verhältnisses zwischen Zentrum und Peripherie. Doch warum widmet der Staat diesen Themen überhaupt so viel Aufmerksamkeit?

Auf den ersten Blick wirken sie kaum wie die drängendsten politischen Herausforderungen eines Landes, das sich im Krieg befindet und mit zahlreichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen konfrontiert ist. Gerade die Härte der Reaktion lässt vermuten, dass es hier weniger um die Aktivist*innen selbst geht als um die Botschaft an andere. Der Staat scheint an ihnen ein Exempel statuieren zu wollen.

Purbo Dambiev, ein Historiker und Schriftsteller aus Burjatien, der im Exil lebt, sagt: „Wir beobachten eine zunehmende Marginalisierung politischer Vertreter*innen indigener Völker Russlands. Mehr als hundert Organisationen indigener Völker wurden im Jahr 2024 als terroristisch eingestuft. Darja Jegerewa und andere Aktivist*innen standen besonders im Konflikt mit Kohle- und Ölunternehmen, regionalen Gouverneuren sowie den Sicherheitsbehörden. Für mich wirkt es widersprüchlich, dass Russland sich nach außen, beispielsweise gegenüber vielen afrikanischen Staaten, die unter europäischem Kolonialismus gelitten haben, als antiimperialistische oder antikoloniale Kraft präsentiert. Die Zukunft vieler Hunderte, vielleicht sogar Tausender solcher Aktivist*innen bleibt unsicher. Manche werden von Drittstaaten an Russland ausgeliefert. Wer im Land bleibt, riskiert Haft, Verfolgung oder sogar den Tod.“

Identität als politische Frage

Viele Menschen in Europa nehmen Russland noch immer als weitgehend ethnisch homogenes Land wahr. Das Bild des ‚typischen Russen‘ oder der ‚typischen Russin‘ ist tief verankert und man bedient sich gerne Stereotypen – sie seien slawisch, orthodox, russischsprachig. In Wahrheit leben innerhalb der Russischen Föderation jedoch rund 190 ethnische Gruppen. Dabei verfügen einige über eigene Republiken innerhalb des Föderalstaates, andere wiederum besitzen keine autonome Region.

Für viele Indigene ist die Frage nach eigener Identität längst mehr als eine kulturelle Angelegenheit. Sie berührt zugleich politische, soziale und historische Dimensionen. Welche Rolle bleibt einer Minderheit in einem Staat, dessen politische und kulturelle Normen überwiegend von der Mehrheitsgesellschaft definiert werden? Was bedeutet es, die eigene Sprache zu bewahren, wenn sie im öffentlichen Raum kaum sichtbar ist? Und welche Folgen hat es, wenn Diskriminierung so alltäglich wird, dass sie kaum noch wahrgenommen wird?

Die Erfahrungen reichen von offenen Formen der Ausgrenzung bis zu subtileren Mechanismen. Beispielsweise Wohnungsanzeigen, die sich ausdrücklich an ‚Slawen‘ richten. Vorurteile gegenüber Menschen mit ‚nicht-slawischem‘ Aussehen. Der Eindruck, dass ein Akzent oder ein ‚nicht-russischer‘ Name berufliche Nachteile mit sich bringen kann. Viele Aktivist*innen beschreiben genau diese Erfahrungen als Ausgangspunkt ihres Engagements.

Keine einheitliche Widerstandsposition

Purbo Dambiev erläutert: „Russland hat uns weder politisch noch gesellschaftlich irgendetwas anzubieten. Wir passen nicht in den russisch-nationalistischen Diskurs. Narrative des sowjetische Kommunismus verweisen zwar gern auf einzelne Erfolgsgeschichten, jedoch lebte die überwiegende Mehrheit der Burjat*innen in Kolchosen, oft ohne Pass [d.h. ohne das Recht, sich frei im Land zu bewegen und Siedlungen zu verlassen], unter schlechten Bedingungen und für Löhne, die die menschliche Würde verletzen. In den Städten waren sie gezwungen, sich in einer fremden kulturellen Umgebung zurechtzufinden, während die eigene Kultur häufig als rückständig oder minderwertig dargestellt wurde.“

Indigene Initiativen vertreten dabei keineswegs eine einheitliche politische Position. Wenn manche sich für den Erhalt ihrer Sprache und Kultur innerhalb der Russischen Föderation einsetzen, sehen andere eine komplette politische und territoriale Unabhängigkeit von der Russischen Föderation als den einzig richtigen Weg.

Dambiev ergänzt: „Ich wünsche mir die Unabhängigkeit unseres Volkes und einen eigenen Staat. Kein Politiker oder Politikerin in Russland vertritt unsere Interessen. Weder die offizielle Führung Russlands noch linke oder rechte Oppositionskräfte nehmen unsere Perspektive ernst. Im Gegenteil: Alle Seiten bedienen sich mitunter offen rassistischer Rhetorik. In den sozialen Medien sehe ich regelmäßig nationalistische und rassistische Kommentare gewöhnlicher Russ*innen. Ich möchte nicht mit Menschen, die solche Ansichten vertreten, im selben politischen und rechtlichen Raum leben. Kein gesamtstaatliches Referendum in Russland bildet aus meiner Sicht die Interessen unseres Volkes angemessen ab.“

Paradox der Represssion

Das eigentliche Paradoxon dieser Fälle liegt jedoch woanders. Weder Daria Jegerewa noch Natalia Leonhardt oder Aruna Arna traten als Separatistinnen auf. Auch Rafael Mamedow war keine klassische Figur einer Unabhängigkeitsbewegung. Er betrieb einen Telegram-Kanal, auf dem er Beiträge zur Geschichte und zu den Traditionen der nordischen Region Lappland sowie Memes veröffentlichte. Mit ihrem Engagement forderten sie weder einen gewaltsamen Umsturz noch die Auflösung des russischen Staates. Warum sehen sie sich dann mit Vorwürfen konfrontiert, die drakonische Freiheitsstrafen von bis zu zwanzig Jahren nach sich ziehen können?

Die Grenze des politisch Zulässigen hat sich damit offenbar erneut verschoben. Nicht nur offene Opposition, sondern bereits die Beschäftigung mit Fragen indigener Identität, historischer Erinnerung und kultureller Selbstbestimmung gerät zunehmend unter Extremismusverdacht.

Die Härte, mit der Russland gegen solchen Aktivismus vorgeht, deutet ebenfalls auf etwas anderes hin: Autoritäre Systeme scheinen sehr genau zu wissen, welche politische Kraft in Fragen der Identität, kulturellen Erinnerung und Selbstbestimmung steckt. Wenn selbst Diskussionen über Sprache oder indigene Rechte als eine massive Bedrohung wahrgenommen werden, dann sind diese Themen offensichtlich weit mehr als bloße Kulturpolitik. Auch demokratische Gesellschaften dürfen es nicht vergessen: Fragen der kulturellen Teilhabe und der historischen Erinnerung mögen im politischen Alltag bisweilen zweitrangig erscheinen. Langfristig gehören sie jedoch zu den Grundlagen gesellschaftlicher Stabilität und demokratischer Legitimität.

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