Mitte des 19. Jahrhunderts kam es in verschiedenen sozialen Bereichen zu einer Verlagerung hin zu mehr Wettbewerb und Leistungsorientierung. Diese Entwicklungen stehen im Zusammenhang mit Statistiken im Allgemeinen und Ranglisten im Besonderen, die nicht zuletzt eine wichtige Rolle bei der Prägung moderner Arbeiter*innen hatten. Clelia Minnetian untersucht die Entstehung der Quantifizierung im Sport als Ergebnis und Triebkraft einer Wettbewerbsorientierung, wie sie auch für den Kapitalismus typisch ist.
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Weltranglisten im Tennis, Ligatabellen im Fußball oder Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen – Rankings sind heute aus dem Sport nicht wegzudenken. Sie ordnen zuvor quantifizierte Leistungen in Listen, schaffen Hierarchien und machen Vergleich möglich. Dass wir sportliche Leistungen in dieser Form wahrnehmen, wirkt selbstverständlich: Wie sonst ließe sich über Leistung sprechen? Rankings wirken wie ein inhärenter Teil von Sport – doch das war nicht immer so. Diese Verbindung von Rankings und Sport entstand erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA. Im Folgenden möchte ich zeigen, wie Rankings im Sport – genauer im Baseball – ihren Anfang nahmen, und wie daraus der moderne Leistungssport entstand.
Die Frühphase des Baseballs
Ab den 1830er-Jahren wurden im Zuge gesellschaftlicher Entwicklungen wie Urbanisierung, Industrialisierung und eines wachsenden Mediensystems Freizeittätigkeiten populärer. Beliebt waren dabei in den USA etwa das aus England mitgebrachte Cricket und erste Formen des Baseballs. Die Baseballcommunity, auf die ich hier einen genaueren Blick werfen möchte, war zu dieser Zeit noch stark fragmentiert. Das heißt, dass die lokalen Gemeinschaften meist unter sich und nach ihren eigenen Regeln spielten. Das änderte sich langsam ab den 1840er-Jahren, als erste Clubs gegründet wurden.
In dieser frühen Zeit des Baseballs in den 1840er- und 1850er-Jahren wurde das Spiel als eine Social Activity betrieben. Es ging dabei vornehmlich um Spaß, gesundheitsfördernde Bewegung und um Ideale wie das Fairplay.
Ab Ende der 1850er-Jahre veränderte sich diese Orientierung jedoch, und es kam zu einer zunehmenden Fokussierung auf den Aspekt des Wettkampfs, der Leistung und des Erfolges. Das kam jedoch nicht aus dem Nichts, sondern war die Folge einer ganzen Reihe von Entwicklungen in- und außerhalb des Sports. Innerhalb des Sports kam es zu einer Standardisierung von Regeln – eine Notwendigkeit, die sich zunehmend ergab, wenn man gegeneinander spielen wollte. Zudem kam es zu einer Ausweitung der Baseballkultur durch die Gründung neuer Clubs und zu einer stärkeren Organisierung des Sports durch die Gründung von Sportverbänden. Mit der Ausweitung der Baseballkultur und einem wachsenden öffentlichen Interesse daran entstanden zunehmend auch kommerzielle Interessen. Clubs begannen etwa, ihre Felder einzuzäunen und Eintrittsgelder zu verlangen.
Zu den grundsätzlichen gesellschaftsweiten Entwicklungen gehörten neue Transport- und Kommunikationstechnologien wie die Eisenbahn und die Telegraphie, die es ermöglichten, die verstreuten einzelnen Gemeinschaften zueinander in Beziehung zu setzen. Spiele gegen Teams in anderen Teilen des Landes und die schnelle Übermittlung von Spielergebnisse wurden dadurch überhaupt erst möglich. Hinzu kam die Etablierung der Sportpresse in den 1850er-Jahren, die für die Baseballcommunity und ihre Fans schrieb. Diese Entwicklung wurde noch bestärkt, als man feststellte, dass man mit Sport Zeitungen verkaufen konnte.
Die Etablierung eines nationalen Diskurses hatte von Anfang an einen prägenden Effekt auf den Baseballsport: Er schuf eine zusammengehörende Einheit, die die einzelnen Kulturen, Clubs und Spiele zueinander in Beziehung setzte. Ebenso entscheidend war jedoch, was kommuniziert wurde und wie sich diese Kommunikation entwickelte – insbesondere in den 1860er-Jahren. In dieser Phase entstand eine Form des Sports, die in ihren Strukturen und Logiken bis heute erkennbar ist.
Veränderungen im medialen Diskurs
Dabei lassen sich drei große diskursive Entwicklungen erkennen. Die ausführliche Ausarbeitung dieser Ergebnisse, basierend auf einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit Tobias Werron, wurden im Artikel „Redefining Achievement“ publiziert.
Die erste diskursive Entwicklung basiert auf einem kulturellen Wandel: Baseball wurde nicht länger primär als gesellschaftliche Aktivität verstanden, sondern zunehmend als Praxis mit Fokus auf Wettbewerb, Ehrgeiz, Einsatz und das Gewinnen von Spielen. Diese Entwicklung parallel zur wachsenden Popularität des Baseballs wurde stark vom medialen Diskurs getragen. Journalist*innen lobten nicht mehr wie zuvor primär gentlemanhaftes Verhalten der Spieler*innen, sondern fokussierten mehr und mehr auf die Resultate der Spiele und die Leistungen von Teams und Einzelnen.
Die zweite diskursive Entwicklung war die Erweiterung der Leistungsbewertung – von der Fokussierung auf ein einzelnes Spiel auf einen breiteren Vergleichshorizont. Zunehmend wurde ein Zusammenhang zwischen Spielen hergestellt. Nach und nach wurden umfangreichere Tabellen entwickelt, wodurch eine neue Kontinuität von Spielen entstand. Diese Wahrnehmung von einem Fluss an Spielen – statt alleinstehender Ereignisse – ermöglichte es, die Spiele als Teil eines Ganzen – etwa einer Saison – wahrzunehmen.
Die dritte Entwicklung im medialen Diskurs war die Entstehung eines Systems der Statistik, das kontinuierlich Baseballteams und -spieler*innen über den Lauf einer Saison und darüber hinaus miteinander verglich. Dieser Punkt ist besonders relevant für unser heutiges Verständnis des Zusammenhangs von Sport und Rankings. Obwohl Statistiken bereits vor der Professionalisierung des Sports im Baseball vereinzelt zu finden waren, wurden sie ab den 1860ern vielfältiger genutzt und mit dem Ziel weiterentwickelt, das Spiel auf neue Weise zu beobachten, zu vergleichen und zu bewerten. Im Laufe eines guten Jahrzehnts bildete sich ein Verhältnis von Quantifizierung, Statistik und Rankings auf der einen Seite und des Leistungssports auf der anderen Seite aus, das bis heute dominant ist und uns als selbstverständlich erscheint. Um dieses ‚natürliche‘ Verständnis zu hinterfragen, möchte ich einen genaueren Blick auf die Genese von vier Elementen werfen.
Vier Elemente der Quantifizierung
Beim ersten Element, dem Box Score, handelt es sich um eine quantitative Zusammenfassung eines Spiels. Der erste findet sich bereits 1845, aber erst ab 1860 kam quasi keine Berichterstattung über ein Baseballspiel ohne zumindest einen simplen Box Score aus.
Beim zweiten Element, dem Scoring, wurde ein System des Notierens der einzelnen Spielzüge entwickelt. Dabei spielte Henry Chadwick – ein renommierter Sportjournalist und zentraler Entwickler der Baseballstatistik – eine bedeutende Rolle. Der Spielverlauf konnte mit diesem Notierungssystem auseinanderdividiert und die allgemeine Leistung einzelnen Spieler*innen zugeordnet werden.

Das neue Notierungssystem befeuerte das dritte Element, eine allgemeine Relevanz statistischer Kategorien, was zur Innovation neuer Indikatoren führte. So wurde etwa die neue statistische Kategorie des Hits entwickelt, der die Leistung einer Person in einem Spiel misst, wenn sie nach eigenem Abschlag mindestens die erste Base erreicht. Oder der Durchschnittswert Batting Average, der nach einiger Verfeinerung durch die Formel hits per at bat definiert ist. Dabei werden alle Spiele über den Lauf einer Saison hinweg berücksichtigt, so dass der Batting Average zur Gesamteinschätzung der Leistung einer Person herangezogen werden konnten – und auch heute noch dafür genutzt wird.
Viertens kam es zur Einführung eines neuen Darstellungsformates, das die Einzel- und Teamleistungen in Form von Tabellen zusammenführte. Tabellarische Darstellungen als Rückblicke auf Leistungen im Rahmen einer Saison erzeugten nach und nach ein neues Verständnis davon, was einen guten Spieler, eine gute Spielerin bzw. ein gutes Team ausmachte. Zu Beginn waren sie noch alphabetisch geordnet – weiterhin Ausdruck eines nicht-hierarchischen Verständnisses einer Fraternity of Gentlemen. Doch dies änderte sich, und 1867 wurde die erste gerankte, noch heute gebräuchliche Tabelle im Sinne einer Bestenliste abgedruckt.
Diese vier neuen statistischen Elemente im medialen Diskurs hatten einen maßgeblichen Einfluss auf das Verständnis von Leistung. Sie führten dazu, dass die einzelnen Spiele als gleichwertig hinsichtlich ihres Beitrages zu einer Gesamtleistung einer Saison wahrgenommen wurden. Leistung maß sich immer weniger an einem einzelnen Spiel, sondern es entwickelte sich zunehmend ein sowohl kontinuierliches als auch summierendes Verständnis von Leistung. Ein anschauliches Beispiel liefert der renommierte Sportreporter Chadwick: Er schrieb „der wahre Gewinner ist nicht der gelegentlich spektakuläre Spieler, sondern der bescheidene und effiziente Arbeiter, der ernsthaft und kontinuierlich über die ganze Saison hinweg spiele“.
Das Ligasystem und die Ligatabelle
Eine wirkmächtige Konsequenz aus dieser Entwicklung war die Einführung des ersten Ligasystems 1871. Es löste das seit den 1860er-Jahren bestehende Herausforderungssystems um den Championshiptitel ab.

Mit dem Ligasystem wurde damit erstmals in der Geschichte ein saisonlanger Wettbewerb etabliert, der sich schnell in andere Sportarten ausbreitete und zu einem zentralen Element moderner Teamsportarten wurde. Mit der Einführung der Liga gewannen zudem Statistiken und Rankings zusätzlich an Relevanz; denn um die Liga als ‚Rennen‘ um die Championship verfolgen zu können, wurden Ligatabellen essentiell. Es entwickelte sich schnell ein Darstellungsformat, das die gespielten Spiele aufsummierte und den aktuellen Stand dokumentierte. Dabei waren das Ligasystem als Modus der Wettkampforganisation und die Ligatabelle als Form, Leistung darzustellen, ko-konstitutiv. Dadurch wirkt ihre Zusammengehörigkeit heute so ‚natürlich‘.
Die moderne Leistungsgesellschaft
Rankings waren nur ein Schritt eines komplexen Prozesses, der an gesellschaftliche Veränderungen wie die Einführung der Eisenbahn, der Telegraphie und die Entstehung einer Sportpresse anschloss; und in einer Reihe statistischer Entwicklungen im medialen Sportdiskurs mündete. Das Ergebnis war der moderne Leistungssport, wie wir ihn heute kennen, ein Sport, der ohne Rankings kaum denkbar ist.
Heißt das letztlich, diese Entwicklung verlief linear und war unvermeidbar? Auf keinen Fall. An vielen Stellen hätte die Geschichte auch eine andere Wendung nehmen können. Dennoch zeigen sich Mitte des 19. Jahrhunderts in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern ähnliche Entwicklungen zu mehr Wettbewerbs- und Leistungsorientierung. Diese stehen im Zusammenhang mit Statistik im Allgemeinen und Rankings im Besonderen. Rankings fungieren dabei zugleich als Ergebnis und Treiber von Wettbewerb – und zwar nicht nur im Sport, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen.