Politik von Altenpflege: Wer fordert die (digitale) Revolution im Pflegeheim?

Collage: Colnate Group, 2025 (cc by nc)
Collage: Colnate Group, 2025 (cc by nc)

Populären Debatten um Technologien für die professionelle Altenpflege liegen Bilder naturalisierter weiblicher ‚Arbeit aus Liebe‘ sowie der schlechte Ruf von Institutionen der Altenpflege, alternder Körpern und vermeintlich kalten Technologien zugrunde. Marlene Hobbs problematisiert diese Vorstellungen, wendet sich gegen technikdeterministische Zukunftsvisionen entmenschlichter Pflegearbeit und plädiert für eine Neubewertung von digitalen Technologien in Pflegeheimen.

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In Deutschland gibt es aktuelle Bestrebungen, Pflegeeinrichtungen zu digitalisieren, doch in vielen Institutionen fehlt die digitale Infrastruktur. Neue Technologien für ‚gute Pflege‘ im Alter werden eher im sogenannten Smart Home imaginiert. Wie der Achte Altersbericht der Bundesregierung von 2020 vorsieht, dominiert das Ziel des Aging in Place, d.h., dass ältere Menschen so lange wie möglich in ihrem Zuhause und Quartier altern sollen. Dabei wird Verantwortung für Selbstständigkeit und Gesundheit ins Private verschoben. Es bleibt außerdem offen, wer sich Aging in Place wo überhaupt leisten kann, denn es gibt weder genug bezahlbare geschweige denn barrierefreie Wohnungen, um ‚gutes Altern‘ zu Hause zu ermöglichen.

Die politische Förderung von Ageing in Place wird durch den schlechten Ruf von Pflegeheimen verstärkt. Personalmangel und das Image der kalten, rationalen Verwahranstalt tragen dazu bei. Obwohl moderne Pflegeeinrichtungen den Anspruch haben, beinahe wie zu Hause zu wirken, hält sich das Bild der totalen Institution hartnäckig. Heute ziehen ältere Menschen immer später in ein Pflegeheim um, wenn sie nicht mehr von Freund*innen und Angehörigen versorgt werden können. Dies führt dazu, dass immer ältere und kränkere Personen in Pflegeheimen leben.

Auf dem Weg zu ‚Care 4.0‘

Neue Technologien in Altenpflegeeinrichtungen sollen aktuell vor allem Entlastung durch Entbürokratisierung ermöglichen. Dabei sollen Pflegekräfte einerseits qualifizierungsspezifische Aufgaben mithilfe moderner, teilweise KI-gestützter Administrationssysteme exakt erfüllen und dadurch mehr Zeit haben, um möglichst nahe – häufig gleichgesetzt mit technikfern – emotionale und intime Bindungen zu den Bewohner*innen aufzubauen. Im Gegensatz zur industriellen Revolution im Haushalt bewirbt die sogenannte ‚Pflege 4.0‘ keine neuen durch Technik ermächtigten Superheld*innen-Pfleger*innen, sondern die selbstbestimmten, selbstverantwortlichen Pflegebedürftigen.

Professionelle Pflegefach- und Hilfskräfte gelten hier eher als passive Nutzer*innen neuer Technologien oder als Opfer von Kontrolle und Entwertung durch Technik. Das liegt mitunter an der gesellschaftlichen Abwertung des Pflegeberufs. Sorge- und Reproduktionsarbeit gelten als weibliche und natürliche Fähigkeit. Die damit verbundene fehlende Professionalisierung zeigt sich zum Beispiel in einem geringen Akademisierungsgrad des Pflegeberufs, seiner anhaltenden Feminisierung und seiner zunehmenden Migrantisierung. Die Abwertung soll dann durch eine symbolische Aufwertung kompensiert werden (z.B. mit Klatschen), aber diese erinnert eher an Heiligsprechung denn als Appell an tatsächliche Anerkennung.

Pflegetechnologien bewegen sich letztlich in einem stark symbolisch aufgeladenen Arbeits- und Lebensbereich. Selten wird jedoch die Frage gestellt, wie Pflegekräfte Technologien im Alltag nutzen und wie diese Beziehung die Räume der Altenpflege gestaltet.

Feministische Technikforschung untersucht seit Langem die Technisierung vermeintlich lästiger, routinierter Tätigkeiten in alltäglichen und marginalisierten Räumen. Anschließend daran gehe ich im Folgenden auf zwei Beispiele technisierter Mikropolitiken in Pflegeeinrichtungen ein.

Digital assistierter Pflegealltag in Demenz-WGs

Die Forschung in Demenz-WGs mit digitalen Assistenzsystemen hat gezeigt, dass die essentialistische Betrachtung von ‚warmer Pflege‘ und ‚kalter Technik‘ im Alltag nicht haltbar ist. Im Rahmen eines Forschungsprojekts konnten wir zeigen, dass technisierte Altenpflege Arbeit und Aushandlung erfordert und dabei fürsorglich sein kann, sowohl für gepflegte als auch für pflegende Personen. Zwei Beispiele sollen dies illustrieren: das Beispiel der sorgenden Überwachung und das Beispiel der Administration als Raum für die Emotionen der Pflegekräfte.

Gerade in der Demenzpflege wird zunehmend Sensortechnologie eingesetzt. Dabei werden – in den von uns beforschten Einrichtungen – keine personenbezogenen Daten gespeichert oder Kameraaufnahmen gemacht; nur die Bewegung beim Öffnen einer Tür oder beim Aufstehen aus dem Bett löst ein Signal aus, das an das Personaltelefon gemeldet wird. Da das Pflegepersonal die Bewohner*innen sehr gut kennt, weiß die zuständige Person, wer sich wo bewegt, und entscheidet bei jeder Meldung, ob es notwendig ist, nachzuschauen, weil jemand Hilfe brauchen könnte, oder ob es sich um jemanden handelt, der*die alleine unterwegs sein kann. Die Bewertung dieser Praxis ist komplex, denn obwohl es sich um Überwachung handelt, ermöglicht sie den Bewohner*innen tatsächlich mehr Bewegungsfreiheit, da sie sonst nur in Begleitung des ohnehin knappen Pflegepersonals die Räumlichkeiten verlassen könnten. In allen Einrichtungen war die Nachtwache auf die Technologie angewiesen, da eine Nachtwache für ca. 25 Bewohner*innen auf verschiedenen Etagen zuständig ist.

Damit der Technikeinsatz eine positive Wirkung zeigen kann, sind ein Zusammenspiel und eine Aushandlung zwischen Technologie, Pflegekräften, Bewohner*innen und Räumlichkeiten notwendig. Die Sensortechnik ist nicht allein und von sich aus unterstützend, sondern wird aktiv in den Alltag eingebettet, um nützlich und fürsorglich zu sein. Fürsorgliche Altenpflege ist also eine Frage der Aushandlung, die unter den aktuellen Bedingungen Technik und Arbeit erfordert.

Ein weiteres Beispiel ist die Nutzung von Zeit und Raum, die für die Pflegedokumentation vorgesehen ist. In manchen Einrichtungen soll die Dokumentation auf mobilen Bildschirmen neben den Zimmern der Bewohner*innen oder zukünftig simultan zur Pflege per Sprachassistenten stattfinden. Diese Versuche gingen jedoch selten auf. Das Pflegepersonal nutzt die Zeit für die Dokumentation und andere administrative Tätigkeiten, um sich zusammenzufinden, auszutauschen und der eigenen emotionalen Regulierung nachzugehen, die die anspruchsvolle und zum Teil scham- und gewaltvolle Arbeit in der Altenpflege notwendig macht. Sie treffen sich dazu in der Mittags- oder frühen Abendzeit, während die Bewohner*innen sich ausruhen. Administrative Arbeit dient hier als Plattform für emotionale Regulierung und Austausch, für die es sonst an Raum fehlt. Es ist also schwer abzuschätzen, was die Wegrationalisierung der gemeinsamen Administration für Folgen haben könnte, wenn keine alternativen Räume dafür geschaffen werden.

Hinter der Entscheidung, für welche Art von Tätigkeit überhaupt neue Technologien entwickelt werden, liegt die unterschiedliche Bewertung körperlicher, emotionaler und administrativer Arbeit. In Bestrebungen, Pflegearbeit effizienter zu gestalten, sind es zumeist administrative Tätigkeiten, die durch Automatisierung Lohnkosten sparen und mehr Zeit für ‚echte‘, intime körperliche Pflege und emotionale Nähe schaffen sollen. Folglich bleibt die schwere körperliche Arbeit meistens von Automatisierung unberührt, da die wenigen bestehenden Technologien – wie beispielsweise Exoskelette – teuer sind.

Wie die Beispiele zeigen, kann Automatisierung nicht als rein technischer Prozess betrachtet werden. Erst in den alltäglichen Praktiken und Räumen, in die neue Technologien eingebettet werden, erhalten sie und die Arbeit, die mit ihnen ausgeführt wird, ihre Bedeutung. Technologien können also ‚gute Pflege‘ mitgestalten. Dafür braucht es allerdings Aushandlung. Dadurch werden wiederum spezifische Räume hergestellt oder erst sichtbar gemacht, die mit zentralen gesellschaftlichen Fragen der Teilhabe verbunden sind.

Das digitalisierte Pflegeheim als politischer Raum

Die Zukunft von ‚guter Pflege‘ und die Rolle der Digitalisierung sind politische Fragen. Die Räume, in denen sie ausgehandelt werden, sind dabei nicht nur Spielfelder, sondern gestalten die Techniknutzung mit. Beim genaueren Hinschauen auf alltägliche technisierte Pflege wird sichtbar, dass bereits viel Wissen über ‚gute technisierte Pflege‘ sowie die notwendigen Rahmenbedingungen besteht. Dieses fließt allerdings nur selten in die profitorientierte Technikentwicklung ein. Am existierenden Wissen und Arbeitsabläufen anzusetzen und Pflegekräfte in die Technikentwicklung einzubeziehen ist ein wichtiger Ansatz.

Es geht aber auch um eine gesamtgesellschaftliche Debatte: Damit ‚gutes Altern‘ und ‚gute Altenpflege‘ keine Klassenfragen bleiben, sollte der Blick auf Pflegeeinrichtungen gerichtet und gefragt werden, wie diese als kollektive Orte guter Pflege und Sorge für alle und mithilfe neuer Technologien gestaltet werden können. Dahinter steht auch die Frage, welche Räume des Alterns und der Pflege wir imaginieren können – abseits des idealisierten privaten Wohnraums, in dem die weiblichen Teile der Kleinfamilie ihre nahen Angehörigen versorgen müssen. Wie können Technologien dabei tatsächlich helfen? Wie und wer kann eine digitale Revolution im Pflegeheim fordern und zugleich anerkennen, dass Automatisierung nicht nur eine Frage der Technik ist?

Ein Anbieter digitaler Technologien für Pflegeeinrichtungen hat auf einen ersten Schritt hingewiesen, als es um die Rolle neuer Technologien für die Bewohner*innen geht: Wenn diese zunehmend Smartphones benutzen, sei es nur eine Frage der Zeit, bis sie in sozialen Medien die Zustände in Pflegeeinrichtungen öffentlich machen und Verbesserungen fordern.

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