‚Ohne Mampf kein Kampf‘: Warum wir fürsorgliche Küchen brauchen

Während der Militärdiktatur in Chile waren die sogenannten ‚ollas populares‘, Gemeinschaftsküchen, partizipative Orte zur Bekämpfung des Hungers. Foto: Paulo Slachevsky, 1984 (cc by-sa 4.0)
Gemeinschaftsküche in Chile. Foto: Paulo Slachevsky, 1984 (cc by-sa 4.0)

Die Geschichte der selbstorganisierten und solidarischen Gemeinschaftsküchen ist geprägt von Kämpfen um die gesellschaftliche Rolle reproduktiver Arbeit, die im Kapitalismus unsichtbar gemacht und abgewertet wird. Somit waren Gemeinschaftsküchen schon immer mehr als bloße ‚Wohltätigkeitsveranstaltungen für Arme‘. Sie sind stets Ausdruck politischer und gesellschaftlicher Veränderungen, die durch Kämpfe um feministische und antikapitalistische Anliegen ins Rollen gebracht wurden. Anna Verwey begibt sich auf Spurensuche an diesem häufig vergessenen politischen Ort.

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Die Küche ist der unscheinbare Mittelpunkt des Wohnraums – hier wird gekocht, gegessen, diskutiert, versorgt. Bis heute sind Küchen weiblich konnotiert: Ort der unsichtbaren Arbeit, des Alltagsmanagements, der Fürsorge. Ob beim Kochen für die Familie, beim Schulbrot schmieren oder beim Tee für kranke Freund*innen – Küchenarbeit ist Beziehungspflege, Organisation, Verantwortung. Und genau deshalb wird sie so oft übersehen.

Feministische Perspektiven haben diesen Zusammenhang bereits seit Jahrzehnten thematisiert. Sie zeigen, wie stark die Arbeit rund ums Essen mit Geschlechterrollen verknüpft wird: von der Architektur über die kulturelle Zuschreibung von Gerichten bis hin zur Abwertung der Tätigkeit selbst. Wer sorgt, tut das meist nebenbei, still, ohne Bezahlung – und allzu oft auch ohne Anerkennung.

Doch was passiert, wenn die Küche das Private verlässt? Wenn Kochen und Fürsorge kollektiv organisiert, öffentlich sichtbar und politisch verstanden werden?

In diesem Text diskutiere ich selbstorganisierte und solidarische Gemeinschaftsküchen, besonders sogenannte Küchen für Alle (KüfA) oder Volxküchen (VoKü): Räume, in denen gekocht wird, um sich umeinander zu kümmern und um Strukturen zu verändern. Sie widersprechen der Vorstellung, dass Fürsorge allein Familiensache sei. Sie machen Versorgung zu einer geteilten Aufgabe. Und sie zeigen, dass Kochen nicht nur Alltagsnotwendigkeit ist, sondern auch Widerstand gegen Vereinzelung, gegen Ausschluss, gegen kapitalistische Lebensmittelsysteme.

Ich stelle drei Perspektiven auf diese Gemeinschaftsküchen vor: Die erste zentriert die vielfältigen Rollen, die sie einnehmen und welche sozialen Praktiken dort stattfinden (können). Die zweite betrachtet sie als Orte für kollektive Reproduktionsarbeit im Kontext der Sorgekrise. Die dritte hebt ihre Bedeutung für politische Organisierung hervor, von der Versorgung auf Protestcamps, als Rückgrat politischer Bewegungen bis zur Schaffung kollektiver Frei-Räume.

Wo Fürsorge auf den Tisch kommt

In Gemeinschaftsküchen passiert mehr als ‚nur‘ Kochen. In der Stadt übernehmen sie vielfältige Funktionen: Sie schaffen Räume für Kennenlernen, Austausch und gemeinsames Lernen, sie bieten Versorgung mit kostenfreien oder bezahlbaren Mahlzeiten und Fürsorge mit ‚Kleinigkeiten‘ wie Zuhören, Ratschlägen oder Unterstützung im Alltag. Durch ihr Angebot engagieren sie sich gegen Lebensmittelverschwendung, weisen auf Prekarität und soziale Ungleichheiten hin und üben Kritik an einer neoliberalen Logik, die Essen auf Effizienz und Selbstverantwortung reduziert und zur Privatsache erklärt.

Das gemeinsame Zubereiten unterscheidet sie grundlegend von vielen wohltätigen Angeboten, bei denen eine Trennung zwischen Gebenden und Empfangenden entsteht, da die Personen, die kochen, nicht unbedingt dort essen und umgekehrt. Stattdessen gilt in den Gemeinschaftsküchen das Prinzip: Alle sind eingeladen – und alle können beitragen, je nach ihren Möglichkeiten. Denn wer gemeinsam schnippelt, teilt nicht nur (Sorge-)Arbeit, sondern stellt sich auch neoliberalen Vereinnahmungen entgegen. Dabei wird berücksichtigt, dass es vielfältige Aufgaben gibt und Menschen unterschiedliche Ressourcen und Bedürfnisse mitbringen. Wer nicht am Herd steht, kann durch ein Gespräch, ein offenes Ohr, das Aufräumen von Küche oder Esstisch oder einfach durch eine gute Rezept-Idee zum Gelingen des gemeinsamen Essens beitragen.

Doch so einladend das Bild der langen, gemeinsamen Tafel auch ist – es verdient einen kritischen Blick. Denn auch hier stellen sich Fragen nach Teilhabe und Ausschlüssen: Sind wirklich ‚alle‘ eingeladen? Wer kommt und wer fühlt sich willkommen? Wessen Essgewohnheiten finden Platz? Wer übernimmt welche Aufgaben – und wer eher nicht? Und wie lassen sich unterschiedliche Bedürfnisse so verhandeln, dass niemand systematisch übergangen wird? Denn es reicht nicht, den Tisch zu decken. Wir müssen auch darüber reden, wer die Küche aufbaut und aufräumt.

Vom Spültuch zur Systemkritik

Soziale Reproduktion umfasst alle Tätigkeiten, die notwendig sind, um uns und kommende Generationen am Leben zu erhalten – dazu zählen u.a. Kochen, Putzen und Kindererziehung. Häufig werden diese Arbeiten als bloße Haushaltstätigkeiten verstanden und damit strukturell abgewertet. Sie finden meist im Privathaushalt statt und werden überwiegend von un(ter)bezahlten Frauen* verrichtet und unsichtbar gemacht.

Feministische Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen wie u.a. Silvia Federici betonen seit Jahrzehnten, dass diese Arbeit keineswegs nur das ‚Gegenstück‘ zur bezahlten Lohnarbeit ist, sondern ebenso Arbeit und grundlegend für unsere Gesellschaft. Denn – so paradox das klingt – ohne unbezahlte Sorge- und Reproduktionsarbeit könnte das kapitalistische System nicht funktionieren, so argumentiert beispielsweise Nancy Fraser.

In diesem Zusammenhang wird von einer ‚Sorgekrise‘ oder ‚Krise der Sozialen Reproduktion‘ gesprochen. Gemeint ist: Sorgearbeit wird privatisiert, unsichtbar gemacht und gesellschaftlich abgewertet. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Pflege, Kindererziehung und Alltagsorganisation, während staatliche Unterstützung und Infrastruktur schrumpfen, was viele Menschen in prekäre Verhältnisse drängt. Dazu kommen physische und psychische Überlastung bei Sorgetragenden und mangelhafte Versorgung für jene, die auf Unterstützung angewiesen sind. Soziale Reproduktion wird dadurch zunehmend privatisiert: Wer es sich leisten kann, lagert diese Aufgaben an Lieferdienste, Reinigungskräfte oder Pflegedienste aus.

Als Antwort auf diese Krise fordern feministische Stimmen eine gerechte gesellschaftliche Verteilung von Reproduktionsarbeit. Das bedeutet: raus aus dem Privaten, hinein in gemeinschaftlich organisierte Räume – etwa Gemeinschaftsküchen, KüfA und andere Aktionsküchen. Wenn Fürsorge nicht mehr hinter verschlossenen Türen stattfindet, sondern gemeinsam organisiert und sichtbar wird, verändert das ihren Charakter: Kochen und Kümmern werden politisch – und machen erfahrbar, dass Fürsorge kein Fertiggericht ist, sondern viele Hände, Geduld und einen gemeinschaftlich gestalteten Raum braucht.

Wenn Sorgearbeit öffentlich geschieht, stört sie die gewohnte sozialräumliche und geschlechterspezifische Ordnung – und entfaltet gerade dadurch politische Kraft. Es hat etwas Provokantes, wenn Frauen* die Töpfe auf die Straße tragen, um gemeinsam zu kochen – aus Mangel an Alternativen, aber auch als Akt des Widerstands. Das zeigt auch Silvia Federici am Beispiel Chiles: Nach dem Militärputsch 1973 organisierten sich Frauen in den Armenvierteln, als Reaktion auf Angst, Hunger und staatliche Repression und gründeten ollas comunes – kollektive Straßenküchen, in denen sie gemeinsam für ihre Nachbarschaft kochten. Was als Überlebensstrategie begann, wurde zur Form des Widerstands. Die gemeinsame Reproduktionsarbeit durchbrach die Isolation, stärkte Solidarität, ermöglichte Informationsaustausch und verlieh den Frauen Selbstbewusstsein. Hausarbeit wurde aus dem Privaten geholt und ins Öffentliche getragen – sichtbar, gemeinschaftlich und widerständig. Der Staat reagierte repressiv: Die Polizei zerstörte Küchenausrüstung und nahm Organisatorinnen fest. Doch die Küchen blieben bestehen – als Orte des Überlebens und der politischen Praxis. Federici zeigt daran, wie Reproduktionsarbeit politisch werden kann, wenn sie kollektive Strukturen schafft und bestehende sozialräumliche Ordnungen infrage stellt.

Natürlich lässt sich Reproduktionsarbeit nicht (mal so eben) vollständig und gerecht vergesellschaften. Zu tief verwurzelt sind Routinen und Rollenmuster. Ein Beispiel: Spültücher. In vielen Gemeinschaftsküchen, Nachbarschaftszentren oder Kochkollektiven gibt es keine Waschmaschinen. Also nimmt eine Person die benutzten Lappen mit nach Hause, wäscht sie, bringt sie zurück. Eine unsichtbare Aufgabe, meist übernommen von Menschen, die diese Art von Arbeit sowieso im Blick haben. Oft wird das jahrelang nicht thematisiert. Die sauberen Lappen sind einfach da. Und manche merken gar nicht, dass es jemand tut.

Aber Gemeinschaftsküchen zeigen, dass es zeitweise und räumlich begrenzt gelingen kann, Verantwortung zu teilen und Reproduktionsarbeit sichtbar zu machen und zu thematisieren.

Rebellion aus der Küche

KüfA übernehmen nicht nur einen Anteil an der Versorgung mit leistbarem Essen, sie schaffen Frei-Räume und ermöglichen politische Teilhabe. Ob auf Konferenzen, in Workshops, bei Demonstrationen oder Protestcamps: Ohne Essen läuft nichts. Anders gesagt: Ohne Reproduktionsarbeit kann sich niemand die Energie für politische Diskussionen aufbringen oder an einer langen Demonstration teilnehmen.

Schon bei der Organisation zeigt sich, wie essenziell diese Arbeiten ‚drum herum‘ sind. Und wie oft sie unterschätzt werden. Wer kocht, während andere diskutieren? Wer sorgt dafür, dass genug Teller, Messer und Zutaten da sind? Wie viel Platz kann im Programm für Reproduktionsarbeiten‚geopfert‘ werden? Für Menschen, die im Alltag ohnehin viel Sorgearbeit leisten, kann eine Konferenz auch eine Erholung von der Alltagsbelastung sein – in Planungsgesprächen ein zentrales Thema, das allerdings auch für Streit sorgen kann.

Gemeinsames Kochen ist niedrigschwellig, aber auch herausfordernd. Wie bereits erwähnt, treffen hier unterschiedliche Kochstile, Ernährungsweisen, Bedürfnisse, Ressourcen und Erfahrungshorizonte aufeinander. Auch in selbstorganisierten Räumen braucht es Struktur: Eine Anleitung hilft, besonders um neue oder unsichere Personen mitzunehmen. Es braucht Vor- und Nachbereitung, und diese Arbeit erstreckt sich über den Zeitraum des gemeinsam in der Küche stehen hinaus. Eine KüfA zu organisieren ist viel Planungsarbeit: Wo kommen die Materialen her, wo die Lebensmittel? Welches Budget kann genutzt werden? Wer kocht mit und sagt verbindlich zu? Welche Infrastruktur ist gegeben? Was wird gekocht? Wer kann das Vehikel mit dem Material fahren und wer bleibt bis zum Abbau? Und auch: wie sorgen alle dafür, dass sich in der Küche niemand übernimmt und auch dort alle versorgt sind?

Hinzu kommt ein oft übersehenes Problem: geeignete Räume. Kaum ein Nachbarschaftszentrum oder Kulturhaus ist mit einer Küche ausgestattet, die für größere Gruppen ausgelegt ist. Improvisation ist die Regel: Aufenthaltsräume und Hinterhöfe werden zur Küche, Esstische werden zu Arbeitsflächen, Messer und Schürzen von Zuhause mitgebracht, und oft weiß niemand vorher welche Lebensmittel für das Kochen gerettet werden. Das ‚klassische‘ KüfA-Curry ist meist eine pragmatische Lösung.

Diese Beispiele zeigen zweierlei: Erstens, wie aufwendig die Organisation von Verpflegung ist – sei das Menü auch noch so ‚einfach‘. Und zweitens, dass diese Arbeit politisch ist.

Auf Protestcamps übernehmen KüfA die Reproduktionsarbeit – damit andere demonstrieren, blockieren oder Workshops geben können. Das oft zitierte Motto bringt es auf den Punkt: ‚Ohne Mampf kein Kampf‘. Dabei geht es nicht nur um Sättigung, sondern um Regeneration, Gemeinschaft, Verbindung. Eine warme Mahlzeit nach einem Tag in Matsch und Regen, eine frische Waffel, ein heißer Tee – all das stärkt Körper, Geist und das Durchhaltevermögen. Einige Kollektive reisen mit einem Pizzaofen oder einem Waffeleisen an. Sie tun dies nicht nur, um für das leibliche Wohl zu sorgen, sondern auch, um einen Moment der Fürsorge, der Freude und des Ankommens zu ermöglichen. Gemeinsam zu (ver)sorgen macht mehr Spaß und zeigt, dass Solidarität sich nicht einfach vorkochen lässt, sondern durch Handeln, Teilen und immer wieder neues Abschmecken entsteht.

Wie wir zusammenleben und füreinander sorgen wollen

Nicht zuletzt ist Kochen auch ein politischer Einstiegspunkt: Ein KüfA-Essen eignet sich, um Personen anzulocken, die sich das Ganze erst einmal anschauen wollen. Wer neu zu einem Protest dazukommt oder sich unsicher fühlt, kann sich in der Küche dem Geschehen annähern – ohne den Druck direkt sich in die Menschenmassen oder ‚in Aktion‘ zu begeben. Den ganzen Tag Kartoffeln zu schnippeln ist ein genauso wichtiger Beitrag zum Gelingen einer Protestaktion. Gleichzeitig ist es möglich, sich hier zurückzuziehen und sich acht Stunden nur aufs Gemüse waschen zu konzentrieren. Die Küche ist meist zentral gelegen und erster Anlaufpunkt, hier ist neben dem Kochen auch Raum zum Kennenlernen, Quatschen, Trösten, Diskutieren, Ermutigen, Erholen.

Gemeinschaftsküchen erinnern uns daran, dass Fürsorge nicht im Stillen geschehen muss. Wenn gekocht, gegessen und gestritten wird – gemeinsam, öffentlich, solidarisch –, entsteht etwas, das weit über die Mahlzeit hinausgeht. Diese Räume sind unbequem, provisorisch, manchmal chaotisch – und genau deshalb politisch. Sie holen soziale Reproduktion aus der privaten Isolation, machen sie sichtbar und kollektiv verhandelbar. Gemeinschaftsküchen zeigen, dass Reproduktionsarbeit nicht bloß Hintergrundrauschen ist, sondern ein zentrales Fundament des Zusammenlebens. Die gemeinsamen Praktiken des Kochens und Füreinander Sorgens wirken als Widerstand: gegen neoliberale Privatisierung von Alltagsversorgung und die strukturelle Unsichtbarkeit von Sorgearbeit. Denn am Ende steht nicht nur ein Teller auf dem Tisch, sondern die Frage, wie wir zusammenleben und füreinander sorgen wollen.

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