Ökologische Souveränität: Frieden als Befreiung vom Extraktivismus

Eine Einwohnerin des Jequitinhonha-Tals blickt aus dem Fenster auf eine Halde von Bergbauabfällen, die bei der Lithiumgewinnung entstanden sind. Foto: Amanda Magnani.
Halde von Abfällen, die bei der Lithiumgewinnung im Jequitinhonha-Tal entstanden sind. Foto: Amanda Magnani.

Wird Frieden auf Stabilität, die Verteidigung der nationalen Sicherheit und den Schutz des Wirtschaftswachstums reduziert, wird er zum Handlanger des extraktiven Entwicklungsmodells. In ihrem Beitrag zur Reihe „Pluriverse of Peace“ plädiert Barbara Magalhães Teixeira für ein anderes Verständnis von Frieden als Befreiung. Dazu gehört der Abbau der Strukturen, die Gemeinschaften verwundbar machen, sowie die Wiederherstellung von Land, Autonomie und Würde.

*

In den Gebieten des Globalen Südens findet die Semantik des Friedens bei den Kämpfen derjenigen, die Land, Wasser und Leben verteidigen, nicht immer Resonanz. Für Umweltschützer*innen, indigene Völker, Quilombola- und Bäuer*innengemeinschaften, die sich gegen die Ausweitung von Bergbau, Agrarindustrie und Energie-Megaprojekten wehren, ist der Begriff des Friedens oft mit Vorstellungen von Entwicklung verbunden, die ihr Überleben seit Beginn der Kolonialzeit bedrohen.

Wird Frieden auf Stabilität, die Verteidigung der nationalen Sicherheit und den Schutz des Wirtschaftswachstums reduziert, unterwirft er sich dem extraktiven Entwicklungsmodell. Denn dabei wird davon ausgegangen, dass Bergbau, Agrarindustrie und andere extraktive Industrien Fortschritt bringen und sich die Gemeinschaften an deren Auswirkungen anpassen sollten, anstatt sie infrage zu stellen. Hier wird Widerstand als ein Problem dargestellt, das es zu bewältigen gilt, und nicht als legitime Verteidigung des Territoriums. Gemeinschaften werden so zu Hindernissen für Wachstum und Entwicklung, statt zu Subjekten politischer Vorstellungskraft. In diesem Zusammenhang scheint ‚Frieden‘ ein bequemer Begriff für Staaten, Unternehmen und internationale Institutionen zu sein. Er entspricht jedoch selten den Lebensrealitäten und Wünschen der Menschen, die von ökologischer Zerstörung und gewalttätigen Konflikten am stärksten betroffen sind.

In diesem Essay werde ich für ein anderes Verständnis von Frieden als Befreiung plädieren: Es geht um den Abbau von Strukturen, die Gemeinschaften verwundbar machen, sowie um die Wiederherstellung von Land, Autonomie und Würde. In diesem Sinne ist Frieden die kollektive Neugestaltung einer Zukunft jenseits der Ausbeutung. Um zu verstehen, warum Befreiung für den Frieden von zentraler Bedeutung ist, müssen wir den Extraktivismus zunächst als System der Gewalt betrachten und uns mit den Praktiken der ökologischen Souveränität befassen, die im Globalen Süden entstehen und diesem System konkret entgegenwirken.

Extraktivismus als System der Gewalt

Extraktivismus wird oft als Wirtschaftsmodell, politische Entscheidung oder notwendige Entwicklungsphase betrachtet. Aus feministischer und dekolonialer Perspektive kann er jedoch als ein System verstanden werden, das Macht, Raum und das Leben selbst nach der Logik der Ausbeutung und Kapitalakkumulation organisiert. In diesem System ist Gewalt keine Anomalie, sondern strukturell verankert.

Extraktivismus wird durch drei sich gegenseitig verstärkende Formen des Schadens aufrechterhalten. Direkte Gewalt zeigt sich in Landenteignung, toxischer Belastung, Einschüchterung und der Tötung von Umweltaktivist*innen. Strukturelle Gewalt manifestiert sich in ungleichen Zugängen zu Land, Gesundheit und Lebensgrundlagen sowie in der Umwandlung ganzer Regionen in Opferzonen. Kulturelle Gewalt wirkt durch Narrative, die all dies als unvermeidlichen ‚Fortschritt‘ normalisieren und dabei oft eine eurozentrische und koloniale Weltanschauung reproduzieren.

Zusammen stabilisieren diese Formen der Gewalt eine Ordnung, in der bestimmte Gebiete und Leben ständig als entbehrlich behandelt werden. Die strukturelle Marginalisierung von Gemeinschaften ermöglicht ihre gewaltsame Enteignung, die wiederum von kulturellen Narrativen abhängt, welche die Opfer für das ‚Wohl der Allgemeinheit‘ normalisieren. Im Falle des Wirtschaftswachstums beispielsweise ist es ein Opfer für das Wohl der Nation. Im Falle des Klimawandels ist es zum Wohle der Welt. Diese Narrative werden wiederum durch direkte Repression durchgesetzt, wenn sich Gemeinschaften gegen die Ausweitung der Rohstoffgewinnung wehren.

Das Verständnis dieser systemischen Natur des Rohstoffabbaus macht deutlich, dass es nicht ausreicht, nur die direkte Gewalt zu bekämpfen, um Frieden zu schaffen. Solange kulturelle Gewalt strukturelle Schäden legitimiert und strukturelle Gewalt Gemeinschaften für direkte Angriffe anfällig macht, wird sich der Kreislauf von Rohstoffabbau und Gewalt fortsetzen.

Ein befreiender Ansatz für Frieden

Ein befreiender Frieden zielt darauf ab, sowohl die symbolischen als auch die materiellen Strukturen zu negieren, die Gewalt und Herrschaft in einem extraktiven System hervorbringen und reproduzieren, statt sie zu stabilisieren. Aus dieser Perspektive ist es unmöglich, Frieden als befreiende Praxis zu etablieren, wenn er auf gewalttätigen Systemen des Extraktivismus, der Unterdrückung und der Kolonialisierung basiert. Wird der Weg zum Frieden nur durch die Intensivierung von Ausbeutung und Wirtschaftswachstum gedacht, bleibt er innerhalb derselben Architektur gefangen, die Verwundbarkeit und Gewalt erzeugt.

Ein befreiendes Verständnis von Frieden erweitert den Blickwinkel: Frieden wird dabei als ein politischer Kampf um die Organisation von Territorien und Leben betrachtet und nicht als ein technisches Problem des Konfliktmanagements. Um die Strukturen zu verändern, die Gewalt ermöglichen, müssen Fragen wie die folgenden beantwortet werden: Wer kontrolliert Land und Ressourcen? Wer hat die Entscheidungsgewalt? Wessen Wissen wird geschätzt? Wessen Leben wird geschützt? Wessen Territorien werden geopfert?

An dieser Stelle ist die Umverteilung von Ressourcen und Macht von zentraler Bedeutung für dieses Verständnis von Frieden. Da Extraktivismus ein System direkter, struktureller und kultureller Gewalt hervorbringt und aufrechterhält, kann Frieden nicht allein durch eine geringfügige Änderung der Verwaltung dieses Systems erreicht werden. Frieden erfordert eine Transformation der materiellen und politischen Beziehungen, die diese Gewalt ermöglichen. Mit anderen Worten: Es bedarf einer Umverteilung von Ressourcen und Macht, damit sich Gemeinschaften nicht nur vor Schaden schützen, sondern auch die Strukturen und Narrative aufbrechen können, die diesen Schaden normalisieren.

Eine solche Umverteilung ermöglicht es den Gemeinschaften, direkte und strukturelle Gewalt zu bekämpfen und gleichzeitig die kulturelle Gewalt zu untergraben, welche diese legitimiert. Dadurch wird Raum geschaffen, um Entwicklung und Frieden nach eigenen Vorstellungen neu zu definieren.

Nein sagen als Praxis ökologischer Souveränität

In der Regel werden Entscheidungen über Megaprojekte weit entfernt von den Gebieten getroffen, die sie verändern. Dies geschieht durch undurchsichtige Genehmigungsverfahren und Vereinbarungen zwischen Staat und Unternehmen, bei denen nationale Wachstumsnarrative oder globale Dekarbonisierungsbemühungen gegenüber dem lokalen Wohlergehen privilegiert werden. Zwar werden Gemeinschaften zur ‚Teilnahme‘ eingeladen, doch haben sie selten die Befugnis, Nein zu sagen. Ohne Vetorecht oder die echte Möglichkeit, die Bedingungen für die Veränderung ihres Territoriums festzulegen, wird die Teilnahme zu einem Mittel, um Dissens zu kontrollieren. Frieden wird so zur Forderung nach Konformität innerhalb eines extraktivistischen Horizonts.

Deshalb basiert mein Verständnis von Frieden als Befreiung auf dem Recht, Nein zu sagen, also der Weigerung, Extraktivismus als universellen Weg zu Entwicklung und Fortschritt zu akzeptieren. Solche Ablehnungen werden oft als Bedrohung für die wirtschaftliche Stabilität dargestellt. Sie drücken jedoch einen grundlegenden demokratischen Anspruch aus: das Recht, die ökologischen und sozialen Lebensbedingungen zu schützen und gemeinsam zu entscheiden, was als nachhaltig und als Fortschritt gilt – und für wen. In der Praxis durchbricht das ‚Nein-Sagen‘ die kulturelle Gewalt, die Opfer als unvermeidlich darstellt, und stellt gleichzeitig die strukturellen Arrangements infrage, die Enteignung politisch möglich machen.

Hier hilft der Begriff der ökologischen Souveränität, das zu benennen, was im Zentrum dieser Ablehnung steht: die kollektive Fähigkeit, die ökologischen Grundlagen des Lebens zu erhalten, zu regenerieren und demokratisch zu entscheiden, wie diese Grundlagen verwaltet und genutzt werden – und nicht die einfache ‚lokale Kontrolle‘ über Ressourcen. Dieses Konzept verbindet die Notwendigkeit der Umverteilung von Ressourcen als materielle Lebensgrundlage mit der Umverteilung von Macht als Entscheidungsgewalt. Gleichzeitig wird die Erzählung konfrontiert, die Extraktivismus als einzige und universelle Zukunftsoption legitimiert.

Praxis der Weltgestaltung

Nein zu sagen ist also nicht nur ein Akt der Ablehnung, sondern auch eine Praxis der Weltgestaltung. Es schafft Raum für andere Formen des Bewohnens und Regierens von Territorien und ermöglicht es Gemeinschaften, sich für Agrarökologie statt Monokultur, für kommunale Energieversorgung statt Unternehmensnetze und für Gemeingüter statt Einfriedung zu entscheiden. Im Globalen Süden praktizieren Gemeinschaften bereits ökologische Souveränität in ihrem Kampf gegen den Extraktivismus. Zwei Beispiele aus meiner Forschung in Brasilien veranschaulichen, wie das ‚Nein-Sagen‘ zu einer konkreten Praxis des Friedens als Befreiung wird.

Im Jequitinhonha-Tal wird der Lithiumabbau als Tor zur Inklusion in die grüne Wende gefördert. Die Region wurde in ‚Lithium-Tal‘ umbenannt und ihre Flüsse, Böden und Menschen innerhalb globaler Lieferketten neu positioniert. Lokale Bewegungen protestieren gegen die kulturelle Gewalt dieser Umbenennung sowie die damit verbundenen territorialen Veränderungen. Sie machen auf die Wasserknappheit, den Landraub und die soziale Fragmentierung aufmerksam, die mit dem Bergbau einhergehen. Sie bestehen darauf, dass ihre Region nicht auf ein Reservoir an wichtigen Mineralien reduziert werden darf. Ihre Ablehnung geht mit konkreten Vorschlägen einher: Stärkung der Agrarökologie, Schutz der Wasserquellen und Erhalt der Lebensweise der Quilombolas und Indigenen. Hier ist das Nein zur Lithiumgewinnung untrennbar mit dem Ja zu anderen territorialen Zukunftsperspektiven verbunden. Ökologische Souveränität erscheint dabei sowohl als Verteidigung als auch als Vorstellungskraft: Die Gemeinschaften wehren sich gegen Rohstoffprojekte und kultivieren gleichzeitig alternative Lebenshorizonte.

Am Rande von Brasiliens Hauptstadt bietet die Bewegung Movimento Bem Viver ein weiteres eindrucksvolles Beispiel für Frieden als Befreiung in der Praxis. Die Bewegung ist in ländlichen und städtischen Gebieten aktiv und vereint Kleinbäuer*innen, Bewohner*innen der Favelas, feministische und schwarze Kollektive sowie indigene Aktivist*innen, um Land und Politik aus den Händen der Agrarindustrie und des zunehmenden Autoritarismus zurückzugewinnen. Ihre Arbeit reicht vom Aufbau agroökologischer Siedlungen und gemeinschaftlicher Saatgutbanken bis hin zum Betrieb solidarischer Wirtschaftsmärkte, dem Aufbau von Netzwerken der gegenseitigen Hilfe und dem Erringen gemeinsamer Wahlmandate, die politische Ämter als Gemeingut und nicht als private Karrieren betrachten. Ökologische Souveränität nimmt hier sowohl im Boden als auch im Bereich der Repräsentation Gestalt an: in der Fähigkeit, degradierte Gebiete zu regenerieren und sie mithilfe demokratischer Institutionen zu verteidigen.

Eine demokratische Schwelle

In diesem Essay argumentiere ich, dass Frieden als Befreiung durch die Umverteilung von Ressourcen und Macht sowie durch die Ablehnung von Opfern als Preis für Fortschritt erreicht werden kann. Das Recht, Nein zu sagen, durchbricht die durch Extraktivismus normalisierte Gewalt und schafft Raum für ökologische Souveränität als kollektive, demokratische Autorität über die ökologischen Grundlagen des Lebens. Es geht dabei nicht nur um Widerstand, sondern um eine demokratische Schwelle: den Anspruch, selbst zu entscheiden, was Entwicklung bedeutet, was schützenswert ist und wie Gebiete organisiert werden sollten – weg von der Verwaltung, hin zur Selbstverwaltung.

Während die Welt einen Wiederaufschwung des fossilen Kapitals erlebt, vertiefen ‚grüne‘ Imperative alte und neue Grenzen der Enteignung. Im Gegensatz dazu befürworten Befreiungspraktiken einen Weg zum Frieden, der nicht der Ausbeutung unterworfen ist, sondern vielmehr ein langsamer und umstrittener Prozess ist, in dem Gemeinschaften ihre eigene territoriale Zukunft aufbauen.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.