In den letzten Jahren hat sich die Bedeutung des Monats Juni in Bulgarien gewandelt. Was früher den Beginn des Sommers und der Freizeit markierte, steht heute für Wasserknappheit, Mangel, Dürre und Unbehagen. Rositsa Kratunkova untersucht, wie marginalisierte Gemeinden und Stadtteile am stärksten betroffen sind und eine neue Welle von Kämpfen für Umweltgerechtigkeit auslösen.
*
Im Juni dieses Jahres waren rund 100 Städte und Dörfer von einer unterbrochenen Wasserversorgung betroffen, im vergangenen Sommer waren es sogar 600, wodurch 500.000 Menschen – etwa 8 Prozent der Bevölkerung – in Mitleidenschaft gezogen wurden. Anders als in den Vorjahren, als nur Dörfer betroffen waren, leiden nun auch mittelgroße Städte unter den Folgen der zunehmenden Dürren in Verbindung mit einer maroden Wasserinfrastruktur. Angesichts dieses Problems, das viele als Rückkehr zur Vormoderne empfinden, gehen die Menschen auf die Straße, um von den Behörden Maßnahmen zu fordern.
In einigen Fällen werden bereits stigmatisierte Bevölkerungsgruppen für die Dürre und die Infrastrukturprobleme verantwortlich gemacht. Dies deutet darauf hin, dass sich durch die Verschärfung des Klimawandels die bestehenden Spaltungen zwischen sozialen und ethnischen Gruppen noch verstärken werden. Können die Proteste für fließendes Wasser als neue Welle von Umweltgerechtigkeitsbewegungen betrachtet werden oder handelt es sich um ein anderes Phänomen?
Was ist Umweltgerechtigkeit?
Ein Blick auf den Global Atlas of Environmental Justice, das wichtigste Instrument zur Verfolgung solcher Themen, zeigt, dass Wasserkonflikte in Europa vor allem mit Wasserkraftwerken, dem Bau von Staudämmen und Wasserverschmutzung zusammenhängen. In einigen Fällen sind davon Roma-Siedlungen in Dörfern betroffen, die von der Hauptwasserversorgung abgeschnitten sind, wie in Ungarn und der Slowakei. Zwar wurden Unterbrechungen der Wasserversorgung bislang noch nicht als Umweltungerechtigkeit anerkannt, doch sie haben in Bulgarien in den letzten zwei Jahren zu erheblichen sozialen Unruhen geführt.
Seit seinen Anfängen in den 1980er Jahren hat sich der Begriff der Umweltgerechtigkeit erheblich erweitert. Ursprünglich wurde er als Kritik an den als zu abstrakt und zu weit vom Leben der Menschen entfernt angesehenen Umweltbewegungen in den USA geprägt. Das Konzept sollte stattdessen die Kämpfe von Communities of Color gegen Umweltverschmutzung und -risiken bezeichnen, von denen sie überproportional betroffen sind. Seither hat sich das Konzept über die Verteilung von Gefahren hinaus erweitert und ist materiell, räumlich sowie politisch gewachsen. Heute umfasst Umweltgerechtigkeit multidimensionale, miteinander verknüpfte Aspekte der Ungerechtigkeit in Bezug auf Verteilung, Anerkennung und Teilhabe. Politische Ökologie und Umweltgerechtigkeit überschneiden sich, da Umweltungerechtigkeiten in kapitalistischen Akkumulationsprozessen und Machtstrukturen verwurzelt sind, die bestimmte soziale Klassen privilegieren. Sozioökologische Veränderungsprozesse sind niemals sozial oder ökologisch neutral, sondern von Natur aus widersprüchlich und konfliktträchtig. Mit anderen Worten: Umweltveränderungen sind nicht unabhängig von Klassen-, Geschlechter-, ethnischen oder anderen Machtkämpfen. Im Kontext der Umweltgerechtigkeit muss der Zugang zu einer gesunden Umwelt und zu grundlegender öffentlicher Infrastruktur unabhängig vom sozioökonomischen Status, der Rasse, dem Geschlecht usw. verfügbar und erschwinglich sein.
Jüngste Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass es unerlässlich ist, alle drei Dimensionen der Gerechtigkeit zu berücksichtigen. Erstens betrifft die Verteilungsgerechtigkeit die zeitliche und räumliche Verteilung der Umweltauswirkungen auf die Bevölkerung. Zweitens erfordert die Verfahrensgerechtigkeit bzw. Partizipation, dass Gemeinschaften Zugang zu Informationen haben und bei Entscheidungen, die sie betreffen, mitreden können. Drittens bezieht sich Anerkennung auf die Anerkennung kollektiver Identitäten, Geschichten sowie sozialer Ungleichheiten von Individuen und Gruppen innerhalb der politischen Gemeinschaft.
Diese Dimensionen werde ich bei der Analyse der Proteste für den Zugang zu Wasserinfrastruktur in Bulgarien im Jahr 2024 behandeln.
Der Wassersektor in Bulgarien
Wasserproteste für den Zugang zu Infrastruktur fanden sporadisch und in kleinem, lokalem Umfang statt, hauptsächlich in Dörfern oder Kleinstädten. Im Jahr 2024 kam es jedoch zu einer Zunahme dieser Art von Protesten, die durch die extreme Dürre und die marode Infrastruktur erklärt werden kann. Laut dem bulgarischen Nationalen Statistikinstitut (NSI) waren im Jahr 2022 lediglich 2,78 Prozent der Bevölkerung von Wasserknappheit betroffen. Dies ist hauptsächlich auf den hohen Wasserverbrauch zur Kühlung von Stromerzeugungsanlagen zurückzuführen. Im Jahr 2023 stieg der Anteil der von Wasserrestriktionen betroffenen Bevölkerung auf 4,6 Prozent, im Jahr 2024 sogar auf 7,6 Prozent (Angaben der Grünen).
Der Großteil der Wasserinfrastruktur wurde während der sozialistischen Ära gebaut. Damals stieg der Anteil der an das Netz angeschlossenen städtischen und ländlichen Gebiete von 18 Prozent im Jahr 1946 auf 81 Prozent im Jahr 1985 (NSI). Der Zugang zu Leitungswasser in den Haushalten war ein Symbol der Modernität und diente einem ideologischen Zweck des Sozialismus, indem er eine bessere Lebensqualität versprach und die Kluft zwischen Stadt und Land sowie zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen überbrückte. Die Leitungen verbanden die Haushalte physisch mit den Wasserbehörden und stellten somit die symbolische Verbindung zwischen einem paternalistischen Staat und seinen Bürger*innen her.

Nach 1989 durchlief Bulgarien eine rasche und massive Umstrukturierung des Wassersektors. Wie Segond (2024) erläutert, erfolgte diese Umstrukturierung unter dem Druck der Weltbank und der Kohäsionspolitik der EU. Diese legten dem Staat eine neoliberale Umweltagenda aufer. Diese Veränderungen haben zu einer Verschärfung der Ungleichheiten zwischen den Regionen, einer unzureichenden Finanzierung des Sektors sowie einem Verlust an Fachwissen und Kapazitäten für die Instandhaltung der Infrastruktur geführt. Infolgedessen verzeichnen bestimmte Gebiete mittlerweile Wasserverluste von über 80 Prozent, und einigen Wasserversorgungsunternehmen fehlen Wasserbauingenieure gänzlich. Das Durchschnittsalter der Beschäftigten in diesem Sektor liegt bei über 50 Jahren und die Gehälter sind unterdurchschnittlich, was zu einem mangelnden Interesse an diesem Beruf führt.
Verteilung
Ein Faktor, der die Wassersituation zusätzlich verschärft hat, ist der Klimawandel, der in einem Land, das ohnehin schon arm an Süßwasserquellen ist, zu anhaltenden Dürren geführt hat. Im Jahr 2024 sank der Wasserstand im Vergleich zum Vorjahr um 72 Prozent, in bestimmten Gebieten, wie beispielsweise der Donau-Ebene im Norden, sogar um 82 Prozent.
Es überrascht nicht, dass sich die Unruhen in der Bevölkerung auf die am stärksten betroffenen Gebiete konzentrierten. Der Klimawandel wirkt sich nicht auf alle Gebiete gleichermaßen oder mit derselben Schwere aus. Daher sind die Folgen für die Umwelt ungleich verteilt. Der Norden Bulgariens ist wirtschaftlich weniger entwickelt als die Hauptstadt Sofia und andere Städte im Süden des Landes. Tatsächlich ist er eine der ärmsten Regionen der EU. Die Wasserpreise gehören dort zu den höchsten, da für die Wasserversorgung in großem Umfang Strom verwendet wird.
Diejenigen, die gegen Wassersperren protestieren, beklagen die ungleiche Verteilung der verfügbaren Mittel, durch die einige Gebiete gegenüber anderen bevorzugt werden.
Beteiligung
Die Proteste gegen die Wassersperren im Jahr 2024 bringen die Frustration der Einwohner*innen darüber zum Ausdruck, in der Moderne zurückgelassen worden zu sein. Sie fühlen sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt. Eine solche Situation ist mit der EU und dem Schengen-Raum unvereinbar. An einigen Orten schlossen sich Bürgermeister*innen den Protesten an und schickten Briefe an die Ministerien. So sandte beispielsweise der Stadtrat von Pleven, einer 92.000 Einwohner*innen zählenden Stadt, eine Erklärung an den Präsidenten, das Parlament und die Regierung, in der er konkrete Schritte zur Verbesserung der Wasserversorgung forderte.
Anerkennung
Die Proteste fanden große Beachtung in den Medien und das Parlament beschloss erstmals die Einrichtung einer temporären Kommission, die die Dürre untersuchen und Strategien zu ihrer Bekämpfung entwickeln soll. Die Politiker*innen erkennen den Einfluss des Klimawandels und der Infrastrukturprobleme an und sind sich einig, dass mehr Investitionen erforderlich sind. Gleichzeitig bezeichnen sie das Wasserproblem jedoch als unpolitisch, da es uns alle verbindet, und sagen, dass wir nach einer gemeinsamen Lösung suchen sollten, die politische und parteipolitische Gräben überwindet.
Die Folgen des Wassermangels
In ihrer Heimatstadt Omurtag, die 7.600 Einwohner*innen hat und seit 50 Jahren mit Wasserknappheit zu kämpfen hat, beschreibt Behrin Shopova (2021) die langfristigen Folgen des Wassermangels.
Gesundheit: Die Unmöglichkeit, eine gute Hygiene aufrechtzuerhalten, hat physische und psychische Auswirkungen.
Wirtschaft: Mangel an Investitionen und Arbeitsplätzen in der Stadt.
Soziale und migrationsbezogene Folgen: Die Menschen verkaufen ihre Wohnungen und ziehen in Städte mit besserer Wasserversorgung oder wandern ins Ausland aus. Einige Migrant*innen, die Verwandte besuchen, brechen ihren Besuch aufgrund des Wassermangels vorzeitig ab.
Ethnische Folgen: Es kommt zu Veränderungen in der ethnischen Zusammensetzung: Bulgar*innen und Türk*innen, die es sich leisten können, wegzuziehen, werden in Omurtag durch eine ärmere Roma-Bevölkerung ersetzt, die nach günstigem Wohnraum sucht.
Knappheit führt zu ethnischen Spannungen
Wasserknappheit kann Spannungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen verschärfen und eine ohnehin schon komplizierte Situation weiter verschlechtern. Dies zeigt sich deutlich in Sliven, einer Stadt mit rund 83.000 Einwohnern und dem Roma-Viertel Nadejda mit rund 10.000 Einwohnern. Den Roma wird vorgeworfen, keine ‚Wassernutzungskultur‘ zu haben und Wasser zu verschwenden, für das sie nicht bezahlen. Unterdessen liegen die Wasserverluste in der Region bei über 80 Prozent und Wasserknappheit ist an der Tagesordnung.
Das Viertel Nadejda ist physisch und symbolisch durch eine Betonmauer von der Stadt abgeschnitten. Es ist von einem Industriegebiet umgeben. Die soziale und territoriale Stigmatisierung wird durch den Diskurs der Politiker*innen verstärkt. Diese beschreiben Nadejda als ‚Zone ohne Gesetze und Regeln‘ und als gefährlichen Ort, wodurch die bestehende Wahrnehmung der Nadejdaner als abweichende Andere weiter verstärkt wird. Die Stigmatisierung des Viertels wird von den Wasserwerken und Behörden genutzt, um Nadejda von Wasserinfrastrukturprojekten auszuschließen. Infolgedessen wird die Wasserversorgung in Nadejda jeden Abend um 20 Uhr unterbrochen und morgens wiederhergestellt – unter dem Vorwand, die Roma würden ihre Wasserrechnungen nicht bezahlen. In Wirklichkeit dienen die Unterbrechungen jedoch, wie der ehemalige Direktor der Wasserwerke zugab, dazu, die umliegenden Industriebetriebe mit ausreichend Wasser zu versorgen.
Im November organisierte ein Stadtrat der rechten Partei eine Protestaktion gegen die Erhöhung des Wasserpreises um 20 Prozent. Diese Änderung war von der Wasserversorgungsgesellschaft gefordert worden, da der Pegel des Stausees aufgrund der geringen Niederschläge zu niedrig war, um genutzt werden zu können, und Wasser mit hohem Stromverbrauch aus dem Grundwasser gepumpt werden musste. Trotz dieser Begründung forderten die Demonstrant*innen, dass die Roma für ihr Wasser bezahlen sollten, und richteten ihre Unzufriedenheit gegen eine Bevölkerungsgruppe, die ohnehin nur sehr eingeschränkten Zugang zu Wasser hat.
Neue Welle von Kämpfen für Umweltgerechtigkeit
Die Wasserproteste in Bulgarien zeigen, dass der Klimawandel in Verbindung mit maroder Infrastruktur eine neue Form des Kampfes für Umweltgerechtigkeit hervorgebracht hat. Die Folgen des mangelnden Zugangs zu regelmäßigem Wasser treffen die Bevölkerung ungleich, wodurch bestehende wirtschaftliche, soziale und räumliche Ungleichheiten verschärft werden. In einigen Fällen werden stark stigmatisierte und rassistisch diskriminierte Bevölkerungsgruppen für die Dürre und die marode Infrastruktur verantwortlich gemacht. Dies deutet darauf hin, dass sich die bestehenden Spaltungen zwischen sozialen und ethnischen Gruppen durch den sich verschärfenden Klimawandel noch verstärken werden.