Es bedarf eines gesellschaftlichen Wandels, der die affektiven Rahmenbedingungen kapitalistischer Gesellschaften grundlegend verändert, um politische und wirtschaftliche Teilhabe für alle zu ermöglichen. Wie Felicitas M. Kübler in ihrem Beitrag zur „Deep Democracy“-Reihe argumentiert, gilt es, aus einem Primat der bürgerlichen Kälte, die Leiden und Opfer rechtfertigt, Voraussetzungen für ein solidarisches Miteinander zu schaffen.
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Die Welt ist in Aufruhr. Es scheint mittlerweile kaum ein Tag zu vergehen, ohne neue schreckliche Nachrichten, die von Zerstörung oder drohender Zerstörung berichten. Zuletzt etwa Trumps martialische Androhungen an den Iran, darunter “A whole civilisation will die tonight.”
Die Umsetzung solidarischer und demokratischer Projekte, wie beispielsweise von der Zivilbevölkerung im Iran gefordert, erscheint zunehmend unmöglich. Diese Verunmöglichung ist auch immer mit Leid verbunden. Doch dieses Leiden scheint in den vergangenen Jahren zunehmend hingenommen zu werden, während solidarische Proteste verpuffen. Allgemein scheint sich somit ein Klima der Kälte sowohl gegenüber den Leidenden als auch gegenüber jenen, die sich solidarisch zeigen wollen, zu verfestigen.
Angesichts dieser Entwicklungen werde ich mich in diesem Text mit einer affektiven Struktur – der Kälte – auseinandersetzen, die für den gesellschaftlichen Umgang mit den Verwerfungen der Polykrise relevant ist. Denn diese Kälte, so mein Argument, stellt eine zentrale Herausforderung für die Umsetzung einer Deep Democracy dar.
Rechtfertigung von Leid
Mit Kälte beziehe ich mich auf den Begriff der bürgerlichen Kälte, den der Pädagoge Andreas Gruschka geprägt hat. Das Konzept geht auf ältere Arbeiten der Frankfurter Schule, insbesondere die „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zurück. Bürgerliche Kälte bezeichnet die affektive Struktur, durch die Leid wahrgenommen und zugleich rationalisiert wird. Das bedeutet nicht, dass sich bürgerliche Kälte als Gefühlskälte oder Abwesenheit von Emotion übersetzt. Vielmehr wird durch sie Leiden gerechtfertigt und als notwendiges Übel verhandelt. Beispielsweise werden Umweltzerstörung im Rahmen von Infrastrukturprojekten und der damit verbundene Verlust von Lebenswelten von Menschen und Tieren als notwendiger Preis des Fortschrittes konstruiert.
Die Philosophin Henrike Kohpeiß formuliert Kälte des Weiteren als Bestandteil kolonialer Strukturen, in denen sich die Indifferenz gegenüber dem Leiden der Anderen mit Paradigmen der Vernunft verbinden. Indifferenz und Rechtfertigung von Leid sind somit zentrale Aspekte bürgerlicher Kälte.
Zusammenfassend macht der Begriff der bürgerlichen Kälte greifbar, warum die Ungleichzeitigkeit aktueller Krisen, die Katastrophe anderswo, so allgemein akzeptiert wird, gar in die Notwendigkeit des Fortbestehens der politisch-ökonomischen Verhältnisse integriert und rationalisiert wird.Zentral für die Überlegungen dieses Textes ist die Annahme, dass Menschen nicht gleichgültig sind, sondern durch strukturelle Dynamiken ‚kalt‘ geworden sind. Somit stellt Kälte nicht nur eine beliebige affektive Struktur dar, sondern eine Voraussetzung für kapitalistische Gesellschaften – und damit eine strukturelle Herausforderung für Deep Democracy.
Funktionsdenken
Bürgerliche Kälte bildet eine affektive Struktur ab, die alle betrifft. Kälte ist eine Subjektivierungsinstanz, die in die kapitalistischen Verhältnisse und das zugehörige Konkurrenzverhältnis eingeschrieben ist. Denn Kälte ist nicht nur ein Modus, um Krisen und Leid zu begegnen, vielmehr ist sie Teil des Alltäglichen und beginnt dort, wo sich das Subjekt in der kapitalistischen Gesellschaft von den Anderen zum Zweck seiner Selbsterhaltung distanzieren muss. Nur durch Kälte kann sich das Subjekt mit den Verhältnissen, in denen es von sich selbst und den Anderen fundamental entfremdet ist, versöhnen.
Hierbei geht es mir nicht so sehr um die Entfremdung, sondern die affektive Struktur die damit verbunden ist. Denn auch hier kommen Denkformen der Distanzierung und Rationalisierung zum Tragen: während das Subjekt unter seiner entfremdeten kalten Existenz leidet, so wird dieser Zustand als notwendiges Übel der eigenen Reproduktion betrachtet. Dabei werden andere Menschen zunehmend auf die Funktionen reduziert, die sie für das Subjekt erfüllen. Konkret bedeutet das, dass andere Menschen nicht als komplexe Subjekten gesehen werden, sondern primär als Vertreter*innen gesellschaftlicher Rollen: als Kassierer*in, Busfahrer*in, Zahnärzt*in oder Lehrer*in.
Dieses Funktionsdenken steht empathischen Relationen, die Voraussetzung für Solidarität sind, entgegen. Diese Entsolidarisierung ist Ausdruck und Produkt einer Kälte, die in die Anpassung an die gesellschaftlichen Verhältnisse eingeschrieben ist und somit deren Reproduktion begünstigt. Sowohl diese Verhältnisse als auch die ihnen zugrunde liegende Kälte sollen durch Deep Democracy überwunden werden. Deep Democracy fußt schließlich auf Solidarität.
Widerstände gegen Kälte
Zugleich gibt es immer wieder Widerstand gegen diese kalten Verhältnisse. Denn die Kälte und Funktionalität der Verhältnisse rufen nicht nur bei den Anderen Leid hervor. Menschen leiden unter der direkten Konfrontation mit Kälte und können sowohl das Leiden der Anderen als auch die eigene Kälte als etwas, das nicht sein dürfte empfinden. Dadurch wird nicht nur das Leiden durch Obdachlosigkeit, Flucht, Umweltschäden oder ein autoritäres Regime anerkannt, sondern auch gesellschaftliche Dynamiken der Normalisierung und des Wegsehens problematisiert.
Protestaktionen und solidarische Organisation versuchen der Kälte der Verhältnisse etwas entgegenzusetzen. Verkompliziert werden diese Formen der Gegenwehr, indem auch sie in die gesellschaftlichen Verhältnisse eingebettet sind und somit Strukturen der Kälte reproduzieren können. Denn auch in Protestformen können konkrete Menschen und Erfahrungen hinter Zahlen verschwinden, werden komplexe Schicksale zugunsten eindimensionaler Funktionalisierungen aufgelöst, oder ursächliche gesellschaftliche Strukturen vernachlässigt.
Performativität von Protest
Kälte kann sich auch durch die Performativität von Protest äußern – wenn es weniger um den Anlass des Protestes geht, als vielmehr um die affektive Äußerung mittels derer das Subjekt die eigene Deformierung durch die kalte Welt artikulieren kann. Während das Subjekt versucht, den erkalteten Strukturen etwas entgegenzusetzen, läuft es Gefahr ebendiese zu reproduzieren.
Auch wenn Kälte sich in politischem und gesellschaftlichem Aktivismus und Protest fortschreiben kann, so ist es dennoch wichtig, solche und andere Versuche, Kälte zu überwinden, zu würdigen. Die Spenden nach Umweltkatastrophen oder Unterstützung der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer können Leben retten und konkretes Leid lindern. Solidarische Proteste mit der Zivilbevölkerung im Iran sind trotzdem ein wichtiges Signal und Teil des Diskurses darüber, in was für einer Welt wir leben möchten. Die finanzielle, symbolische und praktische Unterstützung humanitärer Organisationen, zivilgesellschaftlicher Initiativen oder Umweltschutzorganisationen vermag vielleicht die Verhältnisse, die sich zunehmend autoritär und repressiv gestalten, nicht aufzubrechen, dennoch vermögen sie in konkreten Fällen Veränderung herbeizuführen.
Vor allem unter den Vorzeichen der aktuellen autoritären Konjunktur und der zunehmenden Erosion progressiver Errungenschaften, ist der Erhalt und die Förderung solcher Initiativen und Organisationen wichtig.
Neue Formen des Gemeinsamseins
Kälte als subjektivierendes Moment ist tief in unsere gesellschaftlichen Strukturen eingeschrieben. Kälte ist auch Teil dieses Textes, ist sie doch in Gesellschaftskritik eingeschrieben, die versucht, gesellschaftliche Strukturen von außen ‚kühl und rational‘ zu betrachten, um auf diesem Weg auf Veränderung hinzuarbeiten. Auch solidarische Strukturen können Momente der Kälte reproduzieren.
Eine Realisierung von Deep Democracy steht somit vor der Herausforderung, dass sie auch auf aktuelle gesellschaftliche Strukturen der Kälte reagieren muss, doch zugleich soll ein solches Projekt durch Individuen realisiert werden, die selbst Momente der Kälte in sich tragen, welche die Verhältnisse ihnen aufgezwungen haben. Gerade vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass ein Projekt der Deep Democracy nicht nur institutionelle, sondern auch affektive Transformationen erfordert.
Angesichts der Subjektivierung, die aus der Kälte als affektive Struktur hervorgeht, geht es für ein Projekt der Deep Democracy auch darum, neue Formen des Gemeinsamseins zu finden, welche sich nicht an abstrakten Formen eines westlichen Humanismus oder einem ausgehöhlten Bekenntnis zu Menschenrechten erschöpft, sondern in konkreten, praktischen Formen, welche Gleichgültigkeit und Kälte als Momente dessen begreifen, was zu überwinden ist. Deep Democracy muss damit nicht nur auf Teilhabe zielen, sondern auch auf eine Transformation der affektiven Bedingungen, unter denen Solidarität überhaupt möglich wird.