Jenseits des Katastrophennationalismus: Warum demokratische Bewegungen ‚Territorialität‘ neu denken müssen

Pariser Kommune: Barrikaden und die Reste der Vendôme-Säule, die als Symbol der Herrschaft Napoleons von den Kommunard*innen umgestürzt worden war. Die Frauen, die eine treibende Kraft der Bewegung waren, sind mit Ausnahme von Louise Michel, die hauptsächlich wegen ihrer Schriften in Erinnerung geblieben ist, in Vergessenheit geraten. Bilder: Public Domain
Pariser Kommune: Die Frauen, die eine treibende Kraft der Kommunard*innen-Bewegung waren, sind mit Ausnahme von Louise Michel, die wegen ihrer Schriften in Erinnerung geblieben ist, in Vergessenheit geraten. Bilder: Public Domain

Demokratiemodelle und -praktiken, die leseferne Menschen ausschließen, sind von Natur aus elitär und widersprüchlich. Folglich leiden die hohen demokratischen Bestrebungen der Linken trotz ihrer beträchtlichen Bemühungen im Laufe der Geschichte, Arbeiter*innen eine Grundschulbildung zu ermöglichen, darunter. Es ist daher höchste Zeit, neu darüber nachzudenken, was uns angesichts des Katastrophennationalismus verbinden könnte, argumentiert Slave Cubela in seinem Beitrag zur „Deep Democracy“-Textserie.

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Herrschaft und Schreiben gehören zusammen. Ausbeutung, gerade in großem Maße, braucht Buchführung und Analyse. Der Kapitalismus ist dabei eine Besonderheit, weil Alphabetisierung bei ihm verbreiteter ist als in anderen herrschaftsförmigen Systemen. So begleitet seinen Aufstieg der Aufbau des modernen Universitätswesens. Er produziert immer wieder ein Übermaß an Alphabetisierung, so dass es in ihm auch abstiegsgefährdete Intellektuelle gibt. Schließlich kommt es im Kapitalismus auch zu einer Verbreitung der Alphabetisierung in den beherrschten Klassen.

Ein Nebenprodukt dieser Entwicklung ist die Entstehung der modernen Linken. Nehmen wir als Beispiel den Klassenbegriff. Zunächst ist dieser Begriff das Ergebnis politökonomischer Forschung des 18. Jahrhunderts. In den sozialen Kämpfen einer sich rapide verändernden Gesellschaft wird der Klassenbegriff dann zu einem Moment der Selbstaufklärung. Neben intellektuellen Außenseiter*innen, die oftmals als prekarisierte Journalist*innen oder Publizist*innen sich mit den Arbeiter*innen solidarisieren, sind es vor allem Handwerker*innen wie die Drucker*innen, die dafür sorgen, dass Arbeiter*innen beginnen sich als Arbeiter*innen-Klasse zu verstehen.

So weit, so trivial wird man denken. Wie anders sollte Emanzipation als zentrales Ziel der modernen Linken auch erlangbar sein, wenn nicht durch Lesen, Schreiben und (Selbst-)Aufklärung? Aber diese Entwicklung hat eine weitere Facette. Über längere Zeit hinweg führt sie die Linke in immer elaboriertere Begriffs- und Strategiesystematiken hinein. Viele Kategorien der Linken sind also bestens durchdacht, aber keinesfalls leicht verständlich. Arbeiter*innen kann man etwa an äußeren Merkmalen durchaus grob identifizieren, aber was genau macht sie zur ‚Klasse‘? Menschen aus anderen Regionen kann man z.B. manchmal hören, aber wann genau sind sie ‚Migrant*innen‘? Und was sind einfache Merkmale der ‚Multitude‘ oder von ‚LGBTQ-Menschen’?

Kaum Kapazitäten für Lesen und Schreiben

Das mag erneut unbedeutend scheinen, denn die Dechiffrierung komplex-ideologischer Verhältnisse braucht intensive Begriffsarbeit. Aber das, was man die kontraintuitiven Fundamente der Linken nennen könnte, hat praktische Implikationen. Besonders klar zeigt sich das in der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung, so dass ich mich im Folgenden auf diesen Teil der Linken konzentrieren werde. Zentral ist dabei: Die Linke bezahlt ihr kritisches Reflexionswissen mit einer Abkapselung von ihrer Basis, insofern diese bis heute aus Menschen besteht, die oft nur rudimentär lesen können, wie viele Studien zeigen. Darunter leidet folgerichtig der hohe demokratische Anspruch der Linken, auch wenn sich diese in ihrer Geschichte um die Primärbildung von Arbeiter*innen durchaus bemüht hat.

Alphabetisierung reproduziert aber nicht nur Machtstrukturen innerhalb der Working-Class-Linken: je weniger schriftbasierte Strategien von der Basis gelesen, diskutiert und korrigiert werden können, umso größer wird die Gefahr, dass diese Strategien ins Leere laufen. Wenn z.B. für belesene Linke aus dem Klassenbegriff, so wie sie es in tausend Büchern gelesen haben, eine internationalistische und klassenkämpferische Perspektive folgt, dann werden tendenziell mündlich-basierte Arbeiter*innen sich hier kaum anschließen. Für sie kommt der Begriff der Arbeiter*innenklasse deutlich unschärfer daher. Sie können ihn nicht durch Lesen und Schreiben analytisch zergliedern. Für Arbeiter*innen, die von ihrer Arbeit maximal erschöpft sind und kaum Kapazitäten für ihre intellektuelle Entwicklung durch Lesen und Schreiben haben, ist der Klassenbegriff oft nicht mehr als ein identitätsstiftendes Schlagwort.

Hinter vielen linken Einheitsbekundungen und -Demonstrationen verbergen sich deshalb schriftinduziert oft unbemerkte Risse. Diese tragen wesentlich zu den politischen Zick-Zack-Bewegungen bei, die die gesamte Geschichte der Arbeiter*innenbewegung durchziehen. 1848 muss die Linke mitansehen, wie die Arbeiter*innen vor allem für Verfassungen und nationalen Emanzipationen kämpfen. 1870/71 ziehen auch die Pariser Arbeiter*innen zunächst patriotisch in den Krieg gegen Preußen, um erst nach der Niederlage die Pariser Kommune auszurufen. 1914 genügt der Hinweis auf vermeintlich bevorstehende nationale Verteidigungskriege um die linke Internationale in eine tiefe Krise zu stürzen, erst danach kommt es zu Widerstand und Revolutionsversuchen der Arbeiter*innen.

1929 stürzt die große Depression die Weltwirtschaft in eine schwere Krise, in deren Verlauf die Arbeiter*innen in Deutschland gegenüber dem Nationalsozialismus kampflos kapitulieren und es dauert, bis es ab Mitte der 1930er Jahre zu Klassenkämpfen in den USA kommt. 1941 reagiert die UDSSR auf den Überfall der Wehrmacht nicht mit Klassenrhetorik, der Widerstand wird vielmehr unter dem Banner des Großen Vaterländischen Kriegs organisiert.

Siegeszug des Katastrophennationalismus

Besonders bemerkenswert ist dabei, dass nicht nur diese Beispiele ein Muster offenbaren: in Zeiten innerer oder äußerer Bedrohung ist es insbesondere der Nationalismus der die klassenkämpferischen Perspektiven der Linken erschwert bis verunmöglicht hat. Dafür gibt es sicherlich viele Gründe, Linke verwiesen da gern auf die Propaganda bzw. Hegemonie der Herrschenden. Aber im Nationalismus gibt es einen Aspekt, der in vielen linken Debatten kaum gesehen wird: Nationalismus hat eine Dimension, die deutlich intuitiver ist als viele linke Strategien. Ich meine den Bezug auf die Nahwelt. Auf die Welt, in der die meisten eine gemeinsame Sprache sprechen. Eine Welt, in der kulturelle Werte und Praktiken, wenn sie nicht geteilt werden, so doch zumindest grob bekannt sind. In diesem Sinne kann er sich auf das Hier und Jetzt des Alltagslebens beziehen.

Diese intuitive Dimension des Nationalismus kann einen gewissen Vorteil haben gegenüber eher abstrakten linken Begriffswelten, wie sie nicht nur die Arbeiter*innenbewegung kennt. In Krisenzeiten kommt dies aus einem einfachen Grund besonders zum Tragen: Wenn Krisenzeiten Angstzeiten sind, dann flutet diese Angst die sozial vulnerablen Klassen besonders stark. Massive Angst aber verengt den Blickwinkel jedes Menschen. Man sorgt sich also um sich, die Familie, die Nachbar*innen, die Region, also jene Nahwelt, in der man als soziales Wesen zuhause ist. Abstrakte Kategorien hingegen wie Klasse, Internationalismus, Weltrevolution, die man sich als Folge der eigenen mündlich basierten Kommunikationskultur nur wenig aneignen konnte, wirken plötzlich fern. Mit anderen Worten also: durch Angstwellen tritt an die Stelle des emanzipativen Prinzips linker Sozialanalytik das intuitiv zugänglichere Prinzip des lebensweltlichen Nahbereichs bzw. der Territorialität.

Wenn nun diese Interpretation zutrifft, steht die Linke im 21. Jahrhundert allerdings vor einem Problem: wie will sie mit ihren sozialanalytisch fundierten Interventionen in einem Zeitalter der Angst noch Geländegewinne bei Menschen einfahren, die sich auch durch die fortschreitende Digitalisierung in gering literalisierten Vorstellungswelten bewegen und die zudem – am Ende der sozialen Leiter stehend – besonders sorgenvoll auf den Katastrophen-Kapitalismus blicken? Die aktuelle Entwicklung ist eindeutig: der globale Siegeszug des „Disaster Nationalism“ (Richard Seymour) verdeutlicht abermals die Überlegenheit des Prinzips der Territorialität in Zeiten der Krise.

Territorialität per se anti-emanzipativ?

Doch die Linke muss den Kopf nicht in den Sand stecken. Sie könnte auch fragen: ist das Prinzip der Territorialität per se anti-emanzipatorisch? Meines Erachtens lautet die Antwort: nein! So merkte Rousseau bereits an, dass Demokratien schwächer werden, je mehr Menschen und Gebiete sie umfassen und dies bestätigt sich eindrucksvoll in der Geschichte der USA, Russlands und Chinas bis heute. Diese riesigen Flächenstaaten waren mit ihren großen Bevölkerungen und Märkten für wirtschaftliche Entwicklungen zwar durchaus zweckmäßig, aber selbst in den USA ging Demokratie in den besten Zeiten immer mit alltäglichen Rassismus einher und der brutalen Unterdrückung von Arbeiter*innen in unzähligen Klassenkämpfen.

Zudem wird Demokratie im um sich greifenden Katastrophen-Kapitalismus des 21. Jahrhunderts immer überlebenswichtiger. Schon die COVID-19-Pandemie hat angedeutet, wie schnell globale Logistikketten in sich zusammenfallen können und wie bedeutsam stattdessen lokale Solidaritäts- und Sorgenetzwerke sind. Aber das Prinzip der Territorialität passt zur kollapsologischen Dynamik unserer Zeit auch deshalb, weil mit ihm echte menschliche Nähe entstehen kann, die gerade in Zeiten unablässiger angstmachender Katastropheneinschläge hilft, dass Angst nicht noch mehr in Wut und Irrationalität kippt, als dies ohnehin schon der Fall ist.

Das demokratische Potential der Territorialität

Außerdem: wenn die Welt aktuell erstaunt nach Minneapolis blickt, weil es einer Stadt-Gesellschaft gelingt, dem MAGA-Faschismus effektiv die Stirn zu bieten, dann unterstreicht auch das das demokratische Potential der Territorialität. Es zeigt, dass langjähriges Community Organizing, lokale Bündnisfähigkeit aber auch der alltägliche Begegnungsraum Stadt, Menschen über Klassen, Rassen und Nationen hinweg dazu bringen kann, füreinander einzustehen. Das ist im Grunde gar nicht so überraschend, wie es scheint. Die Geschichte der Linken kennt genügend Beispiele eines lebendig-demokratischen Territorialismus. Die bewaffneten regionalen Konflikte in Mexiko von 1910 bis 1920, die als prägendes Ereignis des modernen Mexiko gelten, wurden unter dem Motto ‚Tierra y Libertad‘ (Land und Freiheit) ausgetragen. Der Sieg der Linken in Russland im Jahr 1917 verdankte sich wesentlich dem roten Petrograd, einem der wenigen Orte in Russland, in denen proletarische Solidaritätskulturen vorhanden waren. Das Baskenland ist seit jeher eine Hochburg der Linken. Und Zohran Mamdanis Wahlsieg in New York ist auch ein Sieg emanzipativer Territorialität.

Unterstreichen wir also das Folgende: Demokratiemodelle- und Praxen, die so komplex sind, dass sie viele leseferne Menschen ausschließen, sind seit jeher ein Widerspruch, weil sie letztlich elitär sind. Die Linke sollte dies schnell verinnerlichen, auch weil sie sich den Luxus abgehobener Emanzipationsdebatten in einer Zeit des nahenden Kollaps kaum mehr leisten kann. Klar, sie wird damit an begrifflicher Exaktheit verlieren. Aber mit dem Prinzip der Territorialität gewinnt sie immens an Zugänglichkeit. Verweigert sich die Linke aber dieser Einsicht, dann reproduziert sie leider das, was sie bekämpft, denn Herrschaft und Schreiben gehören zusammen.

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