
Vor kurzem hat die EZLN ihren politischen Ansatz aktualisiert und ‚das Gemeinschaftliche und Nicht-Eigentum‘ als Leitprinzipien für gemeinsame Werte und Praktiken vorgeschlagen. Dieses Konzept geht über die begrenzte militärische Perspektive auf Krieg und Frieden hinaus. Es betont die Entwicklung und Pflege von Beziehungen, die die kapitalistische Moderne von der Basis aus durch den Dialog mit ökologischen Gemeingütern infrage stellen. In seinem Beitrag zur „Pluriverse of Peace“-Reihe erörtert Felix Krawczyk, wie diese Methode der Friedensgestaltung dazu beitragen kann, verschiedene Sackgassen der globalen Polykrise zu überwinden.
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Der Aktivist und Anthropologe Arturo Escobar ist besonders bekannt für die Verwendung des Begriffs ‚Pluriversum‘. Er betont, dass der Begriff die Haltung der zapatistischen Befreiungsbewegung EZLN (span. Ejército Zapatista de Liberación Nacional) in Chiapas im Südosten Mexikos widerspiegelt.
Diese mehrheitlich maya-indigene Bewegung erhob sich 1994 gegen neoliberale Politik, Ausbeutung und staatliche Unterdrückung. Mit ihrem Aufstand forderten sie Würde, Autonomie und ein selbstbestimmtes Leben. Seitdem haben die Zapatistas unabhängig vom Staat ihre eigenen Strukturen der Autonomie geschaffen – mit u.a. selbstverwaltetem Bildungswesen, Gesundheitssystem und basisdemokratischen Selbstregierungsformen. Ihr politischer Kampf geht jedoch über die notwendige Verbesserung der ‚eigenen‘ Situation hinaus. Dies zeigt sich etwa in ihren internationalistischen Initiativen oder auch in der Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald. Dort heißt es: „Und wir wollen der ganzen Welt sagen, dass wir gerne möchten, dass sie groß wird, so groß, dass alle Welten hineinpassen, die Widerstand leisten […].“
Für Escobar stellt diese Idee eine Antwort auf die kapitalistische Moderne dar, denn diese kennt nur eine Welt, nur eine Art des Seins, die sie allen aufzwingen will. Diese eine Welt ist nicht neutral, sondern von Herrschaft geprägt: Sie ist rationalistisch, liberal, säkular, heteropatriarchal und weiß. Es geht hier also nicht nur um den Konflikt zwischen verschiedenen Kulturen, sondern um das grundlegende Seinsverständnis – um Ontologie selbst. In diesem Sinne ist mit der Aussage der EZLN, „wir existieren, sie haben uns nicht erobert“, eine ganze Welt gemeint, die durch mehr als 500 Jahre Widerstand der Pueblos Originarios (der „ursprünglichen Bevölkerungen“) gegen koloniale Herrschaftverhältnisse weiterentwickelt und erhalten wurde. Dabei betonen die Zapatistas „Widerstand heißt nicht nur lediglich aushalten, sondern Anderes zu konstruieren“.
Perspektiven dazwischen
Für die EZLN steht der Kampf unter der Losung „Lucha por la vida, la libertad y la justicia“ – ein Kampf für und wegen des Lebens, der Freiheit und der Gerechtigkeit. Dabei stellt sich für viele die Frage: Für wen? Gerade angesichts des Genozids in Gaza oder des Krieges in der Ukraine zeigt sich eine wichtige Perspektive der Zapatistas. In Teilen der internationalen Linken gibt es Stimmen, die sich im Widerstand gegen den Genozid in Palästina mit islamistischen Bewegungen wie der Hamas oder mit Staaten wie Iran solidarisieren. Andere wiederum sehen in der NATO das größte Übel und schlagen sich auf die Seite Russlands oder Chinas. Der Aktivist Raúl Zibechi stellt dazu eine zentrale Frage: „Können wir nicht akzeptieren, dass es sich bei den Kriegen zwischen den großen Staaten um interkapitalistische Kriege handelt?“
Denn was würde es nützen, für eine andere Welt zu kämpfen, während man sich gleichzeitig mit staatskapitalistischen Regimen oder autoritären Bewegungen verbündet? Auch Islamist*innen stellen zwar die kapitalistische Moderne infrage, kämpfen jedoch nicht für ein Pluriversum, sondern für einen fundamentalistischen und patriachalen Staat. Die EZLN bezieht hier eine deutlich humanistische Position. In einem ihrer Kommuniqués heißt es: „Ni Netanyahu, ni Hamas“ – weder Netanjahu noch Hamas. Und weiter: „El pueblo palestino y el pueblo israelí vivirán“ – der palästinensische und der israelische Pueblo werden leben.
Zapatistische Perspektiven auf Krieg
Das Konzept des Pluriversums basiert auf den Erfahrungen und Kämpfen der EZLN und vieler anderer antisystemischer Bewegungen und damit verbundenen Kämpfen für autonome Territorien. Im nachfolgenden möchte ich daher versuchen exemplarisch einige Perspektiven der Zapatistas auf Krieg und seine Verbindung zum Kapitalismus nachzuzeichnen.
Die Kapitalismus-Analyse der EZLN bleibt nicht statisch, sondern entwickelt sich fortlaufend. Dies wird deutlich, wenn sie den Kapitalismus als Hydra beschreibt. Diese besitzt – in der griechischen Mythologie – die Fähigkeit zur Anpassung und zur Veränderung. Was ich hier darstelle, ist nur ein kurzer Einblick, der zur Inspiration dienen soll.
Die EZLN spricht vom Neoliberalismus als dem vierten Weltkrieg. Die offizielle Geschichtsschreibung, wie wir sie kennen, spricht zwar nur von zwei Weltkriegen und einem ‚Kalten Krieg‘. Aus zapatistischer Sicht war jedoch der sogenannte Kalte Krieg bereits der dritte Weltkrieg: Auch wenn die Kämpfe nicht in den kapitalistischen Zentren stattfanden, ereigneten sich in diesem Zeitraum 149 militärische Konflikte mit über 22 Millionen Toten. Diese Kriege, ihre Aufrüstung und Zerstörungen waren auch für die wirtschaftliche Entwicklung entscheidend, denn so konnte eine Kriegswirtschaft in die Friedenszeiten (in den kapitalistischen Zentren) hinein verlängert werden.
Die Auflösung der Soviet Union „öffnet neue Märkte, deren Eroberung einen neuen Weltkrieg eröffne[n] […], den Vierten. Dieser ist eingebettet in „die enorme Erweiterung eines ‚Niemandslandes‘ (durch den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Niedergang Osteuropas), die gleichzeitige Expansion gleich mehrerer Mächte (USA, die Europäische Union und Japan), die Krise der Weltwirtschaft und die neue technologische Revolution durch die Informatik.“ Diese durch den Neoliberalismus bedingte Neuordnung der Welt erinnert laut der EZLN an die ‚Neuordnung der Welt‘ durch den Beginn des Kolonialismus. Der Neoliberalismus bringt in diesem Sinne eine dreifache Zerstörung mit sich. Er zerstört Subjektivitäten, er zerstört die mehr-als-menschliche Natur und er zerstört das soziale Geflecht. Dieses wird unter neuen (marktförmigen) Logiken, neuen Akteuren und neuen Zielen neu angeordnet.
Ontologische Okkupation
Diese neue Ordnung geht heute im globalen Süden oft mit dem einher, was Escobar als „Ontologische Okkupation“ bezeichnet. Im Hinblick auf die Klimakrise zeigt sich dies etwa bei der Ausweitung von Kohlenstoffmärkten und Plantagen zur CO₂-Speicherung. Der Kapitalismus befindet sich in einer Krise, die er mit der Erschließung neuer Märkte und der Enteignung von Commons aggressiv zu kompensieren versucht. Escobar spricht in diesem Zusammenhang von der stärksten Form ontologischer Okkupation in ihrer ‚Plantagenform‘, denn diese löscht die Beziehungen innerhalb der Waldwelt nahezu aus. In diesem Sinne wird Natur als (tote) statische Ressource gesehen. Dies entspricht einer dualistischen Ontologie, die Mensch und Mehr-als-Menschliche-Natur trennt.
Demgegenüber steht die relationale Ontologie, in der nicht einzelne Entitäten konstituierend sind, sondern ihre Verbindungen. Escobar beschreibt diese relationale Welt nach Tim Ingold als “Welt ohne Objekte”: eine Welt, in der Lebewesen aller Art einander die Bedingungen für ihre Existenz schaffen. Für die zapatistischen Gemeinschaften maya-indigener Herkunft manifestiert sich diese relationale Ontologie unter anderem in der Kosmovision des ch’ulel, das alle existierenden Entitäten miteinander teilen. Das ch’ulel bestimmt sowohl die Potenziale einer Entität als auch ihre Beziehungen zu anderen Wesen. Es ist jedoch nicht einfach gegeben, sondern muss geschaffen werden. So gehen einige davon aus, dass beispielsweise sehr kleine Kinder noch kein ch’ulel besitzen, da sie noch kein Bewusstsein über die Welt und ihren eigenen Platz in ihr entwickelt haben. Ein Kind schafft dann sein ch’ulel indem es lernt wie es respektvolle Beziehungen mit menschlichen und nicht-menschlichen Entitäten schafft.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Plantagen aus Sicht einer relationalen Ontologie undenkbar sind, da sie auf Praktiken und Lebensformen beruhen, die mit relationalen Welten unvereinbar sind. Innerhalb relationaler Welten ist die Verteidigung von Commons, Territorium und Leben ein und dasselbe. Daher wundert es kaum, dass ein aktueller politischer Vorschlag der EZLN lautet: “Das Gemeinschaftliche und das Nicht-Eigentum”. Dieses Konzept geht über eine ‚individuell verfasste Wirklichkeit‘ hinaus und stellt Beziehungsweisen ins Zentrum – nicht nur zwischen einzelnen Menschen, sondern auch in Bezug auf gesellschaftliche Verhältnisse. Oder wie Escobar es formuliert: “Commons exist in these relational worlds, not in worlds that are imagined as inert and waiting to be occupied”.
Diese ontologische Okkupation wird selbstverständlich nicht widerspruchslos hingenommen, sondern äußert sich in Konflikten und Kämpfen auf der ganzen Welt. Die betroffenen Pueblos, Communities und Bewegungen reagieren jedoch nicht primär militärisch, sondern praktizieren, so meine These, eine ontologische (Re-)konstruktuion.
Ontologische (Re-)konstruktion beschreibt einen Prozess der Wiederaneignung, um sowohl die Beziehung zum Land als auch zwischenmenschliche Verbindungen zu (re-)konstruieren. Dieser Prozess wird zunehmend relevant, denn bei der Rückgewinnung von Territorien nach Konflikten stehen Gemeinschaften oft vor degradierten Ökosystemen und zerstörten sozialen Strukturen. So schreibt der Aktivist Esteban del Cerro:
„Von Norden bis Süden des Kontinents lassen die Indigenen den zapatistischen Ruf nach dem Gemeinschaftlichen und Nicht-Eigentum widerhallen, und die Rückgewinnung von Land macht weiterhin deutlich, dass der Weg der Aufständischen der Weg zum Erfolg ist. Der Aufstand zeigt auch, dass die Rückgewinnung von Land uns Hoffnung gibt, selbst inmitten der Schützengräben, auf eine neue Art und Weise, mit den Lebendigen in Beziehung zu treten.“
Dafür gibt es nicht nur unzählige Beispiele aus Lateinamerika, sondern auch aus Europa, wie bspw. die Montes veciñais en man común in Galizien: Unter der Franco-Diktatur wurden diese Territorien enteignet, Ökosysteme degradiert und das soziale Geflecht, welches durch den gemeinschaftlichen Prozess der Organisation des Territoriums genährt wurde, geschwächt. Nach ihrer Rückgewinnung standen die Menschen vor der Herausforderung, sowohl das Ökosystem, die respektvollen Beziehungen zu diesem als auch die sozialen Strukturen zu (re-)konstruieren.
Das Gemeinschaftliche und das Nicht-Eigentum
Die Frage nach einem Pluriversum des Friedens beantworten die EZLN, meiner Meinung nach, in Teilen mit ihrem politischen Vorschlag „Das Gemeinschaftliche und das Nicht-Eigentum”. Dieser geht, wie ich zuvor versucht habe zu argumentieren, über ein verengt militärisches Verständnis von Krieg und Frieden hinaus und handelt eben von der Erhaltung und Konstruktion von Beziehungen, welche die kapitalistische Moderne von unten und links in Frage stellen. Daher geben sie einen Vorschlag zur Konstruktion von Frieden („Frieden mit Gerechtigkeit und Würde – Paz con Justicia y Dignidad“), welcher über ein Appellieren an staatliche Akteure hinausgeht, ihn überschreitet.
Das im zapatistischen Aufstand von 1994 zurückgewonnene Land soll weiterhin gemeinschaftlich organisiert und kollektiv bearbeitet werden – nun jedoch nicht mehr ausschließlich für die zapatistischen autonomen Gemeinden, sondern auch für Anhänger*innen offizieller politischer Parteien. Voraussetzung dafür ist eine vorherige Verständigung mit den zapatistischen Autonomen Lokalen Regierungen (GAL) darüber, dass dieses Land kollektiv genutzt wird und nicht kapitalisiert werden darf. Das heißt: Dieses Land gehört niemanden, es ist ‚Niemandsland‘, es kann nicht verkauft werden, es wird nicht verpachtet sondern nur ‚geliehen‘. Das, was kollektiv dort erarbeitet wird, ist als Ernte zum Nutzen des jeweiligen Kollektivs. Auf diese Weise kann das Gemeinschaftliche zwischen den Beteiligten gestärkt und solidarische Beziehungsweisen jenseits von Staat und Kapital geschaffen werden. Eine Praxis von Zapatistas und Nicht-Zapatistas, die in einigen zapatistischen Gemeinden bereits seit Langem besteht, soll so weiter ausgeweitet, sozialisiert, kommunalisiert werden.
Anmerkung zum Begriff ‚Territorium‘: Der Begriff des Territoriums wird hier in einer Weise verwendet, die seine nationalistische und völkische Deutung hinterfragt. In diesem Sinne ist mit Territorium weniger Eigentum gemeint, sondern vielmehr die Aneignung von Boden und Land durch kulturelle, landwirtschaftliche, ökologische und rituelle Praktiken.
Anmerkung zur aktuellen Lage: Dem mexikanischen Staat, der Bundesstaatenregierung von Chiapas, Unternehmen und organisiertem Verbrechen gefallen solche antikapitalistischen rekonstruierenden Praktiken natürlich nicht. Gegen die jetzigen Angriffe auf die zapatistischen Gemeinschaften regt sich nun bereits ein weltweiter Protest. Denn die Zapatistas in Chiapas/ Mexiko stehen nicht allein: Viva el Común y la No Propiedad – Es lebe das Gemeinschaftliche und das Nicht-Eigentum!
Moin!
Ich beschäftige mich seit Langem mit den Zapatistas. Unser Kollektiv arbeitet mit ihnen zusammen. Ihre gelingende Praxis zeugt davon, dass ihre Lehren und Annahmen, wie das Leben und die Welten sind, richtig sind. Ihr beständiges Hinterfragen hat sie dahin gebracht, wo sie sind: in einer postrevolutionären Welt der linken Utopie.
Der Artikel bringt viele Dinge, die mir an den Zapatistas und ihren Sichtweisen gefällt, hervorragend auf den Punkt.
Danke 🙏