Im letzten Urwald Europas: Migration, Rasse und Tod an der Ostgrenze der EU

Schlafsack im Białowieża-Urwald, 2026. Foto: Kasia Narkowicz
Schlafsack im Białowieża-Urwald, 2026. Foto: Kasia Narkowicz

In diesem Jahr jährt sich der Beginn der ‚Migrationskrise‘ im östlichen Grenzgebiet Polens und damit an der Ostgrenze der Europäischen Union zum fünften Mal. Kasia Narkowicz betrachtet diese Krise im breiteren Kontext der politischen Ökonomie der Migration und deckt ihre Wurzeln in verschiedenen Formen sich überschneidender rassistischer Gewalt auf.

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In den frühen Morgenstunden ist es noch kalt, als wir unsere Unterkunft in Gruszki, einem Dorf im Osten Polens, verlassen, um nach Wisenten zu suchen. Wir befinden uns im Białowieża-Urwald, etwa zehn Kilometer von der Grenzmauer entfernt, die die Regierung Polens 2021 für über 350 Millionen Euro errichten ließ. Die Mauer wurde gebaut, um Menschen daran zu hindern, aus Belarus über Europas letzten Urwald in die EU zu gelangen. Ich bin im Rahmen eines internationalen akademischen Seminars hier, zusammen mit Kolleg*innen und Mitstreiter*innen, die sich weltweit mit Grenzfragen beschäftigen. Diesmal wurden in den Grenzgebieten weder Wisente noch Migrant*innen gesichtet.

Bis vor kurzem schickten Menschen, die aus Belarus nach Polen einreisten, täglich Standort-Pins an die Grupa Granica (Grenzgruppe). Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von Organisationen und Aktivist*innen, die Migrant*innen unterstützen. Im Wald wurden sie von Aktivist*innen empfangen, die ihnen heiße Suppe, Wechselkleidung und eine Powerbank zur Verfügung stellten. Mit ihnen teilten sie die Verzweiflung über die zunehmende Sicherheitsüberwachung der Grenze.

Der Wald wirkt im Moment verlassen, was vielleicht daran liegt, dass es noch zu kalt ist. Menschen auf der Flucht bleiben oft hier stecken, manchmal über Monate hinweg. Im Winter sinken die Temperaturen auf zweistellige Minusgrade, was das Überleben zusätzlich erschwert. Verschärft wird diese Situation durch die Häufigkeit und das Ausmaß der an den Grenzen stattfindenden Zurückweisungen sowie durch die Tatsache, dass die Regierung Polens vor einem Jahr das Recht auf Asyl ausgesetzt hat.

Es ist jedoch wahrscheinlicher, dass die Abwesenheit von Menschen auf der Flucht heute eine Folge der tödlichen Grenzmauer ist. Sie haben ihre Routen höchstwahrscheinlich umgeleitet. Die Grenze von Belarus und Polen, die einst eine sicherere Alternative zur Überquerung des Mittelmeers mit dem Boot darstellte, ist zum Paradebeispiel für Grenzimperialismus geworden.

Laut Researchers on the Border hätten die meisten Menschen mit dem Geld, das für den Bau der Grenzmauer ausgegeben wurde, durch Asylintegration nach Polen gebracht werden können. Stattdessen ist die Zahl der Zurückweisungen viel höher als erwartet. Viele Menschen werden buchstäblich wie Strandbälle zwischen Polen und Belarus hin- und hergeworfen.

Die 5,5 Meter hohe Stahlmauer ist mit Stacheldraht gekrönt. Dieser ist für die meisten Verletzungen von Menschen auf der Flucht verantwortlich. Das Grenzgebiet besteht aus schwierigem Gelände mit Sümpfen, Flüssen und umgestürzten Bäumen. Ein falscher Schritt genügt und jemand, der sich in der Gegend nicht auskennt, könnte im Sumpf stecken bleiben.

Sumpf im Białowieża-Urwald, 2026. Foto: Kasia Narkowicz
Sumpf im Białowieża-Urwald, 2026. Foto: Kasia Narkowicz

Auf diese Weise kommen manche Menschen ums Leben. Ihre Leichen werden Monate oder Jahre später aus Sümpfen und Flüssen geborgen. Oft sind sie dann nicht mehr zu erkennen und manchmal nicht identifizierbar. Zu den mehr als 100 dokumentierten Migrant*innen, die auf dem Weg nach Polen im Wald starben, gehörten einige, die tödliche Verletzungen durch die Grenzmauer erlitten. Einer von ihnen war Mohammad aus Syrien.

April 2023, an der Grenze von Polen und Belarus

Eines Nachts im April 2023 stürzte Mohammad von einer fünfeinhalb Meter hohen Mauer entlang der Grenze zwischen Polen und Belarus. Er war aus dem Libanon angereist, aus dem er durch den Krieg in Syrien vertrieben worden war. Mohammad war ein 58-jähriger Syrer aus Daraa, einem Schlüsselort des Bürger*innenaufstands, der dem Krieg vorausging. Er stammte aus einer von Dürre heimgesuchten Region.

Er flog höchstwahrscheinlich nach Minsk und wurde dort dem ausgesetzt, was durchweg als der von Alexander Lukaschenkos Regime gegen Europa geführte hybride Krieg bezeichnet wird. Mohammad kletterte die Mauer hinauf, als er versuchte, die Grenze zwischen Polen und Belarus zu überqueren, blieb jedoch im Stacheldraht hängen. Er stürzte in der Nähe des Dorfes Stare Masiewo ab. Dabei erlitt er innere Verletzungen sowie ein gebrochenes und ein vom Stacheldraht zerfetztes Bein.

Sein Fall ist kein Einzelfall. Wie Millionen andere vor ihm verließ er seine Heimat, um ein erträglicheres Leben zu finden – vielleicht auch, um seine Tochter wiederzusehen, die im Ausland studierte. Sie sahen sich wieder, als sie in das Krankenhaus in Polen kam, in dem er bereits im Koma lag. Kurz darauf starb er. Er ist das 43. Opfer dieser Grenze und reiht sich in die traurige Liste von über 100 bekannten Migrant*innen ein, die bei dem Versuch, nach Polen zu gelangen, ums Leben gekommen sind. Mehrere hundert weitere werden noch vermisst.

Nur wenige Migrant*innen sterben wie Mohammed: in einem Krankenhaus, während sie medizinisch versorgt werden. Die meisten sterben allein im Wald. So erging es der 28-jährigen Äthiopierin Mahlet Kassa, deren Leiche der Journalist Piotr Czaban fand. Dieser dokumentiert unermüdlich die Gewalt an der Grenze von Belarus und Polen. Mahlets Leiche wurde im Februar 2023 im Wald entdeckt. Als sie noch lebte, hatten ihre Reisebegleiter den Grenzbeamten ihre genaue GPS-Position mitgeteilt – in der Hoffnung, diese würden ihnen zu Hilfe kommen. Doch statt Hilfe zu erhalten, wurde die Gruppe zurück nach Belarus gedrängt.

Viele von ihnen sind junge Menschen wie Mahlet. Es gibt auch Kinder, die die Grenze überqueren – mehrere Hundert jedes Jahr, die meisten von ihnen unbegleitet. Das jüngste Opfer an der Grenze war Halikari Dhaker, ein kurdisches Baby, das im Alter von 24 Wochen zusammen mit seiner Mutter tot geboren wurde. Halikari wurde auf dem muslimischen Friedhof im nahegelegenen Dorf Bohoniki begraben.

Grenzmauer in Stare Masiewo, 2026. Foto: Kasia Narkowicz
Grenzmauer in Stare Masiewo, 2026. Foto: Kasia Narkowicz

In Mikołaj Grynbergs Buch „Jezus umarł w Polsce“ (zu Deutsch: „Jesus starb in Polen“) werden die ersten Tage des jüngsten und für Polen beispiellosen Zustroms von Migrant*innen aus Nicht-EU-Staaten eingefangen, die über die Grenze von Belarus und Polen in die EU einreisen wollen. Ähnlich wie Agnieszka Hollands Schwarz-Weiß-Film „Green Border“ betrachtet Grynberg die aktuelle ‚Migrationskrise‘ an der Ostgrenze durch die Linse der Geschichte.

Konkret verweist er auf die antisemitische Gewalt, die sich vor rund acht Jahrzehnten genau in diesen Grenzgebieten ereignete, als jüdische Gemeinschaften in mehreren Dörfern die Mehrheit der Einwohner stellten. Grynberg und Holland stellen, ebenso wie zahlreiche Wissenschaftler*innen, einen Zusammenhang zwischen der Gewalt der aktuellen Migrationspolitik an der Grenze von Belarus und Polen und deren dunkler Geschichte her.

Veränderte Migrationsrouten in Mittel- und Osteuropa

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich Mittel- und Osteuropa zu einer Abwanderungsregion entwickelt. Ihre Bürger*innen besetzen überwiegend schlecht bezahlte und unsichere Stellen in ganz Westeuropa, beispielsweise als Pflegekräfte in Deutschland oder als Obstpflücker*innen im Vereinigten Königreich. Diese mobilen Arbeitskräfte hielten Europa am Laufen – selbst während der globalen Pandemie, als ihre Arbeit neben den ohnehin prekären Bedingungen zusätzliche Risiken mit sich brachte.

Viele von ihnen arbeiten unter ausbeuterischen Bedingungen, die laut der Wissenschaftlerin Polina Manolova ein „würdiges Leben unmöglich machen“ in einem neoliberalen System, das von ihrer Erniedrigung profitiert. Dies vertieft die Ost-West-Kluft, anstatt sie zu überwinden, da die festgefahrene Vorstellung fortbesteht, dass „jemand die deutschen Erdbeeren pflücken muss“ – und dieser Jemand ist ein Osteuropäer. Dies legt die Kontinuität des Othering Osteuropas offen.

Neben diesen Abwanderungsprozessen nimmt Mittel- und Osteuropa nun Migrant*innen von außerhalb Europas in einem noch nie dagewesenen Ausmaß auf. Somit wird die Region zu einem Ort sowohl der Aus- als auch der Einwanderung. In beiden Kontexten wird Migration rassifiziert. Dieser Wandel vollzieht sich vor dem Hintergrund einer zunehmenden Hinwendung zu einem autoritären, populistischen Politikstil. Nach der Niederlage bei den Wahlen im Jahr 2023 wurde die rechtsextreme Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die mit einer einwanderungsfeindlichen Agenda angetreten war, durch eine neue Mitte-Rechts-Regierung unter der Führung von Donald Tusk abgelöst. Die neue Regierung hat die rassistische, einwanderungsfeindliche Rhetorik verschärft und offen vor einer ‚muslimischen Invasion‘ über die Grenze zu Belarus gewarnt.

Białowieża-Urwald, 2026. Foto: Kasia Narkowicz
Białowieża-Urwald, 2026. Foto: Kasia Narkowicz

Von 2021 bis vor Kurzem kam es an der östlichen Landgrenze der EU zu beispiellosen Bewegungen. Dabei nahm die Zahl der irregulären Grenzübertritte im Vergleich zu 2020 um mehr als das Zehnfache zu. Es handelt sich um dieselbe Grenze, die Menschen nutzten, die vor der großangelegten Invasion Russlands in die Ukraine flohen. Ihr Flüchtlingsstatus wurde dennoch nicht infrage gestellt und ihre Reisen wurden nicht kriminalisiert, da sie als ‚weiße Osteuropäer‘ wahrgenommen wurden.

Die Vorstellung, dass Mittel- und Osteuropa in Bezug auf seine Rolle in globalen Rassenregimen von einer genauen Prüfung ausgenommen ist, weil es selbst nie andere Regionen kolonialisiert hat, wird jedoch seit langem infrage gestellt. Die Beteiligung der Region am Kolonialismus und an globalen Rassenhierarchien ist ein zentrales Thema in der postkolonialen und dekolonialen Forschung Osteuropas.

In diesem Jahr jährt sich zum fünften Mal der Beginn der sogenannten ‚Grenzkrise‘ in den östlichen Grenzgebieten Polens und somit auch an der Ostgrenze der Europäischen Union. Zwar haben die Menschen vorerst aufgehört, die Grenze von Belarus und Polen zu überqueren, doch die Grenzmauer und Drohnen sind weiterhin lautstark über dem Białowieża-Wald präsent.

Zwar handelt es sich um eine Krise, jedoch nicht um eine Krise der Migration. Es ist vielmehr eine Krise sich überschneidender und miteinander verflochtener Themen wie weiße Vorherrschaft, Grenzimperialismus und Klimawandel. Diese Themen verstricken alle Arten – menschliche wie nicht-menschliche – in ein Netz, das es schwierig macht zu verstehen, was es bedeutet, Mensch zu sein.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag basiert auf einem internationalen Seminar, an dem die Autorin kürzlich teilgenommen hat. Es fand im April 2026 an der Grenze von Belarus und Polen statt und wurde von der Organisation Researchers on the Border (Badacze i Badaczki na Granicy) veranstaltet. Die Organisation arbeitet eng mit der We Are Monitoring Association und der Border Death Monitoring Group zusammen, um Todesfälle an der Grenze zu dokumentieren.

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