Die Freundschaften, die wir haben, und die, die wir nicht haben (können), beeinflussen und verstärken soziale Hierarchien. Dies gilt insbesondere für Menschen, die neue Freund*innen benötigen, beispielsweise Personen mit unterschiedlichen Migrationserfahrungen. Johanna Bastian untersucht auf der Grundlage ihrer Feldforschung die Umstände, die Freundschaften im Kontext von Migrationserfahrungen erleichtern, erschweren oder behindern.
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Freundschaften werden gemeinhin als enge Beziehungen verstanden, die auf gegenseitiger Sympathie beruhen und die wir freiwillig eingehen. Dennoch haben wir nie einfach nur Freund*innen. Mit wem wir uns anfreunden, hängt davon ab, wo wir uns häufig aufhalten, zu welchen Netzwerken wir Zugang haben und welche Ressourcen wir haben, um Beziehungen zu pflegen. Kurz gesagt: Die Freundschaften, die wir haben, und die, die wir nicht haben, sind Ausdruck der sozialen Ordnungen, in denen wir leben. Gleichzeitig sind Freundschaften wichtig, um Zugehörigkeit zu erfahren, und sie können bestehende soziale Hierarchien in Frage stellen. Mit diesem Artikel möchte ich darauf aufmerksam machen, wie gesellschaftliche Ordnungen Freundschaften im Kontext von Migration und Ankunft prägen.
Selbst gewählt statt gegeben?
Freundschaften sind seit Langem ein Thema in der Popkultur, in der Kunst und im philosophischen Denken. Freundschaften sind ein wichtiger Teil von sozialen Netzwerke und angesichts zunehmender Berichte über Einsamkeit zunehmend Thema in der Politik. Was macht sie so interessant? Im Gegensatz zur der Familie können wir uns aussuchen, mit wem wir befreundet sein möchten. Es handelt sich um freiwillige Beziehungen, die auf Sympathie, gemeinsamen Interessen und Vertrauen basieren. Im Unterschied zu romantischen Beziehungen sind Freundschaften nicht institutionalisiert und anpassungsfähiger. Freundschaften sind zwar nicht frei von Erwartungen, jedoch in viel geringerem Maße an traditionelle biographische Meilensteine wie Heirat oder Familiengründung gebunden.
Die Bedeutung von Freundschaften ist in soziologischen und anthropologischen Forschungen gut dokumentiert. Wie familiäre und romantische Beziehungen beeinflussen auch Freundschaften unser Wohlbefinden, unser Zugehörigkeitsgefühl und unsere Möglichkeiten im Leben. Da Freundschaften weniger formell sind, ermöglichen sie eine größere Freiheit beim Aufbau und der Gestaltung von Beziehungen. Darüber hinaus sind Freundschaftsnetzwerke oft anpassungsfähiger an unterschiedliche Lebenssituationen. Nicht zuletzt fördert der Kontakt und die Freundschaft mit Menschen unterschiedlicher Herkunft das Zugehörigkeitsgefühl und den sozialen Zusammenhalt.
Auch wenn es eine Entscheidung ist, ob wir mit jemandem befreundet sein möchten, treffen wir diese nicht bedingungslos. Wir können nicht mit allen Menschen befreundet sein. Daher ist es wichtig, die Bedingungen zu betrachten, unter denen wir Freundschaften schließen.
Bedingungen für Freundschaften
Mit jemandem befreundet zu sein, bedeutet mehr, als nur zufällig andere Menschen zu treffen. Es hängt davon ab, an welchen Orten wir uns häufig aufhalten, wer uns Anderen vorstellt, wie viel Zeit wir außerhalb unseres Zuhauses verbringen können und ob wir überhaupt ein Zuhause haben, in dem wir Leute willkommen heißen können. Kurz gesagt, unsere Freundschaften werden von sozialen, kulturellen und materiellen Ressourcen beeinflusst, die wiederum durch Aspekte wie Geschlecht, Klasse, Rasse, Alter und Fähigkeiten geprägt sind. Diese Ressourcen sind ungleich verteilt. Insbesondere für sozial marginalisierte Menschen haben Freundschaften Auswirkungen auf Zugang, Inklusion und Zugehörigkeit.
Die Menschen, mit denen wir befreundet sind, spiegeln wider, wer wir sind und wer wir sein möchten. Freundschaften und freundschaftliche Begegnungen werden daher auch als Beziehungen betrachtet, durch die soziale Kreise diversifiziert werden können. Freund*innenkreise basieren jedoch oft auf dem Konzept der Homophilie, das am besten mit dem Sprichwort ‚Gleich und Gleich gesellt sich gern‘ beschrieben werden kann. Heterophilie hingegen beschreibt Beziehungen zu Menschen, die sich von uns unterscheiden. Sowohl Homophilie als auch Heterophilie werden als wichtig für das Wohlbefinden und die soziale Inklusion angesehen. In der Realität neigen Menschen jedoch dazu, weitgehend homogene Freund*innenkreise zu haben. Freundschaften spiegeln und manifestieren daher oft den sozialen Status quo und Hierarchien, anstatt Möglichkeiten für neue soziale Konstellationen mit Menschen zu bieten, die sich in ihren Erfahrungen und Ansichten unterscheiden.
Zwei Perspektiven haben mein Verständnis von Freundschaften maßgeblich geprägt. Erstens eine räumliche Perspektive. Freundschaften finden statt – und dafür braucht es Räume und Orte. Menschen begegnen sich in Parks und Cafés, an ihren Arbeitsplätzen und in Schulen, aber auch über Messenger-Apps und Videoanrufe. Ein genauerer Blick auf das ‚Wo‘ von Freundschaften kann uns daher etwas über den Zugang zu verschiedenen Orten und Teilen der Gesellschaft verraten. Zweitens verstehe ich Freundschaften als soziale Praxis. Sie müssen gelebt und gepflegt werden. Im Gegensatz zu familiären Beziehungen existieren sie nicht von selbst (auch wenn dies für familiäre Beziehungen nicht immer zutrifft). Aufgrund ihres gewählten und eher fließenden Charakters erfordert die Pflege von Freundschaften aktive Überlegungen und Arbeit.
In sich verändernden Lebenskontexten wie Migrationerfahrungen werden sowohl die räumliche Perspektive als auch das aktive Aufbauen und Pflegen von Freundschaften besonders relevant.
Migration als politisierter Kontext für Freundschaften
Was also bedeutet also die Voraussetzungen und Bedingungen von Freundschaften für Menschen mit Migrationserfahrung? Erstens gibt es, wie Darya Malyutina betont, keine „einheitliche Erklärung für die Freundschaften von Migrant*innen“, genauso wenig wie es eine einzige Form von Migration gibt. Migration ist ein Oberbegriff, der eine Vielzahl von Mobilitätsmotiven und -erfahrungen umfasst. Darüber hinaus ist Migration ein politisierter Begriff. Er impliziert menschliche Mobilität, die im Kontext von Nationalstaaten geregelt und begrenzt werden muss. Was Migration in ihren verschiedenen Formen verbindet ist der sich verändernden rechtliche und soziale Status. Das bedeutet: Ein in einem anderen Land erworbener Bildungsabschluss wird möglicherweise nicht einfach anerkannt. Von einem Tag auf den anderen sind Hunderte von Kilometern zwischen mir und meinem Freund*innennetzwerk. Die Sprache, in der ich mich wohlfühle und verständigen kann, wird nicht verstanden. Die Aktivitäten und Gepflogenheiten, die meine Beziehungen geprägt haben, finden nicht mehr statt.
Alle, die schon einmal umgezogen sind, kenne die Herausforderung, soziale Netzwerke neu aufzubauen. Im Zusammenhang mit Migration können Freundschaften eine besonders wichtige Ressource sein, um sich an einem neuen Ort einzuleben und ihn zu verstehen. Freund*innen können praktische Informationen über lokale Abläufe und Nuancen im Alltag liefern. Sie bieten emotionale Unterstützung und helfen dabei, sich verstanden und willkommen zu fühlen. All dies wird in Beziehungen mit Menschen ermöglicht, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder offen und emphatisch für andere Erfahrungen sind.
Gleichzeitig können Hindernisse beim Kennenlernen neuer Menschen und beim Schließen von Freundschaften ein Gefühl der Nichtzugehörigkeit und des Ausschlusses aus der Gesellschaft verstärken. Darüber hinaus werden Freundschaften mit Ortsansässigen oft als Zeichen einer ‚erfolgreichen‘ Integration angesehen, wodurch implizite Erwartungen und Druck entstehen. So wird das Finden neuer Freund*innen zu einer herausfordernden Aufgabe, die von Zugängen und individuellen Ressourcen abhängt.
Freundschaften in Bewegung
Zwei Beispiele aus meiner Forschung veranschaulichen, wie sich strukturelle Bedingungen von Migration auf das Erleben von Freundschaften auswirken. Das erste Beispiel betrifft den rechtlichen Status.
In der Feldforschung für meine Promotion habe ich mit ganz unterschiedlichen, jungen Menschen gesprochen, die aus verschiedenen Teilen der Welt und unter unterschiedlichen Bedingungen nach Berlin gekommen sind. Vor allem junge Menschen mit einer ‚Duldung‘ berichteten von Unsicherheit und Stress. Obwohl ihre Abschiebung vorübergehend ausgesetzt war, konnte ihr Status jederzeit widerrufen werden. Ihre Wohnsituation war provisorisch – oft lebten sie in Wohngemeinschaften – und ihre Zukunftsaussichten waren an den Abschluss ihrer Ausbildung gebunden. Obwohl sie oft allein oder nur mit ihrer unmittelbaren Familie nach Deutschland gekommen waren, waren meine Interviewpartner*innen vorsichtig dabei ihre sozialen Netzwerke zu erweitern. Häufig machten sie sich Gedanken darüber, sich nicht mit den ‚falschen‘ Leuten anzufreunden. Sie hatten das Gefühl, dass ihre Freundschaften, genau wie jeder andere Aspekt ihres Lebens in Deutschland, perfekt sein mussten. Das Fehlen einer eigenen Wohnung stellte oftmals eine zusätzliche Herausforderung dar. Meine Interviewpartner beschrieben, dass ihnen ein Ort fehlt, an den sie potenzielle Freund*innen einladen konnten. Ihre Beziehungen konnten so nicht über halbprivate oder öffentliche Räume hinausgehen, was den Aufbau tieferer Freundschaften erschwerte. Sprachbarrieren oder das Leben am Stadtrand, weit entfernt von Freizeitaktivitäten, stellten weitere Hindernisse dar.
Das zweite Beispiel veranschaulicht, wie sich der rechtliche Status und die Positionierung als ‚Migrant*in‘ in verschiedenen sozialen Kontexten auf Freundschaften auswirken. Auch Menschen mit einem Arbeits- oder Student*innenvisum werden in der deutschen Gesellschaft häufig als ‚die Anderen‘ wahrgenommen, was ihnen den Zugang zu bestehenden Freund*innenkreisen erschwert. Darüber hinaus müssen sie ihre Position auch gegenüber alten Freund*innen neu verhandeln. Migration zum Zweck der Arbeit oder Ausbildung wird häufig implizit mit Erfolg, Unabhängigkeit und einem globalen Lebensstil in Verbindung gebracht. Dies stellt wiederum hohe Anforderungen an idealisierte Freundschaftsnetzwerke: Sie sollten sowohl internationale als auch lokale Freund*innen umfassen und damit gleichzeitig internationale Orientierung und lokale Verankerung signalisieren. Dieses Idealbild kollidiert jedoch oft mit der Realität.
Meine Interviewpartner*innen mussten an einem neuen Lebensmittelpunkt ihre Ausbildung fortsetzen, Karrieren aufbauen, Deutsch lernen und ihr Erwachsenwerden im Ausland gestalten. Oft ist es herausfordernd, ihre Ambitionen mit der Realität des Lebens in Deutschland in Einklang zu bringen. Ihren Freund*innen zu Hause diese veränderte Positionierung zu vermitteln, erwies sich häufig als schwierig, insbesondere wenn ihre Migration als Leistung wahrgenommen wurde. Die geografische Entfernung verstärkte das Gefühl der Entfremdung. Gleichzeitig empfanden sie das Knüpfen von Freundschaften mit Einheimischen oft als „harte Arbeit“. Als Gründe wurden Aspekte wie Sprache, das Kennenlernen von Menschen außerhalb des beruflichen Kontexts oder auch Übersetzen von Freundschaftspraktiken wie Humor genannt.
Das gesellschaftliche Potenzial von Freundschaft
Wie frei sind wir also tatsächlich bei der Wahl unserer Freundschaften? Unsere Freundschaften – auch die, die wir nicht haben – werden von sozialen Hierarchien beeinflusst und verstärken diese wiederum. Dies gilt insbesondere für Menschen, die neue Freundschaften und soziale Netzwerke benötigen, wie es beispielsweise nach Migrationserfahrungen der Fall ist.
Mit meiner Forschung möchte ich aber auch das Potenzial unterstreichen, dass in den Freundschaften mit anderen Menschen liegt. Freundschaften können eine Quelle der Zugehörigkeit und Unterstützung sein, insbesondere in sich verändernden Lebensumständen. Freund*innen können uns mit anderen Lebenserfahrungen, Ideen und Welten in Kontakt bringen. Sie können limitierende gesellschaftliche Ordnungen untergraben oder zumindest hinterfragen, zum sozialen Zusammenhalt beitragen und Möglichkeiten bieten, sich über die Familie und formelle Verwandtschaft hinaus gegenseitig zu unterstützen. Als Gesellschaft sollten wir uns daher um die Strukturen kümmern, die Freundschaften ermöglichen oder verhindern, insbesondere für Menschen, die auf unterschiedliche Weise Marginalisierung erfahren.