Eine feministische Wohnungspolitik, die auch Vergesellschaftung fordert, sollte nicht als zusätzliche Anpassung bestehender wohnungspolitischer Instrumente betrachtet werden. Vielmehr zielt sie auf eine strukturelle Transformation der sozialen Reproduktionsverhältnisse ab. Wie Paulina Domke und Janne Martha Lentz in ihrem Beitrag zur „Deep Democracy“-Serie argumentieren, verlagert dieser Perspektivwechsel den Fokus von Marktmacht auf soziale Reproduktion, von heteronormativen Haushaltsnormen auf kollektive Sorgearrangements und vom Schutz des Privateigentums auf die Ausübung demokratischer Kontrolle über Wohnraum.
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Wohnen ist ein elementares menschliches Grundbedürfnis, doch es ist weit mehr als das. Es bildet den materiellen Rahmen, in dem soziale Reproduktion stattfindet – jene lebensnotwendige Sorgearbeit, die unseren Alltag ermöglicht und Gesellschaften am Laufen hält. FLINTA* leisten nach wie vor den Großteil dieser unbezahlten Sorgearbeit – täglich viele Stunden mehr als Männer, von Kindererziehung über Haushalt bis Pflege.
Diese historisch vergeschlechtlichte Ungleichheit wurzelt in der bürgerlichen Aufteilung von öffentlichem und privatem Raum seit dem 19. Jahrhundert: Während Männer ‚draußen‘ im öffentlichen Raum arbeiteten und politisch handelten, wurden Frauen im Zuhause, als Ort der sozialen Reproduktion, unsichtbar gemacht. Sorgearbeit wie auch die Verantwortung dafür wurden als ‚natürlich weiblich‘ inszeniert.
Die enge Verschränkung von Patriarchat und Kapitalismus ermöglichte so die gesellschaftliche und monetäre Abwertung von Sorgearbeit: Der größte Teil der Arbeit bleibt unbezahlt, und wo Sorgearbeit bezahlt wird, ist sie oft schlecht entlohnt und an prekäre Arbeitsbedingungen geknüpft. Entsprechend eng sind das Wohnen – sowohl als alltägliche Praxis als auch als ökonomisches Gut – und die Organisation von Sorgearbeit miteinander verwoben.
Genderspezifische Macht über Wohnraum
In der aktuellen Wohnungskrise oder Wohnungsfrage – mit explodierenden Mieten, einer bundesweiten Lücke von 1,4 Millionen fehlenden bezahlbaren Wohnungen und zunehmender Verdrängung von Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen – wird bezahlbarer Wohnraum zum existenziellen Engpass. FLINTA* trifft das besonders hart: Durch die unbezahlte Sorgearbeit sowie die Ausübung eher gering bezahlter Tätigkeiten oder Teilzeit-Tätigkeiten haben sie statistisch niedrigere Einkommen und folglich weniger Rente. Sie stellen zudem über 80% der Alleinerziehenden, die mit nur einem Einkommen Wohnraum für mehrere Haushaltsmitglieder zahlen müssen.
Die Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum ist darüber hinaus ein zentraler Sicherheitsaspekt: Durch seinen Mangel und die parallele Versorgungslücke mit adäquaten Schutzräumen, z.B. in Frauenhäusern, bleiben viele FLINTA* in gewalttätigen Abhängigkeitsverhältnissen wohnen. Darüber hinaus besteht ein Geschlechterungleichgewicht in der Verteilung von Kapital und auch Immobilieneigentum. Das manifestiert genderspezifische Macht und Entscheidungsgewalt über den Wohnraum.
Sorgetragende sind auch im besonderen Maße von der Wohnungslage und Erreichbarkeit der für ihren Alltag und für die Sorgearbeit wichtigen Orte wie Kitas, Schulen oder Arztpraxen und die Nähe zu Sorgenetzwerken abhängig. Ohne gute Erreichbarkeit von Sorge-Infrastruktur wird die Sorgearbeit massiv erschwert. Diese Belastungen multiplizieren sich auf dem Wohnungsmarkt und bei der Wohnungssuche mit weiteren intersektionalen Benachteiligungen, etwa durch ausländisch klingende Namen, religiöse Identifikatoren wie einen Hijab oder andere Marker sozialer Ausgrenzung. Ergebnis dieser Situation sind nicht selten Verdrängung von FLINTA* mit geringem Einkommen an den Stadtrand und ins Umland oder der Verlust von Wohnraum z. B. durch Zwangsräumungen, gefolgt von Notunterbringung oder Obdachlosigkeit.
Soziale Reproduktion im Stressmodus
Die Wohnungsfrage betrachten wir deshalb in ihrem Kern auch als ein feministisches Thema, das von feministischen Bewegungen in ihrem Kampf gegen bestehende Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse immer wieder adressiert wurde und wird.
Diese elementare Verbindung von Wohnen und Sorgearbeit wird im politischen (und wissenschaftlichen) Diskurs um bezahlbaren Wohnraum meist ausgeblendet. Stattdessen wird Wohnen in der neoliberalen Gesellschaftsordnung als Frage von Angebot, Nachfrage und Preis verhandelt – als Ware auf einem Markt, der zunehmend von globalen Finanzinvestoren dominiert wird und der Wohnraum vor allem als sichere Anlagemöglichkeit mit hohen Renditeerwartungen versteht, viel weniger als ein Zuhause, existenziell für die Bewältigung von alltäglicher Sorgearbeit. Die sozialen und geschlechtlichen Ungleichheiten, die durch die Finanzialisierung von Wohnraum verschärft werden, bleiben dabei verborgen. Der Wohnungsmarkt wird so zum Spiegelbild gesellschaftlicher Machtasymmetrien, in denen Sorgearbeit individualisiert, privatisiert und unsichtbar gemacht wird.
Eine feministische Perspektive auf die Wohnungsfrage richtet den Blick auf diese strukturelle Ungleichheit. Sie zeigt, dass Wohnen ein politisches Terrain ist, auf dem sich reproduktive Arbeit materialisiert, sichtbar und verhandelbar wird. Wo und wie Menschen wohnen, bestimmt in entscheidendem Maße ihre Fähigkeit zu Sorgen – und damit ihre gesellschaftliche Teilhabe, ihre Autonomie und ihre Lebensqualität. Im Kontext der aktuellen Polykrise, die soziale Reproduktion unter enormen Druck setzt, wird deutlich: Wohnen ist nicht nur ein individuelles Bedürfnis, sondern eine kollektive Herausforderung und ein zentraler Schauplatz sozialpolitischer Kämpfe.
Ohne bezahlbaren und qualitativ angemessenen Wohnraum gerät die individuelle und kollektive Fähigkeit zu Sorgen in Bedrängnis, da Zeit, Energie und Ressourcen in die Bewältigung der prekären Wohnsituation gebunden werden. Langfristig schränkt diese Belastung die Möglichkeit zur demokratischen Teilhabe der Betroffenen extrem ein. Wohnen wird so zu einer Frage sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Handlungsfähigkeit. Eine feministische Perspektive auf Wohnen fordert daher ein radikales Umdenken: Weg von einer Vorstellung von Wohnen als Marktware hin zu einem Verständnis von Wohnraum als grundlegende Infrastruktur für soziale Reproduktion.
Normen und Widersprüche im sozialen Wohnungsbau
Vor diesem Hintergrund wird der soziale Wohnungs(neu)bau oft als Antwort auf die Wohnungskrise gefeiert – als staatliches Instrument, das Wohnraum (vemeintlich) abseits von Marktlogiken bereitgestellt und verteilt, ökonomische Ungleichheiten abfedert und ein Mindestmaß an Wohnqualität für Teilhabe und Sorgearbeit sichert. Sozialwohnungen sollen ökonomisch benachteiligten Gruppen Zugang zu angemessenem Wohnraum ermöglichen. Bei genauer Betrachtung zeigt sich jedoch schnell, dass das Konzept Sozialwohnungen nur sehr eingeschränkt adäquaten Wohnraum zur Verfügung stellt – sowohl quantitativ als auch qualitativ.
In Städten wie Hamburg zeigt sich exemplarisch, dass es durch auslaufende Sozialbindungen und ungleichen Neubau nur noch viel zu wenige Sozialwohnungen gibt (ca. 80.000 Wohnungen bei etwa 643.000 anspruchsberechtigten Haushalten). Gleichzeitig werden Sozialwohnungen entlang bestimmter Kriterien geplant und vergeben, die bei genauerem Hinschauen sehr stark von traditionellen Idealen der heteronormativen Kleinfamilie geprägt sind. Diese institutionellen Normen, weit entfernt von diversen Lebensrealitäten, stabilisieren Ungleichheiten, statt sie abzubauen. Solche normierten Wohnungspolitiken prägen nicht nur, wer überhaupt eine Sozialwohnung erhält, sondern auch, wie diese Wohnungen konzipiert sind.
Diese Diskrepanz führt dazu, dass viele Menschen in Sorgeverantwortung – gerade alleinerziehende Mütter – auf dem Sozialwohnungsmarkt nicht nur mit einem Mangel an quantitativem bezahlbarem Wohnraum konfrontiert sind, der sie zwingt ‘zu nehmen, was sie kriegen können’, wenn sie überhaupt erstmal eine verfügbare Sozialwohnung finden, sondern auch mit einer Wohnqualität, die ihre Sorgearbeit erschwert. Grundrisse, Wohnungsgrößen, Ausstattung, Barrierefreiheit und Lage strukturieren, welche Sorgepraktiken möglich sind und welche an räumliche Grenzen stoßen. Fehlende Aufzüge, beengte Wohnverhältnisse oder periphere Lagen wirken nicht additiv, sondern kumulativ – sie verdichten Sorgearbeit räumlich, verlängern bei erzwungenem Umzug in andere Stadtteile (z.B. weil es überhaupt keine Sozialwohnungen im eigenen Stadtteil zur Verfügung standen) Wegezeiten zu Kitas, Schulen und sozialen Kontakten und unterminieren informelle Unterstützungsnetzwerke.
Ungleiche demokratischer Subjektivierung
Die alltägliche Sorgearbeit wird somit immer individualisierter und anstrengender. Die gängigen Vergaberichtlinien von Sozialwohnungen in Hamburg mit „so vielen Zimmern wie Personen“ zwingt Sorgende, z.B. alleinerziehende FLINTA* zu Kompromissen zwischen Wohn- und Schlafzimmer oder geteilten Kinderzimmern, unabhängig vom Altersunterschied der Kinder. Ihre eigenen Bedürfnisse werden dabei oftmals zugunsten der Kinder zurückgestellt. Sorgepraktiken erweisen sich also nicht allein als individuelle Entscheidung, sondern sind oftmals Ergebnis wohnungspolitischer und architektonischer Zwänge, die Sorgeressourcen wie Wohnraum nach Geschlecht, Klasse und weiteren Ungleichheitsachsen verteilen.
Dies reduziert nicht nur die Lebensqualität, sondern bindet Zeit, Aufmerksamkeit und Energie an die alltägliche Bewältigung von Knappheit. Die Wohnungsfrage ist somit eine Frage ungleicher demokratischer Subjektivierung. Politische Artikulation, kollektive Organisierung und demokratische Teilhabe werden dadurch strukturell erschwert. Denn wer permanent um Wohnraum kämpfen muss, kann demokratische Rechte nur eingeschränkt wahrnehmen.
Vergesellschaftung als feministische Vision
Die unzureichenden wohnungspolitischen Maßnahmen zeigen immer deutlicher, dass Lösungen jenseits des Marktes erforderlich sind, die Wohnraum aus der Profitlogik lösen und eine bedürfnisorientierte Organisation ermöglichen, um langfristige Veränderungen herbeizuführen. An diesem Punkt gewinnen Vergesellschaftungsinitiativen wie Deutsche Wohnen & Co. enteignen in Berlin und ihre Schwester Hamburg Enteignet ihre besondere Bedeutung. Sie adressieren nicht nur Mietpreise, sondern die Eigentumsfrage im Wohnen als zentrale Steuerungsinstanz sozialer Reproduktion – und verstehen Vergesellschaftung auch als explizit feministisch.
Sie fordern die Enteignung und Vergesellschaftung des Wohnungsbestands großer, profitorientierter Wohnungsunternehmen (in Berlin >3.000 Wohnungen, in Hamburg >500 Wohneinheiten) und die anschließende Überführung der Wohnungen in eine Anstalt des öffentlichen Rechts, die gemeinwirtschaftlich verwaltet und nicht privatisiert werden darf; sowie soziale Mieten, demokratische Mitbestimmung durch Mieter*innen, Belegschaft und Stadtgesellschaft – für bezahlbare Mieten und bedarfsgerechte Verteilung.
Dadurch wird ein großer Bestand an Wohnraum für die gemeinwohlorientierte Verwaltung quantitativ verfügbar – weg von der Knappheit, die diskriminierte Personen wie FLINTA* am härtesten trifft. Qualitativ ermöglicht es Verteilung und Umbauten nach Sorgebedürfnissen, statt nach kapitalistischer und heteronormativer Logiken: organisierte Wohnungstauschprogramme, um Wohnraum an veränderte Lebenslagen anzupassen, Rückzugsräume für Care, altersgerechte Grundrisse, barrierefreie Lagen, gute Anbindung an Kitas, Schulen, Praxen.
Jenseits kapitalistischer und heteronormativer Logik
Damit wird Wohnen dynamisch an Sorgeverhältnisse angepasst, statt Menschen in ökonomisch ineffizienten oder belastenden Wohnsituationen festzuhalten. Soziale Mieten reduzieren ökonomische Abhängigkeiten – insbesondere in gewaltvollen oder finanziell asymmetrischen Beziehungen. Sichere Mietverhältnisse ohne Kündigungsdruck bilden die materielle Voraussetzung dafür, patriarchale Abhängigkeitsverhältnisse tatsächlich verlassen zu können. Eine gemeinwirtschaftliche Verwaltung ermöglicht eine gezielte und transparente Belegungssteuerung. Für Neuvermietungen können Kontingente oder Quoten für strukturell benachteiligte Gruppen vorgesehen werden – etwa für von Gewalt betroffene Personen, Alleinerziehende, wohnungslose Menschen oder Menschen mit Behinderung.
Die Initiativen brechen so mit der Logik marktförmiger und patriarchaler Reproduktion, indem sie Wohnen als soziales Recht und nicht als Anlageprodukt behandeln. Durch demokratische Mieter*innen-Verwaltung wird Wohnraum nicht mehr an individuelles Einkommen oder Familiennormen gekoppelt, sondern entlang individueller und kollektiver Sorgebedarfe verteilt. Je näher Entscheidungen an den konkreten Lebensrealitäten der Mieter*innen getroffen werden, desto stärker können reproduktive Bedürfnisse berücksichtigt werden. Zugleich muss Partizipation so gestaltet werden, dass sie nicht zur Mehrfachbelastung insbesondere von FLINTA* führt. Vergesellschaftung ist damit mehr als eine mietpolitische Intervention: Sie schafft die materielle Basis für reproduktive Gerechtigkeit im Wohnbereich und emanzipierte Sorge-Communities. Über Mieter*innen-Selbstverwaltung können patriarchale Strukturen gebrochen werden; Wohnen wird solidarische Daseinsvorsorge. Gerade diese Konflikthaftigkeit macht Vergesellschaftung zu einer radikaldemokratischen Praxis.
Feministische Wohnungspolitik als Systemwechsel
Feministische Wohnungspolitik, inklusive der Forderung nach Vergesellschaftung, ist daher nicht als additive Korrektur bestehender wohnungspolitischer Instrumente zu verstehen – sondern zielt auf eine strukturelle Transformation der sozialen Reproduktionsverhältnisse. Sie markiert einen Perspektivwechsel: von Marktmacht zur sozialen Reproduktion, von heteronormativen Haushaltsnormen zu kollektiven Sorgearrangements, von privater Eigentumssicherung zu demokratischer Verfügung über Wohnraum.
Vergesellschaftung bedeutet Dekommodifizierung und Dekonventionalisierung – und eröffnet die Möglichkeit, Wohnraum als demokratisch gestaltbare Infrastruktur sozialer Reproduktion zu organisieren. Wohnraum bleibt nicht länger Eigentum Einzelner, sondern wird Gemeingut, das kapitalistische, patriarchale Normen durch demokratische Bedarfsplanung ersetzt. In diesem Sinne ist sie ein Beitrag zur radikalen Demokratisierung gesellschaftlicher Infrastruktur und insistiert darauf, dass Wohnen nicht nur verteilt, sondern politisch gestaltet werden muss, entlang der Frage, wie Gesellschaften füreinander sorgen wollen.