Fans gegen Kapital? Profifußballvereine als Orte realutopischer Praxis

Choreografie von Commando Ultra 84, einer Ultra-Gruppe von Olympique Marseille, 2006. Foto: TaraO (CC BY-SA 3.0)
Choreografie von Commando Ultra 84, einer Ultra-Gruppe von Olympique Marseille, 2006. Foto: TaraO (CC BY-SA 3.0)

Profifußballvereine bieten Räume für kollektive Selbstorganisation und Mobilisierung. Somit entsteht ein Reservoir demokratischer Erfahrung und ein äußerst niederschwelliger Zugang zu solidarischen Praktiken jenseits der Marktlogik. In kapitalistischen Gesellschaften sind solche Räume für große Gruppen fast vollständig verschwunden. Deshalb lohnt es sich, über das politische Potenzial des Fußballs nachzudenken, wie Lara Schauland in ihrem Beitrag zur „Deep Democracy“-Serie argumentiert.

*

„Im Fußball ist ein utopisches Potential zu erleben: Die Freude am Spiel erweckt die Lebenslust, und bis zur letzten Minute wird die Hoffnung genährt, dass nicht alles bleiben muss, wie es ist, und die Welt doch zu verändern ist.“ Detlev Claussen

Als die Fans in den Stadien während der Proteste gegen den geplanten DFL-Investoreneinstieg Tennisbälle auf das Spielfeld warfen, ging es um mehr als nur die Verteilung von Fernseherlösen in Deutschland. Die Unterbrechungen der Spiele, die Banner in den Kurven und die Auseinandersetzungen zwischen Vereinsführungen, Verbänden und Fans haben einen Konflikt sichtbar gemacht, der den Profifußball seit Jahren zunehmend unverhüllter prägt: Wer entscheidet eigentlich über den Fußball?

Reservoir demokratischer Erfahrung

Kaum ein anderer gesellschaftlicher Bereich vereint Millionen Menschen in einer derart dauerhaften Form kollektiver Zugehörigkeit. Allein die Vereine der Bundesliga zählen zusammen weit über eine Million Mitglieder. Zudem sind viele von ihnen in Fanclubs, Ultraszenen, Initiativen und informellen Netzwerken organisiert, die über einzelne Spieltage hinaus wirken. Fußballvereine gehören damit zu den wenigen verbliebenen Massenorganisationen, in denen Menschen freiwillig Teil eines kollektiven Projekts sind, das sie emotional wie politisch in ihren verschiedensten Lebensrealitäten ernst nehmen.

Viele dieser Menschen sind bereits politisch-soziale Akteur*innen – oft ohne, dass das als ‚politisch‘ bezeichnet wird. Ihre Mobilisierungsfähigkeit, ihre kollektive Identität und ihr organisationales Wissen bilden ein seltenes Reservoir demokratischer Erfahrung und einen ganz niedrigschwelligen Zugang zu solidarischen Praktiken jenseits der Marktlogik. Dazu kommt die hohe Loyalitätsbindung von Fans an ihre Vereine. Während Parteien Mitglieder verlieren und viele politische Institutionen als fern erlebt werden, existieren in Fußballvereinen noch immer unzählige Menschen, die sich freiwillig organisieren, Konflikte austragen und über gemeinsame Angelegenheiten entscheiden wollen.

Gleichzeitig ist Fußball symbolisch stark aufgeladen. Die emotionale Bindung an den Verein ist für viele Fans identitätsstiftend. Das bedeutet, dass demokratische Veränderungen hier nicht als abstrakte Ideale, sondern als konkrete Selbstverwirklichung erlebt werden. Können sie damit auch auf andere gesellschaftliche Sphären wie Arbeit ausstrahlen? Der Soziologe Fabian Fritz sagt dazu in einem Interview mit der Boeckler Stiftung: „Es ist erwiesen, dass Menschen demokratische Prozesse im Klub lernen. Häufiger als andere Bürger wenden sie diese Prozesse im übrigen gesellschaftlichen Leben an.“

Mehr als ein Spiel

Das alles soll natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Profifußball heute tief in kapitalistische Verwertungslogiken eingebunden ist. Aus lokal verankerten Vereinen sind globale Marken geworden. Medienrechte werden für Milliardenbeträge gehandelt, Investor*innen erwerben Anteile an Klubs, Sponsor*innen prägen die Außendarstellung ganzer Ligen. Die Kommerzialisierung des Fußballs wurde bereits vielfach beschrieben. Aus demokratietheoretischer Sicht stellt sich in diesem Verhältnis aber eine andere Frage: Warum entstehen gerade in einem so stark ökonomisierten Feld immer wieder Forderungen nach demokratischer Mitbestimmung?

Ein Teil der Antwort liegt vermutlich in einer Besonderheit des Fußballs. Anders als gewöhnliche Konsument*innen wechseln Fans ihren Verein nicht einfach. Wer mit einem Streamingdienst unzufrieden ist, kündigt das Abo. Wer sich über ein Unternehmen ärgert, kauft ein anderes Produkt. Fußball funktioniert anders. Die emotionale Bindung an einen Verein kann lebenslang bestehen. Sie basiert nicht auf Nutzenkalkülen, sondern auf Identifikation, Erinnerung und dem Gefühl der Zugehörigkeit.

Der Ökonom Albert O. Hirschman beschrieb bereits in den 1970er Jahren drei mögliche Reaktionen auf Unzufriedenheit: Exit, Voice oder Loyalty. Menschen können eine Organisation verlassen, Kritik äußern oder ihr loyal bleiben. Im Fußball greifen diese Mechanismen auf besondere Weise ineinander. Fans wollen ihren Verein nicht verlassen, deshalb protestieren sie und setzen sich aktiv für Veränderungen ein. Ihre Loyalität produziert Widerspruch. Diejenigen, die sich dem Verein am stärksten verbunden fühlen, sind oft auch diejenigen, die am lautesten Kritik üben.

Gegen den Investoreneinstieg

Das zeigte sich besonders deutlich während der Debatte um den Investoreneinstieg der DFL. Viele Fans kritisierten, dass eine grundlegende Entscheidung über die Zukunft des Profifußballs weitgehend ohne ihre Beteiligung getroffen werden sollte. Die Proteste richteten sich deshalb nicht nur gegen einen konkreten Deal, sondern gegen eine Entwicklung, in der wirtschaftliche Interessen zunehmend Vorrang vor demokratischer Mitbestimmung erhalten. Und in vielen Vereinen wurden dementsprechend auf Mitgliederversammlungen Anträge eingebracht, die Vorstände und Präsidien anzuweisen, gegen den Investoreneinstieg zu stimmen.

Ähnliche Konflikte lassen sich seit Jahren beobachten. So eskalierte etwa im Jahr 2017 der Streit zwischen Vereinsmitgliedern und dem Vorstandsvorsitzenden Martin Kind bei Hannover 96 zu einer Grundsatzfrage über die Bedeutung der 50+1-Regel und die Grenzen von Investorenmacht. Letztlich kreisen auch die weitverbreiteten Debatten um Ausgliederungen, Sponsor*innenverträge oder Ticketpreise um dieselbe Problematik: Wem gehört der Verein und wer darf über ihn entscheiden?

Loyalität als Widerspruch

Obwohl alle Profiklubs heute wie Unternehmen organisiert sind, beruhen sie weiterhin auf Strukturen, die sich von klassischen Wirtschaftsunternehmen unterscheiden. Alle Profivereine in Deutschland müssen im Kern als eingetragene Vereine organisiert sein und damit über Mitgliederversammlungen, gewählte Gremien und demokratische Verfahren verfügen (RB Leipzig sei hier mit nur 24 stimmberechtigten Mitgliedern als Ausnahme zu nennen). Diese Institutionen sind häufig begrenzt, manchmal symbolisch und nicht selten konfliktgeladen. Dennoch existieren sie und schaffen Räume, in denen Menschen Erfahrungen mit kollektiver Selbstorganisation machen können.

Der Soziologe Erik Olin Wright bezeichnete solche Räume als „Realutopien“. Gemeint sind keine perfekten Gegenwelten und keine fertigen Modelle für eine bessere Gesellschaft. Realutopien entstehen innerhalb bestehender Verhältnisse. Sie sind Orte, an denen alternative Formen von Organisation und demokratischer Kontrolle im Kapitalismus praktisch erprobt werden. Und eben weil sie nicht außerhalb des Kapitalismus existieren, sondern in seinen Widersprüchen entstehen, halte ich sie für politisch so interessant.

Profifußballvereine lassen sich in diesem Sinne als widersprüchliche Realutopien verstehen, die durch Veränderungen im Sinne Wrights ihr Potential als Realutopien entfalten könnten. Einerseits sind sie in Märkte eingebunden, abhängig von Medienerlösen und geprägt von Konkurrenzdruck. Andererseits verfügen sie über demokratische Elemente, die in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen längst verschwunden sind. Während Beschäftigte in den meisten Unternehmen kaum Einfluss auf strategische Entscheidungen haben, können Vereinsmitglieder zumindest theoretisch Präsidien wählen, Satzungen verändern oder Vorstände unter Druck setzen. Die Mitbestimmung und Basisdemokratie sind in den meisten Vereinen definitiv ausbaufähig. Genau daraus ergibt sich jedoch ein großes Potenzial.

Gefahr der Romantisierung

Es wäre natürlich naiv, daraus eine Erzählung vom Fußball als demokratischem Gegenmodell zu machen. Die Realität sieht häufig anders aus. Macht konzentriert sich auch in Vereinen auf wenige Akteur*innen. Mitgliederversammlungen werden oft nur von einem Bruchteil der Mitglieder besucht. Wirtschaftliche Interessen und der Drang nach sportlichem Erfolg beeinflussen Entscheidungen. Nicht selten werden auch in eingetragenen Vereinen demokratische Verfahren umgangen oder auf formale Beteiligung reduziert.

Hinzu kommt, dass Proteste gegen Kommerzialisierung keineswegs automatisch emanzipatorisch sind. Fankulturen sind nicht frei von allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen. In Teilen der Fankulturen existieren sexistische, rassistische oder autoritäre Vorstellungen von Zugehörigkeit. Nicht jede Bewegung gegen Eliten, Investor*innen oder Kommerzialisierung ist automatisch demokratisch im emanzipatorischen Sinn. Die Ablehnung bestehender Machtverhältnisse kann ebenso progressive wie autoritäre politische Projekte hervorbringen.

Die Geschichte sozialer Bewegungen zeigt, dass Mobilisierungsfähigkeit allein kein verlässlicher Maßstab für demokratisches Potenzial ist. Wer demokratische Gegenmacht stärken will, muss deshalb nicht nur fragen, ob Menschen sich organisieren, sondern auch welche Vorstellungen von Gesellschaft sie dabei vertreten. Die Frage soll deshalb nicht sein, ob Fußballvereine per se demokratische Räume sind. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, welche Formen von Demokratie in ihnen entstehen können und welche gesellschaftlichen Bedingungen diese fördern oder verhindern.

Kollektive Selbstbestimmung praktisch einüben

Gerade hier liegt die politische Bedeutung des Fußballs als Labor gesellschaftlicher Selbstorganisation. In einer Zeit, in der viele Menschen ihre Möglichkeiten gesellschaftlicher Einflussnahme als begrenzt erleben, bieten Vereine einen unmittelbaren Bezugspunkt. Entscheidungen und Debatten über Ticketpreise, Investoreneinstiege oder Vereinsstrukturen betreffen die Lebenswelt ihrer Mitglieder direkt. Demokratische Beteiligung erscheint dadurch als konkrete Praxis und wird als solche erlernt.

Das bedeutet nicht, dass der Fußball den Kapitalismus überwinden wird, aber darum geht es mir auch nicht. Sein Potenzial liegt woanders. Er zeigt, dass selbst in hochgradig kommerzialisierten Bereichen Konflikte um Mitbestimmung, Eigentum und kollektive Kontrolle entstehen können und er erinnert daran, dass wirtschaftliche Entscheidungen immer auch politische Entscheidungen sind.

Der Fußball wird dadurch zu einem Ort, an dem sich zentrale Konflikte der Gegenwart verdichten: zwischen Kapital und Demokratie, zwischen Vermarktung und Zugehörigkeit, zwischen privater Verfügung und kollektiver Selbstbestimmung.

Diese Konflikte lassen sich nicht so schnell lösen. Sie bleiben widersprüchlich, unvollständig und vor allem umkämpft. Fußballvereine erinnern somit daran, dass Demokratie in erster Linie die Praxis der gemeinsamen Entscheidungsfindung über gemeinsame Angelegenheiten ist. Ob diese Fähigkeit emanzipatorische Formen annimmt, bleibt offen. Aber ohne solche Erfahrungsorte bleiben Realutopien abstrakt. Erst dort, wo Menschen kollektive Selbstbestimmung praktisch einüben, kann gesellschaftliche Demokratisierung zu einer realen Möglichkeit werden.

Anm.d.Red.: Kürzlich haben Lara Schauland und Raphael Molter das Buch „Matchplan Meuterei: Fußballfans zwischen Kommerzialisierung und Widerstand veröffentlicht.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.