Familie in der Krise: Zwischen rechter Mobilisierung und linker Kritik

Artwork: Colnate Group, 2025 (cc by nc)
Artwork: Colnate Group, 2025 (cc by nc)

Es gibt eine Krise der Familie. Diese wurde jedoch nicht durch eine ‚Zersetzung traditioneller Identitäten‘, gleiche Rechte für LGBTQIA+-Personen oder Migrant*innen ausgelöst. Vielmehr besteht sie im Scheitern der Familie als zentrale Institution eines privatisierten Systems sozialer Reproduktion. Liza Mattutat argumentiert, dass diese Krise den Weg zu einer sorgezentrierten Gesellschaft eröffnen kann, wenn wir uns gegen Hass und Hetze und für eine solidarische Politik entscheiden.

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Im Herbst 2019 brachte Georgia Meloni die Massen buchstäblich zum Tanzen. Das DJ-Duo MEM & J hatte einen Teil ihrer Rede vom 19. Oktober 2019 auf der Piazza San Giovanni in Rom geremixt und mit einem Dancebeat unterlegt. Der Track wurde zu einem Medienphänomen in ganz Italien und erzielte innerhalb eines Monats auf YouTube Millionen von Aufrufen. Die ironische Absicht der DJs ging dabei jedoch unter und so riefen italienische Jugendliche, während sie zu dem Lied tanzten, im Chor: „Io sono Giorgia, sono una donna, sono una madre, sono cristiana“ („Ich bin Giorgia, ich bin eine Frau, ich bin eine Mutter, ich bin Christin“).

Die Pointe von Melonis Selbstbeschreibung hatte das DJ-Duo jedoch rausgeschnitten: „sono italiana“. Denn darum ging es in Melonis Rede eigentlich: Um die Beschwörung der Familie als Kern der nationalen Identität, den die italienische Rechte durch Gleichstellungsforderungen queerer Eltern in der Krise sieht. Hintergrund war die Diskussion darum, ob homosexuelle Paare sich als ‚Elternteil 1‘ und ‚Elternteil 2‘, statt als ‚Mutter‘ und ‚Vater‘ in den persönlichen Dokumenten ihrer Kinder eintragen lassen dürfen. Die dagegen zu verteidigende nationale Identität brachte Meloni in ihrem viralen Slogan zum Ausdruck: Frau, Mutter, Christin = Italienerin. Sie schloss kämpferisch: „Non me lo toglierete!“ („Ihr werdet mir das nicht wegnehmen!“)

Instrumentalisierung der Familie durch die Rechte

Nun ist es keineswegs neu, dass rechte Bewegungen die Familie ideologisch einspannen. Man denke nur an den Mutterkult des Nationalsozialismus. Neu sind aber einige der Formen, die die extreme Rechte heute dafür findet. In Europa ist bemerkenswert, dass rechte Parteien, wo sie die Regierung stellen, in einer partiellen Abkehr von traditionellen Frauenbildern auf eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf setzen. In den USA ist neu, dass sich Teile der pronatalistischen Bewegung einen humanitären Anstrich geben und Reproduktionstechnologie uneingeschränkt befürworten. Sie beschwören einen globalen Bevölkerungskollaps und behaupten, in ihrer Politik ginge es um nicht weniger als um den Erhalt der Menschheit.

Diese Veränderungen entstehen, weil auch die extreme Rechte auf eine Situation reagieren muss, in der die Familie tatsächlich in die Krise geraten ist. Jedoch nicht wegen gleicher Rechte für queere Eltern oder den Zuzug migrantischer Familien, wie die Rechte uns glauben machen will, sondern aufgrund einer politisch-ökonomische Lage, in der das Familienernährer-Modell an ein Ende gekommen ist. Die Reallöhne stagnieren, die Lebenshaltungskosten steigen, alle Erwachsenen müssen einer Lohnarbeit nachgehen und so bleibt die Sorgearbeit auf der Strecke. Dies schlägt sich in einer Vernachlässigung von Kindern und Pflegebedürftigen ebenso nieder wie in der steigenden Zahl von Erschöpfungsdepressionen bei Sorgegebenden („Eltern-Burnout“).

Wenn die extreme Rechte die Regierung stellt, muss auch sie dem Umstand Rechnung tragen, dass kaum eine Familie von einem Einkommen leben kann. ‚Zurück an den Herd‘ funktioniert nicht mehr. Deshalb setzen sich rechte Regierungsparteien in Europa für eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Viktor Orbán führte in Ungarn zum Beispiel im bewussten Gegensatz zu hohem Kindergeld und anderen Transferleistungen massive Steuererleichterungen für Familien ein, um die Erwerbstätigkeit von Frauen zu fördern. Meloni, die Orbán auf dem V. Budapester Demografiegipfel als Vorbild für ihre Familienpolitik nannte, versprach bei Amtsantritt einen Ausbau der Kinderbetreuungsplätze aus EU Geldern. Ein Ziel, das nun an Verzögerungen durch die Verwaltung und Bürokratie zu scheitern droht.

Die sozioökonomische Krise durch einen Kulturkampf verdrängen

Weil sie für die Lösung der ökonomischen Hintergründe der Krise der Familie aber nicht wirklich etwas anzubieten hat, verlegt sich die Rechte auf einen Kulturkampf. Dies schlägt sich in Migrationsabwehr, einem massiven Angriff auf die reproduktive Selbstbestimmung von Frauen und in queerfeindlichen Positionen nieder.

Auf Betreiben der PiS ist Abtreibung in Polen seit 2022 nur noch nach einer Vergewaltigung legal. In Ungarn gilt zwar eine Fristenlösung, nach der Frauen sich bis zur 12. Schwangerschaftswoche auf eine persönliche Krisensituation berufen können, doch seit 2022 sind sie auf Betreiben der rechtsextremen Partei Mi Hazánk verpflichtet, vor der Abtreibung die Herztöne des Embryos anzuhören. In Italien dürfen seit 2024 sogenannte Pro-Life-Organisationen Beratungsstellen in Krankenhäusern einrichten, wo sie durch moralischen Druck und Belästigung versuchen, Frauen von Schwangerschaftsabbrüchen abzuhalten. Die deutsche AfD fordert, Abtreibung nur noch bei kriminologischer oder medizinischer Indikation zu erlauben und die obligatorischen Beratungsgespräche vor dem Eingriff darauf auszurichten, Frauen von einem Abbruch abzubringen. Dies stehe in den Diensten einer „Willkommenskultur für Kinder“.

Diese Wortwahl führt auf den ideologischen Kern der rechten Familienpolitik. Rechte Parteien lehnen Migration als Lösung für die Probleme des demografischen Wandels, wie etwa den Fachkräftemangel und die Krise der Pflege, weitgehend ab. Stattdessen sind sie obsessiv damit beschäftigt, die Geburtenrate zu heben. Diese sinkt in den Industrieländern seit Jahrzehnten und lag mit durchschnittlich 1,51 Kindern pro Frau im Jahr 2022 deutlich unter der sogenannten Reproduktionsrate von 2,1, die notwendig ist, damit die Bevölkerung nicht schrumpft. Angesichts dieser Zahlen fürchtet die Rechte einen Bedeutungs- und Machtverlust der weißen Eliten, was sich in Verschwörungsideologien wie der des ‚Großen Austausches‘ und dem angeblich drohenden ‚Volkstod‘ niederschlägt.

Die ‚traditionelle Familie‘ unter Beschuss?

Das als homogen, weiß und christlich imaginierte Volk würde gezielt ausgetauscht und durch Migrant*innen und deren Nachkommen ersetzt. Deshalb setzt die Rechte auf eine selektiv-pronatalistische Familienpolitik, die nationale, heterosexuelle Familien fördert, migrantische Familien diskriminiert und Zuwanderung beschränken will. „Neue Deutsche? Machen wir selber“, lautete ein entsprechender Slogan auf einem Wahlplakat der AfD zur Bundestagswahl 2017. Im Hintergrund: eine strahlende, schwangere, blonde, weiße Frau.

Während die Reproduktion heterosexueller Familien gefördert werden soll, macht die Rechte queeren Familien das Leben schwer. Samenspende und künstliche Befruchtung sind in Italien nur Paaren von Mann und Frau erlaubt. Der Elternstatus lesbischer Mütter, die ihre Kinder nicht geboren haben, bleibt trotz kürzlicher Erfolge prekär. Ende 2024 erließ die italienische Regierung ein Gesetz, das die Inanspruchnahme von Leihmutterschaft auch im Ausland unter Strafe stellt. Dadurch ist es schwulen Paaren de facto unmöglich, Kinder zu bekommen. In Ungarn definiert die Verfassung seit 2020, dass die Mutter eine Frau und der Vater ein Mann ist und dass das Recht der Kinder auf eine ihrem Geburtsgeschlecht entsprechende Identität geschützt werden muss. Die ‚traditionelle Familie‘ soll ein Bollwerk gegen die angeblichen Gefahren der sogenannten ‚Gender-Ideologie‘ bilden.

Wie die Politik der extremen Rechten allgemein, ist auch ihre Familienpolitik weder rein ökonomisch noch allein aus einer Bedienung von Wähler*inneninteressen zu erklären. Vielmehr übersetzt sie Gefühle von Wut und Ohnmacht über eine ökonomische Situation, die unter ihren Wähler*innen weit verbreitet sind, in eine Identitätspolitik. Sie beschwört die ‚traditionelle Familie‘, macht Stimmung gegen migrantische und queere Eltern und initiiert dadurch einen Kulturkampf, der für sie politisch nützlich ist.

Familienabolitionismus

Solch menschenfeindlichen Projektionen gilt es solidarische Lösungen entgegenzusetzen, die die Krise der Familie an der Wurzel angehen. Vorschläge dazu werden in den letzten Jahren unter dem polemischen Schlagwort „Familienabolitionismus“ vorgebracht. Autor*innen wie Sophie Lewis, Kathi Weeks oder Michelle O’Brien analysieren, dass der gegenwärtigen Überlastung von Familien ein widersprüchliches Verhältnis von Produktion und Reproduktion zugrunde liegt, das systemisch ist.

Kapitalismus basiert auf der Ausbeutung von Arbeitskraft. Daher hat das Kapital ein Interesse daran, die Kosten für deren Reproduktion so gering wie möglich zu halten. Gleichzeitig können die Kosten für die Wiederherstellung der Arbeitskraft nicht zu sehr gedrückt werden. Denn essen sie zu schlecht, schlafen sie zu wenig, kümmern sie nicht ausreichend umeinander, sind Menschen nicht mehr arbeitsfähig. Die Familie war historisch die Institution, die dieses widersprüchliche Verhältnis entschärfte, indem sie die reproduktiven Aufgaben wie Kinder kriegen und erziehen, kochen, waschen usw. unbezahlt leistete. Da diese Arbeit traditionell von Frauen übernommen wird, kollabiert dieses System durch die steigende Frauenerwerbsquote zunehmend.

Die europäische Rechte versucht zurzeit, es volkswirtschaftlich zu stabilisieren, indem sie traditionelle Werte und Geschlechterrollen beschwört, zugleich aber Konzessionen an die ökonomische Realität machen muss. Familienabolitionist*innen fordern stattdessen ein Ende des privatisierten Systems sozialer Reproduktion in der Familie durch eine umfassende Kollektivierung von Sorgeaufgaben. „What is needed“, schreiben Michèle Barrett and Mary McIntosh in ihrem Buch „The Anti-Social Family“ (1982), „is not to build up an alternative to the family – new forms of household that would fulfill all the needs that families are supposed to fulfill today – but to make the family less necessary, by building up all sorts of other ways of meeting people’s needs“.

Strukturelle und materielle Bedingungen für Alternativen

Es sollte also nicht darum gehen, Alternativen zur Familie vorzuschreiben, sondern darüber nachzudenken, welche strukturellen und materiellen Bedingungen es ermöglichen würden, solche Alternativen kollektiv zu entwickeln. Kathi Weeks schlägt dafür eine Reihe von Reformen vor, die auf eine Entlastung familiärer Beziehungen zielen: die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, um die finanzielle Abhängigkeit von Familienangehörigen untereinander zu verringern; die Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 30 Stunden, um mehr Zeit für Sorgetätigkeiten einzuräumen; die Einführung einer allgemeine Krankenversicherung, die weder an eine Erwerbsarbeit noch an einen Familienstatus gekoppelt ist, sowie bezahlbare Wohnungen, deren Schnitte verschiedene Beziehungsformen – vom Singlehaushalt bis zum vielköpfigen Wohnprojekt – möglich machen.

Es gibt eine Krise der Familie. Ausgelöst wird sie aber keineswegs durch eine ‚Zersetzung traditioneller Identitäten‘ durch gleiche Rechte für LGBTQIA+-Personen oder Migrant*innen. Vielmehr besteht sie in einem Scheitern der Familie als zentrale Institution eines privatisierten Systems sozialer Reproduktion. Diese Krise kann Wege hin zu einer sorgezentrierten Gesellschaft eröffnen, wenn wir uns gegen Hass und Hetze und für solidarische Politik entscheiden.

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