Die Kunst der Revolution ist eine unterschätzte und doch ziemlich verrückte politische Fähigkeit. Um sie zu meistern, muss man bereit sein, niemandem zu vertrauen – vor allem nicht den Architekt*innen einer Revolution und ihren Erzählungen. In seinem Artikel fragt Slave Cubela: Ist im 21. Jahrhundert überhaupt jemand bereit, sich dieser Kunst zu widmen?
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Die Kunst der Revolution ist ein komplexes Phänomen, das viele Denker*innen – selbst in unserer Zeit – unterschätzt haben. Angesichts der mobilisierenden Kraft der digitalen Medien im 21. Jahrhundert mag eine Revolution als leichtes Unterfangen erscheinen, was ein Grund dafür ist, warum sie oft scheitert.
Daher ist es an der Zeit, unsere Optionen neu zu überdenken. Was braucht es, um die Kunst der Revolution zu erlernen? Was würde es für die Linke bedeuten, zu ihren Wurzeln zurückzukehren und sich an erfolgreichen Revolutionär*innen zu orientieren?
Echte Revolutionär*innen?
Was wie ein kluger und folgerichtiger Schachzug aussieht, der nicht nur bei Vincent Bevins gegenwärtig zu einer Rehabilitierung des Leninismus führt, erweist sich bei näherer Betrachtung allerdings schnell als fragwürdiger Schritt. Denn, wenn Geschichte immer Geschichte der Sieger ist, dann gilt das auch für jene Geschichten der Revolution, die von siegreichen Revolutionär*innen geschrieben wurden.
Das lässt sich gut an einer Episode illustrieren, über die der Publizist Arkadi Waksberg kurz nach 1989 berichtet. Von einem kleinen Angestellten erhält er eine dichtgeschriebene, sechzigseitige Mappe mit Wladimir Lenin-Zitaten zugeschickt, die dieser Mann in großer Fleißarbeit zusammengestellt hat.
Waksberg beginnt zu lesen und stellt fest: „Die Zitatensammlung ist beeindruckend: ‚hinrichten‘, ‚erschießen‘, ‚auf der Stelle umbringen‘, ‚schonungslos ausmerzen‘, ‚am stinkenden Strick aufhängen‘… Wen? Das ‚bürgerliche Gesindel‘, ‚die ekelhaften und gemeinen Schufte‘, ‚das konterrevolutionäre Geschmeiß‘, ‚die imperialistischen Lakaien‘, ‚alles mögliche Gesocks‘ und so weiter. Es handelt sich in den meisten Fällen um Zitate aus Anweisungen, Telegrammen, und Briefen an seine Kampfgefährten, wo er keinerlei Rücksicht nehmen musste und sich so ausdrücken konnte, wie ihm der Schnabel gewachsen war.“
Es überrascht nun kaum, dass die Bolschewiki diesen mörderischen Fanatismus Lenins kaum erwähnten und dass sie überdies zu keinem Zeitpunkt daran dachten, ihr extremes Freund-Feind-Denken als revolutionäres Erfolgsgeheimnis an die globale Linke weiterzugeben. Stattdessen hob man lieber glättend die Willenskraft, die Disziplin, den klaren strategische Blick des Meisters Lenin hervor, weil das ehrbare Eigenschaften waren, die sich für vermeintlich große Revolutionär*innen ziemten.
Aber nicht nur die Gnadenlosigkeit der Revolution wird von erfolgreichen Revolutionär*innen aus Legitimitätsgründen temperiert. Viele linke Sieger*innen hatten überdies großen Bedarf daran, ihre eigene Vergangenheit nach der Revolution zu frisieren. Den Grund offenbart eine biographische Recherche. Diese zeigt, dass es ein ungemein schmaler Grat ist, der ein Individuum davon trennt, entweder als ‚Bohemien‘ oder doch als Revolutionär*in in die Geschichte der Linken einzugehen. Während z.B. die Protagonisten der Münchener Räterevolution bis heute häufig ‚nur‘ als ‚Dichter‘ oder ‚Bohemiens‘ gelten, da sie am Ende verloren, erlaubte es die Machterlangung den Bolschewiki diesen, sich für alle Zeiten als echte Revolutionär*innen von der Pike auf zu inszenieren.
Erfolgsrezept für eine Revolution
Immerhin: Blicken wir hinter diese Inszenierung, dann erscheint ein bis heute kaum gewürdigtes Erfolgsrezept der Revolution. Überspitzt formuliert: Revolutionär*innen haben den Mut, sich biographisch radikal und ohne Erfolgsgarantie gesellschaftlich lächerlich zu machen.
Auguste Blanqui wurde etwa zur revolutionären Legende des 19. Jahrhunderts, weil er politisch unbeugsam war, seine Umsturz-Aktivitäten hingegen waren peinliche Flops, so dass er lange als unglückliche Figur galt. Karl Marx war sein Leben lang eine verkrachte Existenz, die nur dank der Zuwendungen seines Freundes Friedrich Engels lesen, schreiben und seine Familie durchbringen konnte, so dass es kaum verwundert, dass bei seinem Begräbnis nur eine Handvoll Menschen anwesend war. Lenin galt vor 1917 in Zürich als ‚der Russe, mit den großen Theorien und dem kleinen Anhang‘, während Joesf Stalin – was heute die wenigsten wissen – zunächst sogar Lyriker war, bevor er jahrelang ein wildes Banditen-Leben lebte. Ernesto Che Guevara schließlich war ein sympathischer Tunichtgut, der mit dem Motorrad durch Lateinamerika kurvte, ehe er sich mit 81 anderen Kämpfer*innen zu einem Himmelfahrtskommando entschloss, aus dem die kubanische Revolution wurde.
Wenn also Aristide Zollberg Revolutionen als „moments of madness“ bezeichnete, dann impliziert das auch, dass diese das Produkt von Freaks sind. Oder genauer: die Kunst der politischen Revolution entsteht in intellektuellen, antibürgerlichen Subkulturen. Und das meint auch: hinter den großen Revolutionär*innen, von denen die Linke zehrt und träumt, verbergen sich tausende von vergeblichen Randexistenzen, also Herumtreiber*innen und Träumer*innen, die vergeblich revolutionär politisierten, theoretisierten und provozierten, um am Ende häufig genug arm und anonym begraben zu werden.
Irrwitzige soziale Bündnisse
Aber wem jetzt zu dämmern beginnt, dass die Kunst der Revolution auch eine seltsame Kunst ist, der wird beim Blick auf die sozialen Träger der Revolution noch irritierter sein, denn es waren teils irrwitzige sozialen Bündnisse, die vielen Revolutionen zum Erfolg verhalfen. Dabei muss man abermals an den ehrbaren Revolutionserzählungen kratzen, die erfolgreiche Revolutionär*innen so gern in die Welt setzen und in denen geniale Strategen, fortschrittliche soziale Klassen und punktgenaue Programmatiken Revolution machen.
Welche zwielichtigen Gruppen jedoch tatsächlich zu Revolutionen führen, deutet sich aber bereits im berühmten „Revolutionären Katechismus“ an, den Michail
Bakunin und Sergei Gennadijewitsch Netschajew in der Mitte des 19. Jahrhunderts verfassten. In diesem wahrscheinlich ehrlichsten Werk über die Kunst der Revolution heißt es freimütig: „Unsere Angelegenheit ist die schreckliche, totale, unerbittliche und allgemeine Zerstörung. Was das betrifft, müssen wir uns wieder dem Volke nähern, vor allem mit jenen Elementen aus dem Volke vereinigen, die (…) nicht nur mit Worten, sondern vor allem durch ihre Taten niemals aufgehört haben, sich gegen alles aufzulehnen (…) Wir müssen uns der abenteuerlichen Welt der Räuber anschließen, die die wahren und einzigen Revolutionäre Russlands sind.“
Dass sich diese Maxime in der Geschichte der Bolschewiki und der UDSSR als maßgeblich erweisen sollte, habe ich an anderer Stelle bereits gezeigt, letztlich war das kein Realsozialismus, sondern wie der Titel meines Aufsatz zeigt ein „Lumpensozialismus“. Doch nicht nur Bündnisse mit sozialen Gewaltexpert*innen wie etwa auch Soldat*innen und Militärs gehören zur Kunst moderner Revolutionen, auch die Massen, die die Revolution zum Sieg tragen sind, soziologisch formuliert, atypisch.
Bäuer*innen als revolutionäre Subjekte
Das eindrucksvollste Beispiel sind die Revolutionen des 20. Jahrhunderts. Während die Linke tief geprägt von einem modernitätsorientierten Marxismus bis heute manisch fixiert auf den Begriff der Arbeiter*innenklasse und die Rolle der Arbeiter*innen ist, sind die revolutionäre Klasse des 20. Jahrhunderts ganz klar die Bäuer*innen gewesen. Mexiko, Russland, China, Vietnam, Algerien und Kuba – in all diesen politischen Umstürzen stellte die Landbevölkerung das kämpfende Fußvolk.
Und wer nun denkt, dass das heute kaum mehr interessiert, der übersieht, dass die Bäuer*innen ihre außergewöhnliche Zähigkeit, Findigkeit und Opferbereitschaft an ihre Nachkommen in den großen Slums der Welt quasi weitergegeben haben. Nur mit dem großen Unterschied, dass das explosive Slum-Proletariat heute der religiösen Rechten zuneigt, während die progressiven Kräfte in diesen Ländern, marxistisch oder liberal belesen, nach aufrichtigen Kämpfer*innen bei den Arbeiter*innen und in den Mittelschichten Ausschau halten.
Damit ist im 21. Jahrhundert eine bitter-ironische Situation entstanden. Während die Linke von ihren eigenen Meistern gelehrt bekommt, dass Revolutionen etwas mit Hegemonie, Parteien, aufgeklärten Klassen usw. zu tun haben, entgeht der Linken etwas sehr Einfaches: politische Revolutionen brauchen entschlossene Kämpfer*innen, egal woher und wie man sie rekrutiert.
Solange die Linke den alten Revolutionsmythen folgt und diese allenfalls durch liberale 1989er-Narrative ergänzt, wird radikale Geschichte ohne sie stattfinden. So im Iran, weil es dort das Lumpenproletariat der Vorstädte war, dass das Mullah-Regime an die Macht brachte und dass ihm bis heute die Treue hält. So in Ägypten, wo es die ‚Slum-Kämpfer*innen‘ waren, die nach der Arabellion fast die Muslimbrüder an die Macht gebracht hätten. So in immer mehr Teilen der Welt, in denen diese jeden Tag um ihr Überleben kämpfenden Deklassierten beharrlich dafür sorgen, dass Evangelikalismus und Islamismus heute die dynamischsten Sozialbewegungen der Welt sind.
Rückkehr des bürgerlichen Selbsthasses?
Um es noch einmal zu sagen: die Kunst der Revolution stellt eine unterschätzte und zugleich eine ziemlich verrückte politische Fähigkeit dar. Um sie zu erlernen, darf man niemandem vertrauen, schon gar nicht den großen Machern der Revolution und ihren Erzählungen. Die Ausbildung gelingt nur dann, wenn man bereit ist, sein Leben ohne irgendwelche Garantien abseits bürgerlicher Pfade am Rande der Lächerlichkeit zu leben. Die große Bühne der Revolution können nur jene wenigen betreten, denen es gelingt, sozialphilosophische Revolutions-Schemata im richtigen Moment hinter sich zu lassen, um einfach nur entschlossene und zähe Kämpfer*innen zu rekrutieren. Zu einer revolutionären Ikone schließlich wird nur der, der bis hinein in seine Lebens- und Kampferinnerungen bereit ist, skrupellos zu handeln.
Im Ergebnis scheint der Fall damit klar: warum sollte man sich im 21. Jahrhundert noch ernstlich einer Kunst widmen, deren vermeintliche Leichtigkeit trügt, in der es keine vertrauenswürdigen Lehrmeister gibt und die bei kritischer Betrachtung abstoßend, entsagungsvoll und brutal ist? Aber trotz dieser und anderer Faktoren, die ein Sterben der Kunst der Revolution nahelegen, vielleicht ist es dennoch zu früh für einen Abgesang. Das Erlernen dieser Kunst war nämlich nie allein Kopfsache, alle großen Revolutionär*innen waren Revolutionär*innen aus Leidenschaft.
Oder genauer: Der Umstand, dass sehr viele von ihnen bürgerlicher Herkunft waren, deutet auf eine verbreitete Éducation sentimentale hin, an deren Ende Individuen mit einem ausgeprägten bürgerlichen Selbsthass standen. Leiderfahrungen in der engen bürgerlichen Kleinfamilie, scheiternde Bildungsbiographien, spießbürgerliche Umfelder, staatliche Repressionen aber auch Schamgefühle wegen des guten, eigenen Lebens in einem Umfeld des sozialen Elends sorgten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dafür, dass vor allem Kinder des Bürgertum die vertrackte Ausbildung zur Revolutionärin auf sich nahmen.
Über kleine Emanzipationen hinaus
Interessant ist nun das: während der Neoliberalismus ökonomisch viele soziale Errungenschaften beerdigte, so waren die Jahrzehnte seit den 1970er Jahren für Bürgerskinder dennoch eine Phase der kulturellen Libertinage. Entsprechend dämpfte der Neoliberalismus den Selbsthass des Bürgertums immens, indem er in allen erdenklichen Lebensbereichen kleine Emanzipationen und Revolutionen tolerierte, so dass der mühsam-verworrene Weg zum politischen Revolutionskünstler*innen kaum mehr beschritten wurde.
Allein, diese Epoche des progressiven Neoliberalismus geht zu Ende. Soziale Angst erreicht langsam aber sicher die Mittelschichten. Ein neuer bürgerlicher Autoritarismus beginnt sein intolerantes Haupt nicht nur in den USA zu heben. Immer mehr bürgerliche Selbstentfaltungsräume in Kunst, Kultur und Wissenschaft gehen verloren. Diese und andere Entwicklungen könnten zu einer Renaissance des bürgerlichen Selbsthasses führen und damit auch zur Rückkehr der Politrevolutionär*innen.
Ob das dann wirklich eine gute Nachricht ist, sei dahingestellt. Aber irgendwie wäre es auch schade, wenn eine so alte politische Kunst ganz still und leise sterben würde, oder?
Anm.d.Red.: Lesen Sie in der BG auch „The Lost Art of Making a Revolution: Warum folgen auf radikale politische Proteste oft Enttäuschungen?“