Die Herausforderung des gegenwärtigen historischen Wendepunkts besteht erneut darin, die Zukunft ohne Zukunft neu zu denken: eine Gesellschaft nach dem Untergang der Moderne, die jedoch nicht hoffnungslos ist und in der es möglich ist, Selbstbehauptung, irdische Selbsterhaltung sowie kollektive und individuelle Selbstbestimmung zurückzugewinnen. Jennifer Stevens reflektiert über die herrschaftslegitimierende Funktion von Endzeitrhetoriken und über emanzipatorische Politik angesichts zunehmender Weltuntergangspropaganda.
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Im November 2025 geschah etwas, das viele ersehnten und nur wenige zu hoffen wagten. Der algerisch-französische Schriftsteller Boualem Sansal wurde nach einem Jahr aus der Haft entlassen. Für eine Leserin seines Romans „2084 – Das Ende der Welt“ (2015) konnte sein plötzliches Verschwinden nach seiner Ankunft am Flughafen in Algier nur wie eine schauerliche Realisierung seiner fast zehn Jahre alten Fiktion erscheinen.
Kam sich Sansal, der wegen seiner kritischen Äußerungen zur algerischen Geschichts- und Kolonialpolitik zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, selbst wie sein vom Regime verfolgter Protagonist vor?
Die ersten Schilderungen seiner Haftbedingungen legen es jedenfalls nahe. Die Haft bedeutete für ihn buchstäblich das Ende der Welt. Jede Verbindung zur Welt wurde gekappt – kein Kontakt zu Mitinsassen oder seinem Anwalt. Sansal habe das Gefühl gehabt, zu sterben, denn nicht nur seine Körperkraft schwand, sondern auch sein Wortschatz verkümmerte. Dass der Schriftsteller den Sprachverlust wie seinen eigenen Tod erfuhr, ist nicht nur vor dem Hintergrund seines großen Lebenswerks verständlich. Es bringt auch die Ohnmachtserfahrung eines Regimekritikers zum Ausdruck, dessen gefährlichste Waffe seine Worte sind.
Religion als tödliches Heilmittel
So sehr „2084“ auch zeigt, wie gefährlich bestimmte Begriffe – wie Freiheit und Demokratie – einem totalitären Regime werden können, so deutlich zeigt der Roman auch, wie Sprache als Herrschaftsinstrument dienen kann. Hieran wird die Nähe zu George Orwells „1984“, wie sie sich schon im Titel ankündigt, besonders deutlich. Auch in „2084“ soll eine vom Staatsapparat künstlich geschaffene, heilige Sprache gewährleisten, dass die Menschen nicht auf falsche Gedanken kommen und drängt als einzig legitime Kommunikationsform die profane Alltagssprache in die Klandestinität.
Für Populistinnen unterschiedlichster Couleur ist ein solcher ‚Neusprech‘ längst zum geflügelten Wort geworden, um jede Bemühung um eine inklusive Sprachentwicklung als Staatsdiktat zu diskreditieren. So können sich Populistinnen und Extremistinnen gerade dort als wackere Vorkämpferinnen der Freiheit und des Individualismus gerieren, wo sie eigentlich selbst nach der Vernichtung der Freiheit und Selbstbestimmung Anderer streben.
Diese ebenso plumpe wie wirkmächtige projektive Abwehr, bei der den politischen Gegnerinnen exakt jene repressiven Bestrebungen unterstellt werden, die eigentlich selbst heimlich gehegt werden, wird auch bei der Rezeption von Sansals „2084“ an der frappanten Blindheit für die dortige Darstellung der unauflösbaren Verflechtung von Herrschafts- und Religionskritik deutlich. Dadurch lässt sich der Roman nicht auf eine bloße Islamkritik reduzieren oder gar als Islamophobie abtun, wie seine rechten Liebhaberinnen und linken Kritikerinnen insinuieren. „2084“ führt uns vielmehr die Fragilität der Aufklärung vor Augen, indem das Ende der modernen Welt nicht als Erlösung des Menschen, sondern als Untergang seines geschichtlichen Potenzials erzählt wird.
Zukunft als die genaue Replik der Vergangenheit
Sansals „2084“ ist ein erzählerisches Oxymoron, denn er ist Zukunftsroman und Endzeitroman zugleich. Er erzählt von einer Zukunft, die keine Zukunft mehr kennt und von einer Welt ohne Welt, in der das gesamte Zeitgeschehen einem transzendenten Obdach unterstellt wurde.
Wie sein literarisches Vorbild wählt Sansal die Erzählperspektive von Durchschnittsbürger*innen in einem totalitären Regime, wodurch die „Bewegungslosigkeit der Zeit“ und die Bewusstlosigkeit über den Geschichtsverlauf zur unmittelbaren Leserinnenerfahrung wird. Denn der Protagonist Ati lebt in einer starren Totalität, die die Endzeit institutionalisiert hat. In ihr existiert weder Zukunft noch Vergangenheit, sondern nur die ewige Wiederkehr des Immergleichen. Denn ein Bewusstsein von der Bewegtheit der Zeit würde die vermeintlich ewige Ordnung der Dinge, bei der es sich eigentlich um eine menschengemachte Ordnung handelt, infragestellen.
Damit findet sich Ati in einem buchstäblich post-modernen Gesellschaftszustand wieder. In diesem ist die moderne Zivilisation durch einen ‚Heiligen Krieg‘ untergegangen und die Modernisierungsprozesse der Individualisierung, Industrialisierung und Säkularisierung sind zum Erliegen gekommen. Der noch so kleinste Funke an Individualität wird durch eine strenge Glaubenspraxis ausgetrieben und durch eine rigide Kleiderordnung erstickt, der technische Stand der Produktivkräfte bewegt sich auf einem mittelalterlichen Niveau und der soziale Status jedes Einzelnen ist vollständig abhängig von seiner Loyalität zum Regime. Kurzum, die durch die Modernisierungsprozesse aufgeworfenen Fragen nach individueller Selbstbestimmung, irdischer Selbsterhaltung und geschichtlicher Selbstbehauptung des Menschen stellen sich hier nicht mehr.
Damit zeichnet Sansals Roman ein düsteres Bild von einer Gesellschaft nach dem Untergang der Moderne. Hatten ihr einst die Postmodernen das Grab ausgehoben und Abschied von ihren ‚großen Erzählungen‘ genommen, um sich von überkommenen Kategorien zu emanzipieren und mit hegemonialen Denkformen zu brechen, führt dieser Roman vor Augen, inwiefern auf den Trümmern der Versprechen von Aufklärung, Fortschritt und Autonomie Betrug und Terror erblühen können.
Maske der Tyrannei
Bereits zweihundert Jahre zuvor hat Percy Shelley in seinem Gedicht „Mask of Anarchy“ zur Darstellung gebracht, dass sich hinter der endzeitlichen Maske, die das Elend und den Krieg unter den Menschen als ewige Notwendigkeit verklärt, schlichte menschengemachte Herrschaftsverhältnisse offenbaren lassen. Und die Dichtung zeigt, dass der Tyrannei diese Maske hinuntergerissen werden kann, die das bestehende Leid zu legitimieren sucht, indem sie sich als Ordnungsmacht aufspielt und vorgibt, noch Schlimmeres zu verhindern.
Unweigerlich lässt sich dabei an die wiederholten Atomwaffendrohungen Wladimir Putins denken, der immer dann, wenn er seine als Sicherheitsinteressen verbrämten imperialen Herrschaftsinteressen gefährdet sieht, gleich das Ende der Welt in Aussicht stellt – wobei er eigentlich nur um seinen eigenen Untergang fürchtet.
Bereits vor zweihundert Jahren führte Percy Shelley vor, dass wir uns von solchem apokalyptischen Gebaren nicht dumm machen lassen sollten – und dass nicht in der Befriedung sondern nur in der Überwindung der Tyrannei die Rettung der Menschheit liegen kann. Entgegen der bis heute verbreiteten pazifistischen Rezeption von Shelleys „Mask of Anarchy“ hebt die Dichtung keineswegs auf einen gewaltlosen Widerstand, sondern einen gerechten Sieg von Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit ab – obwohl dieser noch so aussichtslos erscheint.
Wo die Macht der Götter endet
Dies wird an der ‚maniac maid‘ deutlich, die Shelley in dem Gedicht auftreten lässt und bei der es sich um die personifizierte Hoffnung handelt. Als Tochter des ‚father time‘ bezichtigt sie ihren Vater des irrsinnigen Ausharrens und Wartens auf bessere Zeiten. In dem Moment als auch die letzte Hoffnung zu sterben droht, durchbricht eine wehrhafte Gestalt die Szene, die durch ihren gefiederten Helm und die leuchtende Rüstung Parallelen zur Kriegsgöttin Athena aufweist.
Diese Anspielung wird vor dem zeitgenössischen Hintergrund des Peterloo-Massakers verständlich, vor dem die Dichtung entstand. Athena gilt auch als Schutzpatronin der Weberinnen und Handwerkerinnen, also jener Berufsgruppen, die 1819 den Großteil der Demonstrantinnen auf dem St Peter’s Field stellten. Angesichts des frühindustriellen Elends und des fehlenden Wahlrechts für Besitzlose hatten sie sich dort versammelt, um für soziale und politische Gerechtigkeit einzustehen und wurden durch die Kavallerie blutig niedergeschlagen.
Der Romantiker Shelley war aber bereits zu sehr Realist, um eine Kriegsgöttin unmittelbar ins Geschehen eingreifen zu lassen. Sie bleibt Produkt menschlicher Vorstellungskraft und entfaltet dabei große Wirkmacht. Allein die Vorstellung von der Möglichkeit eines gerechten Siegs über die despotische Herrschaft erfüllt die Menschen mit neuem Mut, sodass sich die Hoffnung wieder aufzurichten und den Tyrannen die Stirn zu bieten vermag. Denn die Geschichte ist nicht das gottgemachte Schicksal, sondern liegt in der Hand der Menschen selbst – eigentlich eine alte Binsenweisheit der Aufklärung: Die Menschheitsgeschichte beginnt dort, wo die Macht der Götter endet.
Rückkehr der Hoffnung
Anders als in den Endzeitvisionen, die den Triumph des Todes zeigen, wird er hier als bloße Drohgebärde eines Herrschaftssystems entlarvt und gestürzt. William Turner brachte diese Szene in seinem unvollendeten Gemälde, das heutzutage unter dem Titel „Fall of Anarchy“ausgestellt wird, zur Darstellung. Die vermeintlich ewige Willkürherrschaft zerfällt zu Staub. Das ist weniger ein Aufruf zum Pazifismus als einer zum aktiven Widerstand gegenüber Verhältnissen, die ihre Veränderbarkeit hinter apokalyptischen Drohszenarien verschleiern.
So wirkt es fast wie eine Hommage an Shelleys „Mask of Anarchy“, dass auch Sansal in „2084“ von der ‚Rückkehr des Gedankens, es gibt Hoffnung‘ schreibt, die mit der im fundamentalistischen Regime beinahe verschüttet gegangenen Vorstellung von Demokratie einhergeht. Die Hoffnung erwacht dort, wo sie sich der Vergänglichkeit und der Veränderbarkeit der Geschichte durch die ‚heroes of unwritten story‘ besinnt. Zu diesen gehören auch die Verfasser der „Mask of Anarchy“ und „2084“, die ihre gefährlichste Waffe, ihre Sprachgewalt, nicht in den Dienst von Fürsten, Führern oder Göttern (oder Präsidenten im Gewand von Halbgöttern), sondern allein in den der Menschheit stellen.
Die Freilassung eines Regimekritikers wie Boualem Sansals gibt uns, wenn auch nur einen zarten Anlass zur Hoffnung, die uns erinnert, dass die Frage nach dem Ende der Moderne nicht theoretisch, sondern nur praktisch beantwortet werden kann. Die Moderne endet nicht, so lange Menschen bereit sind, für ihre geschichtliche Selbstbehauptung, ihre irdische Selbsterhaltung und ihre individuelle sowie kollektive Selbstbestimmung zu kämpfen – und sie zu verteidigen. Wer also heute noch von Emanzpation reden will, hat sie dabei zu unterstützen und nicht zu entwaffnen.