In den letzten Jahren folgte auf jede enthusiastische Massenmobilisierung unweigerlich eine bittere Ernüchterung. Zwar tragen die Verbesserung repressiver Techniken und das erdrückende Erbe von Unterdrückungssystemen sicherlich dazu bei, doch es gibt noch weitere Gründe für dieses Phänomen. Slave Cubela argumentiert, dass wir uns in einer Zeit, in der Menschen per Knopfdruck zu Massenprotesten mobilisiert werden können, nicht mehr intensiv genug mit der Kunst der Revolution auseinandersetzen.
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Wenn ich hier unter Revolution einen von Menschen bewusst herbeigeführten Umsturz bestehender politischer Machtverhältnisse verstehen will, dann scheint es um diese Kunst gegenwärtig schlecht bestellt. Zwar gibt es immer noch Revolutionen in Ländern wie Nepal, Bangladesch oder Madagaskar. Aber diese Länder sind leider nicht nur weltpolitisch weniger einflussreich, sie scheinen aktuell eher die revolutionäre Ausnahme darzustellen als die Regel. Denn in vielen verschiedenen Ländern, darunter Frankreich (etwa Gelbwestenproteste), Ägypten, Tunesien, Serbien, Türkei, Chile oder Indonesien folgte in den letzten Jahren stets einer enthusiastischen Mobilisierung eine bittere Ernüchterung.
Insbesondere der zutiefst tragische Fall des Iran, in dem sich erfolglose und blutige revolutionäre Anläufe inzwischen scheinbar alle paar Jahre wiederholen, kann einen kaum kalt lassen. Er provoziert mit seiner verzweifelten Vergeblichkeit sogar den Verdacht, dass es sich bei der Revolution um eine sterbende Kunst handeln könnte. Oder, um es fragend zu formulieren: Wie kommt es zur zunehmenden Wirkungslosigkeit emanzipatorischer Bewegungen – insbesondere linksradikaler Proteste? Wie kann es sein, dass Menschenmassen immer öfter, immer vergeblicher ihren politischen Unmut gegen die da oben ausdrücken? Vor allem aber: Ist das eine irreversible Entwicklung oder gibt es noch Hoffnung für die Kunst der Revolution?
Begehrende Wissenschaft
Die Antwort auf diese Fragen lautet: die Krise der politischen Revolution im 21. Jahrhundert geht nicht zuletzt darauf zurück, dass dieses Phänomen massiv unterschätzt wird. Dies hat zum einen damit zu tun, dass ein erheblicher Teil der wissenschaftlichen Literatur zu dem Thema voreingenommen ist, so dass insbesondere linke Vordenker*innen den Prozess der Revolution einfacher zeichnen, als er tatsächlich ist. Dies ist zum anderen aber auch Entwicklungen im 21. Jahrhundert geschuldet, die ein intensives, handlungsorientiertes Nachdenken über die Revolution ungemein erschweren.
Werfen wir zunächst einen Blick auf die Revolutions-Theorie. Kämpft man sich nur ein wenig durch die Überfülle an Titeln, die sich dem Phänomen der Revolution reflexiv nähern, dann gewinnt man irgendwann den Eindruck, die Revolution sei eine Art Fabelwesen. Wir wissen zwar durch diese Literatur, dass es die Revolution gibt. Aber sofort danach muss man innehalten, weil die Revolutionstheorie mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt.
Etwa: Sind Revolutionen die Folge von ökonomischen Krisen? Basiert der Erfolg von Revolutionen auf der Ausbildung von Avantgarde-Organisationen? Oder besteht die Kunst der Revolution darin, effektive Massenorganisationen zur Durchführung von Generalstreiks oder Großdemonstrationen zu bilden? Welche soziale Gruppe ist der Träger von Revolutionen? Und gibt es nicht auch friedliche, ja samtene Revolutionen?
Die Folge ist: statt ein Lernen zu ermöglichen, zerrinnt einem die Revolution bei der Lektüre nach und nach. Aber aufschlussreicher als das Abwägen der verschiedenen Positionen scheint mir etwas anderes, nämlich der Versuch zunächst diese extreme Vielfalt von Revolutionstheorien zur Kenntnis zu nehmen und dieses Phänomen zu verstehen. Dabei kann ein einfacher Gedanke weiterhelfen: die Revolution ist ohne Zweifel ein emotional ungeheuer aufgeladenes Phänomen. Das hat insofern Konsequenzen, weil solche Phänomene fast immer für Polarisierung und Voreingenommenheit sorgen, die den Erkenntnisprozess trüben. Das gilt für sehr viele Autor*innen, die die Revolution ablehnen. Das gilt aber selbstverständlich auch für eine ganze Reihe von Betrachter*innen, die die Revolutionen bejahen. In beiden Fällen steht das Ergebnis der Betrachtung affektiv von vornherein fest und das sorgt dafür, dass Revolutionsliteratur als Lehrstoff meistens unbrauchbar ist.
Im Fall der Revolutionsbefürworter*innen äußert sich dies vor allem darin, dass diese in ihren heute oft klassischen Schriften, das, was sein soll, unmerklich mit der Argumentation vermengen, dass das, was sein soll, auch notwendig kommen wird. Diese Verquickung von Sollen und Werden liegt bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein an einer ganzen Reihe von Faktoren. Herrschaftsformen waren krasser. Repressionen wurden oft auch von Revolutions-Vordenkern direkt erlebt. Die Revolution war noch keine seltene politische Erscheinung. Aber auch das liberale Widerstandsrecht gegen staatliche Willkür war bei vielen präsent und sorgte damit für Revolutionssympathien bis hinein ins Bürgertum wie etwa im zaristischen Russland.
Entsprechend finden sich auch in der Linken viele revolutionäre Gedanken und Theorien, die aus Wünschen und Begehren entstehen. Karl Marx etwa, dessen Krisentheorie in ihren politischen Implikationen weitgehend Stückwerk geblieben ist, hielt letztlich dennoch an ihr als Revolutionsgrundlage fest. Wie sehr dies emotional begründet war, zeigt sich daran, dass Forscher*innen über 3.000 Stellen in seinem und dem Werk von Friedrich Engels gefunden haben, in denen diese Revolutionsprognosen machten! Rosa Luxemburg wiederum, die insbesondere in ihren Massenstreik-Schriften revolutionstheoretisch hervortrat und die sogar mit ihrem Leben für die Revolution zu bezahlen hatte, offenbarte ihre Voreingenommenheit in dem schönen, aber völlig untheoretischen Satz: „Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark.“
Die übersprungenen Schritte
Es wäre nun zwar falsch, diesen und anderen Romantisierungen der Revolution einen zu großen Einfluss bei politischen Protesten zuzusprechen. Aber sie spielen sicherlich gerade bei Aktivist*innen eine unbewusste Rolle, da die theoretische Vermengung von situativer Wünschbarkeit und kommender Notwendigkeit die Revolution auf jeden Fall machbarer erscheinen lässt, als sie dies in Wahrheit ist. Das damit einhergehende Problem revolutionärer Naivität lässt sich übrigens schon lange vor dem 21. Jahrhundert beobachten. Beispielsweise irritierte die ausbleibende Revolution im industrialisierten Europa nach dem Ersten Weltkrieg die Linke derart, dass etwa Karl Korsch oder George Lukacs zur entschiedenen Kritik des orthodoxen Marxismus übergingen. Und ähnlich übertriebener Revolutionsoptimismus findet sich in der 68er-Revolte, bei der viele Aktivist*innen in einer Wohlstands-Hochphase des Kapitalismus eine Revolution in den großen Industrieländern für zeitnah erreichbar hielten.
Aber im 21. Jahrhundert rächt sich die Vereinfachung der Revolution in besonderem Maße. Den Grund dafür hat der Medienwissenschaftler Gal Beckerman nach den George-Floyd-Protesten in einem Interview wie folgt umrissen: „Meine Beobachtung ist, dass gesellschaftliche Veränderung immer mit harter Arbeit zu tun hat und wir auf eine Art faul geworden sind, wenn es darum geht, darüber nachzudenken, wie wir aus diesem Teufelskreis ausbrechen. Wir sind es gewohnt, dass die Dinge schnell und effizient geschehen und erwarten das auch von gesellschaftlichen Veränderungen. (…) Ich fürchte, wir haben den Sinn für den Kampf verloren, den es braucht, um die Realität zu verändern.“
Und er fügt erläuternd hinzu: „Für soziale Bewegungen ist es erst einmal wunderbar, eine Idee schnell weiterverbreiten zu können. Das hat es in der Geschichte bisher nicht gegeben, dass jede Person theoretisch so ein Megafon zur Verfügung hat, mit dem sie sofort alle auf den Platz rufen kann. Und ich gehöre nicht zu denen, die sagen, wir sollten sofort unsere Accounts löschen. Aber wenn ich so schnell von null auf hundert gehen kann, wenn ich morgens aufwachen kann und ich bin wütend über eine Sache und innerhalb eines Tages könnte ein viraler Post einen Protest mit ein paar Tausend Leuten auslösen, dann hat man viele Schritte dazwischen ausgelassen.“
Eine Bestätigung dieser Überlegungen findet sich auch bei Vincent Bevins, der in seinem Buch „If We Burn“ das Scheitern der Protestwelle in den 2010er Jahren zu verstehen versucht hat. Auch er verweist in einem Interview auf die heikle Rolle neuer digitaler Kommunikationsmedien, wenn er feststellt: „Nicht zuletzt wurde es in diesen Jahren durch die digitale Kommunikation vergleichsweise einfach, Menschen sehr schnell auf die Straße zu bringen. Während Mobilisierungen durch klassische politische Akteur*innen für die Medien wenig Nachrichtenwert hatten, galten diese digital koordinierten und unvorhersehbaren Mobilisierungen als aufregend und neu.“ Und auch Bevins konstatiert eine Einfachheit des revolutionären Denkens in den 2010er Jahren, wenn er bemerkt: „Einige der grundlegenden Annahmen, die von Teilen der antiautoritären Linken vertreten werden, wurden in den 2010er Jahren entzaubert. Viele dort glaubten, dass wenn nur genügend Menschen auf die Straße gehen, das immer irgendwie gut und fortschrittlich ist und man sich automatisch in die richtige historische Richtung bewegt.“
Vielleicht lässt sich das folgendermaßen pointieren: Jede Kunst, die als einfach zu erlernen gilt, läuft früher oder später Gefahr, auszusterben, weil sie letztlich geringschätzt wird. Für die politische Kunst der Revolution kann man zum einen festhalten, dass diese von Klassikern wie Marx oder Luxemburg insofern geringgeschätzt wurde, weil die Linke bis ins frühe 20. Jahrhundert derart im Bann einer kommenden Revolution stand, dass eine ergebnisoffene Kritik der Revolution unmöglich war. Zum anderen wiederum rächte sich dieses Versäumnis zwar schon lange vor dem 21. Jahrhundert, aber es musste in einer Zeit der schnellen und vereinfachten Kommunikation besonders fatal wirken. Wozu auch sollte man sich intensiv mit der Kunst der Revolution auseinandersetzen, wenn deren Legitimität nach Jahrzehnten des Neoliberalismus außer Frage stand und man gleichzeitig in nie gekannter Weise Menschen quasi auf Knopfdruck zu Massenprotesten mobilisieren konnte?
Anm.d.Red.: Lesen Sie in der BG auch „Falsche Lehrer*innen: Warum ‚echte‘ Revolutionär*innen die Kunst der Revolution verheimlichen“.