Auf den ersten Blick scheint der Modernismus in der Georgischen SSR (GSSR) das Produkt zentralistischer Planung und die Verkörperung kolonialer Praktiken im Kaukasus zu sein. Mariam Gegidze argumentiert jedoch, dass wir im Bestreben lokaler Akteure erkennen können, wie das System der Kolonialität durch kreativen Ungehorsam und subversiven Widerstand untergraben wurde.
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Dass die sowjetische Moderne viel mehr als endlose Plattenbauten, leere öffentliche Räume und skurrile, futuristische oder auf die Bildhaftigkeit reduzierte Monumente ist, hat bereits 2012 das Architekturzentrum Wien mit „Sowjetmoderne 1955–1991. Unbekannte Geschichten“ gezeigt. Dieses Forschungsprojekt zeichnete sich dadurch aus, dass es die Architekturen der nichtrussischen Sowjetrepubliken in den Mittelpunkt rückte und bewusst auf die Untersuchung der Architektur Russlands verzichtete. Tatsächlich erweist sich die letzte Phase der sowjetischen Architektur in den sogenannten Randrepubliken als durchaus vielfältig. Denn abseits des zentralisierten politischen Systems bildeten sich innerhalb dieser peripheren Gebiete lokale und differenzierte Modernitäten heraus – so auch in der ehemaligen GSSR.
Hier entstanden besonders seit den 1970er Jahren Beispiele einer lokalen Sowjetmoderne. Kennzeichnend für diese besondere Spielart der Moderne ist der Rückgriff auf regionale Bautraditionen, der über die bloße Formensprache hinausgeht. Diese architektonische Haltung manifestiert sich in der expressiven Verflechtung von Landschaft und gebauten Umwelt sowie der subtilen Inszenierung von Blickachsen zwischen Innen- und Außenraum. Was diese Bauten neben ihrer Architektursprache außerdem noch verbindet ist ihre Baugeschichte: Um sie zu realisieren, bedurfte es oft kreativer, inoffizieller oder gar halblegaler Wege außerhalb der unionsübergreifenden Planvorgaben.
Nominale Souveränität unter zentralisierter Überwachung
Das politisch-administrative System der Sowjetunion war äußerst zentralisiert. Die GSSR besaß dabei trotz ihres formalen Status als Unionsrepublik keine Souveränität über wirtschaftliche, gesellschaftliche oder politische Belange. Die Funktionsprinzipien etablierten eine strikte Hierarchie: Jegliche Entscheidung fiel innerhalb einer zentralen Struktur, in der die unmittelbare Unterordnung unter die übergeordnete Ebene vorgegeben war. Sämtliche Institutionen, Organisationen und Verwaltungen unterlagen der Anleitung und Kontrolle durch die obersten Instanzen. Planungen und Ressourcenzuteilungen blieben eng an die Moskauer Machtapparate gebunden. Ein politischer oder wirtschaftlicher Spielraum existierte faktisch bis zum Zerfall der Sowjetunion nicht.
Das Ausmaß der tatsächlichen Machtausübung und Überwachung durch das politische und administrative Zentrum erstreckte sich über das gesamte System – einschließlich der Bauindustrie. Die Steuerung der Bauaktivitäten, der Bedarfsermittlung in den Regionen, der architektonischen Gestaltung und im Einzelfall auch der Kostenplanung erfolgte konzentriert und lag in der Hand der zentralen Instanzen in Moskau. Für die Kontrolle der lokalen Abteilungen wurden unterschiedliche Richtlinien entwickelt und Beschlüsse gefasst, deren Zweck es unter anderem war, die Bauproduktion in den einzelnen Republiken indirekt zu überwachen und den zentralen Institutionen das vorrangige Recht zur Erteilung von Genehmigungen einzuräumen. Dabei waren die Bau- und Investitionsprojekte in ein stark reguliertes System von Genehmigungs- und Planungsverfahren eingebunden.
Nach dem Sturz Chruščevs im Oktober 1964 nahm unter der Führung Leonid Brežnevs die Korruption und Schattenwirtschaft innerhalb der gesamten Sowjetunion zu – das sogenannte Goldene Zeitalter der Stagnation fing an. Diese Periode zeichnete sich vor allem dadurch aus, so der Architekturkritiker und Publizist Wolfgang Kil, dass nationaler Eigensinn erwachen und zentrifugale Kräfte erzeugen konnte: Parteibeschlüsse waren das eine, Beziehungsgeflechte (oder Rivalitäten) der Akteure vor Ort bewirkten oft anderes.
Dabei wies die Wirtschaft Georgiens offiziell bereits in den 1960er-Jahren eine der niedrigsten Wachstumsraten der UdSSR auf. Im Gegensatz dazu standen die höchsten Ersparnisse und Privatgewinne innerhalb der Union – eine Diskrepanz, die auf eine florierende Schattenwirtschaft zurückzuführen war, deren Kapitalflüsse sich der staatlichen Erfassung entzogen. Alternativen Netzwerke und informelle Praktiken stellten Gegenbewegung zur Zentralmacht dar. In der Praxis führte dies zu extralegalen Wegen der Ressourcenallokation und einer Planungstätigkeit, die sich faktisch der Kontrolle Moskaus entzog.
Vom Gesetz zur Baustelle
Für das regulierte System der Genehmigungs- und Planungsverfahren waren Baukostenobergrenzen entscheidend. Es galten Schwellenwerte, ab denen einige Bauprojekte formal einer höheren zentralen Genehmigung bedurften, während kleinere Bauvorhaben auf lokaler Ebene genehmigt werden konnten. Eine solche hierarchische Struktur zwischen zentralen und lokalen Zuständigkeiten spiegelte nicht nur den Aufbau der sowjetischen Planwirtschaft wider, sondern stellte die Fortführung einer kolonialen Praxis und der Zentrum-Peripherie-Dichotomie dar – mithin die Kolonialität des politischen Systems der Sowjetunion. Die sogenannte Drei-Millionen-Rubel-Regel markierte innerhalb dieses Gefüges die strikte Grenze zwischen lokaler Autonomie und zentraler Reglementierung.
Alle nicht standardisierten, individuellen oder experimentellen Projekte mit einem Budget über drei Millionen Rubel unterlagen der zusätzlichen Begutachtung und Genehmigungspflicht durch die zentralen Abteilungen. Wie die reale Baupraxis in der Sowjetrepublik Georgien jedoch verdeutlicht, wurden alternative Umwege entwickelt, um diese exklusive Entscheidungsmacht der zentralen Behörden zu umgehen. Ab den 1960er Jahren versuchten die lokalen Akteure systematisch, die offiziellen Baukosten faktisch unter der genannten Obergrenze zu halten. Hauptgrund hierfür war die Befürchtung, dass die Entwürfe in Moskau entweder gänzlich abgelehnt oder durch stilistischen ‚Korrekturen‘ der unionsübergreifenden Architektursprache angepasst würden. Mit dem Ziel, auf lokaler Ebene mindestens zu entscheiden, wie gebaut werden konnte, organisierten sich politische Behörden, Ministerien sowie Planungsinstitutionen und suchten abseits der offiziellen Regulationen nach individuellen Möglichkeitsräumen.
Jenseits der Norm: Strategien des kreativen Ungehorsams
Die ständige Unsicherheit bezüglich zentraler Anweisungen aus der Union förderte kreative Improvisationen vor Ort. Der zentrale Schwimmbadkomplex – später Laguna Vere genannt – der 1978 fertiggestellt wurde, steht ebenso wie das drei Jahre zuvor eröffnete Hauptgebäude des Ministeriums für Straßenbau exemplarisch für die spezifische Ausprägung der Sowjetmoderne in Georgien. Ihre Fertigstellung erforderte informelle Abstimmungen zwischen unterschiedlichen Behörden vor Ort sowie die systematische Manipulation der Baukosten – Praktiken, die heute erst durch Erzählungen der am Bau beteiligten Personen sichtbar werden. Diese privaten Überlieferungen verdeutlichen, dass die Realisierung dieser Projekte nur möglich war, weil Menschen unterschiedlichen politischen oder professionellen Hintergrunds gemeinsam jenseits des offiziellen Systems handelten. Die Kompetenzen und das Wissen, Umwege über private Beziehungen zu gehen und dabei wiederum innerhalb des zentralen Überwachungssystems unsichtbar zu bleiben, wurden auf diversen fachlichen Ebenen geteilt.
Der über fünfzehn Jahre hinweg andauernde Bauprozess der Laguna Vere war stets von der Angst überschattet, dass die Behörden aus Moskau den Bau untersagen würden – wie der Leiter des Schwimmbadkomplexes Wladimir Goiaschvili betonte. In seiner Erzählung erinnerte er mehrmals, dass es öfters ‚heldenhafte Taten‘ der einzelnen Beteiligten brauchte, um die intensiven Bauarbeiten durchzuführen. Die tatsächlichen Baukosten der Anlage überschritten drei Millionen Rubel und um den Komplex vor einem ‚Verbot in Moskau‘ zu retten, deklarierte die lokale Staatsführung einzelne Elemente offiziell als separate Maßnahmen zur Rekonstruktion des umgebenden Platzes. Auf diese Weise wurden laut Goiaschvili die zusätzlichen Kosten beglichen.
An die Drei-Millionen-Rubel-Regelung erinnern sich auch die beiden Architekten des Ministeriums für Straßenbau. Als die untypische Form des Gebäudes sichtbar wurde, stoppte Moskau die Bauarbeiten. Der Architekt Giorgi Tschachawa, der zugleich stellvertretender Minister für Straßenbau war, nutzte seine politische Funktion, um den Baustopp im persönlichen Gespräch mit dem Leiter des Gosstroy in Moskau abzuwenden. Er argumentierte rein technokratisch: Die Zentrale solle den Materialverbrauch prüfen, nicht die Architektur. Aus seiner Erzählung wird deutlich, dass der eigentliche Grund für den Baustopp nicht die Baukosten sondern die Architektursprache war. Die tatsächlichen Baukosten des Ministeriums betrugen dabei sechs Millionen Rubel. Wie der zweite Projektarchitekt des Gebäudes, Surab Dschalaghania erzählte, wurden die buchhalterische Manipulationen begangen, da es keine Hoffnung auf eine Genehmigung gab. So wurde das Budget formal auf drei Millionen Rubel reduziert, was der lokale Ministerrat akzeptierte. Alle Abteilungen des Ministeriums nahmen am Bauprozess teil und stellten darüber hinaus verschiedene Baumaterialien bereit.
Koloniale Praktiken überwinden
Diese beiden Projekte stehen für den politischen Konflikt um die reale Selbstbestimmung der sowjetischen Republik, die auf formaler Ebene nur nominal über Souveränität verfügte. Sie verdeutlichen dabei, dass die Sowjetmoderne in Georgien abseits der kolonialen Praxis der Union nicht nur architektonisch wertvoll, sondern vor allem ein bedeutendes Zeitdokument ist. Das gemeinsame Misstrauen gegenüber einer stark auf Kontrolle basierenden Praxis riefen Reaktionen hervor, die weit über das Bauwesen hinausgingen und eine Rolle für die politische Selbstbestimmung spielten.
Die Sowjetmoderne in Georgien ist somit nicht, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, als Produkt zentralistischer Planung und Verkörperung kolonialer Praxis im Kaukasus zu verstehen, sondern als deren Überwindung. In diesen Bauten manifestiert sich ein Akt lokaler Akteure, das System der Kolonialität durch kreativen Ungehorsam und subversiven Widerstand zu unterlaufen. Die Umgehung der Drei-Millionen-Rubel-Regel war demnach nicht nur bloße Korruption, sondern eine notwendige Strategie der Selbstbehauptung. In diesem Sinne markiert die Architektur jener Ära den Punkt, an dem informelle Praktiken die hierarchischen Strukturen der Sowjetunion faktisch außer Kraft setzten.
Indem die Beteiligten die Sprache der Bürokratie zwar beherrschten, deren Regeln jedoch unterwanderten, transformierten sie den Bauprozess in eine aktive Reaktion auf den externen Kontrolldruck. Insofern stellt sie weit mehr dar als nur die Phase einer von außen dirigierter Architektur; sie ist ein Medium der Resilienz. In dieser Lesart erscheint das Gebaute nicht als Denkmal der Sowjetepoche, sondern als Instrument, durch das sich politische Selbstbehauptung räumlich manifestierte.
Anm. d. Red.: Dieser Artikel basiert auf der Dissertation der Autorin: „Laguna Vere. Schwimmen in Archiven“ (Bauhaus-Universität Weimar, 2026).