
Wer angesichts der planetaren Polykrise von sozialer Transformation und Demokratisierung sprechen möchte, kommt nicht umhin, die Rolle der Hochschulbildung zu thematisieren. Bildung im Allgemeinen und Hochschulbildung im Besonderen gelten zurecht als Voraussetzung für die Überwindung unserer misslichen Lage. Doch gerade die Räume, in denen Bildungsprozesse ermöglicht werden, werden zunehmend von denselben Kräften vereinnahmt, die auch die Polykrise verursacht haben. Es ist also höchste Zeit, Bildungseinrichtungen als Orte des Kampfes in den Fokus zu rücken, wie Mariya Ivancheva in ihrem beitrag zur „Deep Democracy“-Serie argumentiert.
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Während meiner zwanzigjährigen Forschung zu öffentlichen Universitäten habe ich mich von der Untersuchung revolutionärer Projekte, die das traditionelle, elitäre Universitätsmodell in der (Semi-)Peripherie des Weltsystems infrage stellten, hin zu aktivistischer Forschung über bzw. gegen die ernüchternde Realität der Arbeits- und Raumstrukturen an Universitäten in den Kernländern der Weltwirtschaft bewegt. Als Studentin aus der postsozialistischen Peripherie Europas blickte ich mit verklärtem Blick auf die ‚westliche Wissenschaft‘. In meiner Arbeit rückten jedoch bald die Widersprüche des extraktiven akademischen Kapitalismus in den Fokus, der seine toxische Präsenz vom Kern in periphere Kontexte ausbreitet.
Durch die Linse von kognitiver Arbeit habe ich eine alarmierende Aushöhlung des demokratischen Potenzials öffentlicher Universitäten beobachtet und erlebt – sofern wir davon ausgehen, dass es ein solches Potenzial gibt (und das tue ich). Die Nachkriegsideale der öffentlichen Universität, die Qualität und Gleichheit verbanden, wurden durch die systemische Kommerzialisierung ausgehöhlt. Nachdem sie sich vom Modell der Eliteuniversität entfernt hat, die nur einer privilegierten Minderheit diente, nutzt die öffentliche Universität von heute die Massenbildung aus, um ihren Beschäftigten, Studierenden und der Öffentlichkeit Land, Arbeit, Geld und Wissen zu entziehen und diese in privaten Profit umzuwandeln. Bevor ich jedoch diese neue Konstellation erläutere, möchte ich zunächst das demokratisierende Potenzial der Universität beleuchten.
Dezentralisierung der Universität
Meine Forschung zu Universitäten basiert auf meiner Perspektive als Osteuropäerin, die in den 1980er Jahren in Bulgarien geboren wurde und den Niedergang des Staatssozialismus miterlebte. In einer liberalen, antikommunistischen Tradition aufgewachsen, fragte ich mich, warum die neuen Demokratien in Osteuropa die Hochschulbildung einschränkten, indem sie Studiengebühren einführten, westliche Sprachen und Wissen propagierten und die sozialistische intellektuelle Tradition verurteilten. Während ich Forschungsarbeiten zur Hochschulpolitik las, um diesen Prozess zu verstehen, stieß ich auf ein klassisches Forschungsrätsel und politisches Dilemma: Kann die Institution der Universität, die historisch als Instrument zur Reproduktion der Oberschicht diente, in ein Instrument der Wiedergutmachung und Umverteilung zugunsten derjenigen umgewandelt werden, denen zuvor der Zugang verwehrt war?
Sowohl in den Sozialdemokratien als auch in den sozialistischen Ländern war die Hochschulbildung im Laufe des 20. Jahrhunderts für solche Gruppen zugänglich geworden: Frauen, People of Colour, Arbeiter*innen und Migrant*innen. Doch wurden geschlechtsspezifische, klassenbezogene und rassistische Dynamiken tatsächlich infrage gestellt? War die Universität ein Instrument für demokratische Gerechtigkeit?
Bei der Recherche für mein Buch „The Alternative University“ versuchte ich, diesen Entstehungsprozess zu verstehen. Zu diesem Zweck lebte ich von 2008 bis 2011 über längere Zeiträume in Caracas und untersuchte die Bolivarische Universität von Venezuela (UBV) ethnografisch. Als Aushängeschild der alternativen Universität im Rahmen des Kurswechsels des damaligen Präsidenten Hugo Chávez hin zum Sozialismus stellte die UBV das Elitemodell nicht nur durch eine Änderung ihrer Rekrutierungsstrategie in Frage. Die Universität war darauf ausgelegt, globalen Universitätsnormen entgegenzuwirken und einer halben Million verarmter Menschen in Venezuela eine dezentralisierte Hochschulbildung zu bieten. Dafür stellte sie dekoloniale Wissensproduktion, Süd-Süd-politische Allianzen und Gemeinschaftsorganisation in den Mittelpunkt ihres Lehrplans.
An der UBV bedeutete echte Demokratisierung, die Universität als alleinige Wissensinhaberin zu dezentrieren. Anstatt Bildung auf den Universitätscampus zu beschränken, verlegte die UBV den Lernprozess in abgelegene Klassenzimmer in armen Stadtvierteln, ländlichen oder indigenen Gemeinschaften. Jeder Fachbereich musste Bildung und Wissensproduktion so neu organisieren, dass das bereits vorhandene Wissen und die Fähigkeiten dieser Gemeinschaften sichtbar wurden und sie befähigt wurden, die Ursachen ihrer eigenen Probleme zu verstehen und darauf zu reagieren. So sollte die Universität zum Anker eines tiefgreifenden Demokratisierungsprozesses werden. Anstatt Demokratie als abstraktes Konzept zu behandeln, das von Expert*innen von oben umgesetzt wird, wurde sie in Klassenzimmern, auf öffentlichen Plätzen und in Gemeindesälen durch einen langwierigen, mühsamen, aber authentischen Dialog über die Angleichung lokaler Werte, Praktiken und Geschichten an die politische Ausrichtung des bolivarischen Projekts entwickelt.
Der Prozess verlief nicht ohne Widersprüche. In einem von linker männlicher Macht und Charisma geprägten Wertesystem wurde die Arbeit der Frauen, die das politische und soziale Projekt stützten, unsichtbar gemacht. Sie erhielten lediglich symbolische Anerkennung, aber keine nennenswerte finanzielle Vergütung oder strukturelle Unterstützung für ihre unverzichtbare Arbeit. Gemeinschaftsprojekte wurden durch kommunale Bankkredite finanziert, wobei Absolvent*innen der Mittelschicht von traditionellen Universitäten bevorzugt wurden. Sie kannten sich in der Sprache der zyklischen Förderanträge aus. Es wurde jedoch kein Beschäftigungsprogramm aufgelegt, um UBV-Absolvent*innen in großer Zahl aufzunehmen. Die akademische Freiheit, für die ehemalige linke Aktivist*innen blutige Kämpfe geführt hatten, wurde nun von der Opposition genutzt, um Reformen an traditionellen öffentlichen Universitäten und die Akkreditierung von UBV-Studiengängen zu blockieren. Die Lehrkräfte mussten über traditionelle Hochschulqualifikationen verfügen, um diese Studiengänge zu legitimieren, und gleichzeitig hohe Arbeitsbelastungen bewältigen. Darüber hinaus mussten sie über traditionelle linke Aktivist*innenqualifikationen verfügen, um das bolivarische Projekt politisch zu legitimieren. Dies führte dazu, dass die UBV von einem ‚radikalen Adel‘ ehemaliger studentischer Aktivist*innen dominiert wurde, die eine Hochschulausbildung erhalten hatten, als diese nur wenigen und nicht der breiten Masse zugänglich war.
Diese und andere Probleme behinderten das UBV-Projekt dabei, sein Potenzial als Universität zur Demokratisierung der Gesellschaft Venezuelas und des Hochschulwesens voll auszuschöpfen. Doch das Projekt ist nach wie vor wertvoll und es lassen sich Lehren daraus ziehen. Es ist schwierig, eine kritische Stimme zu finden, um einige seiner Herausforderungen hervorzuheben, ohne dabei seine inspirierenden Aspekte herunterzuspielen. Mit dem Tod von Hugo Chávez im Jahr 2013 und den zunehmenden US-Sanktionen gegen Venezuela, die bis 2026 in eine vollständige Invasion mündeten, wurde das Regime immer autoritärer und immer weniger bereit, die materiellen Herausforderungen anzugehen, mit denen seine Bevölkerung und die Universitäten konfrontiert waren. Die wenigen UBV-Dozierenden und -Studierenden, die sich der Massenabwanderung nicht anschlossen, waren immer weniger bereit, kritisches Wissen zu produzieren, das die Regierung herausfordern könnte. Unterdessen war auch ich wieder im Globalen Norden gelandet, der gerade die Nachwirkungen der globalen Finanzkrise von 2008 und die Einhegung öffentlicher Gemeingüter erlebte. Das öffentliche Bildungswesen versank in Wellen von Sparmaßnahmen und Kommerzialisierung. In diesem Umfeld erschien die UBV wie ein Leuchtfeuer ferner, ungreifbarer Hoffnung.
Einhegung universitärer Gemeingüter
Als Postdoktorandin untersuchte ich in mehreren Großprojekten, die sich auf Irland, Südafrika und das Vereinigte Königreich konzentrierten, wie sich das demokratisierende Potenzial angelsächsischer öffentlicher Universitäten auflöste. Ich erlebte, wie komplexe, globale, intersektionale Ungleichheiten historische Disparitäten durchziehen und eine ziemlich groteske Realität hervorbringen. Unter dem Jubel der Schlagworte ‚Studierendenzentriertheit‘, ‚Zugangserweiterung‘ und ‚pädagogische Innovation‘ wurden forschungsintensive öffentliche Universitäten, die Qualität und Gleichheit verbanden, Opfer ihres eigenen Erfolgs. Ihre Vermögenswerte und Funktionen wurden der kapitalistischen Logik untergeordnet – zum Nachteil der Gemeinschaften, denen sie eigentlich dienen sollten. Das Vereinigte Königreich, in dem ich arbeite, ist ein ernüchterndes Beispiel dafür, wie dieses Modell funktioniert.
Hier basiert die universitäre Forschung auf einem ausbeuterischen Modell, das durch öffentliche Förderinstitutionen ermöglicht wird. Einzelne Universitäten und Wissenschaftler*innen konkurrieren um immer knapper werdende Forschungsgelder, die zunehmend auf naturwissenschaftliche und militärische Ausgaben ausgerichtet sind. Ein Principal Investigator (PI, in der Regel ein festangestellter Wissenschaftler) wird dazu angehalten, Projekte wie ein*e Plantagenbesitzer*in zu leiten, indem er oder sie Forschungsarbeit aus einer Flut von befristet angestellten Wissenschaftler*innen herausholt. Das Prestige durch Veröffentlichungen und das Geld aus Ausschreibungen werden zu einem Vermögenswert, den PIs und die gastgebenden Universitäten anhäufen, während die prekär Beschäftigten kaum Anerkennung erhalten.
Um Fördermittel zu erhalten, werden die Fakultäten aufgefordert, den Nutzen für politische und kommerzielle Interessengruppen nachzuweisen. Dadurch werden Forschungsgelder und öffentliche Gehälter in den Dienst des militärisch-industriellen Komplexes statt in den Dienst lokaler Gemeinschaften oder der breiten Öffentlichkeit gestellt. Um Zugang zu den digitalen Werkzeugen proprietärer Softwaremonopolisten zu erhalten, zahlen die Universitäten den Preis dafür, dass Unternehmen über digitale Plattformen Publikationen und Daten von Studierenden und Lehrenden erfassen dürfen. Diese Unternehmen verarbeiten die Daten dann unter Einsatz billiger, prekär beschäftigter Arbeitskräfte. Die Nutzung akademischer Inhalte durch Big-Tech-Unternehmen zum Trainieren von KI-Modellen hat die Aneignung öffentlicher Güter sowie die Rolle der Universitäten beim Ökozid auf eine neue Spitze getrieben.
Unterdessen wird die Lehre an den Universitäten überwiegend von prekär beschäftigten Lehrkräften übernommen, die die Forschungsarbeit der festangestellten Dozierenden ergänzen. Akademische Mitarbeiter*innen werden zudem zunehmend über Null-Stunden-Verträge an EdTech-Unternehmen ausgelagert, um Online-Kurse zu unterrichten. Diese sind für die Unternehmen enorm profitabel, für die öffentlichen Universitäten jedoch nicht. Selbst an wohlhabenden Universitäten werden Dozierende aus ihren Büroräumen verdrängt und müssen Unterrichts- und Besprechungsräume anmieten. Während die Student*innenzahlen und Studiengebühren steigen, werden Tausende von Lehrkräften entlassen. Während die Universitäten insbesondere von internationalen Studierenden aus den ehemaligen Kolonien hohe Gebühren erheben, werden ihre staatlichen Zuschüsse, Stiftungsgelder, Immobilien und ihr ‚Humankapital‘ an Unternehmen umverteilt.
Diese werden eingeladen, Liegenschaften, Forschungsinfrastruktur und Dienstleistungen zu betreiben, die nicht gerade dem ‚öffentlichen Wohl‘ dienen, sondern vielmehr dem enormen privaten Profit. Hochschullehrende, Studierende und Gemeinschaften werden in diesen Prozessen selten konsultiert und haben kein Mitspracherecht beim ‚Kerngeschäft‘ der Universität. Dieses wird in geheimen ‚öffentlichen‘ Verträgen entschieden, die die Interessen des freien Marktes über die der Öffentlichkeit stellen. Die Öffentlichkeit wird jedoch durch eine (nicht immer unverdiente, aber derzeit selektiv ausgenutzte) anti-intellektualistische politische Erzählung gegen akademische ‚Besserwisser‘ immer mehr von der Universität entfremdet.
Die Universität als Schauplatz des Kampfes
Ich werde keinen Schlusspunkt setzen, solange der Kampf andauert. Zwei Jahrzehnte der Forschung sowie die Beteiligung an studentischen und akademischen Bewegungen haben mir gezeigt, dass öffentliche Universitäten weder ausschließlich Räume der Reproduktion noch einfache Orte des Widerstands sind, sondern ein Schauplatz des Klassenkampfes. Wir dürfen in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen. Bei diesem Kampf geht es um mehr als gebührenfreie Bildung oder ‚Blue-Sky‘-Forschung, die keiner öffentlichen Kontrolle unterliegt. Es geht darum, eine grundlegend neue Beziehung zwischen Öffentlichkeit und öffentlicher Universität zu schmieden. Diese zielt darauf ab, das Staats-Markt-Gefüge zu demontieren und Arbeitsverhältnisse sowie politische Teilhabe zu demokratisieren.
Das Gefühl der Ohnmacht, das unsere demokratischen Systeme durchdringt, ist identisch mit der Entfremdung, die Lehrende und Studierende innerhalb der kommerzialisierten Universität empfinden. Um dem entgegenzuwirken, müssen wir nach guten Beispielen für die Dezentralisierung und Demokratisierung der Universität suchen. Die UBV bietet ein solches Modell. Doch wir müssen auch auf warnende Beispiele achten: Wohlmeinende, kritische Initiativen, die auf Transformation abzielen, können unterwandert und in neue Instrumente zur Wertabschöpfung aus dem Gemeinwohl verwandelt werden. Eine wahrhaft demokratische, sozioökologische Transformation erfordert die Sammlung und sorgfältige Untersuchung von Kämpfen mit ihren Erfolgen, Misserfolgen und unbeabsichtigten Folgen aus nahen und fernen Epochen und Regionen.