Deep Democracy · Sinnproduktion und soziale Transformation · BG Textserie 2026 · Call for Papers

Artwork: Colnate Group, 2026 (cc by nc)
Artwork: Colnate Group, 2026 (cc by nc)

Die Erneuerung, Verwirklichung, ja, die Demokratisierung der Demokratie, hat viele Namen. Wahre Demokratie, direkte Demokratie, radikale Demokratie, Rätedemokratie, Wirtschaftsdemokratie, Basisdemokratie, etc. Wir wollen die BG-Textserie im Jahr 2026 unter dem Namen „Deep Democracy“ gestalten. Hier möchten wir an unsere früheren jährlichen Textreihen anknüpfen, wie beispielsweise „Pluriversum des Friedens“ (2025), „Kin City“ (2024), „Allied Grounds“ (2023) und „After Extractivism“ (2022), die sich kritisch mit der Polykrise befassten. Im Folgenden skizzieren wir das Anliegen. Ganz unten finden sich Hinweise zur Einreichung von Beiträgen.

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1989 wurde das ‚Ende der Geschichte‘ ausgerufen und im selben Atemzug die westliche Demokratie als höchste Entwicklungsstufe der Zivilisation gefeiert. Heute, gerade einmal 37 Jahre später, ist die Systemfrage mit voller Wucht zurück. In Europa und den USA erstarken autoritäre Tendenzen. Der Rechtspopulismus verstärkt den Eindruck, die Demokratie sei das falsche politische System – und nicht bloß ein fehlerhaft implementiertes System. Die Systemverdrossenheit ist durchaus nachvollziehbar.

Limitierungen der Demokratie, wie wir sie kennen

Demokratien sind schlecht gerüstet, um die planetare Polykrise, also das Zusammenwirken von ökonomischen, ökologischen und sozialen Krisen, zu bewältigen. Die Widersprüche zwischen den Interessen des Demos und denen des (fossilen) Kapitals werden immer größer und unauflösbarer. Während Kohle noch zum Aufstieg demokratischer Regierungsformen beigetragen hat, sind demokratische Prozesse spätestens durch die Verlagerung auf Öl zunehmend untergraben worden. „Kohlenstoffdemokratien“ reproduzieren ihre wirtschaftlichen Abhängigkeiten, zerstören ihre eigenen ökologischen Existenzgrundlagen und schaffen es nicht, neue politische Optionen zu entwickeln, die aus der Polykrise führen könnten. Hinzu kommt noch: Die Reaktionszeiten auf die Schocks der Polykrise sind häufig zu lang. Die Zeit, die einer demokratisch gewählten Regierung zur Verfügung steht, um Krisen langfristig anzugehen, ist hingegen zu kurz.

Demokratische Forderungen nach politischer und ökonomischer Teilhabe werden immer seltener erfüllt. Anstelle des befreienden Gefühls von Mitbestimmung und Selbstwirksamkeit überwiegen Ohnmachtsgefühle. Der Glaube, dass die Demokratie ein wirksames Mittel ist, um eine gerechtere und egalitärere Gesellschaft zu erreichen, schwindet zunehmend. Allzu oft erscheint der formale Rahmen der Demokratie im Prozess und Ergebnis als geradewegs undemokratisch. Beispielsweise dann, wenn Volksentscheide übergangen oder die Volkssouveränität untergraben wird – häufig durch Politiker*innen, die vermeintlich ‚höhere‘ Interessen unterstützen, wie sie etwa von Finanz- oder Ratingagenturen definiert werden. Im Zuge dessen erweist sich die Demokratie als eine Regierungsform, die die Zustimmung des Volkes nutzt, um Forderungen nach wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Gerechtigkeit einzuschränken.

Mit anderen Worten: Das Problem der Demokratie, wie wir sie kennen, liegt nicht darin, dass der Bevölkerung das politische Bewusstsein fehlt, um Forderungen nach einer gerechteren Welt zu artikulieren. Das Problem ist vielmehr, dass es keine wirksamen Instrumente gibt, um die Mächtigen dazu zu bringen, diesen Forderungen nachzukommen. Müssen wir deshalb zwangsläufig Gegner*innen der Demokratie werden, wie es Rechtspopulist*innen und Demagog*innen befürworten? Es gibt starke Indizien für vielversprechende Alternativen.

Warum trotz allem Demokratie?

Bürger*innen in ehemals sozialistischen Ländern wie Georgien, der Ukraine, Serbien und Kroatien geben sich nicht damit zufrieden, dass die Demokratie nur formal eingeführt wurde, um einen autoritären Umbau zur Marktwirtschaft zu legitimieren. Sie fordern daher mehr Demokratie – oder endlich echte Demokratie. Da die politischen Systeme der ‚Vorzeigeländer‘ der Demokratie (in Westeuropa und die USA) immer seltener das leisten, was sie versprechen, fordern auch die Bürger*innen dort, die formale Demokratie demokratischer zu gestalten. Nicht zuletzt fordern indigene und marginalisierte Gemeinschaften (etwa in Brasilien, Neuseeland oder Indien) ein demokratisches Mitbestimmungsrecht ein, das auch die Möglichkeit eines Neins zu Landnahmen und Vertreibungen beinhaltet.

Doch was genau verspricht echte Demokratie? Mit dieser Idee sind verschiedene Dinge verbunden. Etwa der Glaube, sich aus der individuellen Ohnmacht kollektiv emanzipieren zu können. Der Plan, ein kommunales Sicherheits- und Solidaritätsnetz aufzubauen, das im Alltag, aber auch im Notfall erforderlich ist. Das Vorhaben, eine kooperativ gestaltete Ökonomie zu etablieren – ökologisch nachhaltig und sozial, wie es die Vergesellschaftungsbewegung vorschlägt. Oder der verwandte Ansatz, Arbeitsverhältnisse zu demokratisieren, um die Produktion klimafreundlich und gemeinwohlorientiert zu gestalten. Aber auch die berechtigte Vorstellung, wir könnten die Ursachen der ökologisch-ökonomischen Abwärtsspirale durch demokratische Deliberation kollektiv begreifen und gemeinsam Lösungsansätze finden. Nicht zuletzt die Möglichkeit, die Macht des globalen Kapitals einzudämmen, indem wir den Eliten des Privatsektors und ihren Verbündeten in der Politik ein demokratisches Korrektiv entgegenzusetzen.

Kurz: echte Demokratie als Allzweck-Tool für soziale Transformation. Das international bekannteste Beispiel dafür: Neuer Munizipalismus. Hier schmieden demokratiepolitische Kämpfe auf kommunaler Ebene hybride Allianzen aus sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und Parteien und suchen nach demokratischen Antworten auf die Polykrise kapitalistischer Gesellschaftsformen und deren zunehmend autoritäres Management. Dieser Ansatz hat eine Vielzahl fortschrittlicher kommunaler Initiativen auf der ganzen Welt inspiriert. Wie können diese Initiativen zu Katalysatoren für eine soziale Transformation werden, die über den lokalen Kontext hinausreicht?

Fragestellungen

Je komplexer und problematischer die Polykrise und die ihr zugrunde liegenden (welt-)gesellschaftlichen Zusammenhänge werden, desto schneller verbreiten sich binärer Reduktionsismus und Verschwörungstheorien als Kompensationsmechanismus für Ungereimtheiten, Ungewissheiten und Unsicherheiten. Dadurch wird das Erfassen (welt-)gesellschaftlicher Zusammenhänge qua kollektiv-kooperative Sinnproduktion erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht und somit eine wichtige Grundvoraussetzung der Demokratie untergraben.

Vor diesem Hintergrund schlägt BG | berlinergazette.de vor, „Deep Democracy“ als Motto für das Denken und Gestalten von Zusammenhängen zu begreifen, bei dem das ‚Deep‘ in „Deep Democracy“ nicht zuletzt ein Appell zur Schärfung des Bewusstseins und zum genaueren Hinhören ist, wie es Arnold Mindell, der Erfinder dieses Begriffs, vorschlug. Allerdings verwenden wir den Begriff nur sehr entfernt so, wie er von Mindell definiert wurde und folgen damit vielen anderen, die vor uns versuchten, der Utopie der „Deep Democracy“ durch eine kritische Suchbewegung neue Facetten abzugewinnen.

Strategien gegen antidemokratische Tendenzen

Wie bereits erwähnt, ist die Systemverdrossenheit angesichts der Unzulänglichkeiten der Demokratie durchaus nachvollziehbar. Doch wir sollten uns folgendes fragen: Warum führt die Systemverdrossenheit immer mehr Menschen dazu, rechtsautoritäre Angebote zu favorisieren, statt eine Demokratisierung der Demokratie zu unterstützen? Wenn wir die Motivation der Rechtswähler*innen verstehen, welche Schlussfolgerungen können wir dann für eine zeitgemäße, antifaschistische Bündnispolitik ziehen? Darüber hinaus sollten wir fragen: Auf welche Weise ist die liberale Demokratie Komplizin bei der Produktion von Ungleichheit? Und wie kann eine Demokratisierung der Demokratie verhindern, dass ökonomische und politische Teilhabe zu exklusiven Gütern werden?

Die Energiebasis von Demokratien überdenken

Nun, da „Kohlenstoffdemokratien“ in Gefahr sind, zu Kohlenstoffautokratien zu werden – nicht zuletzt, weil die negativen Auswirkungen der kohlenstoffbasierten Gesellschaft katastrophale Ausmaße annehmen (Stichwort: Klimakrise) –, stellt sich die Frage: Wie kann diese Entwicklung gestoppt werden? Wie können wir nicht nur den Status quo der Kohlenstoffdemokratien gegenüber der aufstrebenden Kohlenstoffautokratien (oder des fossilen Faschismus) verteidigen, sondern auch eine grundlegend neue, erneuerbare energetische Basis für die Demokratie herstellen? Wie kann eine demokratische Energiewende (und die Energiewende der Demokratie) gelingen? Wie können demokratische Strukturen diesen Prozess organisieren und dabei sozialistisch-ökologische Planung nutzen?

Aus den prodemokratischen Protesten nach 1989 lernen

Zwischen 1989 und 2011 kam es im Rahmen des letzten Zyklus der Demokratieproteste zu mehr als 300 prodemokratischen Massenmobilisierungen, die vorwiegend in Afrika und Asien, aber auch in Lateinamerika, der Karibik sowie in Europa stattfanden. Sie waren größtenteils eine Reaktion auf Wirtschaftskrisen und deren Missmanagement durch die Regierungen, einschließlich zunehmendem Autoritarismus. Inwiefern knüpfen die aktuellen prodemokratischen Bewegungen an diesen Protestzyklus an? Inwiefern unterscheiden sich die Bedingungen und Dynamiken grundlegend? Welche Lehren können wir aus ihnen ziehen? Was können wir beispielsweise von den prodemokratischen Massenmobilisierungen in Osteuropa seit 1989 lernen, die zwar Regierungen dazu gebracht haben, auf ihre Forderungen einzugehen, aber noch heute um echte politisch-ökonomische Teilhabe kämpfen müssen? Welche spezifischen Lehren können wir aus diesem Scheitern für das Vorhaben einer wahrhaft demokratischen sozial-ökologischen Transformation ziehen?

Demokratisierung qua Dekolonialisierung der Demokratie

Die Demokratie wurde immer wieder als abstrakte, universelle Idee behandelt, die ‚von außen‘ oder ‚von oben‘ durch Expert*innen implementiert werden muss. Wie kann diese Fehlentwicklung korrigiert werden? Wie kann eine Demokratisierung der Demokratie aus lokalen Werten und Praktiken sowie ortsspezifischen Erfahrungen und Geschichten entwickelt werden? Was bedeutet es, die Demokratisierung der Demokratie mit einer Dekolonisierung der Demokratie zu verbinden? Wie können progressive und dekoloniale Demokratisierungsansätze dabei helfen, die imperiale Rolle der Demokratie, also ihre Instrumentalisierung bei der Globalisierung des ‚freien Marktes‘, zu überwinden? Wie kann wiederum die imperiale Kontrolle (fossiler) Energieressourcen als Basis politischer Regierungssysteme überwunden werden? Inwiefern können Ansätze wie der Neue Munizipalismus und die Vergesellschaftungsbewegung dabei helfen, das kapitalistische Weltsystem von Grund auf zu demokratisieren?

Die politischen Akteur*innen einer Demokratisierung der Demokratie

Eine der jüngsten Manifestationen der planetaren Polykrise, die Covid-19-Pandemie, hat gezeigt, dass autokratisch-nationalistisches Krisenmanagement die Schwächsten und Schutzlosesten am härtesten trifft – wie kann also die Stärkung der demokratischen Handlungsfähigkeit von Kommunen sichere Zufluchtsorte für die Leidtragenden der aktuellen Polykrise schaffen? Wie können wir im Zuge einer Demokratisierung der Demokratie den Verarmten, Entrechteten und Ausgebeuteten, also den Personen, die in der Regel am stärksten von der Polykrise betroffen sind, jedoch oft vernachlässigt werden, wenn es um demokratische Repräsentation geht, besser Gehör verschaffen? Wie können wir die demokratische Handlungsfähigkeit all jener stärken, ohne die das System zusammenbrechen würde, deren Arbeit jedoch unsichtbar ist und gesellschaftlich entwertet wird, etwa die Arbeit von Wanderarbeiter*innen oder von Arbeiter*innen im Bereich der sozialen Reproduktion?

Informationen zu Texteinreichungen

Alle, die sich mit diesen und angrenzenden Fragen beschäftigen, sind eingeladen, einen Text einzureichen. Der Aufruf richtet sich an Forscher*innen, Aktivist*innen und Kulturschaffende, die in Theorie oder Praxis in demokratiepolitischen und emanzipatorischen Kämpfen engagiert sind. Texte von 1.500 Wörtern oder 10.000 Zeichen werden unter einer Creative-Commons-Lizenz auf Deutsch und Englisch veröffentlicht. Sie können in beiden Sprachen bis zum 1. März, 1. Juni, 1. September oder 15. November 2025 unter info (at) berlinergazette (dot) de eingereicht werden. Abgabetermine können auch individuell vereinbart werden.

Die BG | berlinergazette.de lebt seit 1999 von den Beiträgen von mehr als 2.000 Autor*innen und wird durch ein ehrenamtliches und überparteiliches Team von Journalist*innen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Programmierer*innen unter einer Creative-Commons-Lizenz herausgegeben. Im Dialog mit unserem internationalen Netzwerk entstehen jährlich Projekte, die sich nicht nur in Form von Textreihen, sondern auch in Form von Konferenzen, Ausstellungen und Büchern mit den dringenden Themen auseinandersetzen. Mehr über uns erfahren Sie hier: https://berlinergazette.de/de/about-us

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