Climate Engineering: Der falsche Traum vom Erd-Sonnenschirm und planetarischer Müllabfuhr

Direkte Luftabscheidungsanlage: Erzeugt mehr Emissionen, als sie auffangen kann. Collage: Colnate Group, 2025 (cc by nc)
Direkte Luftabscheidungsanlage: Erzeugt mehr Emissionen, als sie auffangen kann. Collage: Colnate Group (cc by nc)

Als vor fünf Jahren in Island der Aufbau des weltweit größten Systems zur direkten Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid aus der Luft begann, galt dieses Prestigeprojekt des Climate Engineering als ‚Sprungbrett‘ für größere Projekte im globalen Maßstab mit ‚Megatonnen-Entfernungskapazitäten‘. Das Scheitern dieses Vorhabens offenbart einmal mehr die fehlgeleitete Agenda des Climate Engineering: Mit einem Blendwerk aus Techno-Fixes lenken die großräumigen Eingriffe in geochemische oder biogeochemische Kreisläufe der Erde von den systemischen Ursachen der Klimakatastrophe ab – und verschärfen diese im Zuge dessen auch noch. Annette Schlemm unternimmt eine Bestandsaufnahme.

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Warum schreien wir nicht entsetzt auf, dass im vergangenen Jahr erstmals die 1,5-Grad-Grenze überschritten wurde und es abzusehen ist, dass es so weitergeht? Die weit verbreitete Meinung besagt, dass Kommunikation über das Klima die Menschen nicht in Panik und Fatalismus versetzen soll. Also brauchen wir, selbst wenn Schlimmes passiert, immer wieder eine ‚Gute Botschaft‘. Diese Funktion erfüllt Climate Engineering, auch Geo-Engineering genannt.

Die Technik „bezieht sich auf eine breite Palette von Methoden und Technologien, die darauf abzielen, das Klimasystem gezielt zu verändern, um die Auswirkungen des Klimawandels zu mildern“ (IPCC). Doch wo kann man ansetzen, „um das Klimasystem gezielt zu verändern“? Das Problem besteht in der Erderhitzung, die durch die Emission von Treibhausgasen verursacht wird. Die gefährlichen Folgen dieser Entwicklung werden verstärkt, wenn andere planetare Belastungsgrenzen überschritten werden, beispielsweise durch die Zerstörung von Biosystemen. Konzentrieren wir uns hier aber auf Treibhausgase, speziell auf das langlebigste und deshalb langfristig wichtigste, das Kohlen(stoff)dioxid.

Gletscher in Plastikfolie

Um die Erderhitzung zu begrenzen, gibt es die Idee, die Sonneneinstrahlung auf die Erdoberfläche zu verringern. Dies könnte einerseits durch Spiegel im Weltall erreicht werden, andererseits schwächen auch Schwefelemissionen in der Stratosphäre das Sonnenlicht ab, wie man bei manchen Vulkanausbrüchen beobachten kann. Könnte man das technisch bewerkstelligen, beispielsweise mit Flugzeugen oder Ballons? Ja, aber der Aufwand wäre immens und müsste über viele Jahrzehnte hinweg verlässlich weitergeführt werden. Zudem hätte dies unabsehbare Folgen für die atmosphärischen und auch die Wasserströmungen, die das Wetter mindestens genauso stark durcheinanderbringen würden wie die Erderhitzung selbst.

Aufgrund des chaotischen Charakters der Atmosphärenbewegungen ist es außerdem grundsätzlich nicht möglich, die Injektionen von Aerosolen in die Stratosphäre berechenbar und somit planbar zu machen. Auch andere Vorhaben scheitern an der technologischen Verantwortbarkeit. Gegen eine lokale Aufhellung der Lebenswelt ist natürlich nichts einzuwenden, sofern ökologisch unbedenkliche weiße Farbe verwendet wird. Das Einhüllen von Gletschern in Plastikfolie ist dagegen unverantwortlich. Es gibt eine Regelmäßigkeit bei den folgenden erwähnten Maßnahmen: Die verantwortbaren Methoden bringen nicht das notwendige Ausmaß an Erfolgen und die massiven anderen Einwirkungen sind unverantwortbar.

Andererseits, wie wir bereits erwähnt haben, könnte man das bereits emittierte Kohlendioxid vielleicht wieder aus der Atmosphäre entfernen. Das macht die Natur ohnehin – ohne die natürlichen Senken, die das Kohlendioxid bisher aufnehmen, beispielsweise in der Biosphäre und in den Ozeanen, wäre die Temperatur auf der Erde um 1,5 bis 2 Grad höher. Die natürlichen Senken nehmen 50-60 % des Kohlendioxids auf. Wenn uns eine ähnliche technische Lösung gelänge, könnten wir, so die Überlegung, unsere Emissionen wieder ‚zurücknehmen‘. Das entfernte Kohlendioxid wird als ‚negative Emissionen‘ verrechnet. Seit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 wird als Ziel der Senkung der Emissionen nicht mehr ‚Null-Emissionen‘, sondern ‚Netto-Null-Emissionen‘ angestrebt. Um so richtig voranzukommen und ein durch Technik ausgelöstes Gesellschaftsproblem durch ‚mehr‘ und ‚bessere‘ Technik zu lösen, wurden verschiedene Methoden erfunden, um das Kohlendioxid direkt aus der Luft zu filtern und zu entsorgen.

Alle fünf Jahre ein Matterhorn abraspeln

Diese ‚Direktentfernung aus der Luft‘ ist seit einigen Jahren häufig auf Titelseiten von Zeitschriften zu sehen: Riesige Wände mit enormen Ventilatoren, die die Luft einsaugen, sollen das Kohlendioxid aus der Luft filtern. Leider erfordert diese Technik enorme Mengen an Energie. Aufgrund der geringen Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre wären 250.000 Anlagen nötig, um nur ein Prozent der globalen Emissionen aufzufangen. Das eingefangene Kohlendioxid soll wieder gewinnbringend verkauft werden, beispielsweise zur Erzeugung von Sprudelwasser. Am häufigsten wird es jedoch in die Erde gepresst, um weiteres Öl zu gewinnen. Auch andere Techniken orientieren sich an natürlichen Vorbildern. So kann sich Kohlendioxid in der Natur in Karbonat verwandeln, also versteinern, was jedoch normalerweise extrem viel Zeit braucht. Dieser Prozess kann beschleunigt werden, indem bestimmte Gesteine kleingemahlen und auf dem Land oder in den Ozeanen verstreut werden. Pro Gigatonne Kohlendioxid müssten jedoch ca. drei Gigatonnen Gestein bewegt und gemahlen werden, was wiederum Energie und einen enormen Aufwand erfordert. Um 90 % des durch menschliche Emissionen zugeführten Kohlendioxids zu entfernen, müsste alle fünf Jahre ein Matterhorn abgeraspelt werden.

Großtechnische ‚Lösungen‘ ziehen also derart viele Probleme nach sich, dass sie das eigentliche Problem nicht sachgerecht lösen können. Eine andere Möglichkeit ist die direkte Mitwirkung der Natur. So kann beispielsweise die Aufnahme von Kohlendioxid durch Wälder, eine geeignete Bodenstruktur oder die Förderung des Organismenwachstums in den Ozeanen unterstützt werden. Das Ausstreuen von Eisen zur Förderung des Planktons scheint jedoch weder richtig zu funktionieren noch wünschenswert zu sein, da es gefährliche ‚Neben‘-Auswirkungen (‚Algenblüten‘) hat. Wenn die Emissionen nicht sofort und radikal reduziert werden – was absehbar nicht geschehen wird –, müsste am Ende dieses Jahrhunderts eine große Menge an Kohlendioxid künstlich eingefangen werden, wie es die Natur ohnehin schon in Senken bereitstellt. Was für eine Hybris ist es, zu glauben, dies wäre ohne weitere Schäden an der Biosphäre und ohne einen Aufwand, der an anderen Stellen dringend fehlt (Arbeitskraft, Fläche …), zu schaffen?

Bei anderen Überlegungen, die sich darauf beziehen, dass beispielsweise die Küstengebiete optimal genutzt werden, damit ihre Pflanzen möglichst viel Kohlendioxid aufnehmen, wird ein anderes Problem sichtbar, das gar nichts mit Technik, sondern viel mit Gesellschaftspolitik zu tun hat. Im Interesse des planetaren Überlebens werden Überlegungen angestellt, die Verwaltung dieser Gebiete globalen Kontrollinstitutionen zu unterstellen. Dies enteignet einmal mehr die indigenen Menschen, die in diesen Gebieten leben und ihre natürliche Umwelt immer optimal geschützt haben.

Wer darf am ‚Thermostat der Erde‘ drehen?

Wenn man schon nicht durch die nicht verantwortbaren möglichen Folgen dieser Techniken stutzig wird, so gilt es, die gesellschaftspolitischen Probleme zu beachten. Da stellt sich beispielsweise die Frage, wer eigentlich am ‚Thermostat der Erde‘ drehen darf. Unternehmen oder bestimmte Nationen? Gerade jene, die hauptverantwortlich für die Emission von Treibhausgasen sind? Mit welchem Interesse würden sie das tun? Sie wollen beispielsweise Emissionsgutschriften innerhalb des Emissionshandelssystems verkaufen. Diese sollen den Kohlendioxidemissionen einen ‚Preis‘ verleihen und sie somit verteuern. Oder sie sagen gleich, dass sie erwarten, für ihre Leistungen von ‚der Gesellschaft‘ bezahlt zu werden, so wie es in der normalen Abfallwirtschaft der Fall ist.

Bis etwa zum Jahr 2000 waren die Protagonist*innen dieser Climate-Engineering-Techniken noch so ehrlich zuzugeben, dass sie hofften, durch diese Möglichkeiten nicht mehr verpflichtet zu sein, die Treibhausgasemissionen zu mindern. Obwohl heutzutage in allen Artikeln zum Climate Engineering gebetsmühlenartig steht, dass die Emissionen natürlich zu mindern sind, wirkt die Hoffnung auf diesen Ausweg genauso, wie Edward Teller und Konsorten es noch offen aussprechen: Als Minderungsverzögerungstaktik! Oft sind es Öl- und Bergbauunternehmen oder andere kapitalistische Großinvestoren, die in Climate-Engineering-Techniken investieren und sie fördern.

Leider bleibt die Gegenwehr der Klimabewegung noch aus. Zwar gab es erfolgreiche Proteste vor Ort gegen Versuche, Aerosole in die Stratosphäre einzusprühen, doch das reicht nicht aus. Wissenschaftler:innen stehen vor der großen Frage, ob sie sich an der Forschung dazu beteiligen sollen. Meist begründen sie eine Beteiligung damit, dass nur durch diese Forschung auch die möglichen Gefahren dieser Maßnahmen erkannt werden könnten. Tatsächlich zeigt die Erfahrung der letzten Jahrzehnte, dass die Forschung immer mehr Gefahren aufzeigt, anstatt die Befürchtungen zu entkräften. Trotzdem gründen sich inzwischen immer mehr Start-ups, die mitspielen wollen und sogar versuchen, die nachteiligen Probleme zu umgehen. Der ‚Pferdefuß‘ zeigt sich dann woanders, beispielsweise im Vertrauen darauf, dass die benötigte Energie irgendwo anders, beispielsweise in Marokko, produziert werden würde.

Falsche Hoffnungen

Aufrufe zu (Forschungs- und/oder Umsetzungs-) Moratorien müssen die Frage beantworten, an welcher Stelle Schluss sein soll. Simulationen am Computer sind ja eigentlich harmlos, oder? Versuche zur Umsetzung nehmen – wie ihre Ziele – schnell globale Ausmaße an. Außerdem besteht immer die Angst, dass ‚die anderen‘ es doch umsetzen würden. Dies verweist erneut darauf, dass diese Techniken innerhalb der derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse extrem gefährlich sind, da sie ohne eine starke globale, kooperative Regulierung unverantwortbar sind.

Wir haben hier ein ‚unter der Decke‘ liegendes Problem, das mindestens so gefährlich werden kann wie die Erderhitzung, das aber von Klimabewegungen noch völlig unterschätzt wird. Das, was eigentlich Hoffnung machen soll, müssen wir äußerst kritisch betrachten. Dabei unterminieren wir eine Hoffnung, die ohnehin falsch ist.

Das wohl größte Flaggschiff der Hoffnungen auf das Climate Engineering ist übrigens gerade gescheitert. Climeworks in Island betreibt Anlagen, die das Kohlendioxid direkt aus der Atmosphäre filtern und entsorgen sollen. Das Ziel bestand darin, jährlich 4.000 Tonnen Kohlendioxid zu entsorgen, doch es wurden weniger als 1.000 Tonnen jährlich erreicht. Die geplanten Kosten haben sich je Anlage verzehnfacht. Am schlimmsten ist jedoch, dass diese Methode enorm viel Energie benötigt, sodass die Anlagen von Climeworks durch ihren Energieverbrauch mehr Emissionen erzeugen, als sie einfangen können. Die von der Firma bereits verkauften Emissionsgutschriften können nicht eingelöst werden – wie eigentlich alle Versprechen des Climate Engineering.

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