
Reproduktionstechnologien und die damit verbundenen Formen der Kommodifizierung und Gewinnmaximierung tauchten erstmals in den 1980er Jahren auf. Seitdem haben sich diese Technologien zu einer globalen Fertilitätsindustrie entwickelt, die heute einen äußerst dynamischen Wirtschaftssektor darstellt. In ihrem Artikel zeichnet Susanne Lettow die sich abzeichnenden Entwicklungen der reproduktiven Bioökonomien im neo-autoritären Kapitalismus nach und eröffnet Perspektiven für Kritik und Widerstand.
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Die reproduktive Bioökonomie umfasst die Produktion, die Zirkulation und den Konsum reproduktiver Körpersubstanzen. Die entsprechenden Technologien sowie die technowissenschaftlichen und klinischen Infrastrukturen expandieren rasant, sowohl technologisch als auch wirtschaftlich. Die prognostizierten jährlichen Wachstumsraten für die nächsten fünf bis zehn Jahre liegen zwischen neun und zehn Prozent.
Immer mehr Private-Equity- und Risikokapital wird in den Fertilitätssektor investiert, was zur Entstehung neuer wirtschaftlicher Akteure und Unternehmen wie Eizellenbanken, Vermittler*innen oder anderer ‚Zwischenhändler*innen‘ führt, die Leihmütter, Eizellspenderinnen, Wunscheltern und Fertilitätskliniken miteinander verbinden. Kathrin Braun argumentiert, dass der Sektor infolgedessen zunehmend nach der Logik der Gewinnmaximierung umstrukturiert wird – oft auf Kosten der medizinischen Ethik. Gleichzeitig wird der physiologische Prozess der Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt eines Kindes zunehmend durch technologisch vermittelte Verfahren fragmentiert, darunter die Entnahme von Keimzellen, In-vitro-Fertilisation, Implantation, Leihschwangerschaft und Geburt, die von verschiedenen Formen der Diagnostik und Selektion begleitet werden.
Angesichts der vielfältigen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse, die die gegenwärtige globale reproduktive Bioökonomie in Bezug auf Geschlecht, Klasse, Rasse und fortwirkende (neo)koloniale Strukturen , welche der ungleichen Entwicklung der Weltwirtschaft zugrunde liegen, prägen, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass neu entstehende technowissenschaftliche Praktiken weniger ausbeuterisch sein werden. Im Gegenteil: Die aktuellen Entwicklungen der Reproduktionsökonomie deuten auf eine Verschärfung der Ausbeutung sowie der eugenischen und selektiven Implikationen von Reproduktionstechnologien im Kontext des Aufstiegs des neo-autoritären Kapitalismus hin.
Vor diesem Hintergrund ist eine emanzipatorische Politisierung der reproduktiven Bioökonomie dringend erforderlich. In den letzten Jahren haben Gruppen und Organisationen wie Bioskop, Gen-ethisches Netzwerk oder fem*ini gegen reproduktive Ausbeutung Kritik an reproduktiven Technologien und Praktiken wie Eizellspende und Leihmutterschaft geäußert und gleichzeitig essentialistische, romantisierte Vorstellungen von Empfängnis, Schwangerschaft und der (heterosexuellen) Familie zurückgewiesen. Solche essentialistischen und romantisierten Vorstellungen werden laut Susanne Schultz häufig von konservativen und rechten Akteur*innen herangezogen, die eine ablehnende Haltung gegenüber der reproduktiven Bioökonomie einnehmen, indem sie die „natürliche“ Fortpflanzung verteidigen. Aus der Perspektive einer emanzipatorischen Politisierung der reproduktiven Bioökonomie besteht das Problem jedoch nicht in einer ‚Entnaturalisierung‘ der heterosexueller Fortpflanzung durch Technologie , sondern es geht vielmehr um die ausbeuterischen Strukturen und biopolitischen Dynamiken, die die reproduktive Bioökonomie prägen.
Es geht daher um die Entwicklung gesellschaftlicher Verhältnisse, die auf reproduktiver Gerechtigkeit beruhen. Aus dieser Perspektive ist es entscheidend, die aktuellen Dynamiken der reproduktiven Bioökonomie zu analysieren und sie in den Kontext der umfassenderen Transformationen hin zu einem neuen Akkumulationsregime und einer neo-autoritären Form des Kapitalismus einzuordnen
Die „vierte Phase“ erkunden
Es scheint, dass die Entwicklung der reproduktiven Bioökonomie inzwischen in eine „vierte Phase“ eingetreten ist, die durch Unterbrechungen globaler Ströme und Netzwerke gekennzeichnet ist, die u.a. durch die COVID-19-Pandemie und Russlands Invasion der Ukraine – ehemals einer der zentralen Leihmutterschaftsmärkte in Europa – verursacht wurden.
Die früheren Phasen seit den 1980er Jahren waren durch kontinuierliche Expansion und, insbesondere seit den 1990er Jahren, durch die neoliberale Globalisierung gekennzeichnet. Ähnlich wie in anderen Wirtschaftssektoren nutzte die Fertitilitätsindustrie globale Ungleichheiten bei Löhnen und gesetzlichen Regelungen aus. Die Pandemie und die Entstehung eines „globalen Kriegsregimes“ führen jedoch zu einer erheblichen Umstrukturierung der globalen reproduktiven Bioökonomie. Diese Umstrukturierung geht einher mit einer weiteren wirtschaftlichen Expansion und der technowissenschaftlichen Ausdifferenzierung von Angebotsstrukturen. Sie fällt zudem mit dem Aufstieg einer autoritären, pronatalistischen und neo-eugenischen Biopolitik zusammen, zumindest in Europa und den Vereinigten Staaten.
Jennifer Denbow argumentiert, dass „Investoren alles finanzieren, von künstlicher Schwangerschaft über die Herstellung von Keimzellen aus Stammzellen bis hin zu digitalen Plattformen und Apps, die Dienste wie Periodenverfolgung, eine Plattform für ‚sexuelles Wohlbefinden‘ für Männer und auf LGBTQIA+ ausgerichtete Apps für reproduktive Gesundheitsversorgung anbieten.“ Dementsprechend weitet sich der Umfang der reproduktiven Bioökonomie weiter aus, während gleichzeitig neue Kategorien von Konsument*innen und reproduktive Bedürfnisse entstehen.
Obwohl Eizellspende und Leihmutterschaft nach wie vor zentral für das Funktionieren der Reproduktionsökonomie sind, tragen aktuelle Forschungen zur In-vitro-Gametogenese, zu künstlichen Gebärmüttern und zur Uterustransplantation zu diesem Prozess der Erfindung neuer Dienstleistungen und Märkte bei.
Gleichzeitig konvergieren diese technowissenschaftlichen Projekte mit Entwicklungen in anderen Sektoren der Bioökonomie und der digitalen Wirtschaft. So wird beispielsweise die Genom-Editierungstechnik CRISPR-Cas9 sowohl in der Synthetischen Biologie, die auf die Schaffung sogenannter „new-to-nature“-Produkte abzielt, als auch bei der Gameten- und Embryo-Editierung eingesetzt – Praktiken, die nach wie vor weitgehend verboten sind, aber dennoch seit mehr als einem Jahrzehnt Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sind. Darüber hinaus wird KI mittlerweile in großem Umfang für Verfahren zur Gametenauswahl und zum Embryo-Screening genutzt.
Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass Tech-Oligarchen wie Peter Thiel und Elon Musk die reproduktive Bioökonomie aktiv unterstützen und fördern. Ihr Einfluss auf die Entwicklung der reproduktiven Bioökonomie ist dabei sowohl wirtschaftlicher als auch biopolitischer Natur. Indem sie eine pronatalistische Agenda und Formen neo-eugenischen Denkens vorantreiben, die, wie Quinn Slobodian kürzlich gezeigt hat, seit langem im neoliberalen und libertären Denken verankert sind, tragen sie zu einer politischen Artikulation der reproduktiven Bioökonomie bei, die zeitgenössische Faschisierungsprozesse verstärkt.
Eine neue „Formation der Reproduktion“?
Für eine emanzipatorische Politisierung der reproduktiven Bioökonomie ist es daher entscheidend, ihre Dynamiken in den größeren Kontext der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Konjunktur einzuordnen. Obwohl es noch unmöglich ist, von einem vollständig konsolidierten neuen Akkumulationsregime zu sprechen, scheint es dennoch möglich, aufkommende postneoliberale Dynamiken zu erkennen, die auf der Konvergenz von Digitalisierung und Biotechnologie beruhen. Diese Dynamiken verbinden radikalisierte neoliberale Sparpolitik mit einem Abbau der liberal-demokratischen Elemente des Staates, die Ungleichheiten und soziale Konflikte durch sozioökonomische und symbolische Mittel vermitteln, wie beispielsweise Sozialversicherungssysteme oder Diversitätspolitik.
Welche Rolle spielt die reproduktive Bioökonomie dann innerhalb dieser Konjunktur? Sicherlich ist die Fertilität zu einem neuen. zunehmend profitablen wirtschaftlichen Bereich geworden. Darüber hinaus deutet die reproduktive Bioökonomie jedoch auch auf die Entstehung einer neuen „Formation der Reproduktion“ im Sinne von Michelle Murphy hin. Wie Murphy argumentiert, ist die generationale Reproduktion – also die Zeugung, Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt eines Kindes – niemals bloß ein individuelles Unterfangen. Vielmehr wird sie durch vielfältige soziale Beziehungen und Institutionen konstituiert, darunter politische, wirtschaftliche und technologische Infrastrukturen und Diskurse.
Fortpflanzung beschränkt sich daher nicht auf die Prozesse, an denen individuelle Körper beteiligt sind. Für Murphy unterscheiden sich historische „Formationen der Reproduktion“ in Hinblick auf die Art und Weise, in der die „generativen Fähigkeiten geschlechtlicher Lebewesen neu geordnet, neu bewertet und in neue Ausrichtungen und Bindungen gebracht werden“.
Diese Formationen der Reproduktion lassen sich meiner Meinung nach als zentrale Elemente historisch spezifischer Akkumulationsregime verstehen. Solche Regime umfassen bestimmte Konfigurationen kapitalistischer Produktion, Verteilung und Konsum, die durch entsprechende Formen der politischen Regulierung und Geschlechterverhältnisse strukturiert sind – also durch sich historisch wandelnde Arrangements zwischen dem privaten Haushalt und der profitorientierten kapitalistischen Wirtschaft.
Im Hinblick auf die aktuelle Dynamik der reproduktiven Bioökonomie scheint die ökonomische Inwertsetzung der Fruchtbarkeit im Zentrum einer fortlaufenden Umstrukturierung und Neupositionierung des privaten Haushalts und der intimen Sphäre zu stehen. Tatsächlich überschreitet und rekonfiguriert die reproduktive Bioökonomie die Beziehung zwischen der vermeintlich privaten Sphäre intimer Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen und der kapitalistischen Wirtschaft der Warenproduktion, Lohnarbeit und Gewinnmaximierung. In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich erheblich sowohl vom fordistischen als auch vom neoliberalen Akkumulationsregime.
Das fordistische Regime kommerzialisierte den Haushalt und die Freizeit durch Massenproduktion und Massenkonsum von Konsumgütern und stützte sich auf das so genannte Hausfrau-Ernährer-Modell als vorherrschendes Geschlechterarrangement. Das neoliberale Akkumulationsregime hingegen förderte das „adult worker“-Modell , das auf der Basis einer weitreichenden Prekarisierung durchgesetzt wurde. Dieser Wandel ging einher mit der Entstehung eines Niedriglohnsektors für Pflege und andere Dienstleistungen, die aus dem Haushalt herausgelöst wurden.
Im Gegensatz dazu scheint das sich abzeichnende neo-autoritäre Akkumulationsregime erstens auf der Produktion von Hightech-Gütern und -Dienstleistungen auf der Basis von digitalen und bioökonomische Formen des Extraktivismus, die sich auf Daten und Körpern beziehen, zu beruhen und zweitens auf elitären Formen des Konsums innerhalb von Enklavenökonomien. Diese Konsumformen stehen in deutlichem Gegensatz zum geringen oder mangelnden Konsum einer wachsenden Zahl hochgradig prekarisierter Menschen, die von formalisierten und regulierten Arbeitsmärkten ausgeschlossen sind und oft kaum mehr als ihre persönlichen Daten oder körperlichen Fähigkeiten zu Markte tragen können. Innerhalb dieses sich herausbildenden Regimes scheint die Kapitalisierung der Fruchtbarkeit eine entscheidende Rolle zu spielen.
Daher ist es, wie Susi Geiger argumentiert, entscheidend, die aktuellen Obsessionen mit Demografie, Fruchtbarkeit und Eugenik, die führende Persönlichkeiten des US-amerikanischen Hightech-Sektors an den Tag legen, „im weiteren Kontext einer technologiegetriebenen Weltgestaltung“ zu verstehen. Das Gegenteil trifft jedoch ebenso zu: Die ökonomische Inwertsetzung und technowissenschaftliche Neugestaltung der Fortpflanzung müssen auch als Eckpfeiler für die Entstehung neuer autoritärer Formen des Regierens, der Kontrolle und der (eugenischen) Selektion verstanden werden.
Emanzipatorische Politisierung der reproduktiven Bioökonomie
Die reproduktive Bioökonomie und ihre aktuellen Entwicklungen sind zutiefst politisch. Sie können nicht als isolierte Fragen der Gesundheitspolitik oder als rein ethische Fragen verstanden werden, die an bioethische Gremien delegiert werden können. Sicherlich bleiben ethische Überlegungen zur reproduktiven Freiheit und ihren Grenzen wichtig, insbesondere im Hinblick auf die Frage, wessen Wünsche, Sehnsüchte und Körper anerkannt werden und wessen nicht. Dieses Problem wird besonders deutlich in den strukturellen Ungleichheiten zwischen finanziell privilegierten Wunscheltern und jenen, für die die mit Eizellspende oder Leihmutterschaft verbundenen „Aufwandsentschädigungen“ – die von den Ersteren oft als vernachlässigbare Summen angesehen werden – ein Einkommen darstellen, das durch andere Formen der Arbeit kaum zu erzielen ist.
Gleichzeitig haben Protagonistinnen der der Bewegung für reproduktive Gerechtigkeit jedoch seit langem argumentiert, dass reproduktive Gerechtigkeit im vollen Sinne des Wortes eine umfassende Transformation der geschlechtsspezifischen, rassifizierten und sozioökonomisch stratifizierten Bedingungen erfordert, unter denen Menschen entscheiden, ob sie Kinder bekommen oder nicht, und unter denen sie diese großziehen. Eine solche Transformation umfasst den Zugang zu hochwertigen reproduktiven Gesundheitsdiensten, einschließlich Schwangerschaftsabbruch, ebenso wie den zu soziale und kulturelleInfrastrukturen, die für Kindern und Betreuungspersonen gleichermaßen notwendig sind – nicht zuletzt angemessener Wohnraum, Bildung und gute öffentliche Betreuungseinrichtungen. Sie umfasst auch Arbeitsmarktregelungen, die es Menschen mit Kindern ermöglichen, ein ausreichendes Einkommen zu erzielen und gleichzeitig genügend Zeit für Carearbeit zu haben.
Die Einordnung der reproduktiven Bioökonomie in die aktuelle sozio-historische Konstellation und das Aufkommen eines neo-autoritären Kapitalismus offenbart somit die dringende Notwendigkeit einer umfassenden Politisierung, die die wirtschaftlichen, technowissenschaftlichen und biopolitischen Dimensionen problematisiert. Aus dieser Perspektive sollten Kämpfe um die reproduktive Bioökonomie als zentral für emanzipatorische Auseinandersetzungen mit den gegenwärtigen Entwicklungen hin zu einem neo-autoritären Kapitalismus verstanden werden.