Analoge Geschichts-Rambos

Zeitmangel scheint nur ein gefuehltes Problem zu sein. Keiner in unserem Land muss vier Stunden am Tag mit Wasserholen verbringen. Viel Zeit bedeutet unter Umstaenden viel Langeweile. Wie soll man sich da schuetzen? Ein Grossteil der Menschen, einst Jaeger und Sammler, jagen Schnaeppchen hinterher oder vertreiben sich die Zeit mit sadomasochistischen Sex-Spielen. Der Kick ist von kurzer Dauer. Etwas Neues muss her, etwas, das ueber das apokalyptische >Shoppen und Ficken< hinausgeht, etwas Erhabeneres. In historischer Kluft, meistens Uniform, gerne die der Wehrmacht, im Gelaende marschieren, durch Graeben waten und mit Panzern fahren, so sieht der neue Freizeitspass aus. Es stehen Waelder, Wiesen und Weiden zur Verfuegung.

Umsonst und draussen: Analoge Geschichts-Rambos wollen nur spielen und meinen es doch bitterernst. Wer´s nicht glaubt, gehe in die Kunstwerke. Dort verbluefft die Ausstellung >History will repeat itself< mit kuenstlerischen Strategien eines Phaenomens, genannt >Reenactment<, die Re-Inszenierung historischer Ereignisse auf komplexe Weise. Freizeitspass ist nur die eine Seite, Therapie und Geschichtsmanipulation die andere. Es faengt mit Fotos von Heike Gallmeier ueber Freizeitsportler bei einer Minipanzerschlacht und in Filmen wie >Living a bit of war< oder >Someone has to play Germans< an und steigert sich dann mit Geschichtsaneignung von Daniela Comani, die durch in ihrer Installation >Ich war´s. Tagebuch 1990-1999< unter anderem Hongkong 1997 an die Volksrepublik China zurueckgab. Immer mehr wird man in den Sog der Ausstellung gezogen. In einer Installation von Rod Dickinson steht man in einem rekonstruierten Raum des 1961 stattfindenden Milgram-Experiment. Wir kennen dieses Experiment aus einer Dokumentation ueber die unglaublichen 60 Prozent der Probanden, die andere mit Stromschlaegen zu gehorsamen Lernwilligen peinigten. In diesem Raum wurde das Experiment minutioes nachgespielt, nacherzaehlt, nachgedacht. Geschichte ueberlagert sich, verdreht sich und wird verdreht, um in immer wieder neuen Ausformungen, quasi als Perpetuum Mobile, zu erscheinen.

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