• Das viagraische Vorspiel

    Jede Gesellschaft muss sich reproduzieren und ihr Wissen, ihren Reichtum, ihre Macht, ihre Arroganz und Dummheit weitergeben. Selbst Goetter, Aberglauben und rassistische Vorurteile werden den nachfolgenden Generationen wie Sprachen, Schulden, Rollkragenpullover und Verantwortung ueber den Kopf gestreift. Seit dem 19. Jahrhundert, der Formation von Nationalstaaten, wurde diese Weitergabe und Verewigung verstaatlicht, und unter die Begriffe Bildung und Erziehung gebracht. Der Knueppel der Autoritaet fand in den Schulen und Institutionen der Macht ein perfektes zusaetzliches Medium.

    Heute ist es ein kapitales globales Unterfangen und die europaeische Wirtschaft zittert, wenn sie Bildungsdaten studiert und international vergleicht. Es ist, als befaende man sich in den Weichteilen der Macht waehrend der Koppelung. Sehr obzoen, sehr lubrifiziert, sehr feucht – und sehr trocken und langweilig. In den USA ist Bildung als viagraisches Vorspiel hyperkapitalisiert und auch dementsprechend politisiert. Das zu beobachten ist fuer mich interessant: Was wo wie unter welchen Umstaenden gelehrt und gelernt wird, ist die zentrale Frage jeder Gesellschaft. Das ist der politische Hintergrund, vor dem ich mich als Kuenstler mit Sprachen beschaeftige. Der persoenliche Hintergrund ist freilich ein anderer.

    Vorarlberg, wo ich herkomme, hat eine alte Tradition, die Jugend als Krautschneider ins Flachland zu schicken. So wurde ich zum Autostopper und lernte unterwegs das Sprechen in verschiedenen Sprachen. Irgendwann stank es mir im Euroland – schon eine Dekade vor der Euroeinfuehrung – und ich gelangte ans andere Ufer, kam also nach New York. Autostoppen war hier nicht mehr angesagt. Meine Dialekte und Akzente wurden hier Teil eines polyglotten Fleckenwerks von Millionen, ueber das es sich lohnte nachzudenken. Edward Said, Stuart Hall und andere Leute, – etwa vom Whitney Independent Study Programm – halfen mir dabei: Ich habe gelernt, mir und anderen auf die Zunge zu schauen, und den Rap der Leute , z.B. von den Franzosen, ernst zu nehmen.

    Ich habe irgendwie versucht, mir eine Welt vorzustellen, in der Kunst und Politik sich mit der Zunge kuessen, damit Molotowcocktails und Gewalt sich eruebrigen (against auto-zuendlerei). Dumm gesagt, ich hatte/habe immer Europa im Kopf, weil ich taeglich erlebe, wie man in NYC Menschen unterschiedlicher Herkunft mit unterschiedlichen Sprachen und Hautfarben, auch freundlich behandeln, sie bewundern, sie wirklich als Nachbarn akzeptieren kann. Ja, ich staunte ueber all meine Vorurteile und eurozentristischen Voreingenommenheiten und lernte sie langsam zu korrigieren. Als Leute mit afro-amerikanischem oder chinesischem Akzent ueber Hegel referierten, stand zuerst mein Mund weit offen.

    Am Anfang war das englische Wort, selbst fuer mich als unglaeubiger Analphabetiker. Ich konnte es leider nicht aussprechen und musste endlose Nachmittage mit etwas aelteren Nachhilfelehrerinnen zubringen. Nun, die Kunst, Theorie und Politik in reflexiven Amalgamen zu konkretisieren, ermoeglichte es mir, mein damaliges Gehoer zu schaerfen. Die Edward Saidsche Orientalismuskritik, die insbesondere die Schnittstellen von imperialistischer Politik und Kultur nachzeichnete (die Linie auf der ich gerne als Fahrradfahrer unterwegs bin) inspirierte mich, Japanisch zu lernen, meine erste orientalische Sprache. Orientalismus ist heute zu einer kritischen Kategorie geworden und hat Repraesentationspolitik – mein Hauptinteresse – zum Inhalt.

    Wer sagt was ueber wen wie? Das Lernen von Japanisch als kuenstlerisch-kritische Praxis war jedoch kein Reden ueber und Repraesentieren des kulturell Anderen (kapitales A mit Liaeson zum lacan“schen petit a), sondern ein schmerzhaftes transzendentales langjaehriges Unterfangen, das direkt an den (schlecht Kantisch gestottert) Bedingungen der Moeglichkeiten von Dialog und verbalem Austausch ansetzt. Ich habe versucht, – so wie heute mit meinen Chinesischstudien – die kulturelle Handelsbilanz etwas auszugleichen, und den vielen Autos und elektronischen Gadgets etwas anderes als Dollars, Jammer und kulturelle/oekonomische Angst (das Wort Angst findet sich auch im englischen Gebrauch) entgegenzuhalten.

    Mein Zurueck in eine kuenstlerisch/sprachliche Infantilitaet brachte mich dann auch recht bald nach Japan, wo ich wiederum eine neue sprachpolitische Realitaet kennen gelernt habe. Mit dem Erlernen einer (Fremd)Sprache trifft man auch auf ein Menue von nationalen Vorurteilen. Diese Einsicht erzeugte in mir genuegend Energie, um drei Jahre lang Koreanisch zu lernen und damit auch auf interessante Korrektive – also koreanische Vorurteile gegenueber Japan – zu stossen. In der Zwischenzeit interessierte mich auch der deutsche Orient: griechisch, neugriechisch, auf das ich mich ebenfalls fuer mehrer Monate einliess: 3 months, 3 days a week, 3 hours a day – basic modern greek (in New York, 1994/95) und dann 6 days, 6 hours a day – basic modern greek (Athen).

    Diese meine dilettantischen, autodidaktischen Bemuehungen quantifizierenden Projekte produzieren eine Unmenge von Videos, die das dreckige Geschaeft der Repraesentation ad absurdum fuehren, und dabei das lange-weilige meiner Kunst als Praxis zur Skulptur erklaeren. Ich fuehle mich jedoch als Kuenstler nicht mehr nur dem Ready-Made verpflichtet, sondern auch einem trying-hard einem langsam-Geschaeft. Dekontextualisiert wird weniger ein Objekt, sondern mehr eine Praxis, naemlich jenes Tun und Lassen, das man ueblicherweise auf Unis anfindet. Ich selbst mutiere zur sich entaeusserten Laborratte und treffe dann auf neue, anderssprechende Freunde.

    Die genaue Liste der Sprachen, denen ich mein Herz und meine Zeit gewidmet habe – und ich lerne ja immer noch -, finden sich am besten in meinen kurzen Videoclips wieder: z. B.: Homeland Security, Arabic: >Ana laestu irhabien<; Chinese: >wo bu shi konbu fenzhi<; Korean: >nan nun, terrorist animnida<; Modern Greek: >Then ima dromokratis<; Japanese: >terroristo dewa arimasen<; Russian: >Ja ne terrorist<; Spanish: >No soy un terrorista<; Italian: >non sono un terrorista<; French: >Je ne suis pas un terrorist<; Deutsch: >Ich bin kein Terrorist<; English: I“m not a terrorist. Man vergebe mir die falschen Transliterationen – im Buch, Bill Kaizen Please, teach me, Rainer Ganahl and the politics of learning werden die angemessenen nicht-lateinischen Schriftypen verwendet.

    Das Lernen ist das Rueckgrat meiner Gehversuche und die Rechtfertigung einer visuellen Produktion, die nicht-retinale Praeferenzen privilegiert. Ich koennte auch sagen, das Lernen ist mein Anti-Alzheimerprogramm und/oder meine Anti-Depressivmedizin; es ist die billigste Art, teuren Psychotherapierechnungen zu entkommen. Es ist wahrscheinlich auch ein Easy-Jet Ticket ins Nirgendwo der Nachmittage, die unaufgelesen sich am Rande einer Kunstproduktion akkumulieren; eine Suessspeise fuer Diabetiker unter Einfluss; ein Ersatz fuer monastische Spreizuebungen vor dem Schlafengehen; ein Schutz vor Wahnsinn und nicht zuletzt das Abklopfen eines oxidierenden Fabrikkessels, der Sinn auf Unsinn reimt. Anders gesagt: ich verkaufe nicht viel, aber ich lerne wenigsten etwas.

    Sprache, das ist fuer mich Selbstentaeusserung und Fremdgehen, Promiskuitaet und Liebe, Zerstoerung und Hoffnung, Ungerechtigkeit und Legasthenie im Spiegel, kurz gesagt: Mundgeruch. Es stinkt… und wie wir sehen… wenn nicht mehr geredet wird, wenn man die Leute nicht reden laesst, ihnen nicht zuhoert, dann brennt es, kann es pyromanisch eskalieren.


1 Kommentar zu Das viagraische Vorspiel

  • [...] noch: Die Basis vieler meiner künstlerischen Projekte ist das Lernen selbst. Ob es sich nun um Leseseminare, Fremdsprachenlernen oder Oral History-Projekte mit Holocaust-Überlebenden handelt – das wichtigste Nebenprodukt für [...]

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