• Das Jahr des Kuenstlers

    Zweitausendundsieben ist ein pralles Jahr, ein schnelles Jahr, eine kalendarische Beschleunigung. Und ich, ich bleibe im historischen Praesens; zum einen, weil dieser Aufschriebs noch in ebenjenes Jahr faellt, wie man so sagt. Zum anderen, da so ein Jahr ja abgeschlossen wird und fertig gemacht und dann ab in die Geschichtsbuecher. Oder wie veraendert sich ein einmal abgelebtes Jahr im Laufe seines Daseins als vielseitig aufgezeichnete Erinnerung dann immer wieder? In den zahlreichen und moeglichen Subjektiven sicherlich nach Bedarf. In meinen zahlreichen und moeglichen Subjektiven ganz bestimmt nach Bedarf.

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    Und die seit Menschengedenken sich immergleich ein- und ueberschreibende Kulisse fordert doch mittlerweile auch kaum noch eine Phantasie heraus: Auch 2007 wieder Gewalt, die nicht im Fernsehen stattfindet; Apparate, die Menschen auf Menschen richten, so dass viele einzelne Menschenfetzen den Laeuterungsberg bepilgern, die Wege verstopfen auf einer deutlich erschwerten Reise ins Paradies. Auch 2007 ein Chor fuer die verpasste Welt, eine vielstimmige Dissonanz aus Zivilisationslaerm bruellt sich durch jedes Gedaerm, ein kollektiver Tinitus mag folgen und vereint ja auch.

    Alle die, die den Schuss auch 2007 nicht gehoert haben, zum Beispiel, denn wir wissen ja dass eine Kugel die pfeift nicht mehr trifft; also ich weiss das aus dem Fernsehen. Gott sei Dank. Mir geht’s gut. Ich lass mich von meinen nichtrauchenden Zeitgenossen anpfeifen, reise mit dem Freiheitsentzug und arbeite fuer’s Fernsehen, was ganz nebenbei auch 2007 die Spitze des Stumpfsinns aller zivilisatorischen Bemuehungen bleibt. Und mit nicht mehr noergeln ist es nun auch vorbei, es muss wieder gejammert werden und am besten fundiert und schattenspringende Eigennasenfasser aller Laender vereinigt euch!

    Wenn mein Beruf das Orakeln waer‘, ich wuerd‘ 2007 zum Jahr des Kuenstlers ausrufen. Nicht der Kunst. So many artists, so little art. Alle Kuenstler, ich ja auch. Die Prophezeiung beschraenkt sich auf die einfache Tatsache, dass 2008 nicht schon wieder ein Jahr des Kuenstlers sein kann, das gebietet die Abwechslung in solchen Angelegenheiten. Aber wenn 2007 etwas gezeigt hat, dann doch dass der Beruf des, wie man so sagt ‚im weitesten Sinne’ Kuenstlers, deutlich an Popularitaet zunimmt, was ja begruessenswert ist, und der des Bergbauarbeiters zum Beispiel nimmt ab. Schade nur, dass ach soweit auch das Feld, an Platze so limitiert. Dass die Konkurrenz nicht schlaeft bleibt dem Kapitalismus sein wohlgehegter Albtraum.

    Und der Kuenstler? Der lauscht verklaert dem Gesang des liebgewonnenen Schwarzalbs, der ihm, dem Kuenstler, vergnueglich auf den Brustkorb springt und singt: das war schon immer so / und leichter wird’s auch nimmermehr. Jedenfalls. Soweit mal das Grobe und nun sollten diverse Top Fives folgen, so a la die fuenf besten Cds / Konzerte / Buecher etc. Aber da muss ich passen, denn zu meiner Schande sei gestanden, dass keine fuenf Konzerte besucht wurden, die einzige CD-Neuerscheinung, die sich eingebrannt hat, eben die Radiohead ist und Against the Day – ist das nicht bereits 2006 erschienen? 2007 ist nicht das Jahr des Kulturkritikers. Also, und auch um nicht eine Sekunde lang vorzutaeuschen, das alles hier waer‘ nicht hundert Prozent subjektiv, gestalten sich meine Top 5s aus Dingen, die mir begegnet sind.

    Top 5 Film Editors
    [Die Arbeiter im Kunst- und Kulturbetrieb. Die auch dem haesslichen TV-Entlein was chices anziehen. Die leider viel zu wenig zur Kenntnis genommen werden. Deren Arbeit viel zu wenig zur Kenntnis genommen wird.]

    Steffi Wendt
    Jan Poppenhagen
    Katja Fischer
    Sigrid Hombach
    Tamuna

    Top 5 Erleuchtungserlebnisse
    (Kommt ja jedes Jahr vor, manchmal in der bescheideneren Form des Aha Effekts. Eine Bestandsaufnahme fuer das alljaehrliche Fail Better.)

    Justine Hauer (Stimme als Text)
    Markus Heinicke (Text als Stimme)
    Anita-Marie Schuppan (Stimme als Stimme)
    Katzenfloehe (unbedingt zu vermeidendes Martyrium)
    Mitbewohner sind auch nur Maedchen.

    Top 5 Inspirationen

    Sizilien und Paolo Falcone (Aleksandra Mir)
    Berlin und Hugo Schneider (3mulgator)
    Koeln und Justine Hauer (Doppelnennungen sind moeglich)
    Walter Benjamin auf Englisch
    Katzenkinder

    Top 5 Redewendungen

    Redewendung
    You only live once – try it!
    Ach du gruene Neune
    The translatability of linguistic creations should be considered even if men should prove unable to translate them.
    postproduction


1 Kommentar zu Das Jahr des Kuenstlers

  • Ingrid Christochowitz am 05.01.2008 02:35
    I would like to contact Dunja Christochowitz, as i am very interested in her work.I am living in the Netherlands (as one of the only Christochowitz-family over here)

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