• Das Ende von Raum und Zeit ist der Anfang

    Das Auge sieht nichts weit und breit, nur eine kahle und huegelige Landschaft – kilometerlang. Es scheint sich nichts zu veraendern, waehrend der Blick langsam umher schweift. Endlose Weite in endloser Landschaft fuer die man endlos Zeit braucht, wollte man sie erkunden. Waeren da nicht ploetzlich die Explosionen, die einen wieder in die Realitaet werfen, man koennte fast meinen, Zeitgefuehl und Orientierung verlassen einen. Mitten in der inneren Mongolei reitet eine Frau auf einem Kamel zur Explosionsstelle, wo ihr Nachbar einen Brunnen fuer sie und ihre Familie baut und dafuer den felsigen Boden sprengen muss. Die Frau, Tu Ya, laesst sich in einem Korb den Brunnen hinab und trifft dort auf ihren Nachbarn, Sen´ge. Sie reden kein Wort, schauen sich an und legen nur die Stirnen aneinander. Waehrend beide so verharren, bleibt die Zeit stehen. Es ist eine Liebesbekundung am Ende von Raum und Zeit und wurde als eine der schoensten Liebesszenen auf der 57. Berlinale 2007 bezeichnet. Der Chinese Wang Quan´an gewann den Goldenen Baeren fuer seinen Film Tu Ya´s Wedding.

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    In der inneren Mongolei ticken die Uhren anders: Dort, wo man einen ganzen Tag benoetigt, um Wasservorraete zu holen, koennen Speed-Datings im 5-Minuten-Takt nicht funktionieren. Ausserdem werden zu jedem moeglichen Treffen von potentiellen Ehepartnern kleine Speisen und Getraenke aufgetischt, denn meistens kommen auch Familienangehoerige zu laengeren Gespraechen mit. Eine Hochzeit geht hier jeden etwas an. Tu Ya veranstaltet einige solcher Slow-Datings mit potentiellen Ehemaennern, denn sie hat vor, wieder zu heiraten. Ihr Ehemann ist durch einen Unfall gehbehindert und kann die Familie nicht mehr ernaehren. Bisher huetet Tu Ya die Schafherde in der mongolischen Steppe und ihr Mann die beiden Kinder zu Hause. Tu Ya ist eine wunderschoene und starke Frau, deren Gesicht in knallige Stofftuecher gehuellt ist, doch Emanzipation auf mongolisch hoert dann auf, als auch Tu Ya koerperlich nicht mehr in der Lage ist, die Familie zu ernaehren. Tu Ya laesst sich scheiden, um durch eine Wiederheirat die Existenz ihrer Familie sichern zu koennen.

    Was sich nachvollziehbar anhoert, scheitert an der Komplexitaet der Menschen zwischen materieller Not und Gefuehlen. Die Patchwork-Familie auf mongolisch mit Ex-Ehemann und Neu-Ehemann unter einem Dach wird nur bedingt funktionieren, ahnt man schon am Tag der Hochzeit, an dem der Ex-Ehemann sich betrinkt. Tu Ya hat nach einem missglueckten Versuch, ihren Ex-Ehemann in einem Heim unterzubringen und einen ehemaligen Schulkameraden zu heiraten, nun als Bedingung fuer eine Hochzeit mit ihrem Nachbarn Sen´ge ausgemacht, dass ihr Ex-Ehemann bei ihnen leben wird. Tu Ya liebt ihn immer noch und hat ebenso Gefuehle fuer ihren neuen Ehemann. Kann man denn zwei Maenner lieben und mit ihnen leben? Damit ist der Film thematisch auf der Ueberholspur, Lichtjahre entfernt von Happy-End-Getoese und Ethno-Kitsch und katapultiert sich vom Ende von Raum und Zeit in einen neuen Anfang. Das jedem Anfang auch Schwierigkeiten und Unverstaendnis innewohnen, verschweigt der Film nicht, sondern zeigt eine neue Dimension von Familie. In Deutschland ging dieses Thema vor kurzem auch durch die Medien: eine Zwei-Maenner-eine-Frau-Kinder-Familie, aber da liegt der Mann im Wachkoma.


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