• Alles im Fokus

    Schon als kleiner Junge sagte mir jeder, dass ich mich konzentrie- ren solle. Konzentration! Konzentration! Konzentration! In puncto Besessenheit bin ich ganz gut, aber Konzentration liegt mir nicht. Alles ist für mich aufregend. Daher mein Motto: Alles im Fokus.

    In The Power of Pull, dem neuen Buch von John Hagel, John Seely and Lang Davidson, erklären die Autoren, dass die Welt sich ändert: Anstatt Ressourcen und Informationen zu lagern, um alles zu kontrollieren und zu planen, findet Innovation heute an den Rändern statt.

    Man greift auf Ressourcen zurück, wie man sie eben braucht, und lagert sie nicht mehr – die Welt basiert auf Bewegung, und nicht mehr auf Vorräten. (In einem Teil des Buches taucht auch der Verfasser dieses Textes auf.)

    Einer der besten Gedanken in diesem Buch ist folgende Idee: Man sollte sich einen allgemeinen Verlaufsplan erstellen, wo man hin möchte, aber glückliche Zufälle zulassen und seinem Netzwerk erlauben, die Ressourcen bereitzustellen, die ein zufälliges Ereignis in ein höchst wertvolles verwandeln. Dieses Netzwerk entsteht durch Teilen und Verbinden, indem man anderen wiederum bei ihren Problemen und Bauprozessen hilft.

    m-time, p-time, tea-time

    Das erinnert mich an Edward Halls Definition von polychroner gegenüber monochroner Zeit (p-time vs. m-time). In m-time machen wir Zeit und Raum Meetings und Bürozellen, durch die Organisationen und Institutionen massive Größe erreichen. P-time aber ist wie eine arabische majilis, zu der alle gleichzeitig eingeladen werden, Tee trinken und sich im Warteraum des Scheichs versammeln.

    Diese Reihe an öffentlichen Treffen ist wie ein langer Bewusstseinsfluss. P-time fehlt es an Messbarkeit und Ordnung, aber ist reich an Kontext und Zufall. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein glücklicher Zufall entsteht, wenn man alles durchplant.

    Die meisten meiner besten Treffen waren vom Zufall geprägt. Wie bei Granovetters‘ strength of weak ties, sind es genau diese zufälligen Verbindungen außerhalb des eigenen Systems, die am wertvollsten sind.

    Glückliches Chaos

    Während mein Leben also komplett chaotisch und disorganisiert aussehen mag, habe ich das Gefühl, in einem reichen Netzwerk aus bereichernden Menschen und glücklichen Zufällen aufgehoben zu sein. Kein Tag geht vorbei, an dem ich nicht denke: „Hurra! Das läuft gerade gut!“

    Die vielen Reisen sind eine Belastung und die fehlende Stabilität leicht verwirrend, aber ich habe trotzdem das Gefühl, von liebenden, klugen Menschen umgeben zu sein. Ich bin glücklicher als jemals zuvor in meinem Leben. Mein Traum ist, Seelenfrieden und Glück, fast wie Buddha, zu finden. Es scheint so, dass ich dies durch ein Netzwerk mit Tai Chi-ähnlichen fließenden Energien erlangen kann, und nicht durch Meditation in irgendeiner Berghöhle.

    Wir werden sehen, ob dieses „Alles im Fokus“-Modell funktioniert, aber ich bin nicht davon überzeugt, dass es das nicht wird. Andererseits gelten die alten Warnungen trotzdem: „Mach das zu Hause nicht nach!“ Und: „Du siehst das vielleicht alles ganz anders!“


7 Kommentare zu Alles im Fokus

  • Richard am 20.05.2010 10:13
    hm, interessant. aber die warnung am ende ist enorm wichtig: das free floating lebensmodell funktioniert nicht für jeden. die ökonomischen rahmenbedingungen müssen stimmen, ein netzwerk vorhaben sein. und ist es bei dir tatsächlich so, dass ALLES im Fokus ist? muss man nicht auch lernen auzublenden? fragt ein besorgter netzbürger.
  • Richard am 20.05.2010 13:12
    was ist los? sind in der community hier alle eingeschlafen? der text von joi ist doch für die "generation facebook" bestimmt eine erleichterung, oder etwa nicht?
  • Der Philosoph Jean-Luc Nancy spricht in letzter Zeit auch immer wieder von Zufall, ganz allgemein geht es dabei um das Bedürfnis, aus dem Programm der Routinen und Zeitpläne auszubrechen. Also ein emanzipatorisches Projekt. Gleichzeitig hat das ganze Gerede von "Alles im Fokus" aber auch einen leichten Touch von Remote-Control, also auch dem Gegenteil von Zufall, das Gegenteil von Emanzipation. Eine Person, die jedem Reiz folgt, ist in einer kapitalistischen Warenwelt der Reize ein Opfer des Info- und Konsum-Terrors.
  • Joerg Offer am 20.05.2010 16:13
    Scheint auch Erwachsenen Adsler zu sein, der Herr Ito! Willkommen im Club! Er hat Recht, der freie Fluss ist wichtig und richtig, für denjenigen der ihn geniesst und nutzen kann. Viele sind aus diversen Gründen, sowohl psycholgischer als auch finanzieller Natur, nicht so frei und können diese manchmal aich kreiselns taumelnde Dynamik nicht wirklich nutzen. Ist aber deren Problem!
  • Mir gefällt dein Vorgehen. Es erinnert mich an das, was mein Freund Stephen Russell in "Barefoot doctor's handbook for heroes" schreibt: "There is a Taoist phenomenon called wu wei, meaning achieving goals without effort. (...)You set up your intention by seeing it done in your mind, and then forgetting all about that, you focus on executing the mechanics of the situation in as excellent fashion as you can." Wu wei wird von vielen oft mißverstanden als 'nichts tun', das stimmt eben nicht. Bemühen um Excellenz gehört dazu, dann kommen auch die Gelegenheiten - oder "Zufälle", wie du schreibst.
    "No one knows where opportunities come from, so we say they come from the Tao. It doesn't matter. What matters is, they come. And the more open you are to recognising that, the more frequent will be their coming, and the more valuable will be their content and import." Also weiter so! Britta
  • [...] Berlin davon, dass das iPad uns wieder konzentrierter lesen lassen wird, weil es nur eine Aufgabe ohne Ablenkung zulässt. Aber will das der Nutzer auch? Durch das Internet wurde man zu einer gewissen Freiheit [...]
  • [...] früher die Aufmerksamkeit am Frühstückstisch oder in Bus und Bahn noch für die Tageszeitung reserviert war, konkurrieren [...]

Kommentar hinterlassen