• Abgestempelt

    Manchmal nennt man es selektive Wahrnehmung, manchmal Zufall, manchmal Schicksal. Ich nenne es Verdichtung: In der letzten Woche begegneten mir Briefmarken an drei Orten. Zuerst las ich in der Zeitung von einem Eklat bei der PIN AG, dem ehemals von Springer und Holzbrinck gefoerderten und mit der Insolvenz kaempfenden Post-Konkurrenten. Man habe festgestellt, dass im grossen Stile 52Cent-Marken mit Froschmotiv gefaelscht worden sein und saehe sich gezwungen, aeltere Marken fuer ungueltig zu erklaeren und unter Vorlage der Originalquittung umzutauschen. Die 52Cent-Froschmotiv-Marke. Ein sommerliches Politikum.

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    Dann erhielt ich einen Brief, dessen Marke versehentlich nicht abgestempelt worden war. Diebisch wie eine Elster sich freuend, erwischte ich mich beim Abloesen der Marke mit Wasserdampf – ohne dabei einen Gedanken an Wasser-, Gas- und Zeitverbrauch zu verschwenden. Geschenk ist Geschenk. Schliesslich musste ja noch die Froschgate-Affaere ausgewertet werden. Wer kommt nur auf die Idee, Briefmarken zu faelschen? Briefmarken? Das klingt schon eher nach Der Clou, nach Heist-Movies, dunlen Kellern und Verbrechern mit Hosentraegern. Fuer ein paar Augenblicke, mit Wasserdampf ausgeruestet, war auch ich einer.

    Zuguterletzt lief ich in der Kollwitzstrasse an einem Philatelie-Geschaeft vorbei. Aufmerksamkeits-gestaerkt durch Frosch-Marken und fehlende Stempel, stellte ich fest, diesen Laden bisher nie bemerkt zu haben. Ein kleines Parallel-Universum, das sich da hinter dem Schaufenster befindet. Kisten voller Marken, Alben, Maenner mit Baerten, Kinder mit Taschengeld. Briefmarken. Ein bisschen fuehlt es sich so an, als haette die Jahrtausendwende auch ihr Ende eingelaeutet. Schon lange wurde mir nicht angeboten oder in Briefmarken zu zahlen. Nein, man druckt sie jetzt lieber selbst. Das geht auch ganz legal.


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