• Zungenpulver

    Treffpunkt Berlin, zufaellig. Drei Frauen – eine Japanerin, eine Koreanerin (beide Germanistikstudentinnen) und eine Ex-Arbeiterin – begegnen sich im Tiergarten vor einer Statue der Luise (Koenigin von Preussen). Sie haben sich verlaufen, und bleiben an einem Stueck Geschichte haengen. Sie reden.

    Sie teilen eine Sprache, Deutsch, offensichtlich. Ihre Saetze sind um Klarheit bemueht, doch bleiben sich stets fremd. Jedes Wort ein kleines Ringen um Ton/ Betonung, so dass die Sprache fast greifbar wird, aus den Muendern stoesst und erzaehlt, wie etwa von einer Vergangenheit: Die fruehere Arbeit in einer Waschmittelfabrik. Doch ist die Erinnerung grobkoernig, so wie die gemalten/ gemahlenen Schriftzeichen/ Buchstaben, die die drei jetzt auf den Boden streuen – was bedeutet schon ein ‚K‘?

    zungenpulver

    Kleists gesammelte Werke (auch sein Gedicht an Luise) werden nun als Pulver verschuettet und modelliert, verbinden sich als Material mit der Gegenwart, dem tatsaechlichen Ort. Doch bleibt der Text seltsam fern, er wirkt so aufgeloest… Kleists Luise-Gedicht ist auch nur ein Mythos, die Erhoehung/ Reduzierung einer Person zur Gestalt – so wie Sprache unsere Wirklichkeiten verkuerzt, abstrahiert, in eine symbolische Ordnung presst. Die drei Figuren auf der Buehne erloesen die Sprache aus ihrem Zwang zu bedeuten. Sie deuten sie mehr: Als Material, Bild, Fragment, damit sie nicht mehr Traegerin ist, sondern selbst getragen wird an andere Plaetze und Zeiten – abgeholt, liegengelassen, geworfen.

    Sprache materialisiert sich hier im Raum und wird so selbst zum Ort, jenseits jeder Ein-deutigkeit. Denn diese kann es nicht geben, wenn verschiedene Kulturen und Erfahrungen (Fliessband vs. Hoersaal) in Worten aufeinandertreffen. Pulver kann saeubern und waschen ebenso wie die richtige Sprache Geschichte[n] reinigen, von unangenehmen Flecken befreien kann. Erinnerungshygiene. Doch das Sprachpulver in den Haenden, auf den Zungen der drei Frauen ist nicht Anklage, nur Verheissung, sich Sprache wirklich anzuvertrauen – und sie im selben Augenblick an einen anderen, eigenen Ort ziehen zu lassen. Dort, wo kein dort mehr steht.

    P.S. Und wer hat diese Geschichte geschrieben?Das steht nicht in unserer Leseliste! Also gibt es die Autorin nicht? Aber doch (sie sitzt ja im Publikum), ihr Name wird gesucht, gefunden, auf einem Silbenweg in der Luft, aus der Luft, ihr Name ist da ohne geschrieben zu sein – Yoko Tawada, Sprachpulver Berlin, Lasenkan Theater Berlin.


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