• Zeitverknuepfungsnetzwerke

    11. April 2088, Talahassee, Florida. Trotz seiner Uneinigkeit bestaetigte das Oberlandesgericht Floridas heute die Verurteilung des zweijaehrigen Jake Fritter wegen Mordes. Dieses Urteil erlaubt dem Staat Florida nun, mit den Plaenen fuer seine Exekution am 1. Mai um 12:01 fortzufahren.

    Vergangenen Januar hatte ein Geschworenengericht Fritter wegen Mordes an zwei Polizisten aus Dade County verurteilt, die seinen Ueberfall auf einen Spaetkaufladen verhindern wollten. Das Kuriose: Der Ueberfall haette erst in ungefaehr 30 Jahren stattgefunden. Mit Hilfe einer neuen, durchaus kontroversen Beweismittelregelung konnte die Anklage genaue Hinweise auf Fritters zukuenftige Verbrechen vorstellen: Zum Einsatz kam die neue Technologie des „zeitlichen Verknuepfens“, entwickelt vom Forschungs- und Finanzriesen „Futurefeedforward“. „Das ist ein grosser Erfolg fuer die Guten“, merkte der Assistenzstaatsanwalt Gerry Freon, an. „Mit der Zulassung derartiger Beweisgaenge wird es uns moeglich sein, Taeter zu verurteilen, noch bevor sie ihre Verbrechen ueberhaupt begehen. Das wiederum erhoeht die Wirksamkeit des Abschreckungssystems und schuetzt die Opfer vor unnoetigem Leid.“

    Der Beweis, durch den Fritter dingfest gemacht werden konnte, war das hochaufgeloeste Video einer Ueberwachungskamera, die mit Hilfe einer speziellen Computertechnologie erbracht wurde. Diese Technologie ermoeglicht die Kommunikation zwischen heutigen und „zukunftsbasierten“ Computern. „Das Video war von der besten Qualitaet, die man sich nur vorstellen kann – sehr detailliert, sehr eindeutig, sehr grafisch“, erklaert Freon. „Es war kein Problem, die Geschworenen von der Tatsaechlichkeit eines Verbrechens zu ueberzeugen, das noch nicht stattgefunden hatte. Der einzige Kniff war, die Identitaet des Angeklagten zu belegen und den Geschworenen deutlich zu machen, dass das kleine, niedliche Kleinkind auf der Anklagebank dieselbe Person wie auf dem Beweisvideo ist, nur eben 30 Jahre aelter.“

    Auf einer Pressekonferenz nach der Verhandlung bezweifelte der Verteidiger von Fritter, Lillian Cree, die Gueltigkeit des Richterspruchs und kuendigte an, beim Bundesgerichtshof Einspruch gegen das Urteil einlegen zu wollen. „Das ist blanker Hohn! Noch so ein Fall, in dem der Angeklagte verurteilt wird, nur weil das Rechtssystem noch nicht weiss, wie man mit der neuen Technologie umgehen soll. Wir hatten bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt, einen echten, demokratischen Dialog ueber die Gewichtung solcher Beweisformen zu fuehren. Mein Mandant wurde eines Verbrechens fuer schuldig befunden, das – sollte das Urteil tatsaechlich vollstreckt werden – nie stattfinden wird. Ist das Gerechtigkeit?“

    Dem gegenueber entgegnete Freon scharf: „Es ist nicht so verwirrend, wie es uns die Verteidigung glauben machen will. Wir koennen doch nicht ein Verbrechen ignorieren, von dem wir wissen, dass es geschehen wird. Dies zu tun wuerde uns fast der Beihilfe zum Verbrechen schuldig machen. Der Umstand, dass eine vorgreifende Verurteilung ein zugrunde liegendes Verbrechen verhindert, rechtfertigt die Strafe umso mehr. Die Herausforderung, der wir uns durch Faelle wie diesen gegenuebergestellt sehen, ist viel subtiler. Weil das Belegen der Identitaet in diesem Fall so wichtig war, konnten wir es rechtfertigen, in einer Anzahl von Fritters „frueheren“ Uebeltaten nachzuforschen. Wir mussten seine gesamte zukuenftige Verbrecherlaufbahn konstruieren, sozusagen eine Beweiskette kreieren, um zu zeigen, dass der Taeter auf dem Ueberwachungsvideo der Fritter ist, den wir heute auf der Anklagebank sitzen hatten. Dadurch haben die Geschworenen noch vieles mehr ueber ihn erfahren, was sie sonst wahrscheinlich nicht zu hoeren bekommen haetten. In diesem Fall war es auf jeden Fall gerechtfertigt. Aber wird es das in anderen Faellen auch sein? Ich vermag das nicht zu sagen.“

    Fritters Fall hat eine Flutwelle von Rechtsprozessen hervorgebracht, von der auch Futurefeedforward betroffen ist, jener Anbieter des Zeitverknuepfungsnetzwerkes, das benutzt wurde, um Beweise gegen Fritter zu sammeln. „Unser Vertrag mit dem Bundesstaat Florida untersagt ausdruecklich den Einsatz unseres Systems fuer derartige Zwecke“, merkte der Pressesprecher des Unternehmens an. „Der Bundesstaat hat jedoch gegen bestehende Lizenzvereinbarungen verstossen und wir haben einen Prozess in die Wege geleitet, der Florida dazu bringen soll, sich an die Vereinbarungen zu halten.“ Zusaetzlich zu dem kommerziell veranlagten Rechtsstreit gegen Dade County und den Bundesstaat Florida fechtet das Unternehmen derzeit einen ganzen Stapel von Vorladungen an, die von Staatsanwaelten aus dem ganzen Land kommen und darauf abzielen, Beweise fuer zukuenftige Verbrechen einzuholen.

    Fritters Mutter, Abigail Fritter, schilderte nach der Rueckkehr von einem gerichtlich autorisierten Besuch in der Todeszelle ihres Sohnes Folgendes: „Es scheint so, als wuerde er es ganz gut wegstecken. Er hat ja seine Kuscheldecke. Ich fragte ihn, ob er irgendetwas wolle. Er schaute mich an und sagte: „Happy Meal!“ Ist das gerecht? Ist das Amerika? Jake wird sterben, weil er jemanden umgebracht haben soll, der noch nicht einmal geboren ist. Ich habe gehoert, dass Behoerden bereits einen Haftbefehl beantragt haben, noch bevor Jake ueberhaupt zur Welt kam. Das ist falsch. Das ist teuflisch. Ich werde das auf keinen Fall zulassen.“

    Im Inneren des Staatsgefaengnisses von Florida haben die Beamten inzwischen damit begonnen, eine Miniaturausfuehrung des elektrischen Stuhls zu bauen.


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