• Zeit neutralisieren

    Bei der „Zeitspar-Show“, unserem juengsten experimentellen Buehnenformat im „nbi“, ging es uns darum, einen Abend zeitneutral auszugestalten. Hintergrund war unser schlechtes Gewissen. Ueber die Jahre hatten wir unserem Stammpublikum sehr viel Zeit mit unausgegorenen und schlecht vorbereiteten Shows gestohlen. Von dieser Schuld wollten wir etwas abtragen, was uns gelungen ist. Die Show sollte mehr Zeit einsparen, also mehr einbringen, als sie kostet. Am Ende stand einer Brutto-Dauer von einer Stunde und zwanzig Minuten eine Netto-Zeitersparnis von mehreren hundert Jahren gegenueber. Das Ganze wurde multipliziert mit der Zuschauerzahl. Erreicht haben wir das ueber ein knackiges „Studium generale“, sowie eine Reihe Zeitspartipps, die sich aufsummierten, wie zum Beispiel „beim Losgehen von der Tuer abstossen“ oder „warten, bis der Film rauskommt.“

    Ein Stichwortgeber war natuerlich auch Michael Endes „Momo“, in dem die grauen Herren den Menschen die Zeit abknoepfen. Mit „Zeit“ ist hier die Musse gemeint ­ das Ganze ist ja als eine Allegorie auf den entfesselten Kapitalismus zu verstehen, die zinsbringend angelegt hinterher in der Pfeife geraucht wird. „Zeit ist Geld“, heisst es ja gern in der Wirtschaft. Dennoch wird auch im Postfordismus immer noch Zeit verschwendet – wie etwa in der Aera der Pfeffersaecke und Schlotbarone: Die Zeit der Kunden, die in Kassenschlangen oder Telefon-Warteschleifen haengen, obwohl sie weiss Gott besseres zu tun haetten, oder in stundenlanger Arbeit ihre Regale selbst zusammenbauen muessen. Aber vor allem die Zeit von Mitarbeitern und Angestellten. Die sporadische Einfuehrung von „Zeitmanagement-Tools“ und „Zeitkonten“ kann nicht darueber hinwegtaeuschen, dass der Umgang vieler Unternehmen mit der Zeit ihrer Stakeholder alles andere als ein oekonomischer ist. Wie viele endlose Stunden werden in Meetings vertroedelt, gehen fuer Projekte drauf, die keiner bestellt hat und kein Mensch braucht? Wie viel kostbare Lebenszeit wird durch sinnlose Anwesenheitspflicht und Leerlaufphasen vergeudet? Koennen wir es uns erlauben, weiterhin so mit der knappsten aller Ressourcen herumzuaasen?

    Zeit ist heute ein genauso kostbares Gut wie eine intakte Umwelt. Waehrend aber beim Thema Oekologie seit Jahrzehnten ausserparlamentarischer und parlamentarischer Druck ausgeuebt wird, die Industrie sich lernbereit zeigt und die groessten Drecksschleudern beseitigt hat – selbst Privathaushalte legen mittlerweile auf die CO2-Bilanz ihres Reihenhaeuschens wert-, schalten und walten die grossen und kleinen Zeitverschwender weiter skrupellos und nahezu unbehelligt. Waehrend Menschen mittlerweile bei jedem Langstreckenflug ueber spezialisierte Websites den Regenwald aufforsten lassen und so ihr Umwelt-Karmakonto im Gleichgewicht halten, vergeuden sie am Telefon und in der Kneipe schamlos die Zeit ihrer Mitmenschen.

    Indem wir anderen die Zeit stehlen, ist jeder von uns Zeit-Umweltverschmutzer. Das Ziel muesste lauten: Einen geringeren Zeit-Fussabdruck auf dem Planeten zu hinterlassen. Und die dazu passende Forderung lautet: Zeitneutraliaet oder zumindest die Annaeherung an dieses Ideal. Das bedeutet, wenn man Mitmenschen Zeit stiehlt, muss man sie an anderer Stelle zurueckgeben. Produkte und Dienstleistungen einer Firma muessen am Ende eine genau so grosse Zeitersparnis bewirken, wie sie in ihrer Benutzung oder Inanspruchnahme konsumieren.

    Die „Zentrale Intelligenz Agentur“, deren Gruender ich bin, begreift sich als Vorreiter in der neuen Disziplin der Zeitoekologie und arbeitet in geheimen Forschungslabors seit einiger Zeit an bislang streng vertraulichen Konzepten und Methoden zum „Zeit-hedging“ (Der Begriff „hedging“ stammt aus dem Finanzsektor und heisst so viel wie „glattstellen“, „absichern“ und „neutralisieren“). Ein erstes Resultat wird die Zeit-Spenden- und Umverteilungs-Website www.momo.de.dot.org.net (Arbeitstitel) sein, ueber die jeder ganz egal ob Firma oder Privatperson – seine persoenliche Zeitbilanz ins Gleichgewicht bringen kann. Wenn beispielsweise Frank Castorf wieder einmal mit einer sechsstuendigen Dostojewski-Inszenierung sein Zeit-Karma-Konto massiv ueberzogen hat, koennte er hingehen, und ueber www.momo.de.dot.org.net einen Betrag spenden, der sich aus Dauer und Zuschauerzahl errechnet, wofuer dann in Asien ein neuer Hochgeschwindigkeitszug gebaut, oder in einem amerikanischen Wal-Mart eine zusaetzliche Supermarkt- kassiererin bezahlt wird. Auch mit den schlimmsten kommerziellen Zeitsuendern, der Post („heute jedoch nicht“) und der Deutschen Bahn („Leider konnten die Anschlusszuege nicht warten“) sind wir bereits im Gespraech. Auch die gesamte Fernsehlandschaft ist ein gigantischer Zeitfresser, waehrend etwa Multiplayer-Onlinegames einen per se positiven Zeitsaldo aufweisen, weil sie die Lebenszeit ihrer Spieler quasi verdoppeln.

    Langfristiges Ziel der ZIA ist es, eine weltweite Handelsplattform fuer Zeit und Zeitderivate zu schaffen und damit internationale Arbitrage zu ermoeglichen. Wir wollen da weitermachen, wo Enron aufgehoert hat, die zum Schluss mit Glasfaserkapazitaeten in Echtzeit gehandelt und Optionen zur Spekulation auf das Wetter angeboten haben. Bei uns soll die knappe Ressource Zeit zum Objekt oekonomischer Transaktionen werden: Und die Rede ist nicht von Sendezeiten, temporaeren Kapazitaeten oder irgendwas pro Zeiteinheit, sondern von der Zeit selbst, jenem fluechtigen Fluidum, dass sich so schwer in Tueten packen laesst. Wie das konkret aussehen wird, koennen wir momentan aus Wettbewerbsgruenden noch nicht offenlegen. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir in naher Zukunft Ergebnisse praesentieren koennen. Dann wird die Zeitverschwendung ein Ende haben.


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