• Wunderbarer Baudelaire, bloeder Heuschnupfen

    Julien Torma ist umgeben von mehreren Notizbuechern, vielen unbeschriebenen Zetteln, einem Notebook, einem Gemaelde („Die Absinthtrinkerin“ von Degas), zwei Mobiltelephonen, einem Einkaufswagenchip, einer Sukkulente, einem schwarzen Monolithen in Quaderform, After-Shave fuer sensible Haut sowie einer Photographie mit alpinem Motiv und Sonnenuntergang. Ferner befinden sich in Tormas Nachbarschaft ein Koffer, ein Plastikelefant sowie einige Medikamentenpackungen, die Antihistaminika oder auch Antidepressiva enthalten.

    Torma: Verzeihung, meine Freunde, habt ihr mal ein Taschentuch… ein Taschentuch, meine lieben Freunde? Kann auch gebraucht sein…das macht nichts. Ich sitze hier seit 555 Jahren, und seit 22 Jahren brauche ich dringend ein Taschentuch, und ich warte und warte. Hustet in das Taschentuch hinein, dann mit Erleichterung: Alle wollen ja immer so gesund sein, lesen Apothekenzeitschriften und Beipack- zettel, beteiligen sich auch an Vorsorgeprogrammen und dergleichen mehr. Nur ich, ich traeume von der Schwindsucht.

    Ich sehne mich danach, blutige Brocken auszuhusten. Die Wangen denke ich mir knoechern und ausgezehrt. Ich traeume von Augen, die in Hoehlen leben, wie Vormenschen, schriftunkundig, affenartig, um einen unklugen Lichtschein geschart – in Hoehlen so tief, dass man darin wohl auch sehr gut einige von diesen mit Plutonium angereicherten Baeckerei- fachverkaeuferinnen endlagern koennte! Ein Vitalbrot, bitte. Oh, wie ich diesen Satz verabscheue! Hustet. Ich traeume von feuchten, nicht-euklidischen Mansardenzimmern und von dionysischer Zugluft.

    Der Dichter Peter Altenberg starb an einer Lungenentzuendung, nachdem er in einer Winternacht eine Weinflasche auf seiner Leinendecke verschuettet und bei offenem Fenster geschlafen hatte. Und ich? Ich habe nur – Heuschnupfen. Heuschnupfen. Meine Freunde! Koennt ihr euch mal bitte ausmalen, was das fuer mich bedeutet? Die Schleimhaut wird ganz trocken, und das schlaegt mir gleich auf die Atemwege. Neulich kam ein Herr vom kassenaerztlichen Bereitschaftsdienst, der sagte: ›Ziehen Sie doch nach Berlin-Mitte, dort gibt es keine organischen Lebensformen, und Sie werden sehen, wo es das nicht gibt, gibt es auch keine Beschwerden.‹ Gar keine Beschwerden…? Ich weiss nicht. Es waere auch schoen. Aber ich kann ja hier nicht weg.

    Ich bin Julien Torma. Seit 111 Jahren sitze ich hier und arbeite und warte, und ich warte arbeite, und ich arbeite. Soll ich euch sagen, woran ich arbeite? Ich arbeite an einem Gedicht, das suechtig macht, koerperlich suechtig, wenn ihr versteht, was ich meine…ein Gedicht, das den Prohibitionsgesetzen unterliegt und an den Docks der Lower-Eastside umgeschlagen wird, in nebligen Naechten unter einem geschlechtskranken Mond. Ein Gedicht, das von international operierenden Kartellen auf Dschunken und Dschungelpfaden ueber die Staatsgrenzen geschmuggelt werden muss. Ein Gedicht, meine Freunde, Worte, sehr richtig, nur Worte, aber eben nicht irgendwelche Worte.

    Sondern solche Worte, deren Molekuele ein Daemon bewohnt. Und wer auch immer sie gelesen hat oder nur gehoert, wer auch immer nur einen einzigen seiner televisionaeren Blicke darauf geworfen hat – ihn werden sie an sich binden, ihn werden sie gefangen halten bis zum Ende der Zeiten in seiner Ungeheuerlichkeit und seiner Schmach. Keiner wird entkommen, keiner! Unter Delirien werden sich die Bewohner dieses pathologischen Planeten nach meinen Worten verzehren, und Entzugserscheinungen werden gesichtet werden am Horizont, waehrend gerade, was weiss ich, ein Moebelhaus eroeffnet wird oder eine Konferenz.


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