• „Die Wirklichkeit muss verteidigt werden“ – Über das Dokumentarische und seine Rolle im Netz

    Ist das Netz Spiegelbild unserer Wirklichkeit? Eine parallele Realität? Oder immer noch unwirklich virtuell? Der Filmemacher und Medientheoretiker Florian Schneider sucht in seinem Essay nach Wegen, wie das Dokumentarische Einzug halten kann in die digitale Wirklichkeit.

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    „Die Auseinandersetzung mit dieser Gesellschaft muss in dem Medium stattfinden, das dominiert“. Mit dieser Parole erklärte der Filmemacher Michael Mrakitsch seine eigene und die Entscheidung vieler anderer Filmemacher in den 1960er und 1970er Jahren. Statt sich in den Nischen des Cineastischen ein Auskommen zu suchen, wollten sie im Fernsehen gegen das Fernsehen zu arbeiten.

    Das Kino behandelte das Unbewusste, das Fernsehen modulierte Entfernung. Heute geht es darum, nicht nur im, sondern vor allem mit dem Netz zu arbeiten. Wie aber kann ausgerechnet in einem Medium, das vorgibt, alles und jeden zu dokumentieren, das Dokumentarische wiederentdeckt oder gar neu erfunden werden?

    Wenn es stimmen sollte, was Mrakitsch gesagt hat, dann ist es höchste Zeit. Politische und ästhetische Strategien, die das Gegebene nicht nur verdoppeln oder illustrieren sollen, müssen die Konfrontation suchen mit neuen Konfigurationen von Macht und Ohnmacht, die in vernetzten Umgebungen simuliert werden. Der damit einhergehende Verzicht auf die Illusionen künstlerischer Freiheit mag aus heutiger Sicht befremdlich wirken. Die Produktion des Dokumentarischen ist fast komplett vom Fernsehen in noch ältere Medien wie Museum, Theater oder neuerdings auch wieder Kino migriert – allerdings nicht aus politischen oder ästhetischen Überlegungen heraus, sondern bestenfalls als eine der wenigen verbliebenen Überlebensstrategien.

    Virtuelle Realität = Platz für Kritik und Diskussion

    Längst ist es ein schrecklicher Gemeinplatz, die Vorherrschaft des Internet über fast alle Lebensbereiche festzustellen. Weit weniger selbstverständlich aber ist es, eben jenes Medium auch zum Austragungsort einer Auseinandersetzung zu machen, die die Fabrikation sozialer Fiktion in Frage stellt und antritt, das Wirkliche zu verteidigen. Die Schwierigkeit, dem Netz ausgerechnet im Zeitalter von so genanntem „Social Networking“ einen besonderen Reiz als Ort für kritische Auseinandersetzung abzugewinnen, die über Fragen des Geschmacks, Klatsch und die notorischen Schwierigkeiten seiner Beherrschbarkeit hinausginge, hat sicher vielerlei Gründe.

    Sei es, dass vernetzte Realität immer noch als „virtuell“ wahrgenommen wird. Sei es, dass ihr ein übler Nachgeschmack des Unwirklichen anhaftet, der als Bedrohung von Authentizität und Originalität verstanden wird. Gleichzeitig formieren sich über das Internet-Protokoll vernetzte Dienste zu Apparaturen, die von sich aus jede mögliche Bewegung aufnehmen und speichern, überwachen und protokollieren. Vor dem Hintergrund allgegenwärtiger Dokumentation und im trügerischen Schein einer Wirklichkeit zweiter Ordnung steht das Dokumentarische auf doppelt verlorenem Posten.

    Internet: Wahrenverkehrsweg, Werkzeug oder mehr als das?

    Bestimmte Angebote im Netz reduzieren die Sichtweisen von Wirklichkeit auf das unmittelbar Notwendige und eindeutig Bezifferbare reduzieren. Je dominanter sie werden, desto schneller schwindet auch das Wissen und die Neugier, wie das Netz eigentlich sonst noch oder wie es gar gegen den Strich genutzt werden könnte. Stattdessen wird Internet in seiner profanisierten Form als Warenverkehrsweg oder bestenfalls als ein Werkzeug begriffen, das sich gefälligst neutral zu verhalten habe. Doch jede noch so ambitionierte Nutzung eines auf die Übermittlung von Daten beschränkten Übertragungswegs dürfte dazu tendieren, das Gegebene als solches hinzunehmen – im wahrsten Sinnes des lateinischen Wortes Data, das übersetzt Gegebenes bedeutet.

    Dieser Spielraum, in dem unabhängig von Verwertungszwang und überkommenen Sehgewohnheiten mit den Möglichkeiten eines neuen Mediums experimentiert werden könnte – es wirkt so, als hätte er sich bereits in Bereiche außerhalb des Wahrnehmbaren verflüchtigt. Walter Benjamin hatte schon im Zusammenhang mit der analogen Fotografie bemerkt: „Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige wird, so hat man gesagt, der Analphabet der Zukunft sein.“ In diesem Sinne geht es heute darum, mithilfe von neuen Maschinen und gleichzeitig diesen Maschinen zum Trotz, neu sehen zu lernen.

    „Als wäre Wirklichkeit konsumierbar“

    „Sichtbar machen“ heißt „Weglassen“. Egal wie hoch der Grad der Mechanisierung ist. Nicht nur technisch gesehen ist visuelle Produktion immer eine mehr oder weniger bewusst vollzogene Reduktion: Bilder ausschneiden, die Menge und Komplexität des Gegebenen auf das einigermassen Verdauliche komprimieren, Störendes ausfiltern und Uneindeutigkeiten unter die Rauschgrenze abdrängen. Fabriziert wird die Fiktion, als wäre Wirklichkeit konsumierbar.

    Solange diese Prozesse standardisiert und einigermaßen allgemeinverbindlich waren, ließ sich trefflich darüber streiten: Sehen wir wirklich alle dasselbe? Wem oder was nützt das Gezeigte? Der Zweifel ist die Triebfeder des Analogen, zumindest im Nachhinein und aus heutiger Sicht. Aber erst die Standardisierung der Bildproduktion individuierte die mangelnde Wahrnehmung so weit, dass sie „subjektiv“ wurde und Subjektivität produzierte.

    Nur solange es allgemein gültige Normen gab, in welcher Qualität Bilder aufzunehmen und zu übertragen sind, welche Auflösung und welches Seitenformat die Regel zu sein habe, worin eine handwerklich ordentliche Kadrierung bestünde, gab es eine nachvollziehbare Berechtigung, die unterschiedlichen Auswirkungen des Gesehenen zu diskutieren.

    Die Macht der Bilder und ihr Einfluss auf die Wirklichkeit

    Die ideologischen Debatten über die Macht, die man Bildern unterstellte, war -verglichen mit ihrem Einfluss auf die Wirklichkeiten des Industriezeitalters- wohl eher geringfügig, und wurde systematisch überbewertet. Die Bildproduktion war der Macht der im gleichen Maße standardisierten Realitäten der Fabrikgesellschaft offensichtlich unterlegen. Dem ist es aber zuzuschreiben, dass normierte und individuierte Wahrnehmung sich so eigenmächtig fühlen konnte, im Gesehenen ein gewisses Maß an Authentizität zu generieren oder zumindest genießen zu können.

    Heutzutage sind die Produktionsbedingungen von Bildern Gegenstand von Verhandlungen, die kontinuierlich und ad-hoc stattfinden. Die digitale Komprimierung, das Enkodieren und Dekodieren der Daten, deren Übertragung und Weitervermittlung, sowie die Rezeption und Verarbeitung ergeben sich unter Umständen, die keinen Standards gehorchen und von daher kaum mehr in Frage gestellt werden können. Die Ergebnisse dieser Verhandlungen sind nicht unbedingt vorhersehbar, auf keinen Fall verallgemeinerbar und erst recht nicht bestreitbar.

    Authentizität resultiert nun aus einer ungünstigen Verhandlungsposition aufgrund von Faktoren wie mangelnder Bandbreite, zu geringer technischer Kompetenz oder argem Zeitdruck. Sie ergibt sich jedenfalls nicht mehr aus dem Minderwertigkeitskomplex der zum Zusehen verdammten, aber zur Kritik bevollmächtigten Wahrnehmung, die vor allem im Sinn hat, die eigene Ohnmacht zu kompensieren. Stattdessen ist die Aufrichtigkeit von Bildern gerade noch dazu in der Lage, Mitleid oder Häme auszulösen.

    Wem gehört das Sehen?

    Die komplett deregulierte Bildproduktion postmoderner Affektindustrien und der damit einhergehende, spezifische Zynismus des Digitalen kümmert sich nicht mehr um Details. Hier stellt sich ganz schlicht und einfach die Machtfrage: Was bedeutet es, ein Bild zu besitzen? Wer verfügt über die Gewalt und die geeigneten Mittel dazu?

    Anders als die fiktionale Bildproduktion musste das Dokumentarische von je her die Eigentumsfrage stellen: Wem gehört das Sehen? Und daran anschließend weitergehende Überlegungen anstellen: Verringert oder vergrössert ein Bild den Wirklichkeitsvorrat, der in einer bestimmten Zeit vorhanden ist?

    Genau darin besteht heute die besondere Bedeutung des Dokumentarischen. Die Auseinandersetzung mit Wirklichkeiten, die in vernetzten Umgebungen produziert werden, kann sich nur dort ereignen. Nur wenn die Verfügungsgewalt über die Mittel, Wirklichkeit mit zeitgemäßen Mitteln zu produzieren, eingefordert wird, ist es möglich, ein Bild zu machen, das zu seiner Gemachtheit steht, das die Wirklichkeit nicht verrät, sondern vermehrt.

    Anm.d.Red.: Das Bild oben stammt von Hen3k Hen3k und steht unter einer Creative Commons Lizenz.


3 Kommentare zu „Die Wirklichkeit muss verteidigt werden“ – Über das Dokumentarische und seine Rolle im Netz

  • goldwert am 15.11.2012 09:59
    toller titel!
  • visible means to see,,,,,, document actually means historicize or simply pass .. we know the reality is tangible feel when you bend in two .. Feel it when the air is cold on his face .. Feel it when the wounds are healing the rest is something we did not understand.
  • Alfred N. am 17.11.2012 08:27
    sehr sehr starker Beitrag, v.a. diese Zeilen hier:

    "Authentizität resultiert nun aus einer ungünstigen Verhandlungsposition aufgrund von Faktoren wie mangelnder Bandbreite, zu geringer technischer Kompetenz oder argem Zeitdruck. Sie ergibt sich jedenfalls nicht mehr aus dem Minderwertigkeitskomplex der zum Zusehen verdammten, aber zur Kritik bevollmächtigten Wahrnehmung, die vor allem im Sinn hat, die eigene Ohnmacht zu kompensieren. Stattdessen ist die Aufrichtigkeit von Bildern gerade noch dazu in der Lage, Mitleid oder Häme auszulösen."

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