• Neue Medien und Verantwortung: Wir brauchen eine Info-Avantgarde

    Bei unserer Umfrage unter Online-Experten kommt diese Woche Andreas Broeckmann zu Wort. Der Kurator spricht darüber, wie er zum ersten Mal mit dem Internet in Kontakt kam und was dass die heute Generation im Umgang mit den neuen Medien oft schon „alte Hasen“ sind. Gerade deshalb ist es wichtig, dass junge Menschen fuer die gesellschaftlichen Veraenderungen, die mit den neuen Medien aufkommen, auch gesellschaftliche Verantwortung uebernehmen und sich mit den Konsequenzen auseinander setzen.

    Ich bin 1964 geboren. Als Jugendlicher habe ich Schallplatten, Audio-Kassetten, Radio gehoert, und Fernsehen geschaut. Mit meinem ersten Kassettenrekorder hab ich um 1974 die Beatles-Musik meiner Schwester gehoert und die englische BFBS-Hitparade aus dem Radio aufgenommen.

    Platten liefen zuerst in der Musiktruhe der Familie, spaeter auf dem eigenen Dual-Plattenspieler. Die Platten kamen meist aus dem kleinen Plattenladen in unsrer Provinzstadt, ein oder zweimal bin ich als Schueler ins 80 Kilometer entfernte Koeln zum Saturn gefahren, der damals nur dort existierte und angeblich der groesste Plattenladen des Landes war.

    Ich kann mich vage an den Moment erinnern, als wir Anfang der 1970er Jahre den ersten Farbfernseher bekamen. Und ich meine mich zu erinnern, dass ich als Grundschueler irgendwann nachts eine der ersten Mondlandungen am Fernseher live mitverfolgen durfte. Das wichtigste (und >intimste<) Medium meiner Jugend war das Telefon - natuerlich ein Festnetzanschluss im heimischen Flur und mit sehr eingeschraenkten Moeglichkeiten, sich fuer vertrauliche Gespraeche - Kabel unter der Tuer durch - in einen Nebenraum zu verdruecken. Das Internet wurde erst 1993 allgemeiner zugaenglich, da war ich 28 Jahre alt. Ein amerikanischer Bekannter erzaehlte auf einer Konferenz visueller Anthropologen von diesen neuen Kommunikationsnetzen, in denen Leute sich miteinander per Computer austauschen - im Zeitalter von Radio, Fernsehen und Telefon anfangs ein schwer verstaendlicher Gedanke. Im Herbst 1993 bekam ich durch den Amsterdamer Literaturprofessor Remko Scha meine erste E-Mail-Adresse, obwohl ich nicht an der Uni eingeschrieben war. Meinen ersten privaten Account hatte ich 1995 bei der Internationalen Stadt Berlin, und seit 1998 bei IN-Berlin. Junge Menschen, also Leute unter 21 Jahren, sind in Bezug auf einen souveraenen Umgang mit neuen Medien viel oefter alte Hasen, als Menschen aus der Generation ueber 40. Das Dilemma, und damit eine der spannenden Aufgaben meiner Arbeit, ist, dass ich mich mit Kunst beschaeftige, die traditionell im Gegensatz zur Technologie verstanden wird und zur Ausstattung eines in Deutschland oft technikfeindlichen Kulturbegriffs. Wer also gemeinhin Kunst und Kultur sagt, denkt meist gerade nicht an digitale Medienkunst und -kultur.

    Meine Vermittlungsarbeit zielt deshalb in zwei Richtungen: auf der einen Seite versuche ich, die Kunst, die in, mit und durch digitale Medien entsteht, als solche verstaendlich zu machen und einem breiteren Publikum nahe zu bringen; und zum anderen geht es mir darum, jungen Kuenstlern und Medienproduzenten aller Art das kuenstlerische und kritische Potenzial dieser Medien deutlich zu machen, aber auch, dass diese Art kultureller und kuenstlerischer Praxis eine Geschichte hat, die mindestens 100 Jahre zurueckreicht – denn auch die Berliner Dadaisten oder die russischen Konstruktivisten waren ja, nach unserem heutigen Verstaendnis, Medienkuenstler, die sich die neuen Ausdrucksmittel der modernen Gesellschaft erst aneignen mussten.

    Ich kann schwer einschaetzen, was heute im Internet jugendgerecht ist, denn es gibt auch bei den jungen Leuten so viele unterschiedliche Szenen mit unterschiedlichen Interessen, dass man von der Jugend wohl kaum sinnvoll sprechen kann. Ich halte vor allem jede Form von frei gestaltbarer Vielfalt fuer einen positiven Aspekt. Problematisch finde ich es zum Beispiel, wenn Leute unkritisch mit ihren eigenen Inhalten in den sozialen Netzwerkplattformen auftreten. Sie bewegen sich dort in einem oeffentlichen Bereich, der privatwirtschaftlich kontrolliert wird, und in dem ihre Bilder, Texte, Meinungen und persoenlichen Daten die eigentliche Ware darstellen.

    Ich finde nicht, dass das ein Grund ist, diese Plattformen zu meiden. Aber ich finde es wichtig, dass jede und jeder sich gut ueberlegt, was er oder sie von sich preisgibt, und inwieweit man seine eigenen Inhalte durch fremde Leute verwerten lassen will. (Davon abgesehen, dass man sich nicht darauf verlassen sollte, dass diese Daten dort auch wirklich dauerhaft aufbewahrt werden – wem daran liegt, die Fotos aus Kindheit und Jugend auch in 20 Jahren noch anschauen zu koennen, der sollte sich Ausdrucke auf gutem Fotopapier machen lassen und diese in ein gutes altes Fotoalbum kleben.)

    Ich denke, dass wir heute schon sehen, wie der souveraene Umgang mit neuen Medien durch junge Leute unsere Gesellschaft veraendert, oder zumindest einen Veraenderungsdruck erzeugt. Das File-Sharing ist hierfuer ein gutes Beispiel, denn es stellt alte Regeln zum Urheberrecht und zur Nutzung und Verwertung kultureller Inhalte in Frage. Eine wichtige Aufgabe fuer junge Menschen muss es sein, fuer diese Veraenderungen auch gesellschaftliche Verantwortung zu uebernehmen und sich mit den Konsequenzen auseinander zu setzen.

    Die Haltung des Wir machen das einfach, weil es geht, und denken nicht an morgen, hat erfahrungsgemaess immer wieder zu Krisen und Katastrophen gefuehrt, – auch die oekologische Krise, oder die Finanzkrise, sind aus solch einer ignoranten Haltung heraus verursacht worden. Jetzt braucht es eine Info-Avantgarde, die sich fruehzeitig mit den Veraenderungen beschaeftigt, die durch die digitale Revolution ohne Zweifel ausgeloest werden und die teilweise erst in Jahren spuerbar sein werden. In dieser Info-Avantgarde muss es Kuenstlerinnen und Kuenstler ebenso geben wie SoziologInnen, HistorikerInnen, Clowns, Spinner, Hacker und Haecksen. Sie muessen das Beste draus machen.


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