• Wiedergeburt der Zukunft: Wie in Japan nach der Fukushima-Katastrophe die Geschichte neu anbricht

    DSC05075bswklsharp

    Die Katastrophe von Fukushima hat ein Land nachhaltig verändert, das seit den 1980er Jahren wie kein anderes auf der Welt für die Zukunft stand. Der Sozialhistoriker und Autor Eiji Oguma hat die Veränderungen hautnah miterlebt: Die Massen-Demos, die Gespräche mit Politikern, die Veränderungen der Gesellschaft und die Wiedergeburt der Zukunft. Eine Bilanz des historischen Umbruchs, der vor fünf Jahren seinen Anfang nahm.

    *

    Die Stimmung innerhalb der sozialen Bewegungen kurz nach Fukushima, lässt sich sehr gut an diesem Zitat aus einem Blog-Post ablesen. Es stammt von einem Anti-Atomkraft-Aktivisten, der sein Engagement seit den 1970er Jahren sozusagen auf Eis gelegt hatte. Dann kam Fukushima und er schrieb:

    “Jetzt ist für uns die Zeit gekommen, zu demonstrieren. Japan war bisher ein Land, in dem die Leute nicht mobilisiert werden mussten. Von den 1970ern bis 2011 ging es uns zu gut. Um ehrlich zu sein: Ich war selbst ein Aktivist bis in die 1970er Jahre hinein. Aber ich tat es eigentlich nur für mich selbst, für mein Ego. In Japan haben wir bisher doch überhaupt keine Krise gespürt.”

    Japans Stabilität war nie real

    Als Soziologe und Historiker weiß ich jedoch, dass Japan eigentlich nie eine komplette “Mittelklassegesellschaft” war. Auch nicht in den 1980ern als Japan “number one” war. Weniger als 20 Prozent der Japaner arbeiteten damals in den mittleren und in den großen Unternehmen, die auch im Ausland als die Exportkräfte des Landes bekannt waren. Die japanische Regierung unterstützte die Ärmeren. Gab ihnen Jobs auf dem Bau oder subventionierte die Landwirtschaft in bestimmten Regionen. Alles in der Übereinkunft, dass es dafür Stimmen für die konservative Regierungspartei, die LDP, gab.

    Durch diesen Kreislauf von Subventionen, wurden soziale Probleme in Schach gehalten oder gleich unsichtbar gemacht. Die Wirtschaft wuchs durch Export, die Steuereinnahmen erhöhten sich, dadurch konnte die ärmere Bevölkerung unterstützt werden und für die reichen Familien in den Städten gab es Steuererleichterungen. So stieg auch der Konsum. Die Wirtschaft wuchs.

    Damals blieb die LDP an der Macht und soziale Bewegungen wurden sozusagen unterdrückt. Von den 1970er bis in die Nuller Jahre entstanden diese Bewegungen nur am Rand der Gesellschaften. Es ging um die Rechte der koreanischen Minderheiten, die Einwohner Okinawas oder Tagelöhner, die in abgetrennten Bereichen der Stadt lebten.

    Japan war stabil. Der Wirtschaft ging es gut, wir waren Vorreiter in Asien, und die “Fabrik der Welt”. Bis der eiserne Vorhang fiel und China diese Rolle übernahm. Danach begann die Stagnation der Wirtschaft Japans und der eingangs beschriebene Kreislauf aus Wachstum, Steuereinnahmen und Subvention sollte um jeden Preis aufrecht erhalten werden – das ging natürlich auf Kosten des Steuerhaushalts. So fing man Anfang der Nuller Jahre an, Leistungen zu kürzen. Es entstand eine instabile und verängstigte Gesellschaft – lange vor Fukushima.

    3/11 entfachte ein Feuer, das bereits loderte

    Letztendlich war Fukushima dann nur ein Auslöser für die sozialen Bewegungen. Um das mal zu veranschaulichen: In den letzten 20 Jahren hat sich das jährliche Haushaltseinkommen um 15 Prozent verringert, 40 Prozent der Jobs gelten als unsicher, die Staatskasse ist komplett überschuldet und durch Globalisierung und die IT-Technologien hat sich die Gesellschaft sozusagen atomisiert. Die LDP musste die Regierung verlassen, denn die DPJ gewann die Wahlen 2009. Das war also der soziale Background als Fukushima passierte.

    DSC04945swkl

    Meinen Recherchen zufolge gehören viele der Aktivisten der neuen sozialen Bewegungen dem “kognitiven Prekariat” an. Sie haben eine hohe Ausbildung, aber konnten keine Jobs finden. Sie sind IT-Spezialisten, Designer, Illustratoren, Musiker, Event-Manager. Sie unterscheiden sich daher komplett von herkömmlichen Aktivisten aus der Sphäre der Gewerkschaften oder linken Parteien.

    In der Dokumentation, die ich über die sozialen Bewegungen seit Fukushima gemacht habe (am 19.3. in Berlin zu sehen), gibt es acht Protagonisten. Sie zeigen, die Vielfalt der neuen Bewegungen. Es gibt hier den CEO, genauso wie den Premierminister, eine Hausfrau aus Fukushima, einen Krankenpfleger, einen Musiker/Anarchisten und eine Niederländerin, die in Japan für eine US-Firma arbeitet. Dann noch eine Verkäuferin und die Anführerin einer Aktivisten-Gruppe. Sie stehen auch alle für den Wandel der japanischen Gesellschaft.

    Der Krankenpfleger, den ich porträtiere, hat zwar einen PhD, konnte aber keinen Job finden. Der junge CEO agiert vollkommen unabhängig von den großen Unternehmen und hat sein eigenes Business. Der Anarchist ist Teilzeit-Lehrer, Künstler und macht Gegenwartsmusik. Die Niederländerin, die schon lange in Japan lebt, zeigt den Effekt der Globalisierung auch in Japan. Auch der Premierminister zum Zeitpunkt der Katastrophe kommt in meinem Film vor – er war früher übrigens selbst Aktivist.

    Welche Menschen sind Teil der Bewegung?

    Man kann sich vorstellen, dass so unterschiedliche Menschen eine besondere soziale Bewegung hervorbringen. Die Proteste und Aktionen nach Fukushima waren geprägt von vielen Illustrationen, Musik, Organisationstalent und auch angewandtem IT-Wissen. In diesem Sinne unterscheiden sie sich auch nicht so sehr von den neuen globalen Bewegungen, die es (nicht erst) seit Occupy auf der Welt gibt.

    Zunächst konnten die Etablierten der Gesellschaft, vor allem die Massenmedien, überhaupt nicht einschätzen, was da passierte. Es gab einfach keine Erfahrung mit der Berichterstattung über größere soziale Bewegungen. Klar, konnten sie über Gewerkschaften und linke Parteien berichten, aber die neuen sozialen Bewegungen stellten eine riesige Herausforderung dar.

    Zunächst ignorierten sie einfach was passierte oder betrachteten die Movements als eine Art Modeerscheinung, die Protagonisten als gesellschaftliche Außenseiter. Das hielt an, bis die Aktivisten schließlich den Premierminister trafen. Man muss hinzufügen, dass auch viele ältere Menschen ähnlich wie die Massenmedien reagierten.

    Doch wie genau haben die neuen sozialen Bewegungen ausgesehen und in welcher Form haben sie sich innerhalb der Gesellschaft eigentlich manifestiert? Man muss dazu wissen, dass es in Japan eine ganz andere Protestkultur gibt als im “Westen”. Bei großen Straßendemos läuft zum Beispiel alles sehr geregelt ab, die Polizei kontrolliert die Bewegungen der Massen sehr strikt.

    Bewegungskontrolle in Japan

    Aus westlicher Sicht drängt sich die Frage auf, wo da eigentlich das Disruptive einer Demo bleibt. Doch man sollte dabei nicht vergessen: In vielen Ländern Asiens sind Demos und Bürgerversammlungen schlichtweg verboten, in dieser Hinsicht gibt es in Japan ein recht hohes Level an Demokratisierung. Die Polizei sorgt bei den Protesten dafür, dass alles seine Ruhe hat – das bevorzugen auch die Touristen, die ins Land kommen.

    DSC05193_jajdetailsw

    Nach dem 11.3. haben einige Aktivisten versucht, diese Regeln zu durchbrechen. Aber sie haben schnell festgestellt, dass sie auf diese Weise Menschen in Gefahr bringen und somit letztlich ihren eigenen Zielen schaden. Sie änderten ihre Strategien und schafften es, 200.000 Menschen zu mobilisieren. Diese trafen sich vor dem Sitz des Premiers.

    Ich kann mich daran erinnern, dass die Aktivisten damals sagten: “Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen.” Man kann vor diesem Hintergrund also nicht davon sprechen, dass die Leute sich einfach unterordneten, sondern dass sie mit ihren Protesten eine bestimmte Strategie verfolgten, die im Kontext der Kultur Japans gesehen werden muss.

    Was die Proteste verändert haben

    Fragt man sich, ob die Proteste wirklich etwas in der japanischen Politik verändert haben, dann muss die Antwort wohl “Ja” und “Nein” lauten. Hierzu muss ich auch meine eigene Rolle erklären. Bei der Zusammenkunft des Premiers mit den Aktivisten, nahm ich die Rolle des Mediators ein. Denn ich war in beiden Welten zu Hause. Ich nahm als Bürger an den Protesten teil, hielt mich aber zurück.

    Gleichermaßen bin ich als Professor auch Teil des Establishments. Die Aktivisten vertrauten mir, denn sie kannten mein Gesicht von den Demos. Als die Proteste kulminierten und die besagten 200.000 Menschen vor dem Sitz des Premiers standen, sagte ich den Organisatoren, dass ich ein Treffen mit Premier Kan arrangieren könnte. Sie sagten zu, denn sie suchten den Dialog. Bei dem Treffen war ich anwesend, doch ich sagte nichts, denn ich vertraute den Aktivisten und ihren Fähigkeiten.

    Nach dem Treffen gab die DPJ-Regierung den Atomausstieg bis zum Jahre 2040 bekannt. Mir ist klar, dass das nicht nur wegen des Drucks durch die sozialen Bewegungen geschah. Für die DPJ war es schlichtweg auch eine Möglichkeit, ihr Image zu verbessern. Die Regierung hatte im Umgang mit der Nuklearkatastrophe versagt und hatte einen herben Vertrauensverlust zu verbuchen. Die klare Haltung beim Atomausstieg kann also auch als politischer Opportunismus verstanden werden.

    Die meisten der 54 Reaktoren waren bis in die 1990er Jahre hinein entstanden – damals gab es ein hohes Bruttoinlandsprodukt und der Energieverbrauch war enorm. Das bedeutet, dass viele der Reaktoren ohnehin nur bis 2040 in Betrieb gehalten werden durften. Im Mai 2012 waren alle Reaktoren vom Netz genommen und es gab keine Energieengpässe. Daher hielt ich die Entscheidung der DPJ für vernünftig. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es eine Kombination aus den neuen sozialen Bewegungen und der etablierten Politik war, die dazu führte, dass der Ausstieg aus der Atomenergie bekannt gegeben wurde.

    Mir ist klar, dass das Treffen zwischen Aktivisten und Regierung aus der Sicht der Politik nur ein Ritual war. Aber dieses Ritual steht in meinen Augen für den sozialen Wandel, der innerhalb Japans passiert ist. Dass ich selbst, als Uni-Professor und Protestteilnehmer mittendrin stand, ist für mich ein weiteres Zeichen dieses Wandels.

    Globaler Protest: Wut, Befreiung, Angst und Trauer

    Auch eine der Frauen, die ich im Film portraitiere steht für diesen Wandel. Ihre Geschichte steht für mich nicht nur für die Veränderung Japans, sondern hat eine globale Dimension. Sie fing ihre Karriere als Manga-Zeichnerin an. Doch diese Branche ist extrem ausbeuterisch. Also kündigte sie ihren Job und fing an, als Designerin zu arbeiten.

    Die harte Arbeit machte sie krank. Sie gab den Job auf und heiratete einen Kollegen. Nach Fukushima fing sie an, Fahnen und Plakate für die Bewegung zu gestalten. Sie wurde selbst zur Aktivistin, was zur Scheidung von ihrem Ehemann führte, der etwas dagegen hatte. Heute arbeitet sie als Teilzeit-Bibliothekarin und engagiert sich nach wie vor für die Anti-Atom-Bewegung.

    DSC05121hlswkl

    Im Film sieht man sie, wie sie wütend in ein Horn bläst. Ihr Gesicht ist gezeichnet von Wut, Befreiung, Angst und Traurigkeit. So viel auf einmal. Doch worauf ist sie wütend? Wovon hat sie sich befreit? Ihre Beteiligung an den Protesten hat zum Tod ihres sozialen Lebens und zu dessen Wiedergeburt geführt. Ich denke, dass sie für die Instabilität und die Kraft der globalen Protestbewegungen seit 2011 steht. Und: Sie ist ein Mensch, umspült von den historischen Umbrüchen, in die sie hineingeworfen wurde.

    Es gibt kein Zurück

    Die Vorstellung, dass wir in Japan nicht zurückreisen können in die Vergangenheit, dass die glorreichen 1980er unwiederbringlich vorbei sind, hat sich inzwischen durchgesetzt. Das bedeutet, dass nicht nur soziale Bewegungen anders organisiert sind, nämlich nicht mehr top-down, sondern auch die Politik. Die LDP, die Liberaldemokratische Partei, die mächtigste Partei Japans, hat seit 1991 einen Mitgliederrückgang um 80 Prozent zu verzeichnen.

    Die LDP versucht Wechselwähler zurückzugewinnen durch rechtslastigen Populismus – ähnlich wie man das gerade in vielen osteuropäischen Staaten beobachten kann. Ich denke aber, das zeigt auch, dass selbst die LDP nicht mehr ohne Unterstützung “von unten” auskommt. Soziale Bewegungen haben also durchaus einen Einfluss darauf, was in der Politik passiert.

    Durch die neuen Proteste seit 3/11 hat eine nachhaltige Politisierung in Japan stattgefunden. Menschen, die gegen Atomkraft demonstriert haben, setzen sich inzwischen auch für andere Belange ein. Auf die Straße zu gehen, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Post-Fukushima-Bewegung hat andere soziale Bewegungen in Japan inspiriert.

    Mit Blick auf die Zukunft lässt sich daher sagen, dass bottom-up sich einfach nicht mehr wegdenken lässt. Auch in diesem Sinne können wir nicht zurück in die 1980er und so tun, als gäbe es keine Gegenstimmen. Sogar Diktaturen müssen heutzutage damit umgehen, dass es basisdemokratische Bewegungen innerhalb der Gesellschaft gibt.

    An.d.Red.: “TACIT FUTURES: Japan after Japan” präsentiert am 19. März “Tell the Prime Minister” von Eiji Oguma als Ausgangspunkt für Diskussionen über die gemeinsame Zukunft und die Zukunft als Gemeingut (Commons). Die Veranstaltung findet im Supermarkt statt, von 17 bis 19:30 Uhr. Mehr zum Thema in unserem Fukushima-Dossier. Der Beitrag entstand auf der Basis von Fragen, die die Berliner Gazette Redaktion stellte. Eine englischsprachige Version des Interviews ist bei openDemocracy verfügbar. Die Fotos im Text stammen von Krystian Woznicki und stehen unter einer Creative Commons Lizenz (cc by nc).


Noch keine Kommentare zu Wiedergeburt der Zukunft: Wie in Japan nach der Fukushima-Katastrophe die Geschichte neu anbricht

Bisher wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinterlassen

E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.