• Whistleblower Moormann: „Der Betrieb im Reaktor war über Jahre hinweg quasi ein einziger Störfall.“

    Kürzlich wurde zum siebten mal der Whistleblower-Preis vergeben. Dabei wurden aber nicht die medial omnipräsenten Menschen, wie Julian Assange oder Daniel Domscheit-Berg gewürdigt, sondern deutlich unauffälligere Akteure. Zum Beispiel: Dr. Rainer Moormann. Er forschte lange Zeit an der Sicherheit von Kugelhaufenreaktoren in Jülich. Seine Warnungen wurden nicht berücksichtigt. Der Journalist Henrik Flor sprach mit ihm.

    Womit haben Sie sich im Forschungszentrum Jülich befasst und was haben Sie dort aufgedeckt?

    Ich war lange im Bereich Sicherheit von Kugelhaufenreaktoren tätig. Anders als bei konventionellen Leichtwasserreaktoren ist hier der Brennstoff in Grafit eingeschlossen und wird mit Helium gekühlt. Die Brennelemente sind tennisballgroß und permanent in Bewegung. Im Laufe der Jahre, genauer: als dieses Modell nach Südafrika exportiert worden war, ist mir immer klarer geworden, dass nur positive Eigenschaften dieser Technologie kommuniziert aber die ausgeprägt negativen Eigenschaften vollständig unter den Teppich gekehrt wurden.

    Beispielsweise der Reaktor in Jülich: Der Betrieb war über Jahre hinweg quasi ein einziger Störfall. Der Reaktorbehälter ist derartig verstrahlt, dass man ihn in den nächsten 60-70 Jahren noch nicht einmal auseinanderbauen kann. Dieses Desaster hat seine Ursachen auch in der Technologie selbst. Ich habe weiterhin einen schweren Störfall, einen Wassereinbruch, den es 1978 gab, untersucht. Wäre das Leck damals größer gewesen, hätte es eine Katastrophe geben können – ausgelöst durch eine Explosion, wie man sie in Fukushima (Japan) erlebt hat.

    Was waren die ersten Schritte?

    2007 habe ich dann einen Bericht an die Verantwortlichen des Nuklearbereichs im Forschungszentrum verfasst, das hat natürlich nichts gebracht. Ich habe mich dann an den Vorstand des Forschungszentrums Jülich gewandt und ein Jahr später nach längeren internen Diskussionen eine Untersuchung veröffentlicht, die für Aufsehen gesorgt hat. Diese hat sicherlich dazu beigetragen, dass der Bau eines Kugelhaufen-Reaktors in Südafrika nun nicht mehr verfolgt wird. Hier ging es um eine ganze Menge Geld: Südafrika hatte bereits mindestens 1,5 Mrd. Euro in diese Technik investiert.

    Über welche Kanäle haben Sie die Missstände noch öffentlich gemacht?

    Zuerst fand das auf der rein wissenschaftlichen Ebene stand. Erst, als die Unterstützung des Forschungszentrums schwächer wurde, ging ich auch an die breite Öffentlichkeit. Dazu muss man sagen, dass das Forschungszentrum auch unter dem Einfluss seiner Gesellschafter steht, und das ist unter anderem das Land Nordrhein-Westfalen mit einer damals schwarz-gelben Regierung, darunter mindestens zwei glühende Anhänger der Kugelhaufentechnik. Meine Vermutung ist, dass von dort Druck ausgeübt wurde, mir weniger Spielraum zu lassen. Das heißt, ich bekam Auflagen: Beispielsweise durfte ich Fachpublikationen keine Interviews geben.

    Anfang 2009 habe ich dann in einer Dokumentation vom WDR mitgewirkt, die sich mit dem Reaktorprojekt in Südafrika befasst, es folgte ein Artikel im Spiegel zum Reaktor in Jülich.

    Welchen Widerständen sind Sie begegnet?

    Anfangs, als ich an den Vorstand herangetreten bin, wurde ich von der Spitze des Forschungszentrums noch wirksam unterstützt. Das ist dann immer weniger geworden. Ich wurde eine Last für das Forschungszentrum, spürte den massiven Druck. Ich musste die Nukleartechnik verlassen, wurde ausgegrenzt. Meine Mitarbeiter wurden abgezogen, ohne dass ich zuvor informiert worden wäre. Dienstreisen wurden gestrichen. Es gab plötzlich keine adäquate Computertechnik mehr für mich. Ich habe dann selbst darum gebeten, in einen anderen Bereich zu wechseln. Das hatte etwas von einem Abstellgleis, und so habe ich dann Altersteilzeit beantragt. Anfang 2012 werde ich faktisch nicht mehr im Forschungszentrum tätig sein.

    Welche Rolle spielte damals die Atomaufsichtsbehörde?

    Mein Eindruck ist, dass die Atomaufsichtsbehörde sehr nachlässig mit dem umgegangen ist, was sich in Jülich abgespielt hat. Sie hat nicht genau hingeguckt. Es gab frühzeitig Hinweise auf die hohen Temperaturen im Reaktor. Anfang 1988 stellte man fest, dass er weit über die zulässigen Grenzen gefahren wurde, dass er hochgradig unsicher war. Die Aufsichtsbehörde hätte sich natürlich blamiert, wenn sie hätten zugeben müssen, dass mehr als 10 Jahre ein unsicherer Reaktor betrieben wurde, schließlich ist es ihr Job, genau das zu verhindern. Da der Reaktor ja ohnehin Ende 1988 abgeschaltet werden sollte, dachte die Behörde wahrscheinlich: ‚Schwamm drüber‘. Das Schlimme dabei: Für alle Befürworter dieser unsicheren Technologie war das Signal: Probleme gab es keine, die Aufsichtsbehörde hatte keinerlei Beanstandungen. Dies hat bis heute Auswirkungen: Mitte März, also nach der Katastrophe von Fukushima, erschien ein Artikel in der WELT unter dem Titel „Gibt es sichere Atomkraftwerke?“ Die Frage wurde mit Hinweis auf die Kugelhaufen-Reaktor mit „Ja“ beantwortet!

    Was wird der Pannen-Reaktor den Steuerzahler noch kosten?

    Der Reaktor in Jülich hatte einmal rund 120 Millionen DM gekostet. Bei den Entsorgungskosten werden wir mit Glück bei einer Milliarde Euro landen – geplant waren Ende der 1990er-Jahre noch 39 Millionen DM. Ein totaler Reinfall! Kapazitäten, die wir in Jülich im Bereich Reaktortechnik haben, und die ja offensichtlich nicht mehr benötigt werden, sollte man jetzt verlagern in den Bereich nuklearer Rückbau, das Thema wird uns noch viele Jahrzehnte beschäftigen.

    Anm.d. Red.:Das Foto oben kommt aus den US National Archives (by-nc-sa). Dieses Interview wurde zuerst im ENTER-Magazin veröffentlicht und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung.


5 Kommentare zu Whistleblower Moormann: „Der Betrieb im Reaktor war über Jahre hinweg quasi ein einziger Störfall.“

Kommentar hinterlassen