• Western unter der Haut

    Nicht selten bekommen Dinge, die einem in der Kindheit wichtig waren, im spaeteren Verlauf des Lebens eine neue Bedeutung. Dies kann zu einer weitreichenden Beschaeftigung mit sich selbst fuehren, die anders ist als das Reflektieren ueber den Alltag, ueber die Welt und den eigenen Platz darin. Die Frage nach der eigenen Identitaet wird zu einer Frage nach der Herkunft: Woher komme ich? Auch Filme, die man in seiner Kindheit oder Jugend gesehen hat, triggern diese Frage. Fraglos habe ich viel Westernkino gesehen – neben dem Krimi-, Abenteuer- und Kriegsfilm, das wohl populaerste Genre in meiner persoenlichen Fruehzeit. Was sich nicht zuletzt an den Spielen in der eigenen Nachbarschaft ablesen laesst: Spielten wir nicht meistens Cowboys und Indianer?

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    Heute erleben wir eine interessante Renaissance des Westerns. Von Ang Lee (>Ride with the Devil< und >Brokeback Mountain<) bis hin zu Kevin Costner (>Open Range<) - das Autorenkino beschenkt uns mit Western en masse. Der Zeitpunkt ist guenstig. Immerhin zeigen diese Filme eine andere Seite der US-amerikanischen Gruendungsgeschichte. Weniger verklaert, wie die Western meiner Kindheit, mehr daran interessiert, die blutige, ungerechte Dimension der weissen Kolonisation der Neuen Welt herauszuarbeiten. Und so stellen sie den heutigen US-Imperialismus genauso in Frage wie unsere intellektuelle Herkunft: Pistolenschwingende Machos haben unsere Psyche gepraegt; Maenner, die sich nehmen, was sie wollen, koste es, was es wolle. Ein Blick auf die Kinogeschichte lohnt in diesem Zusammenhang. Warum? Immerhin hat sie nicht zuletzt so grossartige Elaborate wie Arthur Penns Debuet The Lefthanded Gun und The Missouri Breaks hervorgebracht, die auf der 57. Berlinale zu sehen waren, oder Robert Altmans McCabe & Mrs Miller. Derart exotische Fruechte des Autorenkinos, die man in seiner Kindheit garantiert nicht zu sehen bekam, weil sie fuer das alltaegliche Fernsehprogramm sicherlich nicht ausgesucht wurden (Praedikat: Zu wertvoll), sie muten heute wie das Verdraengte des kollektiven Bewusstseins an. Die Helden benehmen sich in diesen Filmen daneben – nicht zuletzt im Sinne eines neben der Spur einer vorgezeichneten Rolle: im Delirium (Paul Newman), hirnverbrannt (Marlon Brando), alkoholisiert-aufgeblasen (Warren Beatty). Gebrochene Helden, Loser, Psychopaten. Ihre Screen-Performances sind in den meisten Faellen virtuos. In erster Linie sind sie aber auch schlichtweg telling. Im Sinne von wahrsagend. Geht unter die Haut.


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