• Feindliche Übernahme des Weltkulturerbes? Wie der IS den Narzissmus des Westens instrumentalisiert

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    Bilder des terroristischen Vandalismus gehen um die Welt: Im Nahen Osten werden Museen ausgeraubt, antike Stätten dem Erdboden gleich gemacht. Die verantwortlichen IS-Milizen sind mit ihrer Video-Kamera stets dabei. Warum glauben sie den Westen mit diesen Bildern treffen zu können? Und warum schaffen sie das auch? Berliner Gazette-Herausgeber kritisiert in seinem Kommentar den Narzissmus des Westens und warnt davor, dass diese „Macke“ eine Eskalation des Terrors ermöglichen kann.

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    „Es wird scheppern“. Diese Worte, die im Finanz-Thriller „Unter Dir die Stadt“ ein Bänker bei Übernahme-Verhandlungen spricht, passen gut zu den Bildern, die uns heutzutage aus dem Nahen Osten erreichen. Der IS, der von westlichen Beobachtern als eine Art „Start-Up des Terrors“ beschrieben wird, lässt es „scheppern“. So könnte man es zumindest sehen: Museen werden ausgeraubt, antike Stätten dem Erdboden gleich gemacht. All das mit einem rationalen Kalkül und einem „klar umrissenen Business-Modell“.

    Wir werden offenbar Zeugen einer feindlichen Übernahme des Weltkulturerbes – eine Expansion, die den Westen besonders aufschrecken lässt, denn es ist, wie Kritiker Georg Diez in Der Spiegel schreibt, ein deutliches Signal dafür, dass der IS nicht nur in der „Gegenwart töten“, sondern auch die „Vergangenheit vernichten“ kann. Somit eben auch unsere gemeinsame Vergangenheit als Erben dessen, was man Weltkultur nennt oder auch ein global cultural commons.

    Deswegen haben die Bilder auch eine andere Macht als die Bilder von IS-Hinrichtungen. Obendrein sind sie kompatibler mit den um moralische Richtlinien bemühten Medienformaten und deshalb allgegenwärtiger. Ein Enthauptungsvideo lässt sich nicht ohne Weiteres teilen, es steckt zu viel quasi-pornografische Grausamkeit drin. Doku-Aufnahmen des „terroristischen Vandalismus“ hingegen stoßen kaum auf Barrieren.

    Könnte der Westen Verantwortung übernehmen?

    Diez wartet in seinem Essay „Die Krieger der Apokalypse“ mit weiteren bemerkenswerten Beobachtungen auf. Erstens: Dieser Terror hat nicht erst kürzlich, sondern bereits vor mehr als zehn Jahren seinen Lauf genommen, als die USA in den Irak einmarschiert sind und im Zuge dessen ein failed state entstand – und damit Nährboden für den IS-Terror. Zweitens: Da der damalige Vorstoß gescheitert ist, schreckt man jetzt zurück angemessen hart durchzugreifen und lässt die eigenen Fehler (und deren fatale Konsequenzen) andere ausbügeln: die irakische Armee etwa.

    Geht das nicht anders? Könnte der Westen nicht in sich gehen, seine Fehler eingestehen und seine Verantwortung übernehmen? Aber wie lassen sich die Fehler des Westens überhaupt verstehen? Was waren genau die Fehler des Westens eigentlich? Und wie lässt sich daraus lernen? Wenn der Westen unter der Leitung der USA bereits mehrfach an der Re-Organisation des Nahen Ostens gescheitert ist, was soll er jetzt bei einer militärischen Operation anders und besser machen? Wie kann der Westen vermeiden, Fehler zu wiederholen? Wie kann verhindert werden, dass nach einer erfolgreichen Auslöschung des IS wieder ein failed state entsteht, der erneut einen fruchtbaren Boden für eine terroristische Bewegung bietet?

    Darauf gibt es derzeit keine Antwort. Auch Georg Diez liefert in seinem Essay nichts Substanzielles in dieser Sache. Allenfalls Ansätze, etwa wenn der Kulturkritiker bemüht ist, das Wesen des IS zu erklären. Sein Appell lautet: Wir dürfen die Terrormiliz auf keinen Fall als mittelalterliches Schreckgespenst abtun, wir müssen sie als ein Phänomen unserer Gegenwart verstehen. Das ist auch ein Aufruf dazu, dass „wir“ beginnen, „uns“ auseinanderzusetzen mit „denen“, statt sie als Wahnsinnige abzutun. Dass „wir“ versuchen, „uns“ in Beziehung zu setzen – was unter anderem bedeuten würde, der Frage nachzugehen, wie wir zu dem IS und seinem Vorgehen stehen, statt einfach nur mit dem Kopf zu schütteln.

    Bilder des „terroristischen Vandalismus“

    Dazu bietet Diez Anreize. Ausgehend von den Bildern des „terroristischen Vandalismus“ zitiert er Reaktionen kritischer Beobachter. Menschen aus der Welt der Geschichtsforschung, des Journalismus und der Kulturerbe-Verwaltung, beispielsweise den Leiter der Abteilung Middle East im British Museum oder einen Vertreter des American Council for Cultural Property. Sie alle zeigen sich entrüstet und weisen auf die schreckliche Dimension der Zerstörung hin. Nicht zuletzt, weil sich die Tragödie wiederhole. „8000 Jahre Menschheitsgeschichte sind in Gefahr!“ habe man auch schon beim Einzug der US-Truppen in Bagdad gerufen. Niemand wollte es hören. Auch jetzt nicht?

    Jetzt treten die Täter nicht im Namen der westlichen Welt auf, sondern als Krieger, die eben jene Welt begraben wollen – und alles, woran sie hängt. Exakt dieses Kalkül, dass „wir“ mit den Bildern der Zerstörung von „Kulturschätzen“ getroffen werden sollen, wird noch zu wenig oder nicht konsequent genug hinterfragt. Denn wenn es darum geht, die Wirkung dieser Bilder zu verstehen, müssen wir auch fragen: Wie ist die Zielgruppe konstruiert? Warum glauben die Terroristen „uns“ damit treffen zu können? Haben sie richtig kalkuliert? Wenn ja, warum? Kann es wirklich sein, dass die Terroristen „uns“ so gut verstehen – ja, offenbar besser, als „wir“ sie?

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    Beobachter sagen (und Georg Diez schließt sich ihnen an): Der Westen fängt erst an sich mit einer Bedrohung wie dem IS zu beschäftigen, wenn es zu spät ist. Wenn sie so groß und gefährlich geworden ist, dass der Westen einfach nicht mehr umhin kommt, eine Reaktion zu zeigen – mit dem Rücken zur Wand sozusagen. Das stimmt. Auch wenn es in solchen Fällen immer Leute gibt, die sagen: „ich habe davor doch schon vor Jahren gewarnt“. Ausnahmen eben. Dafür, dass solche Ausnahmen nicht die Regel sind, zahlen wir einen hohen Preis. Der IS wirkt jetzt schon bösartiger als Al Quaida in schlimmsten Zeiten. Doch möglicherweise ist das noch nicht alles.

    Verstehen die Terroristen „uns“ besser als „wir“ sie?

    Ja, der Westen beschäftigt sich mit einer Sache wie dem IS erst dann wenn es zu spät. Ja, der Westen versucht erst dann „diese Leute“ zu verstehen, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht. Doch die Beschäftigung mit „denen“, mit „deren“ Denkweise, mit „deren“ Motivation und Wut, kurz: mit „deren“ Perspektive – das ist auf Extremisten beschränkt. Die Perspektive der Normalbevölkerung bleibt uns fremd.

    Um beim Beisiel zu bleiben: Wir haben nicht die geringste Ahnung davon, wie die Normalbevölkerung reagiert hat, als US-Truppen das Museum von Bablyon zerstörten. Genauso wenig wissen wir, was die Normalbevölkerung fühlt, wenn IS-Krieger das Museum von Mossul auseinandernehmen. Wir haben keine Vorstellung davon, ob der Sinn für das Weltkulturerbe, das der Westen dort unter Beschuss sieht – ob dieser Sinn auch nur ansatzweise von der Normalbevölkerung geteilt wird.

    Das, was wir Weltkulturerbe nennen, mag sich bei genauerer Betrachtung als westliche Erfindung entpuppen, als koloniales Projekt. Und unsere Beschäftigung mit dem IS und seinem Terror als eine Beschäftigung mit uns selbst – als eine Übung in Narzissmus. Das tönt auch aus dem Diez-Text: Es werden fast ausschließlich westliche Beobachter zitiert und damit „unsere“ Wertmaßstäbe für die Bewertung der Lage und für die Verarbeitung des Terrors herangezogen. In solchen Momenten sorgt der Diskurs, dass der Terror im Nahen Osten nur für „uns“ existiert. Wir blenden die Menschen, die dort leben, aus – damit auch ihre Nöte und Potenziale.

    Kann der Westen seinen Narzissmus überwinden?

    Vielleicht sind das alles auch in ihren Augen „Kulturschätze“, selbst wenn sie mit dem Konzept des Weltkulturerbes nichts anfangen können. Vielleicht sehen auch sie in den Objekten, die die dortigen Museen beherbergen, auch so etwas wie cultural commons. Die entscheidende Frage ist, wie just in diesem Moment, da ihre Welt als solche in Auflösung begriffen ist, die Commons-Forderung der Normalbevölkerung aussieht.

    Schließlich sind Commons nicht einfach so da für alle. Sie müssen im gesellschaftlichen Dialog bestimmt, eingehegt, verwaltet und gepflegt werden – ein Prozess, der in einer gewaltigen Umbruchphase besonders dynamisch und antagonistisch ist. Wie kann dieser Prozess heute im Nahen Osten gestaltet werden? Was für Commons brauchen die Menschen in den terrorisierten Gebieten – kurzfristig und auf lange Sicht? Welche Rolle spielen die global cultural commons in diesem Kontext? Welche Verantwortung hat der Westen, wenn es darum geht sowohl die Bestimmung als auch die Einhegung der Commons im Nahen Osten vorzunehmen?

    Es gehört zum Narzissmus des Westens, solche Fragen nicht zu stellen. Vielleicht hat der IS all das auf dem Schirm. Vielleicht ist er in seinem Terror-Kalkül deshalb auch noch etwas schlauer als wir bislang annehmen. Vielleicht weiß er um den Narzissmus des Westens und wie er diese uneingestandene „Macke“ nutzen kann, um die Menschen im Westen zu treffen und in die Irre zu leiten. Dorthin also, wo sie sich weiterhin mit sich selbst beschäftigen, statt zu versuchen die eigentlichen Probleme zu lösen. Bilder von Weltkulturerbe-Terrorismus, die in erster Linie an „uns“ adressiert sind, und nicht so sehr an die Normalbürger des Nahen Ostens, sind ein Anzeichen für ein solches Kalkül.

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    Die hiesigen Debatten um die Bilder des „terroristischen Vandalismus“ zeugen davon, dass der Westen von all dem nichts ahnt. Dass der Westen also auch längst nicht das Ausmaß seiner bisherigen Fehler eingesehen hat und auch noch nicht begriffen hat, wie ihn seine narzisstischen Reflexe beeinträchtigen. Doch der Westen muss sich endlich aufrappeln und beispielsweise anfangen, die Perspektive der Normalbürger im Nahen Osten zu verstehen. Sie sind, durch die Kriege und den Terror bedingt, zu unseren unmittelbaren Nachbarn geworden. Ob wir wollen oder nicht. Und wir können es uns nicht erlauben, sie zu ignorieren. Sie können, sie dürfen uns nicht fremd bleiben. Wahrscheinlich müssen wir sie auf lange Sicht zu unseren Verbündeten machen.

    Dass das nicht unmöglich ist, zeigt Oscar-Preisträgerin Laura Poitras im ersten Teil ihrer „War On Terror“-Triloge. In ihrem Dokumentarfilm My Country, My Country (2006) begleitet Poitras im Vorfeld der ersten demokratischen Wahlen im Irak einen sunnitischen Arzt bei seiner Arbeit. Ein höchst eindrucksvolles, höchst menschliches Dokument, das Schule machen sollte. Auch jetzt in diesem Moment, in dem eine Antwort auf den IS gesucht wird und die Fehlerspirale aus der jüngsten Vergangenheit nicht aktiviert werden soll.

    Ein Lernprozess auf Augenhöhe mit der Normalbevölkerung im Nahen Osten und das daraus resultierende Handeln – das wären die einzigen, die einzig wahren Antworten auf den IS, der bekanntlich den ewigen Krieg will. Der Westen ermöglicht eine solche Eskalation, wenn er es versäumt seinen Narzissmus zu überwinden. Keine geringere Bedrohung ist heute vor unserer Haustür.

    Anm.d.Red.: Die Fotos oben sind Standbilder aus dem Dokumentarfilm „My Country, My Country“ (2006). Das erste Bild zeigt den sunnitischen Arzt Dr. Riyadh, den Poitras in diesem Film begleitet. Das letzte zeigt den Arzt bei einer durch ihn geleiteten Führung in Abu Ghraib, bei erstmals internationale Beobachter zugegen sind.


11 Kommentare zu Feindliche Übernahme des Weltkulturerbes? Wie der IS den Narzissmus des Westens instrumentalisiert

  • Wer ist der Westen? Und wer sind "sie", die Terroristen? Die Geschichte des IS zeigt doch gerade, dass die Trennlinie a) nicht klar gezogen werden kann (s. bspw. Nicolas Henin) und b) nicht zur Problemlösung beiträgt, sondern Narzissmus (Stichwort "othering" oder "orientalism"), der durch Abgrenzung gefüttert wird, nur schürrt.
  • @#1: apropos "Was ist der Westen?" Der Westen ist das, was der Osten nicht ist. Das Selbstbild bekommt Konturen, Profil, ja Identität via das Gegenüber. Natürlich sind das immer ein stückweit Phantasmen, mal mehr mal weniger realiätsfern.

    Aber das Entscheidende ist wohl, das Einbildungen/Bilder/Phantasmen eine Wirkmacht haben, die die Realität überformt, bzw. die Realität "ersetzt". Und sicherlich sollte nicht außer acht gelassen werden, dass es sich um einen vielstimmigen Prozess handelt, bei dem gewisse Selbstbilder dominanter sind als andere.

    Man kann von Narzissmus sprechen, wenn bei der Konstruktion des Gegenübers ausschließlich Eigenschaften zugelassen werden, die aus dem Selbstbild hervorgehen: als Verdrängtes zum Beispiel.

    Die Idee des Orientalismus, wie durch Edward Said entwickelt, unterschlägt, dass das Gegenüber niemals vollständig stumm und passiv ist. Dass es über weite Strecken aktiv beteiligt ist - als Dialogpartner.

    Das führt nicht notwendigerweise aus dem Narzissmus, offenbart doch aber weitere Facetten der Selbstbild-Produktion, beispielsweise dann, wenn das Gegenüber die zugesprochenen Eigenschaften affirmiert und zu seinem Selbstbild macht, also eine Art "Reverse-Orientalism" (umgekehrter Orientalismus).

    Das vermag den Narzissmus des Westens erheblich zu befördern, weil er dann nur noch sich selbst sieht - in der Form dessen, was er als Gegenüber konstruiert hat.

    Dann auch, wenn das Gegenüber das Bild des Westens zu konstruieren beginnt (beim IS als "Zielgruppe des Terrors") und sein Selbstbild daran ausrichtet, also eine Art Okkzidentalismus.

    Mir scheint, der IS "operiert" auf all diesen Ebenen. Es wäre zu untersuchen, wie sie miteinander zusammenhängen, wie sich etwa sein Okkzidentalismus aus dem Orientalismus und dem umgekehrten Orientalismus speist.

    Gleichzeitig müssen wir, und da stimme ich Dir zu, damit anfangen. das Problem jenseits derart vermeintlich klarer Grenzziehungen anzugehen!
  • Horst A. Brunopolik am 24.03.2015 10:18
    Es ist die Arroganz und Überheblichkeit der abendländischen Kultur - also des "Westens", die über Jahrhunderte sich alles in der Welt verfügbar, ausgebeutet und z.T. auch zerstört hat, und zwar unter dem scheinheiligen "moralischen" Dogma einer "christlichen" Missionierung.

    Das ist der "Westen" mit seiner "Kultur". Das ist seine Identität, auf die er immer noch stolz ist. Wundert es, wenn jetzt ein Teil der Weltbevölkerung diesem "Westen" den Spiegel vorhält und dessen "Werte" = Kulturgüter zerstört? Ist das nicht mehr als eine normale psychische Reaktion auf Jahrhunderte der Erniedrigung? Und solange der "Westen" seinem neuen Ideal, dem Neoliberalismus huldigt, um damit unvermindert auch weiterhin seinen weltweiten Herrschaftsanspruch mit Gewalt (Kriegen) durchzusetzen, besteht keine Aussicht auf ein friedliches Miteinander aller Kulturen. Die Kultur des "Westens" wird blutig in Staub zerfallen.
  • Norma am 25.03.2015 14:56
    Aber der Westen steht doch auch für einen Verbund von Werten, die sich nicht nur über das Ausschlussverfahren bestimmen lassen: Demokratie, freie Marktwirtschaft, Christentum, etc.
  • Manuel Bonik am 26.03.2015 11:09
    "Könnte der Westen nicht in sich gehen, seine Fehler eingestehen und seine Verantwortung übernehmen?" "Das ist auch ein Aufruf dazu, dass “wir” beginnen, “uns” auseinanderzusetzen mit “denen”, statt sie als Wahnsinnige abzutun." - Glaubst Du ernsthaft, dass der IS für Diskussionen und Schuldeingeständnisse erreichbar ist? Dass die eine andere Sprache als die der Gewehre verstehen? Da bin ich sehr pessimistisch. Auch geht es hier ja beim größeren Szenario um einen Krieg zwischen Sunniten und Schiiten, den man schwerlich dem Westen anlasten kann? Der Vergleich mit dem 30jährigen Krieg drängt sich auf, der bekanntlich auch erst endete, als alle Konfliktparteien völlig erschöpft waren. Leider scheint dieser im Wesentlichen innermuslimische Krieg, dessen Opfer vor allem Muslime (richtiger: Bewohner des islamischen Kulturkreise; viele hier sind ja auch keine Christen) sind, erst am Anfang zu stehen.

    (NB: Ob der IS vielleicht mal die Kaaba wegsprengen könnte? Ist ja auch vorislamisch.)

    "Vielleicht sind das alles auch in ihren Augen “Kulturschätze”, selbst wenn sie mit dem Konzept des Weltkulturerbes nichts anfangen können." - Mit den Einnahmen durch Tourismus können sie auf jeden Fall was anfangen. Dass Länder wie Tunesien auf solche Einnahmen sehr angewiesen sind, ist ja wohl der wesentliche Grund für die Anschläge von Tunis.
  • [...] Originaltext [...]
  • Die Territorialität des Kulturerbes ist immer das problematische Konstrukt. Wieso sollen die heutigen Iraker den Babyloniern irgend etwas abgewinnen können und wieso sollen sie allein darüber verfügen?

    Die Kultstätten werden nicht vernichtet, um den Westen zu treffen, sondern um das islamische Bilderverbot gegen Götzen konsequent durchzusetzen. Dabei werden Bilder geschaffen, die noch eindringlicher sind.

    Wenn man sich überlegt, dass auch 25 Jahre nach der Wende immer noch nicht die von Ulbricht zerstörten Kirchenbauten wieder aufgebaut sind, sollte man sich doch da an die eigene Nase fassen.
  • Mea Parvitas am 29.03.2015 20:39
    Der Artikel bringt leider eine traurige Wahrheit ans Licht: Der „Westen“, so vage dieser Begriff aus sein mag, hat scheinbar noch nicht begriffen, dass man Feuer nicht mit Feuer bekämpfen kann. Der peinlich-paradoxe Begriff „War on Terror“ hat das schon längst bewiesen. Die selbstsüchtige Ignoranz der US Amerikanischen Republikaner wird immerzu bei Fox News demonstriert: Es bedurfte natürlich einen IS Angriff auf ein westliches Land, wie im Falle Charlie Hebdo, bevor bei ihnen die Alarmglocken läuteten, dann aber gab es schnurstracks Hassparolen und gleichsam terroristische Ankündigungen — „Bomb them, bomb them and bomb them again! “ [ Zitat Jeanine Pirro, Staatsanwältin (!) und Reporterin]. Leider kann man sich vom demokratischen Friedensnobelpreisträger Barack Obama auch nicht viel mehr erhoffen, wie wir bereits vernehmen konnten, handhabt er brenzlige Situationen lieber mithilfe von Drohnen als mit Dialogen. Auch scheut er nicht davor zurück, US-Amerikanische Piloten fremde Maschinen fliegen zu lassen, um sein Saubermann Image nicht zu verletzen.
    Dem Narzissmus des Westens könnte vielleicht entgegengewirkt werden, indem man endlich aufhört das Problem ausschließlich dort zu suchen. Europäische Länder müssen sich fragen, warum die Anzahl der Landsleute, die ausreisen um beim IS zu kämpfen, stetig steigt. Welche Missstände glauben beispielsweise die inzwischen schon über 550 Deutschen durch ihren Beitritt bekämpfen zu können? Dies zu hinterfragen, wäre ein erster Schritt zur Erkenntnis, dass wir nicht vom Problem ausgeschlossen sind.
  • @Manuel #5: Bei einer Analyse, die die Perspektive des Narzissmus in den Blick nimmt, kann es mir schlussendlich nicht darum gehen, warum der IS dies und jenes tut und auch nicht um die Frage, wie man den IS "erreicht". Mir geht es um den Westen und wie er getroffen wird in seinem Narzissmus.

    Anders gesagt: Wenn man den Gedanken konsequent weiterspinnt, ist die Motivation des IS eigentlich egal. Entscheidend ist das psychologische Gerüst des Westens und die Reflexe, die der Westen auf bestimmte "Impulse" zeigt. Und die fatalen Folgen, die das hat: Selbstbeschäftigung, etc.

    Mein Plädoyer am Ende ist ja auch nicht: gehen wir auf den IS zu. Sondern: gehen wir auf die Normalbevölkerung zu.
  • @André #7: "Die Kultstätten werden nicht vernichtet, um den Westen zu treffen, sondern um das islamische Bilderverbot gegen Götzen konsequent durchzusetzen. Dabei werden Bilder geschaffen, die noch eindringlicher sind."

    Hier würde ich sagen: Fragen wir nicht, warum die Kulturstätten vernichtet werden, sondern wie deren Vernichtung im Westen aufgenommen wird. Siehe dazu auch mein vorangehender Kommentar:http://berlinergazette.de/weltkulturerbe-islamischer-staat-narzissmus-des-westens/#comment-81390


    "Die Territorialität des Kulturerbes ist immer das problematische Konstrukt. Wieso sollen die heutigen Iraker den Babyloniern irgend etwas abgewinnen können und wieso sollen sie allein darüber verfügen?"

    Das ist ein wichtiger Punkt. Dazu sage ich allerdings auch sehr klar: Die Verfügung darüber sollte in einem dialogischen Prozess geklärt werden, statt allein unter den "imperialen" Vorgaben des Westens.
  • @Mea#8: "Dem Narzissmus des Westens könnte vielleicht entgegengewirkt werden, indem man endlich aufhört das Problem ausschließlich dort zu suchen. Europäische Länder müssen sich fragen, warum die Anzahl der Landsleute, die ausreisen um beim IS zu kämpfen, stetig steigt. Welche Missstände glauben beispielsweise die inzwischen schon über 550 Deutschen durch ihren Beitritt bekämpfen zu können? Dies zu hinterfragen, wäre ein erster Schritt zur Erkenntnis, dass wir nicht vom Problem ausgeschlossen sind."

    Das ist ein guter Punkt.

    Der Terror ist nicht immer nur DORT DRAUSSEN. Sondern auch "hier drinnen" sozusagen. Was wiederum nicht bedeuten soll: Wir brauchen besseren Heimatschutz und mehr Kontrolle durch das Innenministerium und seine Instrumente, sondern mehr Analyse, mehr Differenzierung, mehr Wachsamkeit, mehr Dialog innerhalb unserer heterogenen Gesellschaft.

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