• Freies Medienmachen in der letzten Diktatur Europas

    Vom Geheimdienst verfolgt, vom Staat verboten und von tausenden von jungen Menschen gelesen: Irina Vidanava betreibt seit 12 Jahren das einzige unabhängige Jugendmedium Weißrusslands. WAS BLEIBT vom Engagement der jungen AktivistInnen? Wie nutzen sie das Internet für ihre Sache? Irina spricht in Text und Video darüber, wie sie und ihr Team in der „letzten Diktatur Europas“ die freie Medienproduktion nachhaltig gestalten.

    *

    Meine Generation, also alle, die heute um die 30 Jahre alt sind, hat Glück gehabt. Wir sind in einer Zeit groß geworden, als es eine kurze Phase der Freiheit gab und wir die Wahl hatten. Wir konnten die 1996 neu gegründete Diktatur gutheißen oder wir konnten uns ihr entgegenstellen. Die kurze Phase der neuen Freiheit, zwischen dem Zusammenbruch der Sowjetunion Ende der 1980er Jahre und der neuen Diktatur brachte uns auf den Geschmack. Es war schwer das wieder aufzugeben.

    Als ich 1998 gefragt wurde, ob ich die Redaktion des Newsletters der Belarus Students‘ Association übernehmen wollte, stimmte ich sofort zu. Und das obwohl ich keinerlei Erfahrung als Redakteurin vorzuweisen hatte. Es hörte sich nach einer spannenden Aufgabe an, eine Möglichkeit meine Werte und Ansichten mit anderen Nonkonformisten, Aktivisten und Idealisten zu teilen und auszutauschen. Ich wollte ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind.

    Zu Beginn war die Publikation noch klein und unprofessionell. Sie erschien in unregelmäßigen Abständen und war nicht sehr ansprechend. Ein Jahr später brachte ich dann „Gedanken von Studenten“ als eigenständiges Jugendmagazin heraus. Es erschien monatlich und wuchs von 16 Schwarz-Weiß-Seiten auf 40 Farbseiten an. 2005 war die Auflage von 500 auf 5.000 Ausgaben gewachsen und wir hatten schätzungsweise 10.000 Leser. Das Magazin wurde immer populärer, weil wir über Trends, Ausbildung, neue Technologien und Pop-Kultur schrieben; Themen, für die sich junge Menschen interessierten.

    Wir wurden verboten und haben trotzdem weitergemacht

    2003 organisierten wir die erste Internet-Bürgerinitiative in Weißrussland. Als tausende von jungen Menschen teilnahmen, wurde die Regierung nervös. Zwei Wochen nach der Initiative widerrief die Regierung unsere Zulassung. Wir wurden in den Untergrund gedrängt, aber „Gedanken von Studenten“ wurde weiterhin veröffentlicht.

    Da wir den staatlichen Abonnement-Service nicht mehr nutzen konnten, entwickelten wir ein alternatives Vertriebssystem. Wir verteilten unser Magazin an Orten, die bei Jugendlichen beliebt waren, beispielsweise in Internet-Cafés und Musikläden. Der Einfluss des Magazins wurde so stark, dass die Polizei unsere November-Ausgabe 2005 beschlagnahmte. Die offizielle Begründung war, dass die Ausgabe mit vergifteter Tinte gedruckt worden sei. Das Magazin wurde verboten und ein Strafverfahren gegen mich als Chefredakteurin eingeleitet.

    „Brenn‘ dir dein eigenes Magazin!“

    Das waren schwere Zeiten für mich und unsere Publikation. Ich habe damals im Ausland studiert und versucht von dort aus das Magazin am Leben zu erhalten. Die Aussicht darauf, bei meiner Rückkehr verhaftet zu werden, machte mir Angst. Wir fanden keine Druckerei für unser inzwischen illegales Magazin und entschieden uns aus der Printausgabe eine Multimedia-Ausgabe auf CD zu machen. Denn es gab eine Lücke im Medienrecht: Dort fand sich keine Reglementierung für Materialien auf CD. Im Januar 2006 erschien unsere Publikation unter dem Namen CDMAG.

    Mit dem Wechsel von Print zur Multimedia-CD wurden wir auch ansprechender für computeraffine Jugendliche. Von nun an konzentrierte sich jede Ausgabe auf ein bestimmtes Thema, das junge Menschen in Weißrussland gerade umtrieb.

    Zusätzlich zu Texten und Illustrationen konnten wir nun auch Video, Audio, Musik und Flash-Animationen verwenden. Eigene Videoreportagen und Interviews machten die Hälfte jeder Ausgabe aus. Durch die Veröffentlichung auf CD konnten wir noch mehr Menschen erreichen, denn eine CD kann auf jedem Computer in unbegrenzter Zahl gebrannt und weitergereicht werden. Unser Slogan war: „Brenn‘ dir dein eigenes Magazin!“

    Stimme des Protestes

    Im Sommer 2006 zeigte unser Magazin die Möglichkeiten des neuen Formats. Wir machten eine eigene Ausgabe zu den Protesten, die mit der getürkten Präsidentenwahl im März einhergingen. „Open Air Revolution“ erzählte die Geschichte von der Revolution in den Herzen und Köpfen der jungen Generation. Es war die erste multimediale Chronik der Demonstrationen, der Zeltstadt der Protestierenden und der gewalttätigen Übergriffe und Verhaftungen von über 1.000 jungen Menschen.

    Die Ausgabe enthielt (zum Teil aus Gefängnissen geschmuggelte) Interviews mit jungen Aktivisten und wurde zum Sprachrohr für ihre Begeisterung, Hoffnungen, Enttäuschungen, Ängste und Leiden sowie ihr Engagement für Freiheit und Demokratie.

    Ich hatte mehr Glück als viele Gleichaltrige in meinem Heimatland. Das gegen mich eröffnete Verfahren hat es nie bis vor Gericht geschafft. Im Herbst 2006 kehrte ich nach dem Abschluss meines Masterstudiums nach Weißrussland zurück. Das Magazin wurde 2007 für seine wegweisende Arbeit mit dem Gerd Bucerius Förderpreis „Freie Presse Osteuropas“ ausgezeichnet. Unter jungen Weißrussen waren wir zum Symbol für Presse- und Meinungsfreiheit geworden.

    Ich denke, dass ein wichtiger Grund für den Erfolg ist, dass unser Magazin von jungen Leuten für junge Leute gemacht wird. Es ist die einzige nationale Publikation, die einem jungen Publikum wichtige Trends, Events und Menschen vorstellt. Es vernetzt politisierte Jugendliche mit jungen Menschen der Gegenkultur und stärkt den Jugendaktivismus. Unser Magazin hat sich im letzten Jahrzehnt entwickelt, aber seine Ziele sind die gleichen geblieben: zu informieren, zu bilden und Jugendliche zu aktivieren. Es hilft den Kindern eines autoritären Staates eigenständig zu denken und eigene Entscheidungen zu treffen.

    „Sei nicht wie die anderen, sei du selbst!“

    In den Jahren 2006 und 2007 verschlimmerte sich die staatliche Unterdrückung spürbar. Unter dem Druck der Geheimpolizei musste unser Magazin erneut in den Untergrund abtauchen. Es wurde in 34 Multimedia Magazin umbenannt. Dieser Titel, wie sein Vorgänger CDMAG, ist ein Wort- und Zeichenspiel mit dem kyrillischen Alphabet, das auf den Spitznamen von „Gedanken von Studenten“ verweist. 34 ist auffälliger als seine Vorgänger und ist damit ein Untergrundmagazin, das mit einem gewissem Risiko produziert wird.

    Obwohl die CD ein für uns ein sehr erfolgreiches Format war, hat es doch seine Grenzen. Die Produktion für eine CD ist aufwändig, weil die Zusammenstellung von Multimedia-Daten viel Zeit erfordert, außerdem braucht man ein Abspielgerät und kann auch nicht so schnell auf aktuelle Themen reagieren.

    Mit diesen Problemen konfrontiert, entschieden wir uns dazu, zusätzlich eine Website zu starten. Wie bei der CD gibt es auch dort Multimedia-Inhalte und einen ähnlichen Stil. Beide nutzen die schnelle Entwicklung der neuen Medien und deren nicht vorhandene Regulierung in Weißrussland. Die Aussage der beiden Publikationen sind dieselben: sei aktiv, kreativ und einzigartig. Die Inhalte unterscheiden sich aber: Während jede CD-Ausgabe ein Schwerpunktthema hat, wird die Webseite täglich aktualisiert und hat eine breiteres Themenspektrum.

    „34Mag“ konzentriert sich auf Events, die unter dem Radar der Regierung ablaufen und berichtet über Menschen, die von Weißrusslands konservativer Gesellschaft missverstanden werden. Es setzt die Tradition des Print- und CD-Magazins fort; beide haben sich den Ruf erworben mit Vorurteilen aufzuräumen und Toleranz zu fördern. Das Webmag konzentriert sich nicht auf ungewöhnliche Jugendliche nur um anders zu sein. Es hebt diejenigen hervor, die aktiv für die Redefreiheit der Bürger kämpfen, eine Indie-Kultur voranbringen und sich für einen Wandel zum Besseren einsetzen.

    Heute, 12 Jahre nachdem ich Chefredakteurin wurde, hat das Magazin ein Eigenleben entwickelt. Ich glaube, es wird ewig jung bleiben, auch wenn das Kernteam inzwischen zu Berufs-Redakteuren und Managern herangereift ist. Das Magazin hat eine neue Zielgruppe, eine neue Generation mit anderen Zielen und Interessen. Das sind manchmal Dinge, die ich schwer nachvollziehen kann.

    Aber wie wir damals, hat auch die nachgewachsene Generation keine Angst ihre Meinung zu äußern und sie selbst zu sein. Und wir teilen das brennende Verlangen die Dinge in unserem Land zu verändern. Vermutlich habe ich deshalb das Gefühl, dass ich mich nie ganz von dem Magazin losreißen können werde, obwohl ich inzwischen eine Menge anderer Projekte und Jobs habe.

    Gekommen, um zu bleiben

    Die Produktion eines unabhängigen Magazins in einem Land, das freien Medien gegenüber feindlich gesinnt ist, ist noch spannender und schwieriger geworden als ich es mir ersonnen hatte. Trotz all der Herausforderungen, mit denen uns das Regime konfrontiert hat (dazu zählt auch die unwillkommene Aufmerksamkeit des KGB): das Magazin herauszugeben war immer mehr Spannung als Gefahr, mehr Spaß als Angst. Es hat eine Menge Kreativität und Energie erfordert, dem Staat immer einen Schritt voraus zu sein und dabei nicht nur am Leben zu bleiben sondern sich auch weiterzuentwickeln.

    In meinem Land sind die neuen Medien ein mächtiges Mittel im Kampf gegen die Diktatur. Die neuen Medien ziehen die hellsten Köpfe an. Trotz staatlicher Unterdrückung ist das Internet in Weißrussland voller Ideen und Energie. Ich bin stolz darauf zu der Gruppe von kreativen und engagierten jungen Menschen zu gehören, die den neuen Medien helfen, den Informationskrieg im Internet zu gewinnen. Mit unserem Print-Pionier, der CD-Publikation und unserem Webmag sowie den sozialen Netzwerken helfen wir den bestehenden Raum für Informationsfreiheit in Weißrussland zu erhalten und weiter auszubauen.

    Für mich bleiben das Magazin und die Menschen dahinter eine ständige Quelle der Inspiration. Sie geben nicht auf, sie lassen sich nicht gleichschalten, und sie glauben daran, dass die Guten eines Tages gewinnen werden. Und wenn das passiert, brauchen wir unabhängige, provokative und ungewöhnliche Jugendmagazine umso mehr, damit die schönsten Träume und Visionen unser couragierten Generation wahr werden. Darum bleibt das Magazin auch weiterhin mein Beruf, meine Leidenschaft und mein Lebenswerk.


5 Kommentare zu Freies Medienmachen in der letzten Diktatur Europas

Kommentar hinterlassen