• Wassermusik vom anderen Stern

    Liquid Media. Liquid Democracy. Liquid Thinking. Das Adjektiv „liquid“ dient seit einigen Jahren dazu, Dinge oder Tätigkeiten als besonders zeitgenössisch, dynamisch und wandlungsfähig zu bezeichnen. Wie aber können wir diesem Modewort gerecht werden? Ein Blick auf zwei Highlights aus dem Programm des Festivals „Wassermusik 2010“.

    Medien, Demokratie, Denken sollen sich im Fluss befinden, „liquid“ sein. Sie sollen sich ohne allzugroße Latenzzeiten den sich wandelnden Flussläufen der Gegenwart anschmiegen und ihnen folgen können. Darüber hinaus sollen sie sich selbst begreifen als in stetem Fluss und unaufhörlicher Wandlung – und das als ihren Kern, ihre Bestimmung sehen.

    Doch „liquid“ ist oft kaum mehr als ein nobilitierender Zusatz, den eine bestimmte Epoche eben gerne nutzt – nicht anders als die Zusätze „modern“, „hyper“, „premium“ oder „exzellenz“ zu anderen Zeiten und in anderen Kontexten.

    „Liquid“ einen Sinn geben

    Was aber könnte der Zusatz „liquid“ bedeuten, wenn wir ihn ernsthaft verwenden? Dinge, die im Fluss sind, sie können nicht anders als sich zu wandeln mit den Gegebenheiten um sie herum. Sie reagieren nahezu unmittelbar, sie passen sich den Bedingungen an und nutzen die dynamischen Kräfte, die ihrer Umgebung entspringen: die eher selten einen Weg des geringsten Widerstandes vorgeben.

    Liquide Entitäten zeichnen sich durch eine besonders hohe Reaktanz und eine starke Situativität ihrer Gestalt aus. Sie sind nicht statisch, nicht verhärtet; dennoch haben sie eine deutliche Konsistenz (wenn auch eine flüssige) und eine umso stärkere Kohäsionskraft: Sie brechen nicht gleich auseinander, wenn etwas in ihrem Weg ist. Sondern sie bewegen sich drum herum und darüber hinweg. Sie schließen die Hindernisse ein und schleifen sie nicht selten mit der Zeit ab. Hindernisse werden vernichtet, indem sie angeeignet werden.

    Sind meine Bestimmungsversuche aber wirklich mehr als konzeptuell-terminologische Fantastereien, gar Idealisierungen des Wortes „liquid“? Im besten Falle wären sie so anregend wie Kodwo Eshuns Konzeption der Sonic Fiction. Wäre das Adjektiv „liquid“ somit eine wirksame „theory fiction“, welche Musik wäre dann in diesem Sinne „im Fluss befindlich“? Welche „sonic fiction“ enthielte der Begriff des Liquiden?

    Flüssiges Hören

    Das Wassermusik-Festival im Haus der Kulturen der Welt erkundet diese Frage in diesem Jahr zum dritten Mal. Aus den musikalischen Performances, haben wir für das Liquid Writing-Seminar zwei herausgesucht: Gypsy Queens & Kings feat. Mahala Raï Banda und retroVisor. Wie liquide ist ihre Musik?

    Die Gypsy Queens als ein Kollektiv bewegen sich von Hause aus tatsächlich in einem liquiden, wandernden Genre; einem Genre, das vielfältige Transformationen und Aneignungen, Umspülungen und Wandlungen zulassen muss, um zu bestehen. Der musikalische Fluss von zwanzig Künstlern aus dem tiefsten Westen und Osten Europas bringt im Laufe der Performance immer wieder hybride und illegitime Kinder hervor.

    Sie bewegen sich zwischen populären Genres wie Rock, Rumba, Balkan-Pop und Folk, zwischen Stimmen mit weiten Registern und ebenso virtuoser wie unverschämter Instrumentalbeherrschung und Instrumentalekstase. Ein Strom, der sich zwischen Konzert und Party bewegt und so auch kaum im engeren Sinne musikalisch zu rezensieren wäre. Die Zuhörerin und der Zuhörer sind Teil davon.

    Im genuin liquiden Genre der Remixmusik dagegen bewegen sich retroVisor aus Kolumbien. Die Visuals und Lichtgestaltung ihrer Performance greifen in die Musik über. So schlängelt sich die Musik zwischen Rock, Electronica, Ballroom-Standards, alten kolumbianischen Liedern und Cumbia entlang.

    O-Töne von Politikern und Interviews tauchen auf als Samples, Novelty Sounds, Flächen und sich wandelnde Beats ergeben den Amazonas, in dem wir hier eingeschifft werden. Es mag amorph wirken, ungestalt, was zu hören ist; doch ist es nicht genau diese wandelnde Gestalt der Klänge, die hier Musik ist?


9 Kommentare zu Wassermusik vom anderen Stern

  • Jerome Kaiser am 08.07.2010 11:45
    "Welche “sonic fiction” enthielte der Begriff des Liquiden?" - meinen Sie das grundsätzlich theoretisch oder ist das Schreiben über "liquide Musik" selbst flüssig? Dann wäre die Frage: Welche Worte benutzt man, welchen Satzbau, welche Wendungen. Ich finde das Nachdenken darüber jedenfalss sehr anregend. Danke für den Text!
  • Silvia am 08.07.2010 12:51
    Diese Musik muss ich hören!
  • Fabian W. am 08.07.2010 13:03
    "Liquid Swords", einem der besten Solo-Werke aus dem Wu--Kanon, sollte man auch nicht vergessen.
  • Rainald Krome am 08.07.2010 14:30
    Ein schönes Bild: Wasser(_Musik_) vom anderen Stern. Vielleicht auch ein unmögliches Bild?
  • "...Dinge, die im Fluss sind, sie können nicht anders als sich zu wandeln..." Diesen Liquidialismus lasse ich mir gern gefallen. Ungestaltes Hören könnte Zwischenhören oder Matrixhören werden. Hören, das ein Das selbst hört und nicht mehr ein Was...

    Danke für den spannenden Text...;-)
  • Horst A. Bruno alias Brunopolik am 08.07.2010 19:53
    "Wassermusik" auch so-genannte Wasserpoetry? Der fliessende Remix aus Politiker-Worten, Promi-Interviews und anderer Sprache in ihren unerforschten Liquiditäten? Ein Vermischen der Ausformungen von Kunst aller Arten. Ständiger Wandel des Sein, der Kunst und Kultur? "Liquid einen Sinn geben" - sehr spannend und interessant!
  • Dies ist liquid music im Wortsinne, das nicht Greifbare als Klang. Erschienen übrigens auf einem Label, welches "Subcurrent" heisst.

    http://soundcloud.com/temmanuel/eric-d-clark-g-movie
  • Rainald Krome am 12.07.2010 11:51
    Ich bin gerade auf die "Idee des Flusses ohne Wasser" gestoßen:

    ( http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11844296/61129/Landesumweltamt-praesentierte-Renaturierungsplan-fuer-Schnelle-Havel-Fluss-ohne.html )

    Und finde diese Idee im Zusammenhang mit diesem Gerede über Fluiditäten ganz spannend, weil hier das Bild eines Flusses, der nicht fließt, entsteht, also Wasser, das fluide ist und zugleich auch nicht.
  • Parceval am 17.07.2010 11:40
    die Musik ist das Wasser, sagt David Orlowsky. Genauer sagt er: "Musik zu machen sei wie Tee zu kochen. Man selbst ist der Tee, die Musik ist das Wasser. Wenn man den Tee zu kurz im Wasser lässt, schmeckt er nach nichts. Der Tee ist aber auch nicht bekömmlich, wenn man ihn zu lange ziehen lässt, wenn man also zu viel von sich selbst in die Musik einbringen möchte. Die Balance ist wichtig."

    http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/freizeittipps/2841293_Wie-der-Tee-im-Wasser.html

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