• WikiLeaks-Dilemma: Ist die Plattform radikal genug?

    Das aktuelle „Depeschen-Desaster“ (Spiegel Online) sorgt für viel Aufregung. Die wirklich wichtigen Fragen geraten dabei in Vergessenheit. Eine davon ist: Hat WikiLeaks die Welt wirklich so sehr verändert, wie angenommen wird? Oder ist das radikale Projekt möglicherweise nicht radikal genug? Der Literaturwissenschaftler und Berliner Gazette-Autor Florian Cramer hat zehn Thesen über die Wirkungslosigkeit von WikiLeaks aufgestellt.

    1. WikiLeaks funktioniert nicht mehr

    Je mehr massenmediale Aufmerksamkeit WikiLeaks auf sich gezogen hat, desto weniger funktioniert das Projekt tatsächlich noch als Organisation und Dienstleistung, die es erbringen soll.

    Zur Zeit verfügt WikiLeaks über keine funktionstüchtige Infrastruktur mehr, um geleckte Dokumente entgegennehmen zu können. Komischerweise scheint außerhalb der Gemeinde von Technikexperten noch niemand bemerkt zu haben, dass WikiLeaks nicht mehr läuft.

    2. Zur Aufrechthaltung seines Betriebs fehlt WikiLeaks ein interner Kompass

    WikiLeaks ist nicht bloß wegen des Drucks von Regierungen und Firmen dysfunktionell geworden, sondern vor allem wegen der Spaltungen innerhalb WikiLeaks, deren Hauptakteure sich nun gegenseitig juristisch bekämpfen. WikiLeaks wurde erst zur personality show und dann zu seinem eigenen ärgsten Feind. So hat es sich selbst wohl effektiver zerstört, als es eine Operation von außen jemals vermocht hätte.

    3. WikiLeaks bleibt in der westlichen Philosophie der Aufklärung gefangen

    In seiner politischen Philosophie folgt WikiLeaks ganz und gar der klassischen radikaldemokratischen Linie von Hackerorganisationen wie dem Chaos Computer Club und der früheren niederländischen Hack-Tic-Gruppe. Sie ist die letzte, dunkle Äußerung europäischer radikaler Aufklärungsphilosophie. Sie nimmt Kants kategorischen Imperativ, „nur nach derjenigen Maxime“ zu handeln, „durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, wörtlich, kehrt ihn dabei aber ins Negative um: in einen kategorischen Imperativ, der nicht mehr Handlungsmöglichkeiten, sondern falsche Handlungen aufzeigt.

    4. WikiLeaks bietet daher kaum neue Einsichten

    Mit der Veröffentlichung von diplomatischen, geschäftlichen und militärischen Geheimnissen versucht WikiLeaks die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass ihre Politiker nicht im Einklang mit ihren eigenen öffentlich verlautbarten Maximen handeln. Seit Machiavelli ist das nicht neu. Obwohl dies zwar für sich gesehen keine Nachricht mehr ist, entsteht dennoch stets ein Nachrichtenwert, wodurch WikiLeaks und machiavellistische Politik zu zwei Systemen werden, die sich gegenseitig bedingen.

    5. WikiLeaks unterscheidet sich nicht grundlegend vom traditionellen Enthüllungsjournalismus

    WikiLeaks, so lange es handlungsfähig ist, hat die gleiche Rolle und Funktion, wie sie der Enthüllungsjournalismus schon lange für sich in Anspruch nimmt. Den eigenen Namen verratend, entwickelt WikiLeaks seine gesamte Macht erst durch eben jene ‚alten Medien‘. Es ist ein Korrektiv für das System und wie jedes Korrektiv, sorgt es für temporäre Verschiebungen und Verunsicherungen. Auf lange Sicht wirkt es stabilisierend auf das existierende System.

    6. Die geleckten Depeschen geben den westlichen Demokratien recht

    Alle westlichen Bürger, die mit Realpolitik mehr anfangen können als mit kategorischen Imperativen, dürften sich über die geleckten amerikanischen Botschaftsdepeschen freuen. Ja, unsere Regierungen belügen uns. Ja, sie machen schmutzige geopolitische Geschäfte. Doch sie tun es für einen höheren Zweck, als Wirtschaftslobby ihrer Bevölkerungen, deren Lebensstandard sie sichern: mit Zugang zu Rohstoffen und Energie, vorteilhaften Export- und Importdeals, Gewähr von Arbeitsplätzen und militärischer Sicherheit. In diesem Sinne beweisen die Depeschen, dass die westlichen Länder über funktionierende Demokratien verfügen, deren Regierungen tun, wofür sie gewählt wurden.

    7. Literarische vs. politische Qualität der Depeschen

    Die Depeschen der US-Diplomaten fügen sich in ihrer Summe zu einem ausufernden, vielstimmigen William Gaddis-Roman, der die Politik des frühen 21. Jahrhunderts und den Niedergang der Vereinigten Staaten als globaler Supermacht erzählt. Die Depesche über die Klanhochzeit in Dagestan zum Beispiel verdient Aufnahme in alle Literaturlexika, als späteres Äquivalent des Trimalchio-Gelages in Petronius‘ Satyricon. Es ist ein Roman über den militärisch-industriell-diplomatisch-informationellen Komplex der westlichen Staaten, der sich seiner Gefährdung durch neue Konkurrenten und Global Player bewusst wird.

    Doch selbst wenn man Information als Waffe ansieht, kommen die Erschütterungen durch WikiLeaks nicht annähernd an die einer Informationsbombe wie Stuxnet heran, jenen Computervirus, der industrielle Steuerungsanlagen (inklusive iranischer Atomreaktoren) befallen und manipuliert hat. Doch im Gegensatz zu WikiLeaks ist Stuxnet zu abstrakt und kompliziert, um als Seifenoper oder Prominentenklatsch erzählt zu werden.

    8. WikiLeaks‘ wirklicher Effekt: eine kurze Verschiebung der Aufmerksamkeit

    Bevor WikiLeaks zu einer weiteren Sex-und-Crime-Prominenten-Boulevardgeschichte herunterkam, hatte es zumindest einen Verdienst: für wenigstens ein paar Wochen Geopolitik von den hinteren auf die vorderen Nachrichtenseiten zu verschieben. Davon abgesehen, stand in den Depeschen kaum etwas, das man nicht schon vorher in kritischen Nachrichtenmedien hätte lesen können.

    9. WikiLeaks fußt auf der gleichen libertär-liberalen Ideologie wie westliche Regierungen

    Im 20. Jahrhundert schrieb Karl Poppers Modell der offenen Gesellschaft die Aufklärungsphilosophie fort, impfte sie aber gegen Jakobinismus, kategorische Imperative und totalitäre Utopien in der Tradition von Platons Republik. Die Hackerkultur, deren Teil WikiLeaks ist, verdrehte die „offene Gesellschaft“ jedoch wieder in einen kategorischen Imperativ und eine neue platonische Republik. In dieser Hinsicht ähnelt sie merkwürdig der missionarischen Agenda des amerikanischen Neokonservatismus.

    George W. Bushs Berater begründeten den zweiten Krieg gegen den Irak mit ihrer Hoffnung auf einen Domino-Effekt der Demokratisierung im Nahen Osten. Diese Hoffnung scheint sich nun zu bewahrheiten. Der einzige Unterschied: nicht der militärische, sondern der informationelle Teil des Komplexes hat sich als entscheidend erwiesen.

    Die geleckten Depeschen über die Korruption der Ben Ali-Familie zum Beispiel trugen ein kleines Puzzle-Teil zur Berichterstattung der tunesischen Blogs vor dem Umsturz bei. Bemerkenswert hieran ist, wie umfassend den Informationen der US-Regierung vertraut wurde. Dass man weder in Tunesien und sonstwo in der Welt dem Wahrheitsgehalt der Depeschen und anderer geleckter Regierungsdokumente misstraute, verhalf eben jenen Institutionen zu einem moralischen Sieg, die WikiLeaks zu bekämpfen vorgibt.

    10. WikiLeaks leidet unter einem uneingestandenen Konflikt zwischen Transparenz und Kontrolle

    Ist WikiLeaks ein weiteres panoptisches Medium und Überwachungssystem, das die Privatsphäre untergräbt? Hacker-Aktivisten würden diese Frage sofort damit kontern, dass WikiLeaks nur den politisch-ökonomisch-militärischen Komplex abhört, keine Privatpersonen. Die Pointe der radikalen Aufklärungsphilosophie jedoch ist, dass sie diesen Unterschied aufhebt. Im Gegensatz zum Feudalismus und Absolutismus hat der Herrscher nicht mehr zwei Körper, einen öffentlichen und einen privaten, und darf nicht mehr mit zwei machiavellischen Zungen sprechen.

    Doch so wie in der libertären offenen Gesellschaft, für die Hacker-Communities streiten, musste auch im neoliberalen Kapitalismus der Unterschied des Öffentlichen und Privaten verschwinden (und tat dies auch). Beiden Parteien war das Internet Mittel zu diesem Zweck. Der skandalöse, jedoch kaum beachtete Missbrauch des angeblich anonymen Webanonymisierungsdiensts TOR durch WikiLeaks (wo man den Datenverkehr von TOR-‚exit node‘-Servern auf leckbare Dokumente hin ablauschte) zeigt, dass das Projekt Datenschutz nicht ernst nimmt. Die frühere anonyme Betreiberschaft von WikiLeaks war eine Heuchelei, der heutige Betriebszustand in Form von Bestseller-Buchverträgen nur die Kehrseite derselben Medaille.

    Anm.Red.: Weitere Beiträge zu diesem Themenfeld finden sich in unserem WikiLeaks-Dossier. Die Grafik oben ist aktuellen Visualisierungen der Depeschen entlehnt. Die zehn Thesen sind im März 2011 bei metamute.org erschienen und stehen den zehn Thesen von Ted Byfield gegenüber.


23 Kommentare zu WikiLeaks-Dilemma: Ist die Plattform radikal genug?

  • Hermann - J. Stumm am 05.09.2011 13:32
    Klare Thesen, nüchtern formuliert, da macht es Spass zu lesen.
    WikiLeaks traf auch nach meinem Verständnis, den Nerv des Publikums nur insofern, als das es Anlass für Häme schuf. Ätsch und Bätsch ihr (wer auch immer) seid erwischt. Bei WikiLeaks, gibt es eben auch heute noch nichts Neues.
    Das Banner moralisierender Protestierer paßt nicht zu WikiLeaks und der Effekt, den zu ihrer Zeit die aggressiven Aktionen einer APO hatten, um kurzfristig unsere Gesellschaft wachzurütteln, hat WikiLeak schon garnicht. Unterschwellig beginnt das Publikum sich der Tatsache bewußt zu werden, dass es überfüttert wird und bei der Vielfalt unkontrollierbarer Informationen regt WikiLeaks wohl nur noch die rückwärts ablaufende Perestaltik an. Wer will schon unsortierten und unverdauten Mist zum zweiten Mal zu sehen.
    Wie wir uns, wenn wir allein sind, eingestehen müssen, fahren wir doch kaum noch erschrocken hoch, wenn irgendwo Bomben hochgehen. Es sei denn...ganz nah bei uns und WikiLeaks hat garnichts davon
  • Leander Kathmann am 05.09.2011 15:24
    kann mich meinem Vorredner nur anschließen: Sehr knackig die thesen und gut verständlich. vielen dank!
  • zu these 6: mag ja sein, dass dirty business für unseren wohlstand in kauf genommen wird, aber was ist schon unser wohlstand? die kluft zwischen arm und reich wird immer größer, der mittelstand löst sich auf, wie lange wird es dauern, bis es in deutschland richtig knallt?
  • selbst wenn wirkungslos, sollte man wikileaks schützen, ein paar argumente dafür hier:

    WikiLeaks' obvious truth. People must seek to protect not only WikiLeaks, but also the mechanism by which the information enters into our purview.

    http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/09/201194111425467738.html
  • Hermann -J. Stumm am 06.09.2011 10:55
    @zk ...bis es in Deutschland richtig knallt...
    Wie heißt es so schön: "Bevor die Deutschen einen Bahnhof erstürmen kaufen sie eine Bahnsteigkarte. (Bahnsteigkarten sind ein Relikt der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Man mußte eine solche ziehen, bevor man die sogenannte Sperre passierte und den den Bahnsteig betreten durfte)
    Bevor in Deutschland "etwas passiert" braucht man sehr viel Zeit und zumeist scheitert es an unserer Mentalität alles korrekt durchzuziehen zu wollen und dem lantent vorhandenem Kadavergehorsam und der damit verbundenen Feigheit. In Deutschland knallt es nie wirklich. Wir sind zusehr die erstarrten Karnickel vor der Schlange. Ausnahmen bestätigen die Regel.
    Wir sollten uns vor der Rattenfängern hüten, die es zu jeder Zeit schaffen die Massen zu begeistern und für ihre Zwecke zu missbrauchen.
    "zu these 6: mag ja sein, dass dirty business für unseren wohlstand in kauf genommen wird, "
    Ich mache mir da nichts vor, proportional zu unserem wachsenden Wohlstand bestehlen wir diejenigen, auf deren Knochen wir unseren Wohlstand gründen und sei es auch nur beim Kauf eines billigen T-Shirts. Es tragen und als Kleiderspende auf auf einer Müllhalde in Asien wieder auftauchen lassen, wo Kinder danach buddeln, weil sie bei der Herstellung ein und desselben T-Shirts nicht genug verdienen konnten, um satt zu werden. Ich sage nur ein Stichwort, Schnäppchen.
  • Felix Stalder am 06.09.2011 11:44
    Klar, WL ist gerade daran, sich zu zerstören und zerstört zu werden. Je grösser der Druck wird, desto mehr häufen sich die Fehler, wie nun etwa dem “Depeschen-Desaster”. Dass JA keine wohl-balancierte Persönlichkeit ist, ist auch klar. In diesem Sinne ist es verwunderlich, dass WL überhaupt so weit gekommen ist, und nach wie vor existiert.

    Daraus aber gleich zu schliessen, dass eh nichts passiert sei ausser eine kurze Verschiebung der Aufmerksamkeit, scheint doch etwas kurz. Im letzten wurde nahmen 33,480 Medienberichte auf den Inhalt der von WL veröffentlichten Dokumente bezug. Gar nicht so wenig, und besonders ausserhalb der Westlichen Massenmedien wird WL weiter stark rezipiert und analysiert. Und auch bei uns, in etwas spezialisierten Foren ( http://www.huffingtonpost.com/james-love/wikileaks-cables-pharmaceutical-drugs_b_947806.html ), wird WL nach wie vor als Quelle sehr geschätzt.

    Da wird etwas arg schnell wieder zur (postmodernen) Tagesordnung ("alles nur alte Aufklärungsideologie") übergegangen.
  • Florian Cramer am 06.09.2011 15:15
    Hallo Felix,

    Der Punkt für mich ist nicht Rückkehr zur postmodernen Tagesordnung - im Gegenteil: Lyotards Ansicht, dass es keine "grossen Erzählungen" mehr gäbe, ist durch den Finanzkapitalismus und Marktglauben historisch widerlegt. Das Problem von WikiLeaks ist nicht Aufklärungsphilosophie als solche, sondern dass es keine konstruktive oder interessante neue Aufklärungsphilosophie zugrundeliegt, sondern nur eine relativ simple Ethik, die das dreckige Tagesgeschäft der Politik an den hehren Grundsätze der Demokratie misst. Wenn es - mit einem besser organisierten Projekt - funktionieren würde, wäre das zweifellos ein wichtiger Beitrag, aber eben nicht mehr, dann klassischer Aufdeckungsjournalismus. Die Frage, die MUTE mich und Ted Byfield ursprünglich stellte, ob nämlich WikiLeaks den militärisch-diplomatisch-informationellen Komplex grundlegend verändert, habe ich deshalb mit "Nein" beantwortet.

    Gruss,
    Florian
  • beeper am 06.09.2011 18:21
    Wikileaks-Gründer Julian Assange hat in einem Interview seine Organisation verteidigt. Für ein Datenleck, das vergangene Woche publik wurde und das zur Veröffentlichung von Klarnamen von Informanten führte, sei die britische Zeitung Guardian verantwortlich. Die Gefahr, dass aufgrund des Datenlecks Personen gefährdet seien, schätze er als gering ein. Ausgeschlossen sei eine Gefährdung aber nicht. Assange lehnt aber jegliche Verantwortung ab. Die deutsche Presse sei "nicht kritisch genug".

    http://meedia.de/internet/assange-deutsche-presse-nicht-kritisch-genug/2011/09/06.html
  • Leonie am 06.09.2011 22:17
    Interessante Thesen, doch ich frage mich, welche "Konsequenzen" für uns als Bürger daraus gezogen werden müssen...
    Was haben wir von WL, wenn wir über den Aufschrei nicht hinweg kommen?
  • #6: klassischer Aufdeckungsjournalismus?

    Durch das Internet hat soch einiges verändert. Auch Aufdeckungsjournalismus. Nicht, weil sich kaum jemand mehr diesen leisten kann bzw. will. Auch und vor allem, weil "aufdecken" jetzt etwas anderes ist, weil zu Tage fördern, aus der Dunkelheit ins Licht befördern einer anderen Logik folgt: alles liegt im Licht, die ganzen Daten, das ganze Wissen, das ganze dirty business (es gibt kein Dunkel im klassischen Sinne, das aufgeklärt werden muss).

    Hingegen gilt es jetzt auf der Basis des offenliegenden Materials neue Zusammenhänge herzustellen:

    - u.a. zu einer sozialen und politischen Bewegung, die ihre Motivation/Triebkraft bezieht aus dem Ekel, den die Bestätigung der offenkundigen/sichtbaren Wahrheit qua WL hervorruft.

    Teile meiner Einschätzung finden sich auch bei Slaovoi Zizeks erster Reaktion auf Cablegate:

    http://www.lrb.co.uk/v33/n02/slavoj-zizek/good-manners-in-the-age-of-wikileaks
  • eine Überdosis Material und Detailwissen - can the public cope? Informationsüberflutung? Filter failure? Sonst noch Probleme? Ah, mit der Demokratie ist etwas nicht in Ordnung, na ja...

    In an interview for the New Scientist ( http://www.newscientist.com/article/dn20869-assange-why-wikileaks-was-right-to-release-raw-cables.html ), Julian elaborated on WikiLeaks’ motives to publish the unredacted cables:

    "The reason being that a race commenced between the governments who need to be reformed and the people who can reform them using the material," says Assange.

    "Additionally, for harm minimisation, there are people who need to know that they are mentioned in the material before intelligence agencies know they are mentioned – or at least as soon after as possible.

    "By the time we published the cables, the material was already on dozens of websites, including Cryptome, and were being tweeted everywhere. And even a searchable public interface had been put up on one of them."

    Another motive for publishing the tranche, Assange claims, was the provision of a reliable source for the leaks. In the field of leak publishing, he says. WikiLeaks has become a trusted brand. Although versions of the cable tranche were appearing online, "there was not an authorised version of the cables that the public could rely on".

    "By 'authorised' I mean a version that is known to be true – it doesn't have another agenda. The unauthorised versions that were being tweeted everywhere – although as far as we can determine they were accurate, the public and journalists couldn't know they were accurate."
  • Florian Cramer am 07.09.2011 11:37
    Zu Kristian: Ich glaube nicht, dass nach dem Wikileaks-Desaster noch einmal jemand das Risiko eingehen wird, vertrauliche Daten an eine Internet-Plattform zu leaken. Es wird sehr lange dauern, bis eine vergleichbare Plattform das dafür nötige Vertrauen aufgebaut haben wird, und sie wird Akteure nötig haben, die nichts mit Assange, Domscheit-Berg und wahrscheinlich auch nichts mit den derzeitigen Hackerorganisationen zu tun hat, sondern politisch reflektierter agiert. Ich halte die Chance, die WikiLeaks ursprünglich einmal bot, daher für verspielt.
  • Tobias Fröhlich via Facebook am 07.09.2011 11:39
    WikiLeaks hat seinen Auftritt gehabt. Das wars!
  • Helga Sonnenberg am 07.09.2011 11:44
    @ #7 Florian Cramer: Hallo Florian Cramer - ich bin keine Philosophin, würde aber trotzdem gern verstehen, was Sie genau meinen, wenn Sie sagen "Lyotards Ansicht, dass es keine "grossen Erzählungen" mehr gäbe, ist durch den Finanzkapitalismus und Marktglauben historisch widerlegt." - ich habe zu Lyotard auf Wikipedia nachgelesen und versucht mir einen Reim auf den Gedankenbogen Aufklärung-Postmoderne-WikiLeaks zu machen, leider hats nicht geklappt! Könnten Sie vielleicht mit einfacheren Worten erklären, was gemeint ist. Ich bin zwar Hausfrau, will aber nicht verblöden! Danke!
  • Florian Cramer am 07.09.2011 12:48
    @#14 Helga Sonnenberg: Der französische Philosoph Jean-François Lyotard publizierte 1979 mit seinem Buch "La condition postmoderne" (deutsch: "Das postmoderne Wissen", Edition Passagen, 1986) die wohl einflussreichste, mehr oder minder kanonische Theorie und Definition der Postmoderne. Er stellt darin einen "Zerfall der großen Erzählungen" (S. 54) fest, wozu Fortschrittsglauben und Ideologien gehören. Auch die Aufklärung wäre einer dieser großen Erzählungen. Nur scheint es, als ob man bei dieser Diagnose "die Märkte" als zentrale große Erzählung unserer Zeit übersehen hätte, die keineswegs zerfällt, sondern - wie gerade zu beobachten - in der Krise sogar noch stärker wird.
  • Felix Stalder am 07.09.2011 13:35
    Zu Florian: Die Frage nach den Veränderungen im militärisch-diplomatischen Komplex lassen sich nur sehr schwer beantworten. Keine Ahnung ob die "secrecy tax", die zusätzlichen Kosten durch verstärkte Geheimhaltungsmassnahmen, wirklich existiert und relevant ist. Den informationellen Komplex, wenn wir darunter die Massen- und "neuen" Medien verstehen, haben sie wohl verändert. Nicht nur hat WL die "Qualitäts"medien wieder zu ihr Qualitätspotential erinnert, sondern mit der Veröffentlichung des Quellenmaterials durchaus auch neue Wege eröffnet, die auch weniger etablierte Player, wie NGO, neue Möglichkeiten geben.
  • Hi Florian,

    Auf welche texte ist der aussage "der klassischen radikaldemokratischen Linie von Hackerorganisationen wie dem Chaos Computer Club und der früheren niederländischen Hack-Tic-Gruppe" was Hack-Tic angeht basiert? Aus meiner Sicht war Hack-Tic ein recht humorvolles und fast etwas unschuldiges Zeitschrift, aber wenn du das besser recherchiert hast hoere ich das gerne.
  • apropos "dass WikiLeaks nicht mehr läuft." ist so eine Sache. Viel besser stand es um die Technik früher auch nicht, nur dass die Öffentlichkeit dem Glauben aufsass, dass da ein gigantisches Netzwerk operiert, unkaputtbar, undurchdringbar, dann waren es doch nur ein paar alterschwache Server. Das Image ist weg. Die alte Technik nicht jünger geworden. Das zeigt doch aber nicht nur, dass Pokern und Bluffen wichtig war für das Funktionieren, sondern dass ein geringes Standard ausreichend war, um die Chose aufrecht zu erhalten und dass Improvisieren damals wie heute das Gebot der Stunde, entscheidend ist nicht wie toptech die Plattform und das Submission-System ist, sondern wie sehr die Welt WL vertraut und ich glaube, dass es noch immer SEHR viele Menschen und potenzielle Whistleblower gibt, die an WL und deren Mission glauben, einfach, weil sie so sehr an die Idee von einer Organisation glauben, die gegen das BÖSE in der Welt vorgeht und dabei Hals unr Kragen riskiert.-
  • Florian Cramer am 07.09.2011 18:16
    Rop, Hack-Tic bezeichnete sich doch selbst im Untertitel als "Zeitschrift für Techno-Anarchisten", natürlich humorvoll, aber eben auch im radikaldemokratischen Sinn. Aber ich ziehe die Aussage gerne zurück, wenn Du (als damaliger Herausgeber) sie falsch findest.
  • Florian Cramer am 07.09.2011 18:18
    @ #r2d2: Vielleicht sehe ich das zu eng, aber genau diese Tatsache, dass da ein Bluff generiert wurde und - wie bei beinahe jedem netzaktivistischen Projekt - nur ein paar alte Server liefen, war doch angesichts der Brisanz des Materials und des Vertrauens, das andere Leute in WikiLeaks investiert (und sich damit selbst in Gefahr gebracht haben!) - unverantwortlich.
  • Charly am 07.09.2011 19:23
    http://sowhyiswikileaksagoodthingagain.com/
  • Christiane Schulzki-Haddouti via Google+ am 07.09.2011 21:42
    Richtig gut - John Young im Sicherheit im Netz:

    "The petit furor with Wikileaks, OpenLeaks, Anonymous
    and newsy ilk portends a grand furor building toward disclosing something wonderful, I hope, about the cost of excessive secrecy and security obscurity,
    no matter who lurks beneath the cloak. Wikileaks and emulators are the least problematic compared to the Titanic-grade protectors of the commonweal who are being outmatched by icebergs much more threatening than security-truth-disclosure sites.

    http://www.twitlonger.com/show/cuj9c5
  • [...] Demontage des WikiLeaks-Gründers und nicht einmal Schuld an der überstürzten Freigabe aller US-Depeschen. Das Passwort der verschlüsselt zirkulierenden Depeschen hatte zuerst das Guardian-Buch [...]

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