• Versuch einer Illusionskritik

    Was macht eine Illusion aus? Die Serie Fantasy Island zeigt es: Sie realisiert einen Traum. Kostet Geld. Funktioniert auf Zeit. Die Serie zeigt aber auch: Die Fantasieinsel – das bin ich, der die Spielregeln der Illusion akzeptiert. Wenn der Urlaub vorbei ist, zuecke ich die EC-Karte, um den naechsten Trip zu bezahlen.

    Auch Waschmittel, Cocktails und Laptops machen Traeume wahr. Machen, dass die Illusion von Glueck, Selbsterfuellung und Zufriedenheit nicht abreisst. Allein die Kuenste beanspruchen eine Sonderstellung. Das Theater etwa: Eine Illusion, die die Illusion reflektiert, in Frage stellt, offen legt. Auf der Fantasieinsel, die ich bin, wird via Theater der reibungslose Projektionsvorgang unterbrochen, zugunsten von Fragen, Zweifeln, Distanznahme.

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    Die zunehmende Macht der Medien, der ausufernde Einzugsbereich des Marktes, das Verschwinden des Aussens, die Totalisierung der Illusion. Fantasy Island nimmt all das in den spaeten 1970er Jahren vorweg. Antizipiert aber auch das Entstehen einer Insel, die ich bin. Die ich bereise. Die aber auch bereist wird von anderen. Auf der Selbst- und Fremdbilder ununterscheidbar werden. Auch Japans Ausnahmekuenstler Ryuichi Sakamoto parallelisiert die Veraenderung des Planeten im Zuge der Globalisierung mit der Transformation des Ich. Auf seinem Album Summer Nerves (1979) verabschiedet sich das lyrische Ich von der Erde und bricht auf – in ein neues System. Zielort: Eine Kolonie in der Fremde und Ferne. Ich. Gonna Go To I Colony.

    Ich bin eine ferne Insel, eine Kolonie im Weltall, ein Ankerpunkt im Cyberspace des Imaginaeren. Was ich bin, ist die radikale Konsequenz daraus, was als Um-Welt beschrieben werden kann. Ich realisiere Traeume, koste Geld, funktioniere auf Zeit. Ich bin eine Illusion. Und bin in dieser Eigenschaft real. Denn: Realitaet ist nicht aus der Welt geschaffen worden. Realitaet hoert auf einen neuen Namen, konstituiert sich via neuer Regeln, hat eine neue Struktur: Illusion. Sehnen wir uns nach einer alten Ordnung, wenn wir Illusionskritik betreiben? Vielleicht. Aber mit Blick auf die Zukunft: Mag das Illusionsregime an seiner Unhinterfragbarkeit arbeiten, mag es noch so wirkungsvoll Einlullen – es gilt, Enttaeuschungen produktiv zu machen.


7 Kommentare zu Versuch einer Illusionskritik

  • samson am 06.05.2008 07:45
    "Ich realisiere Traeume, koste Geld, funktioniere auf Zeit. Ich bin eine Illusion."

    so definiert sich eine prostituierte, oder?
  • krystian am 06.05.2008 09:06
    das ist eine interessante beobachtung. vielleicht ist die prostituierte als hyperbolische figur des realitätsmodells "illusion" zu verstehen; eine übertreibung, die wie jede übertreibung etwas, das sonst nicht so sichtbar gewesen wäre, zum ausdruck bringt.

    übrigens habe ich mal für telepolis einen text geschrieben mit dem titel "Das Paradies ist eine Prostituierte":
    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20767/1.html
  • prof. knirps am 06.05.2008 10:55
    Die Kolonie in der Fremde ist das Ich eines Zeitalters der Selbstausbeutung. Selbstausbeutung als Verlängerung des Kolonialismus, der nicht nur in den Outer Space verlagert wird (Raumfahrt, etc.), sondern eben auch den Inner Space!
  • Stefan am 06.05.2008 11:52
    Die Metapher der Insel für das "Ich" erscheint mir durchaus passend für die Übertreibungen des Individualismus. Abgesehen davon finde ich den Text ein wenig zu dicht und zu vorrausetzungsvoll.
  • samson am 06.05.2008 11:56
    @ alle & prof. knirps: aehm, sorry, aber seit wann dürfen denn habilitierte regenschirme mitdiskutieren?!
  • prof.knirps am 06.05.2008 12:13
    @samson: Haha

    Gegenfrage: Seit wann dürfen denn Kreaturen aus der Sesamstraße im Forum des digitalen Mini-Feuilletons mitrefen?
  • also ich muss stefan recht geben, es gibt viel vorraussetzungen, wenn man diese text liest. ich hab das gefuehl, ihr seid auf eine ganz andere level als ich. worum geht's eigentlich?

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