• Vargas Llosa: Stiefmütter und andere Sexobjekte

    Mario Vargas Llosa, in Peru geboren und in diesem Jahr für seine Romane zum Nobelpreisträger gekürt, hat einen Faible für Erotik. Neben „Das Paradies ist anderswo“ und „Das böse Mädchen“, stellt sein 1993 erschienener Roman „Lob der Stiefmutter“ einen Höhepunkt in seinem dem Erotischen verpflichteten Schaffen dar.

    Der Titel verrät schon einiges: Ein Kind, das sich danach sehnt, von der Stiefmutter gelobt zu werden. Mit allen Mitteln versucht der achtjährige Alfonsito seiner neuen Mutter Doña Lukrezia zu gefallen und ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Zunächst mit einem harmlosen Brief, dann sogar ein inszenierter Selbstmordversuch. Bald findet sich Lukrezia in einem Sog von Geben und Nehmen wieder, dem sie nicht entkommen kann.

    Als wäre die Intensität der Stiefmutter-Kind-Beziehung nicht schon genug, kommt auch noch Don Rigoberto, der Vater des Kindes und Ehemann von Lukrezia ins Spiel. Verfeinert mit Einschüben kleiner Geschichten über erotische Kunstwerke, die auch im Roman abgebildet sind, bringt Vargas Llosa den LeserInnen die zwischen dem Liebespaar aufflammenden Fantasien nahe. Dabei erforscht Don Rigoberto nicht nur seinen eigenen Körper bis in den letzten Winkel, sondern auch den seiner Frau. Doch bald ist es mit dem ehelichen Frieden vorbei. Alfonsito kommt seinem eigenen Vater in die Quere.

    Inzest als erregendes Moment

    Was anfangs noch wie ein kindliches Spiel wirkt, wird schnell zu einem gefährlichen erotischen Abenteuer. Die Handlungen des kleinen Jungen werden von Mal zu Mal inzestuöser. Der Leser stößt hier schnell an seine moralische Grenzen, bis diese schließlich von Vargas Llosa überschritten werden, denn Alfonsito gelingt es, seine Stiefmutter zu verführen.

    Lukrezia schafft es nicht, sich ihrem Stiefsohn zu entziehen. Sie ist der engelsgleichen und immer noch unschuldigen Art des Achtjährigen hilflos ausgeliefert. Als der Junge jedoch seine Erlebnisse in einem Schulaufsatz schildert und seinem Vater tabuisierte Fragen stellt, erkennt auch dieser, was in seinem eigenen Haus geschieht. Lukrezia muss gehen. Alfonsitos Vorhaben, das zunächst nichts Böses erahnen ließ, stellt sich (jedoch nur für den Leser) als durchdachter Plan heraus, um seine Stiefmutter aus dem Haus zu verbannen.

    Desorientierung als neue Romanform

    Bereits 1971 begann Vargas Llosa eine neue Romanform zu bilden. Sein Ziel war es, beim Leser eine Desorientierung hervorzurufen, die sich auch in den Charakteren der Romanfiguren widerspiegelte. Dabei verwendete er bewusst Handlungslücken, das Einfügen von Fragmenten anderer Erzählungen, die Verschränkung von Rahmenerzählungen und Erzählperspektiven sowie mythische Elemente.

    Wenn er auch danach wieder von diesen Techniken abkam, scheint er diesen Stil nie ganz verloren zu haben. Lob der Stiefmutter weißt genau diese Kennzeichen der Desorientierungstechniken auf. Besonders durch das Tabuthema des Inzests und die Fragmente von anderen Handlungssträngen verwirrt Vargas Llosa seine Leser und lässt sie bis zum Ende des Romans im Unklaren über Wahrheit und Fantasie.

    Nichts für Tabu-Mimosen

    Ein Kind, das eine Vierziegjährige verführt – dieser Tabubruch wirkt zunächst fast ekelerregend. Teilweise kann es erholsam sein, den Lesefluss einen Moment zu unterbrechen. Erst mit der Zeit wird deutlich, dass das, was hier als böser Scherz erscheint, ein literarisches Meisterwerk ist. Gerade weil Vargas Llosa es schafft, den Leser mit seinen erotischen Fingerübungen zu verwirren, wird deutlich, was er bei dieser Lektüre erschaffen hat. Nicht zu empfehlen ist der Roman jedoch für Tabu-Mimosen.


8 Kommentare zu Vargas Llosa: Stiefmütter und andere Sexobjekte

  • Silvia am 13.11.2010 14:35
    Danke für diesen Beitrag.

    Eine Sache versteh ich jedoch nicht.

    Warum ist das Inzest in diesem Fall?

    Ich dachte von Inzest spricht nur bei Sexualverkehr unter blutsverwandten Menschen, dabei ist das hier die Stiefmutter, nicht die Mutter des Kindes!
  • Rainald Krome am 13.11.2010 17:12
    Ich bin kein Inzest-Experte, aber bei Wikipedia lese ich folgendes:

    "Inzest (auch Blutschande, von lat.: incestum „Unzucht“) ist ein Begriff kultureller, moralischer und juristischer Art, der Geschlechtsverkehr zwischen verwandten Personen beschreibt."

    http://de.wikipedia.org/wiki/Inzest
  • ich verstehe nicht, warum man in der Berliner Gazette einen Text zu lesen bekommt, der so geschrieben ist, wie eine Inhaltsangabe für ein Lexikon oder einen Ratgeber für Jugendliteratur.

    Hat die Autorin dieses Texts nichts erlebt, als sie den betreffenden Roman las? Hat sie nichts "mitgenommen"? Einen Roman zu lesen ist doch eine Art Reise und darüber zu schreiben hat doch eben einiges mit einer Reisereportage oder einem Reisebericht zu tun.

    Da spielen Sinnlichkeit und Abenteuer eine Rolle, ich meine nicht nur inhaltlich, sondern auf der formalen Ebene: Erzähl/Textstruktur und Sprache.

    Mich interessiert da viel mehr die Subjektivität der Autorin als vermeintlich objektive Ansichten, denn die bringen, das, was ich nicht gelesen oder gesehen habe, zum Leben!
  • solfrank am 13.11.2010 19:35
    das Kino der letzten 50 Jahre ist voll mit solchen Geschichten, und ich meine, dass sich damit auch der Geschmack verändert hat, deshalb muss ich mich schon sehr wundern, dass die Avancen des Kleinen von der Autorin als so ekelerregend beschrieben --- oder ist es der Autor des Romans, der den Ekel mit seiner Schreibe aufkommen lässt?
  • Ich glaub das Buch stellt eine interessante Abwechslung im literarischen Alltag dar.So entnehme ich das jedenfalls den Worten der Autorin, und so oft ist es mir auch noch nicht passiert, dass ein 8-Jähriger als Liebhaber einer Vierziegjährigen auftritt. Auch bei der zwölfjährigen Lolita war das dann doch nicht der Fall.

    Des Autors Desorientierungsstil scheint wohl hervorragend zu funktionieren, wenn am Ende des Romans aus Sein Schein wird.

    Im Übrigen ist die Kritik von einigen doch überzogen: ob nun Inzest zwischen Blutsverwandten in dem Text der Autorin gemeint ist oder eher im übertragenen Sinne, wie sich das ja durchaus beim Lesen ergibt ist doch keine Frage der Kritik sondern des Verstehens.
    Auch glaub ich kaum, dass diese hier geschriebene Literaturkritk als subjektiver Diskussionsansatz im Sinne des dritten Kommentators gemeint ist.
    Wenn die Subjektivität der Autorin fehlt, dann scheint das ja auch einen Grund zu haben, warum diese da nicht auftaucht.

    Mit freundlichen Grüßen,
    RN
  • @ RN: "Wenn die Subjektivität der Autorin fehlt, dann scheint das ja auch einen Grund zu haben,..." nur diesen Grund würde ich gerne wissen und er sollte wirklich Gewicht haben, mehr Gewicht wenigstens als es der Anspruch der Leserschaft impliziert, die nicht Lexikoneinträge, sondern Reiseberichte lesen möchte.
  • Wir hatten seit Freitag bis Samstag abend Probleme im Kommentarbereich, wir vermuten, da der Spamfilter überlastet war, landeten alle Kommentare, die in dieser Zeit gemacht wurden, im Spam, wir mussten sie per Hand rekonstruieren. Sollte jemand seinen oder ihren Kommentar nicht wiederfinden, freut sich die Redaktion über einen Hinweis.
  • Ida B. am 14.11.2010 12:46
    Gibt es denn ein Patentrezept, wie man eine Literaturkritik zu schreiben hat? Mag sein, dass der "Reisebericht" in dieser Hinsicht fehlt, allerdings war das nicht unebedingt mein Ziel... Aber die bezeichnung als lexikoneintrag kann ich ehrlicherweise nicht nachvollziehen.
    Und wer sich nicht ekelt bei der vorstellung, dass ein 8jähriger eine 40jährige verführt, der scheint mir dann doch etwas abgebrüht, muss ich sagen ^^

Kommentar hinterlassen