• Sinnlich, radikal, unbekannt

    Valeska Gert ist eine der einflussreichsten Künstlerinnen der Moderne – und niemand weiß es. Dabei ist ihre Arbeit PAUSE ein Schlüsselwerk der performativen Künste. Zeit, das Phantom ins Visier zu nehmen.

    Es lässt sich viel über Hierarchien und strukturelle Gewalt im Kunstbetrieb diskutieren. So lange sich aber der Betrieb für aufgeklärter und fortschrittlicher hält, als der Rest der Welt, ist kaum zu erwarten, dass Änderungen seiner Selbstwahrnehmung stattfinden werden.

    Jede/r kennt John Cages Schlüsselwerk 4’33, jede/r kennt das schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch. Aber warum kennt eigentlich so gut wie niemand den Tanz/Performance/Aktion PAUSE von Valeska GertÄsthetik der Präsenzen

    Während in jener Zeit die Futuristen, eine ausschließlich aus Männern bestehende Künstlervereinigung, die Beschleunigung durch neue technische Entwicklungen und den Krieg begeistert feiert, setzt Valeska Gert mit PAUSE einen Kontrapunkt.

    Sie analysiert die Grenzen des Fortschritts. Daraus gewinnt sie Ästhetik. In den durch Filmrollenwechsel bedingten Pausen im Kino der 1920er tanzt sie PAUSE, einen Nicht-Tanz: Bewegungslosigkeit – bis jeder im Publikum eine Pause spürt. Es gibt nur ein einziges Foto dieser Performance.

    Dieses Foto steht an zentraler Stelle meines neuen Buchs Valeska Gert: Ästhetik der Präsenzen. In seiner sinnlich-radikalen Ästhetik ist die PAUSE von Valeska Gert ein Schlüsselwerk für alle performativen Künste. Wie das Schwarze Quadrat für die Malerei und die „Stille“ von John Cages 4’33 für die Musik.

    Apropos: Gibt es in Leipzig eigentlich keine talentierte KünstlerInnen? Die Leipziger Schule umfasst zwölf Männer, soweit ich überblicke. Zufall?


7 Kommentare zu Sinnlich, radikal, unbekannt

  • Horst A. Bruno alias Brunopolik am 11.07.2010 14:22
    Oh, was es noch alles zu wissen und zu entdecken gibt. Valeska Gert interessiert mich. Danke für diese qualifizierte Information. Die Frage Warum ist berechtigt!
  • Helene Friede-Drese am 12.07.2010 09:55
    John Cage und Kasimir Malevitsch (gibt unterschiedliche Schreibweisen)kennen wohl einige, jedoch sind sie nicht allen bekannt. Daher mag es nicht verwundern, wenn der Bekanntheitsgrad von Valeska Gert, ein anscheinend geringer(er) ist. Es soll Wohngegenden geben - Neubausiedlungen wie Wohnblöcke et cetera ... -, wo Nachbarn einander fremd bleiben; Tür an Tür.

    Warum das so ist, wie es ist, ist immer berechtigt.

    Wo sind die Frauen geblieben (Leipziger Schule, Hochschulen/Universitäten, Politik und Wirtschaft)?
    Ahnen wir oder wissen wir, weshalb und warum sich Frauen - stillschweigend, zustimmend, geräuschlos, widerstandslos -, aus der Öffentlichkeit, aus den Ämtern zurückziehen oder sie erst gar nicht einnehmen wollen? Das zu hinterfragen, lohnt. Womögliche Einsichten, in ein System, das davon profitiert, dass ein bestimmter Teil - die Hälfte - einer Gesellschaft hinter dem Vorhang existiert, braucht Präsenz im Bewußtsein aller.

    Valeska Gert stand vor dem Vorhang. Warum ihr eine weit geringere Anerkennung und Würdigung ihres künstlerischen Schaffens zuteil wurde, werden wir das im Buch erfahren? Schauen wir uns (doch) zuerst ihr künstlerisches Schaffen an. Für meinen Teil, ich bin neugierig geworden...
  • Jerome Kaiser am 12.07.2010 12:27
    @Helene: Volle Zustimmung. Leider war mir Valeska Gert bisher noch nicht begegnet. Durch den Text bin ich auf sie aufmerksam geworden.
  • Winkler am 18.07.2010 22:16
    Wunderbar, das ist absolut anregend, ich liebe diese Idee der PAUSE und die Fragen, die der Artikel aufwirft sind absolut wichtig und richtig, danke!
  • [...] das tatsächlich wahr wäre, dann müsste beispielsweise Valeska Gert (1892 – 1978) längst weltberühmt sein. Ist sie aber nicht. Ich denke, es gibt Wahrheiten und [...]
  • [...] Künstlerin Valeska Gert schildert in einem Dokumentarfilm von Volker Schlöndorff aus dem Jahr 1977 solch einen [...]
  • [...] dazu in der Berliner Gazette. Kategorie: Museum für moderne Kunst Kommentare (RSS) [...]

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